Künstler im Nebel (I)

Künstler im Nebel (I)

Ein Brief über Schreiben und Beschriebenwerden
Fredie F. Beckmans

Künstlerbriefe, wenn sie nicht an Dienstherren, Auftraggeber, Mäzene und andere potentielle Geldgeber gerichtet sind, sondern an Freunde, mischen in die Beschreibung der eigenen Arbeit und die Betrachtung der Kunst anderer ungeniert Anekdoten, Privates, selbstironische Erlebnisberichte, Obsessionen, Reflektionen und Erkenntnisse. Der holländische Künstler und Autor Fredie Beckmans, der für Hollands „Hollands Maandblad" und andere Zeitschriften und Tageszeitungen tätig ist, hat an Faust-Kultur als „Künstler im Nebel“ einen Brief geschrieben, den wir in zwei Teilen veröffentlichen.

Viermal habe ich angefangen, eine Geschichte zu schreiben über Rousseaus große Liebe, sich auspeitschen zu lassen von junge Frauen auf seinen entblößten Hintern, und über die Zeit, die er mit seinem Schoßhund Sultan über die St. Petersinsel auf dem Bielersee herumirrte und die Pflanzen studierte. Viermal habe ich die Geschichte nicht fertiggeschrieben. Was wollte ich in Gottesnamen über Rousseau und mich selber erzählen? Es blieb immer irgendwo stecken. Ich gebe zu: In der Zwischenzeit habe ich viel für andere Magazine geschrieben. Wegen einer Spezial-Edition für das Belgische Literaturmagazin DWB über meinen Worstclub, in der Amsterdamer Obdachlosenzeitung Z über Ochsenwurst und für das Kulinarische Magazin Bouillon! über Avant le Mot, Schokoladen-Buchstaben und ein Nackedei, gemalt mit richtiger Schokolade. Da war auch noch das Kunstmagazin de Nieuwe, das mir als Honorar jedesmal für 300 € Freibier in meinem Amsterdamer Künstlerklub Arti et Amicitiae ausbezahlen ließ. Da habe ich über die Schweizer Künstlerinnen Pat Noser und Marianne Engel und ihre Begeisterung für Pilze geschrieben. Jemand hat mich vor drei Tagen gefragt, ob ich anlässlich des Artikels in der Obdachlosenzeitung einen Literaturpreis im Empfang nehmen würde. Sie haben mich im Visier. Wenn sich da wirklich was ergibt, laß Ich es Dich wissen. Es ist auf jeden Fall ein Tritt in meinen Hintern. Sitze hier den ganzen Tag im Atelier Robert in Biel mit dem Hochlandnebel als einzigem Gast. Den ganzen Tag lang nur Nebel macht ziemlich depressiv, angeblich haben viele Leute hier damit Schwierigkeiten. Der einzige, der mich aus der Misere gezogen hat, ist Werner, der Straßenkehrer von der Schützengasse, er hat immer die Sonne im Kopf. Seine Empfehlung: Nimm die Funiculaire nach Maglingen, das ist auf 1000 Meter Höhe, dort scheint immer die Sonne. Aber ich sitze hier auf 580 Meter Höhe, und so eine Reise nach oben, dafür fehlt mir die Lust. Muß jetzt unbedingt den Holzofen nachfeuern. Freunde, die jetzt gerade in Israel überwintern, haben mir gesagt, daß in deren Scheune noch zwei Säcke mit Holz herumstehen. Damit kann ich noch drei Tage das Haus warm halten. Meine Kohle ist auch futsch. Zeit, um in Bern bei einem Sammler meiner Arbeit Geld zu schnorren, um ein Ster Holz zu kaufen. Eigentlich soll ich mich nicht so pingelig benehmen. In meinem Geburtsort Winterswijk in den Niederlanden gab es einen Poeten, Gerrit Komrij, der behauptete, an den Jachthuisweg eine Kuh im Nebel gesehen zu haben, die laut “Muh” rief. Daraufhin hat er sich kurzfristig entschlossen, Dichter zu werden. Ich muß unbedingt meinen Kopf durch die Wolken herausstrecken, sonst bleibe ich für immer und ewig ein Künstler im Nebel.

