Künstler im Nebel (II)

Künstler im Nebel (II)

Ein Brief über Schreiben und Beschriebenwerden
Fredie F. Beckmans

Künstlerbriefe, wenn sie nicht an Dienstherren, Auftraggeber, Mäzene und andere potentielle Geldgeber gerichtet sind, sondern an Freunde, mischen in die Beschreibung der eigenen Arbeit und die Betrachtung der Kunst anderer ungeniert Anekdoten, Privates, selbstironische Erlebnisberichte, Obsessionen, Reflektionen und Erkenntnisse. Der holländische Künstler und Autor Fredie Beckmans, der für „Hollands Maandblad" und andere Zeitschriften und Tageszeitungen tätig ist, hat Faust-Kultur als „Künstler im Nebel“ einen Brief geschrieben, den wir in zwei Teilen veröffentlichen.

Redakteur, so komme ich doch wieder auf Rousseau und sogar Pilze. Über ihn wollte ich doch schreiben. Das kam so. Die Kunstkommission der Stadt Biel war vor kurzem auch zu Besuch in meinem Atelier. Sechs Leute. Und sie brachten einen Karton mit Wein mit. Dazu kamen noch meine Flaschen Wein. Man schaute sich meine Kunst an, und irgendwann war der Wein alle. Ein Gläschen Absinth, geht doch. Alles für die Kunst, oder? Zum Schluß hat die halbe Kommission Räucherstäbchen geraucht. Die lagen hier noch in einer Schublade, gehörten wohl der vorigen Bewohnerin. Nachdem jemand gesagt hatte, daß das Zeug genauso stark ist wie Haschisch, wurde es in eine Zigarette zerbröselt.

Letztendlich rannten zwei Mitglieder würgend hinaus, und am nächsten Tag wurde ich von jemandem angerufen, ob ich denn ihren Partner hätte umbringen wollen.

