SEITENWECHSEL: Kathmandu

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Tagebuchnotizen
James Hopkins | © privat

SEITENWECHSEL heißen Tagebuchnotizen aus dem Rheinland, aus Riga, Portland, Oregon; aus Barcelona und Kathmandu. James Hopkins ist einer von sechs Autorinnen und Autoren des zweiten SEITENWECHSELS, der von Faust-Kultur aufgenommen wird. Er schreibt uns aus Kathmandu, berichtet von vergeblichen Liebesmühen, aber auch von erfüllter Liebe, und beantwortet die Frage, was Inkarnation ist, mit anschaulichen Metaphern.

James Hopkins – Kathmandu, 25. Juni 2021

Abschied auf Zeit und der Ring der australischen Botschafterin

Reinkarnation ist, wie wenn man eine Schachtel voller Luft aus dem Inneren des Hauses nimmt, sie nach draußen trägt und im Garten aufmacht. Die australische Botschafterin ist total verknallt in mich. Jeden Tag schickt sie mir fünfzehn SMS & mailt mir Gedichte über Häschen. Gestern Abend fuhr sie in ihrem glänzenden schwarzen SUV, an dessen Kotflügeln australische Fahnen im kühlen Monsunwind flatterten, den ganzen Weg von Lazimpat hierher. Nach der Opferung von Wildblumen und Wein und nachdem die Kellnerin eingenickt war, versuchte die Botschafterin, mich unter dem hängenden Philodendron zu küssen, doch ich entzog mich ihr und sagte, es habe keinen Sinn, etwas anzufangen, wo ich doch morgen das Land verließe. Mein schlafendes Bewusstsein nimmt den Klang von tropfendem Wasser draußen wahr.

Ich öffne die Augen und bin umgeben von einem Netz aus goldenem Licht mit einem Juwel an jedem Verbindungspunkt – Indras rätselhaftes Netz, aus dem alle Phänomene erwachsen –, und ich bin die Chakravartan-Königin meines kleinen Zimmers oben unterm Dach, das auf die Innenstadt von Kathmandu hinausgeht. Ich blinzle ins erste Licht, traurig über die Erkenntnis, dass Indras Netz bloß ein grünes Moskitonetz ist, das ich vor zwanzig Jahren auf einer Rucksacktour durch Cochin gekauft habe. Während sich die Krähen in die Luft schwingen, locken sie die Sonne herauf, und der Tag bricht langsam an. Bin ich sicher? Das Blinken meines Handys zeigt mir drei Nachrichten von der Botschafterin. Für morgen habe ich ein Qatar-Airways-Ticket in die USA mit einem sechzehnstündigen Aufenthalt in Doha.

Jetzt regnet es heftig, und man hat den Eindruck, die nasse Erde hebe sich den Tropfen entgegen, die aus den Wolken über dem Himalaya herausfallen. Reinkarnation ist, wie wenn man eine Flamme von einer Kerze zur nächsten weitergibt. Die Botschafterin brachte mir einen Armvoll Wildblumen mit, die aus ihrer Brust herausbrachen, als blühte ihr Herz selbst zu Astern & Zinnien auf. Ich sitze auf dem schwarzen Meditationskissen, und über den östlichen Hügeln ist jetzt ein kleiner Streifen Licht zu sehen. Bei dem Versuch, aus einer Welt in die nächste zu wechseln, knallen winzige Moskitos, aufgehalten durch etwas, das sie nicht verstehen, an die Scheibe. Die Botschafterin trug gestern Abend an jedem Finger der linken Hand einen Ring und drei an den Fingern der rechten. In der Nacht schrieb sie mir, sie vermisse einen der Ringe.

9 Uhr und ich gehe durch den Regen, um auf einem Parkplatz neben dem Kloster von der Ladefläche eines schwarzen Pick-ups die wöchentliche Lieferung Biogemüse abzuholen. Wir sind alle da: Kevin, ein Koch aus den USA, der 20 Jahre lang für das Kloster gearbeitet hat, jetzt aber nach Peru geht, um dort Ayahuasca-Schamane zu werden. Und Joanne, die mit ihren Katzen zusammenlebt und durch die Schilddrüse dick und dann wieder dünn geworden ist, die aufblickt und schnurrt, wenn sie mich sieht. Ann, deren Mann starb, und während sein Leichnam am Ufer des Bagmati brannte, fiel seine Asche wie Schnee herab und legte sich leicht auf mein Haar, und ich wusste, dass ich ihn bald wiedersehen würde. Wir tragen alle Masken. Bin ich sicher?

Reinkarnation ist, wie wenn man aus einem hellen Raum in den nächsten geht. Früher Nachmittag, und die Monsunwolken türmen sich an den Bergen auf. Blitze in der Ferne, dann frischt der Wind auf, und in der Küche tanzen die Vorhänge. Die Vögel sind aufgeschreckt und suchen Schutz, und ich rieche, noch ehe er das Haus erreicht, den Regen, der über die Blechdächer heranzieht. Dann ein gedämpftes Tosen, als er auf die Mauern trifft, und plötzlich sind wir umgeben von Wasser. „Komm!“ Ich gebe der Kellnerin, meiner stummen Geliebten, ein Zeichen. „Komm, lass uns rausgehen!“ Ich lege den Arm um ihre Taille und reiße sie mit fort in den Sturm.