Na ja, der Verkauf von meiner Kunst hat ziemlich nachgelassen. Jeder Sammler in der weiten Umgebung hat schon was von mir gekauft. Vor einem Jahr kam ich nach Biel und habe so ungefähr all mein Geld für den Umzug ausgegeben. Wenn man umzieht, ohne Geld, in das teuerste Land der Welt, muß man schon wissen warum. Meine Frau hatte sich nochmals an einer Universität in Genf beworben, um ihre Doktorarbeit fertig zu schreiben. Eine Wochenendbeziehung, darauf hatte ich kein Lust. Habe also am Fuße der Alpen, im Jura, ein Atelier gesucht, und was passierte?: Ein Atelier, so groß wie ein Museumssaal, wurde frei. Glückspilz. Vor etwa 150 Jahren hat ein reicher Künstler hier, gegenüber seinem Wohnhaus, ein Atelier von enormer Größe bauen lassen, damit er drei gigantische Gemälde malen konnte. Der Mann hieß Leo Paul Robert und war gerade erwacht aus einer Art religiöser Umnachtung. In der Zeit konnte er überhaupt nicht malen. Als er daraus erwachte, bekam er den Auftrag, für die Eintrittshalle eines Neuen Museums in Neuchâtel ein Triptychon anzufertigen. Ich habe die Malereien, die er im Atelier Robert angefertigt hat, gesehen. Und sie sind wirklich imposant. Groß, sehr groß. Aber die Darstellung taugt nicht. Der Robert war Feinmaler, berühmt geworden mit wirklich meisterhaften Gemälde von Raupen! Wegen des Umfangs der Tücher im Treppenhaus und viel zu vieler Details sieht man eigentlich nichts. Alles ist zu weit weg. Man sieht nur die drei gigantischen Malereien. Und was da genau passiert, kann man sich besser auf den Postkarten im Museumsladen anschauen. Und was sieht man dann? Eine Art von religiösem Kitsch. Auf der linken Seite zwei gefallene Engel, die in einer ausgestreckten Wiesenlandschaft abgestürzt sind und noch miteinander kämpfen. In der Mitte die Rückkehr von Jesus Christus auf Erden. Und rechts zeigt Robert seine Abscheu vor der Modernität, das Interieur einer Fabrikhalle mit darin feuerspuckenden Drachen. Die Hölle. Das schönste an der Fabrik auf dem rechten Gemälde ist, daß dort Uhren produziert werden. Robert muss es damals schon gesehen haben. Das muß wohl die Rolexfabrik sein. Da werden heute noch Uhren produziert, alle Rolexuhren der Welt. Heute sieht die Fabrik eher aus wie ein Palast, hochgezogen aus grünen Marmor. Vor kurzem bin ich noch auf meinem Fahrrad dran vorbeigefahren. Unheimlich. Daß das ein streng verbotenes Gebiet ist, kommt wahrscheinlich daher, daß keiner sehen darf, daß die Uhren fast wie ein Massenprodukt vom Band rollen. Es würde mich nicht verwundern. Und wer könnte besser dort auch die Imitate für den chinesischen Markt herstellen? Lukratives Geschäft. Aber das ist nur so ein idiotischer Gedanke von mir.

