Friederike Mayröckers poetische Welt-Zersplitterung

Friederike Mayröckers poetische Welt-Zersplitterung

Zum Tod von Friederike Mayröcker
Friederike Mayröcker, Wien 2001 | © Foto: Barbara Klemm

So radikal wie Friederike Mayröcker hat vielleicht niemand traditionelle literarische Formen aufgelöst, nicht um des lustvollen Zerstörens willen, sondern um ganz eigene kühne Schreibverfahren zu entwerfen. Anlässlich des Todes der großen österreichischen Dichterin geht Marion Gees der Entstehung der spezifischen Mayröcker–Textur nach.

„Die gekälberten Wiesen-, Wienskizzen springen mich nicht an, so scheint es, die Konfusion ist komplett (…) komme mit nichts mehr zurecht, trotzdem zieht es mich jeden Morgen um vier Uhr früh an den Schreibtisch, ein Gnadenfluch oder was (…)“. Dieser Auszug aus dem 1994 erschienenen Band »Lection« streift wie beiläufig den immer wieder neu herzustellenden und zu reflektierenden Balanceakt von Schreiben und Leben, der das gesamte poetische Werk Friederike Mayröckers bestimmt.

Wirklich schreiben könne sie nur in ihrer Wohnung, in der von ihr so genannten Zettelhöhle in der Zentagasse des 5. Bezirks, betonte die in Wien geborene Dichterin selbst immer wieder. Dieses Domizil ist in der Kritik mit mehr oder weniger irritiertem oder fasziniertem Staunen unendlich oft beschrieben worden. Bereits in einigen Buchtiteln wie »mein Herz mein Zimmer mein Name« oder »ich sitze nur GRAUSAM da« kündigt sich die stets mitlaufende Reflexion des eigenen Schreibortes an. Die außerge­wöhnliche Wiener Werkstatt, in der sich übereinander geschichtete Papiere, Aufbewahrungskörbe mit Zetteln und instabile Bücherberge derart türmen und doch einer Ordnung folgen, dient der Dichterin als „Emblem für Irrsal und Unüberschaubarkeit, als Allegorie einer labyrinthischen Seelenverfassung, als Bühne für ebenso genau und kompromisslos registrierte Körperzustände, die alle in so nicht vorher gelesenen Fügungen davon sprechen, wie es ist, wahrzunehmen. In dieser barocken Wunderkammer also startet die Dichterin ihre ekstatischen Reisen durch die Letternwelt“, so beschreibt es sehr prägnant der Lyriker Thomas Kling in seiner Laudatio zum Büchner-Preis an Friederike Mayröcker.

Der Schreibort erscheint häufig nur in blitzartigen Andeutungen oder Überlagerungen. Allein einige kürzere Texte für Zeitschriften oder Anthologien widmen sich expliziter der Stadt Wien. In »wienumschlungen« etwa wird das ambivalente Verhältnis zur Stadt und zu ihren Bewohnern als eine Art Hassliebe in einem Schwindel erregenden Hin und Her assoziiert. Und in »Wien 1924 bis«, blickt die Erzählerin in Erinnerungssplittern, die durch Beckett-Zitate unterbrochen werden, zurück auf Kindheit und Jugend, auf Ausflüge mit den Eltern, auf Krieg, Fliegeralarm und Luftschutzkeller und schließt lakonisch mit: „Himmel und Hölle, sagt das erwachsene Kind, Balanceakt Leben und Wien.“ Das Verhältnis zu Wien, wie es sich hier zeigt, entspricht der insgesamt ambivalenten Einstellung zum Leben und zur Welt überhaupt, es entspricht dem durchgängigen Schwanken zwischen Weltumarmung und Melancholie, oder wie es in »mein Herz, mein Zimmer, mein Name« heißt, „zwischen Menschenliebe und schrecklicher Skepsis“.

Im Aufbrechen erzähllogischer Konventionen gehört das Werk nach wie vor zu den kühnsten der Gegenwartsliteratur. Vergleichbar vielleicht mit Autoren im Umfeld des französischen Nouveau Roman, wie etwa Claude Simon oder Nathalie Sarraute, die ihr Schreiben beeinflusst haben, zeigen sich Mayröckers Buchstabenekstasen als weit radikaler. Ohne hier auf die verschiedenen Phasen des Werkes eingehen zu wollen, ist besonders hervorzuheben, dass sie von ihren experimentellen Anfängen in den 50er Jahren im Umkreis der Wiener Gruppe über viele Jahrzehnte hinweg bis heute an den Verfahren der Collage und Montage festgehalten hat und in ihren Büchern keine größeren geschlossenen Fiktionen zu finden sind, keine Erzählungen, keine Plots, keine Storys. Sie wolle auch keine Geschichten erzählen, denke kaum mehr in Sätzen, so häufiger die Dichterin, und in »cahier« zitiert sie erneut den verehrten Jean Paul mit den Worten: „Und ich hasse doch, sogar im Roman, alles Erzählen so sehr“. Ihre Texte, und das betrifft die Prosa, die Gedichte und die Hörspiele gleichermaßen, sind, so sehr treffend Klaus Ramm in einer Laudatio anläßlich des Karl-Sczuka-Hörspielpreises, „weder Rückzug auf das blanke Material der Sprache noch effektvolles postmodernes Arrangement, sondern nichts als offene Sprachverläufe, auskonstruiert bis in die winzigsten Verästelungen, ausgefunkelt bis in die winzigsten Vokabelreize und immer wieder umschlagend in dichteste sprachliche Sinnesempfindung“.