Dieser Lärm ist es, an den ich mich später erinnern werde – der über den Talboden hin und her ziehende Donner, der Sturzbach auf dem Blech der Hütten unter uns, das Brüllen der Männer auf der Baustelle, die umherrennen, um die Maschinen abzudecken. So, als lauschte man einem Fluss aus seinem Inneren heraus oder Kindern, die auf dem Grund eines Beckens spielen. Das Zischen, dass die Tropfen nacheinander erzeugen, und das Pling, wenn sie von den Fensterscheiben abprallen. Der Wind dreht auf Süd, und wir sind vom Regen durchnässt. Ich lache, aber ich weiß, dass die Kellnerin nichts gehört hat. Die Hand in meinem Kreuz, hat sie einem anderen Wetter gelauscht.

Früher Abend, und ich wate durch Matsch zu dem Lager in der Nähe meines Hauses, wo Bettler in Hütten aus Bambus und Plastik wohnen. Dort will ich an die Frauen, die für ihre Familien kochen, hellgelbe Umschläge mit 30 US-Dollar verteilen – Geld, das helfen soll, genug zu essen zu kaufen, damit alle am Leben bleiben, solange ich weg bin. Reinkarnation ist, wie wenn Ringelblumensamen auf den Boden fällt und die nächste Ringelblume entstehen lässt. Das Oberhaupt des Lagers mit seinem verfilzten schwarzen Haar und den hervortretenden Augen hat stundenlang Ganja geraucht. An jedem seiner zehn Finger trägt er einen silbernen Ring. Er legt den Arm um mich und flüstert mir in einem Stammesdialekt, den nur sein Sohn versteht, etwas ins Ohr. Bin ich sicher? Die Ringe liegen schwer auf meiner Schulter; seine Haut riecht nach Ganja und Sandelholzöl, und sein Sohn sagt leise, dass sein Vater, das Lageroberhaupt, 3000 Dollar braucht. Die Luft ist so voller Rauch, dass das Oberhaupt die Frauen anweist, mit dem Kochen aufzuhören, weil ich sein Gesicht nicht mehr sehen kann.

Als ich wieder zu Hause bin, hat die Kellnerin in einer eingetopften Geranie direkt unter dem hängenden Philodendron mit Blättern in Herzform den Ring der Botschafterin gefunden. Die Kellnerin strahlt, froh, die Finderin gewesen zu sein. Ich schreibe der Botschafterin: „Der Ring ist aufgetaucht“, und frage sie, ob sie ihr glänzendes schwarzes Auto mit den australischen Flaggen an den Kotflügeln herschicken könne. „Nein, bring ihn doch persönlich“, antwortet sie, und mich beschleicht der Verdacht, dass sie den Ring gestern Abend in die Geranien neben ihrem Stuhl geschmuggelt hat.

Reinkarnation ist schlicht Kontinuität – durch Zeit verbundene Momente der Bewusstheit. Heute Abend packe ich meine Sachen für Amerika und schaue mit der Kellnerin Netflix, während wir die angebrochene Weinflasche leertrinken. Wir sitzen auf der Couch, lassen Traurigkeit den Raum erfüllen. „Keine Sorge“, sage ich, „ich komme bald zurück. Ich bin nur eine Zeit lang weg.“ Wir erinnern uns jedoch, dass die Entfernung zum Mond groß ist und der Umfang der Erde auch. Kontinuierlich gehen die SMS auf meinem iPhone 10 ein, und draußen prasselt der Regen.

Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller

Letzte Änderung: 24.10.2021  |  Erstellt am: 24.10.2021

Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstehen und in der WORTSCHAU veröffentlicht werden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag machen sich sechs Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhalten, woran sie arbeiten, was sie erleben, wie sie sich durch den Tag bewegen und was sie bewegt. Jeder und jede ist jedoch frei, eine poetisch-verfremdete Wahrheit oder wirklich an diesem Tag Erlebtes aufzuschreiben.
Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch, das einen vielschichtigen Blick auf eine jeweils individuell erfahrene Welt wirft. Was alle vereint und auch den tieferen Anlass des Seitenwechsels ausmacht, ist der genaue Tag, auf den alle sich beziehen. Das öffentliche und private Geschehen dieses Tages an ganz unterschiedlichen Orten mit seinen Chancen und Gefahren und der mittlerweile alles überformenden Corona-Krise geben den gemeinsamen Fokus vor.
Die erste Folge startete mit einem Montag (dem 19. Juli 2019), die zweite mit einem Dienstag etc. Dem sich wiederholenden Prinzip der festgelegten Tage, die sich dem Wochenablauf anpassen, entspricht der simultane Perspektivwechsel. Das macht den Reiz des Projekts aus.

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Kommentare

Alfred schreibt
Schön.

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