Drei Tage später noch ein Anruf. Die Kunstkommission. Ich konnte meine Sachen packen, dachte ich. Aber nein, sie hatten sich entschlossen, für die Kollektion der Stadt Biel vier Zeichnungen mit Pilzbildern von mir zu kaufen. Da bin ich nochmal gerade durchs Nadelöhr gekrochen. Danach ging es schnell. Ich sah ein Ausschreiben der Stadt, nach dem man einen Vorschlag für ein Kunstprojekt einreichen konnte, wenn man eine gute Idee hat. Ich bin immer voller Ideen! Mein Plan bezog sich auf Rousseau. Er hatte mal gerade sechs Wochen auf der St. Petersinsel im Bieler See gewohnt und gelebt. Da hatte er seinen Essay über Glück geschrieben, der dann in seinem berühmt gewordenen Wanderbuch erschien. Dabei hat er auch noch alle Pflanzen der Insel systematisch beschrieben. Es war in seiner Zeit große Mode, als Mensch der Aufklärung Herbarien anzufertigen. Das ist ein Buch mit darin eingeklebten, selbst gesammelten und getrockneten Pflanzen mitsamt den Namen der spezifischen Pflanzen. Die Herbarienbücher von Rousseau sind später auf den Markt gekommen und wurden für viel Geld verkauft. Eigentlich wollte Rousseau hier den Rest seines Leben verweilen, auf der irgendwie abgeschirmten Insel mit nur einer Herberge und einem Bauernhof, und sich nur noch mit dem Produzieren von Herbarien beschäftigen. Wehmütig schüttle ich meinen Kopf. Wie kann ein aufgeklärter Geist mit Namen Jean-Jacques Rousseau mutwillig so weggeschaut haben von der Wirklichkeit? Er blieb auf der Insel von Montag, dem 9. September bis Donnerstag, den 25. Oktober1765, und er hat keinen einzigen Pilz gesehen? Mit eine Lampe, um sie zu beleuchten, wäre er noch gestolpert über die Kinder der Finsternis! Aber nein, im Falle der Aufklärung sind die Pilze ihm zu düster und zu finster. Mein Vorschlag an die Gemeinde Biel war deshalb geprägt von die Idee, daß ich etwas Licht auf die Insel würde bringen, um den Pilzen ein Platz an der Sonne zu geben. Ich würde in genau dieselben sechs Wochen, nur zeitverschoben 250 Jahre später, jeden Tag auf der Insel bleiben, um die Pilze zu beschreiben und ihnen einen Namen zu geben. Die Schweizer sind verrückt oder, besser gesagt, unglaubliche Kunstliebhaber, der Plan wurde honoriert. Daraufhin habe ich sie alle gesehen, jedenfalls die, die sich mir zeigten, Pilze und Schwämme, Mushrooms and Toadstools, Zwammen en Paddestoelen. Ich werde ein paar nennen, und dann begreifst Du, daß es den Anschein hatte, als müßte ich auf der Insel einen Mordfall lösen: Holzkeulen, Judasohren, Speitäubling und Totentrompete. Als Gegenmittel fand Ich einen Pilz, der in China Unsterblichkeit verspricht, der rote Lackpilz. Und da gab es auch noch die Myxomyceten, besser bekannt als Schleimkriecher oder Hexenbutter. Den englische Name klingt wie Grufty-Poesie: Dog Vomit Mold Slime. Diese ehemalige Pilzarten gehören heute zur vierten Lebensart. Zuerst gab es nur Flora und Fauna, irgendwann entdeckte man, daß die Pilze der dritten Lebensart zu zuordnen sind. Die Myxomyceten sind wieder etwas ganz anderes. Die Schleimkriecher bestehen aus nur einer Zellwand mit Tausenden von Kernen. Diese Kerne drücken an die Zellwand, und schon fängt es an zu kriechen mit einer Schleimspur hinter sich. Rousseau muß das alles gesehen haben, aber er war eher zimperlich, hat weggeschaut. Dieser gelbe, kriechende Dreck paßte nicht in sein Weltbild. Da war keine Spur von Erleuchtung, das war Caca de Luna, wie es in Mexiko genannt wird – und dort ist es eine kulinarische Spezialität.

Glaube mir, lieber Herausgeber, das in die Pilze Gehen war nicht meine wichtigste Tätigkeit. Ich wollte einen Artikel schreiben für Dein Literatur Magazin, das Hollands Maandblad! Deshalb wurde die erste halbe Stunde meiner täglichen Inseltouren häufig von Spiegelung und Selbstreflektion gekennzeichnet. Dann fand Ich überhaupt keine Pilze. Meistens erwachte ich nach eine halbe Stunde und sagte dann den berühmten Satz von sowohl Kavafis als Sigmund Freud: Das Suchen ist oft wichtiger als das Finden. Ich war auf der Suche nach mein Glück, meine Jugend, meine Pilze und meine verlorene Gedanken. Das alles zum Zwecke meiner Publikation! Aber noch bevor ich anfangen konnte zu schreiben, wollte ich mich wundern über Pilze, die ich vielleicht noch nie gesehen hatte. Noch dazu hoffte ich, meinen Lieblingspilz auf die Insel zu finden; das Judasohr.