Wie entstehen diese offenen polyphonen Sprachverläufe, die sich aus täglichen Beobachtungen, freien Assoziationen, Abschweifungen, exzessiven Selbst- und Schreibreflexionen sowie durch aufgelesene Lektüre-Bruchstücke ansammeln und sich in einer anschließenden ausgefeilten Reinschrift, häufig ohne Punkt und Komma und ohne Gattungsgrenzen, zueinander fügen bzw. sich neben- und ineinanderschieben? „Reale Anlässe, Partikel der Außenwelt“, so Mayröcker in »Mail-Art«, „ergeben unter günstigen Umständen abstrakte Sprachgebilde, fast mühelos, oder sie tauchen am Ende einer langen Assoziationskette auf, wie Geschenke des Himmels. – Wie könnte es anders sein – die Poetin als Gassenfegerin! Krämerin! Lumpenfrau! Die Poetin als Kleptomanin (…)“.

Von Beginn an fehlt der Dichterin der Glaube an ein lineares Erzählen. Die Komplexität und die Zerrissenheit der Welt eröffnen ihr keine Möglichkeiten des Geschichtenerzählens oder der großen Erzählung. „Ich habe die Welt einfach als zerbrochenen Spiegel gesehen“, so Mayröcker 2014 in dem Filmporträt »Wilder, nicht milder«, „in viele Teile zersplittert, überhaupt das Gefühl, dass alles zersplittert ist in viele Teile, aber doch zusammen passt, doch irgendwo zusammenhält, so wie wenn man einen Spiegel mit einem Hammer zerschlägt, er bleibt zwar zusammen, hat aber viele Sprünge.“ Die Wahrnehmung der Welt als zersplitterte findet sich auch in direktem Zusammenhang mit der Wahrnehmung der Straße. So heißt es in »Und ich schüttelte einen Liebling«: „…alles ist voll Splitter, weil alle Leute so aufgeregt sind und es ist tatsächlich alles aufregend und aufgeregt, und man sieht es daran, dasz überall Splitter auf dem Boden liegen nämlich die Straszen voll Splitter…“. Das Gehen ist kein zielgerichtetes Schreiten, sondern ein Vagabundieren, ein Streunen. Die Flanerie ist zwar noch leise orientiert an der Geh- und Wahrnehmungsweise der französischen Surrealisten, gerade auch was die Faszination an der großstädtischen Kleinteiligkeit angeht, pflegt aber weniger den dandyhaften und verlangsamten Gestus der Passagen-Flaneure der Pariser Moderne. Gelegentlich, vor allem in dem Band »brütt« bewegt sich die Erzählerin stolpernd, hinkend, zunehmend unsicher durch die Straßen und zieht sich in den ungestörten Imaginationshort des Zimmers zurück, in dem eine innere Flanerie fortgesetzt wird.

Die Wahrnehmung konzentriert sich dann etwa auf Fensteransichten, die konkret beschrieben werden und einen Bewusstseinsstrom initiieren. „Die Vielfalt im Fenster vis-à-vis“, so heißt es in »Paloma«, „hält mich in Atem (…) da wechseln die Gegenstände wie Bühnen Kulissen, corso, es ist sehr erbaulich: heute gelbe Gieszkanne neben Azaleenbusch und gelber Fleck einer auftauchenden Person, ein dämmriges Interieur, Umarmung“. Der städtische Raum von oben betrachtet, verwandelt sich gelegentlich in einen Naturraum, der inspirierende Vogelflug von Schwalben und Tauben über den Dächern der Stadt entführen die Schauende, Lauschende zu eigenen imaginierten Himmelsflügen. Auge und Ohr sind kontinuierlich auf Empfang gestellt. Gelegentlich dringen Geräusche durchs Fenster, die sich in den Assoziationsstrom einfügen, erwünschte und unerwünschte Geräuschquellen, wie etwa die häufigen Lautsprecherdurchsagen eines Supermarktes in der Nähe. Noch in ihrem letzten Buch »da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete.« wird das Fenster der Wohnung zum Aussichtspunkt auf die Welt. Mayröcker beschreibt den Verlauf ihrer Fensterwahrnehmungen selbst einmal (in einem Film von Carmen Tartarotti): „Von der Küche aus seh ich in ein Fenster hinein (…). Mein erster Blick, wenn ich aufstehe, ist in dieses Fenster hinein. Das verfolgt mich jetzt eigentlich, dass ich die Realität ganz herein nehme in mein Arbeiten. (…) da steh ich buchstäblich vor dem Fenster mit Stift und Papier und schreib alles auf mit der Hand, was ich seh. Und dann kommen die Assoziationen dazu wenn ich bei der Maschine sitz. So funktioniert es. Die Realität aufschreiben! Ich hab gedacht früher, Realität ist gleich nicht poetisch, oder wenig poetisch und jetzt bin ich draufgekommen, dass die Realität sehr viel Poesie hat – Das ist interessant…“