Das große Atelier von Leo Paul Robert ist nun der Ort, wo ich wohne und arbeite. Er hat es dort nicht lange ausgehalten. Sicherlich, weil entlang seiner Wohnung eine neue Eisenbahnlinie erbaut wurde. Die moderne Zeit hat nicht haltgemacht vor seiner Tür. Viel zu viel Lärm. Viermal am Tag eine schreiende Dampflokomotive, dieselbe, die man auf dem Höllenbild sehen kann. Heute kommen dort wenigstens vier Züge pro Stunde vorbei, aber ich höre sie nicht. Er muß ein sensibler Mensch gewesen sein. Mit Frau und sieben Kindern ist er in die Bergen gezogen, und er hat dort die ganze Palette Vogelbilder gemalt. Das Atelier ist so groß, daß ich mich jetzt auch an ein Triptychon von zwei mal fünf Metern wage. Das ist fast zehnmal so klein. Aber die Abbildungen sind zehnmal so groß. Nun ja, das war meine Absicht. Bin vor einem halben Jahr irgendwo stecken geblieben. Muß wohl hervorgerufen worden sein durch eine alkoholische Umnachtung vom Absinth. Dabei kommt noch der Besuch. Wirklich, jeden Tag steht die Tür auf, hier wird nicht geklopft. Eintreten bitte. Immer Bier und Wein auf dem Tisch. Und wenn man um sechs Uhr kommt, gibt es auch gleich ein Nachtessen dazu. Das empfand ich als das merkwürdigste Wort in der schweizerdeutschen Sprache, das, was wir Abendessen nennen. Ich war mal eingeladen zu einem Nachtessen, ich habe mir schnell um sechs Uhr was reingehauen, und ab ging die Post. Eine Stunde später bekam ich von meinen Gastgebern ein opulentes Nachtessen, bin fast explodiert. Hatte keine Ahnung. Aber jetzt kommen all diese Leute zu mir. Die Alten aus dem Seniorenheim hier gegenüber, eine niederländische Psychologin, Museumsdirektorinnen, lokale Künstler, eine Freundin von Elfriede Jelinek und, oh ja, sechste Generation Robert, der Künstler Jerry Haenggli. Sogar die Damen des Lyceumclub Biel. Sie waren zuerst bei meinem Galeristen in Erlach. Er hat sie weitergeschickt zu mir. Nach ein paar Gläschen Wein nahmen sie alle ein Kunstwerk mit nach Hause, und ich habe sogar noch die Flasche Grüne Fee auf den Tisch gestellt. Die mußte ich letztendlich selber und ganz alleine trinken. Gefährliches Zeug. Habe schon ein paar Mal völlig den Weg verloren, nachdem ich den Absinth ohne Wasser bei Freunden getrunken hatte. Die Schweiz ist ein Land, wo man den Weg nicht verlieren sollte.

Der Durchbruch mit meinem großen Gemälde kam gestern. Ich hatte mal wieder ein bißchen weniger getrunken, – und dann bekommt man wieder Tiefenblick. Links und rechts auf den Triptychon Vögel und Blumen. In die Mitte sieht man eine nackte, tätowierte Frau auf einen Bett liegen, sie schaut sich in einem Buch Vogelbilder an. Um sie herum sitzen und fliegen Vögel. Im Hintergrund sieht man, daß die Szene sich im Atelier Robert abspielt. Die linke Seite war echt schlecht, aber es wird jetzt besser. Ein Kormoran, so wie er auf den Bielersee seine Flügel ausfaltet, um seine Federn zu trocknen. Der Kormoran sitzt auf einem toten Ast, der aus dem Wasser ragt. Auf dem Wasser treibt eine wunderschöne Lotusblume. In der Hindi-Sprache heißt diese Blume Kamala, genauso wie meine halb-Indische Frau Kamala.

Der Kormoran deutet auf ein altes indisches Märchen. Es gab mal einen indischen Prinzen, der mit einem Schiff voll Goldschmuck und Perlen über den Ozean fuhr. Als ein Sturm über das Meer raste, sind Schiff, Schatz und Prinz untergegangen. Der Prinz ist als ein Kormoran reinkarniert. Und seitdem sitzt der Kormoran auf toten Ästen und schaut in die Tiefe des Wassers auf der Suche nach seinem verloren gegangenen Schatz. Und er sieht nicht, daß auf dem Wasser eine Lotus-Prinzessin treibt. Auf dem rechten Bild habe ich mich selber zweimal abgebildet. Einmal als Höckerschwan, denn in jedem Schwan wohnt die Seele eines toten Poeten. Ringsherum Narzissen, ich schäme mich doch nicht, als Künstler ein Narziß und Narzißt zu sein, eben.

Siehe auch: Künstler im Nebel II

Letzte Änderung: 08.09.2021  |  Erstellt am: 25.08.2021

Atelier Robert in Biel | © Foto: Fredie F. Beckmans
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