Der Adler ohne Krallen

Der Adler ohne Krallen

Hans Leistikows Werk im Frankfurter Haus am Dom
Leistikows Adler

Im Haus am Dom zeigt eine Ausstellung des Dommuseums das Werk des Graphikers und Glaskünstlers Hans Leistikow. Stefana Sabin hat seine Entwürfe und Bilder neu und die Grisaille-Fenster im Kaiserdom wiederentdeckt.

Als der Dom St. Bartholomäus in einer Augustnacht 1867 brannte, wurde nicht nur ein bedeutender Sakralbau beschädigt, sondern auch ein Symbol Frankfurter Identität, und der Wiederaufbau wurde sofort in Angriff genommen. Dagegen war der Wiederaufbau nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg langsamer und mühsamer. Ästhetisch war dieser zweite Wiederaufbau durch die Moderne geprägt, wie die Fenster bezeugen: statt biblischer Szenen, die im schillernden bunten Glas imaginiert werden, abstrakte, geometrische Muster in hellem, nur leicht gefärbtem Industrieglas und statt biblischer Figuren hier und da Logos von Frankfurter Firmen! Denn diese Fenster, die dem kirchlichen Raum eine ganz spezifische besinnliche Nüchternheit verleihen, wurden gesponsert und erinnern so auch an Frankfurts wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Entstehung der Dom-Fenster auszuleuchten, so Bettina Schmidt, Direktorin des Dommuseums, war die anfängliche Motivation hinter der jetzigen Ausstellung, die im Haus am Dom an Hans Leistikow erinnert. Leistikow, 1892 in Westpreußen geboren, seit 1925 in Frankfurt tätig und 1962 nach einer sehr erfolgreichen Karriere als Maler, Gestalter, Graphiker, Illustrator, Bühnenbildner 1962 hier verstorben, ist heute vergessen. Das mag mit einer allgemeinen Verdrießlichkeit mit der Moderne zu tun haben, und insofern ist der Titel dieser kleinen und feinen Ausstellung besonders gut gewählt: „Zurück in die Moderne“ zeigt einen innovativen Künstler, der die Moderne vertrat und über sie hinauswuchs.

Mit Fotos, Skizzen, Manuskripten und Dokumentationen ortsgebundener Arbeiten, mit Graphiken, Aquarellen und Gemälden blickt die Ausstellung auf die Moderne zurück und zeigt Leistikows Werdegang von seinen Anfängen als Kunststudent in Breslau und seinen ersten Arbeiten für Ernst May über die fruchtbare Zeit als Leiter des graphischen Büros in der Frankfurter Stadtverwaltung und seine Bühnenbilder und die Buchillustrationen bis zu den Domfenstern und den Fenstern für die Westend-Synagoge.

Zu Leistikows umstrittensten Entwürfen als Frankfurter Chefgraphiker zählte ein neues Stadtwappen, ein Frankfurter Adler im Stil der Neuen Sachlichkeit, der weder Krallen zeigt, noch eine Krone trägt, sondern modernistisch gewissermaßen gezähmt wurde (und der manchmal auf Eintracht-Fahnen noch immer zu sehen ist!) und den die Nazis 1936 abschafften. Verglichen mit dem strengen Adler wirken die Katzenzeichnungen, mit denen er die Erzählung „Geliebte Mimi“ illustriert hat, geradezu niedlich!
Die Ausstellung zeigt ein vielfältiges Werk zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen freier und angewandter Kunst, zwischen Malerei und Graphik, zwischen Typographie und Gestaltung und erinnert an einen großen Künstler und eine bedeutende Epoche in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Zurück in die Moderne

Hans Leistikow: Zurück in die Moderne. 1892-1962.
Eine Ausstellung des Dommuseums im Haus am Dom. Bis 15. Januar 2023.

Letzte Änderung: 21.11.2022  |  Erstellt am: 21.11.2022

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