Sechs Wochen lang habe ich die Insel durchstöbert auf der Suche nach den Auricularia Auricularia-Judae. Jeden Holunder, worauf er so gerne wächst, habe ich mir angeschaut. Kein einziges Judasohr habe ich gefunden. Angeblich soll der Verräter Judas sich an ein Hollunder erhängt haben, und seitdem wachsen am Holunder die Judasohren. Dieser Pilz wird oft in der chinesische und japanische Küche gebraucht, aber nicht wegen des Geschmacks – den hat er nicht, sondern für den Biß. Gestern habe ich beschlossen, das Projekt abzuschließen. Den letzten Pilz, den ich fand, war der gemeine Birkenpilz. Ich schoß noch schnell ein Foto und mußte mich beeilen, um das letzte Schiff nach Biel noch zu erreichen. Es war schön gewesen. Leider habe ich keine Judasohren gefunden, und noch viele andere Pilze und Schwämme hielten sich versteckt. Vielleicht sollte ich Rousseau nicht zu streng beurteilen. Und da, wie ein Blitz aus heiterem Himmel erinnerte ich mich eine Begegnung in der niederländischen Stadt Leiden. Der bekannte Astronom Vincent Icke war eingeladen, sich an einem Poesiefestival zu beteiligen. Er sollte ein Gedicht vortragen. Ich war der Zeremonienmeister des Festivals und redete zwischendurch über alles und nichts. Er ist in Holland jemand, der im Fernsehen in der Umgangssprache locker über die Sterne redet, und ein jeder begreift ihn. Von solchen kurzen Begegnungen werde ich immer total glücklich, bis in meinem Schädel etwas zu ticken anfängt. Wahrscheinlich die Zeitmaschine in mir, die mich warnt, du sollst mitmachen mit den Großen dieser Erde. Vorwärts, immer vorwärts und irgendwann sogar schneller als das Licht möchte ich. Wir sind ja schon schneller als der Schall. Also kein Wenn und Aber. Das wollte ich Vincent sagen, und was passierte? Ich habe ihn angelogen, indem ich ihm sagte, daß ich auch ein Experte bin, und nannte mich ein Astronomologe. Klingt doch irgendwie nach einem Lügner. Er schaute mich nur komisch an. Als Kollege habe ich ihnen etwas zu sagen, wagte ich zu behaupten. Meine Kenntnis der Sterne bezieht sich auf die Gattung der Geastrum, die Erdsterne. Kannte er nicht. Macht nichts, ich bin der Experte, lieber Vincent, und es gibt davon ganz viele. Mein Liebling heist Geastrum Corollinum, in der Umgangssprache: Burstwarzen-Erdstern. Und dann forsche ich, ob er in einem sehr frühen Stadium der Erscheinung eßbar ist. Ich schaute ihm tief in seine Augen. Er behauptete, daß die Sterne nicht eßbar sind, alle im All existenten Sterne! Ich sagte ihm, daß meine Erdsterne Pilze sind. Vincent hat daraufhin ein Gedicht vorgetragen, und ich habe ihn in meinem Leben nie wieder gesehen.

Solche Erinnerungen und Gedanken wüteten in mir während der Heimreise durch den Wald. Habe dann große Mühe, mich zu konzentrieren beim Suchen. Zum Glück hatte ich das jetzt abgeschlossen. In vollem Trab rannte ich zum letzten Bielersee-Dampfer. Ich rannte an einem abgefallenen Ast vorbei, der Posaunenchor in mir fing an zu jubeln. Da steckten doch tatsächlich Judasohren am Ast. Ich konnte jetzt nicht stoppen, das waren keine Posaunen. Das Schiffshorn des Dampfers J.J.Rousseau heulte am Anlegesteg, und ich schnappte nach Luft. Der, der sucht, findet nicht. Ich komme morgen noch mal zurück.

Lieber Herausgeber, ich mache jetzt wirklich Schluß, werde morgen ein paar Judasohren pflücken, sie trocknen und in einer Flasche Chasselas der St. Petersinsel beimischen. Und mit schönem Etikettenschwindel nenne ich den Chasselas: Les Oreilles de Rousseau. Oder vielleicht doch lieber: Kinder der Finsternis.

P.S. Alles, was ich Dir nicht geschrieben habe, ist wahr.

Siehe auch: Künstler im Nebel I

Letzte Änderung: 08.09.2021  |  Erstellt am: 25.08.2021

Judasohr | © Foto: Fredie F. Beckmans
Schlafzimmer J.J.Rousseau (auf der St.Petersinsel) | © Foto: Fredie F. Beckmans
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