Sie sei ein „Augenmensch“, betont die Dichterin in einem Gespräch mit Bodo Hell, sie erfasse eigentlich „alles nur durch die Augen, vieles entsteht bei mir durch optische Erfahrungen im Alltagsleben, was ich sehe, was mir auffällt, kann sich augenblicklich verwandeln in eine Metapher, d.h. das Bild wird unter glücklichen Umständen sofort zum Wort, zu Wortkonstellationen.“ Der euphorischen Wahrnehmung von Alltagssituationen folgen Verbalträume sowie das synästhetische Spiel mit Lektüren, Musik und Kunst. Picasso, Matisse, Bacon, Arnulf Rainer und Gerhard Richter begleiten die Schreibprozesse sowie das bereits erwähnte passionierte Anlesen, das inszenierte Sprechen auch mit Autoren und Theoretikern wie etwa Sigmund Freud, Roland Barthes, Jacques Derrida, wobei sie auch theoretische Texte als literarische liest, etwas herauspickt, daran nippt, sie als Assoziationsfundus nutzt. Trotz der engen Verwobenheit von Leben und Schreiben, Schreiben und Leben spricht Mayröcker von „Biographie­losigkeit“ als Haltung, räumt jedoch in »Mail-Art« ein, dass dem die Texte gegenüberstehen, „denen man als deren Autor einfach nicht entkommt. In ihnen wuchert rücksichtslos die eigene Vergangenheit.“. Aber wo momenthaft autobiographische Verweise, psychoanalytische Selbstdeutungen sich zu äußern scheinen, werden diese gleich wieder in polyphonen Sätzen verwischt oder durchkreuzt.

So spielt sie etwa mit fingierten Briefformen oder mit Genres, die an die französische Tradition des Carnet oder Journals anknüpfen, wie z.B. in »études« und »cahier«. Ihre Texte sind manchmal mit auf Tagebücher anspielendem Datum versehen, die Biographie-Bezüge evozieren. Die Kritik spricht häufiger von Aufzeichnungen, poetischen Tagebüchern, von Sudelbüchern und sie selbst gelegentlich von „Seelenbüchern“. Trotz einer gewissen Affinität zum literarischen Tagebuch und zu Bekenntnissen, die ihrer Meinung nach nichts mit Wahrheit zu tun haben müssen, äußert sich die Dichterin zu dieser Form ambivalent. Es stehe, so formulierte sie es im Gespräch mit Bodo Hell, „immer etwas im Wege, etwas Psychisches wahrscheinlich, einerseits eine Scheu, Dinge in tagebuchartiger Form preiszugeben, wir kennen das alle aus unseren Jugendtagen, andererseits die Unmöglichkeit, eine Art „literarisches Tagebuch“ zu schreiben, vielleicht sind aber Teile meiner jüngsten Bücher so etwas wie „literarische Tagebücher“, obwohl sie ja nicht autobiographisch sind – ich habe immer diesen Vorbehalt gegen das Tagebuchschreiben gehabt, weil ich dachte, es würde das wirkliche strenge Arbeiten (…) im Grunde verhindern“.

Insgesamt zeigt sich eine fortgesetzte (sozusagen wienerische) Arbeit am Unbewussten. Die „narzisstische Selbstversenkung“, das Schauen sowie die Versenkung in die Grenzbereiche zwischen konkreter Realität und Unbewusstem erfolgen bei Mayröcker in einer Art Exerzitium. Diese Exerzitien des Schauens bewegen sich zwischen Melancholie und Glücks­momenten. Sie streifen Krisen- und Zerfallserscheinungen, und zugleich initiiert die poetische Zersplitterung Neuschöpfung, leidenschaftliche sprachliche Welterzeugung. „(…) immer nur daliegen mit geschlossenen Augen oder mit weit aufgerissenen Augen und schauen schauen, nicht sprechen nur schauen beobachten betrachten die Welt, mit >vertonten Lippen< und Augen (…)“, so lautet es in »und ich sitze nur GRAUSAM da«. Diese Augen-Euphorie offenbart pulverisierte Traumnovellen, elliptische Verbalträume. „Eyes wide shut“ wortwörtlich genommen – ganz gegenwärtig, verwirrend und betörend schön.

Letzte Änderung: 15.08.2021

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