Der Arabist Hartmut Fähndrich

Der Arabist Hartmut Fähndrich

Porträt
Hartmut Fähndrich | © Ebba Drolshagen

Worte haben ihre Geschichte. Wer bewusst spricht und schreibt, denkt diese Geschichte mit. Wer aber übersetzt, etwa aus dem Arabischen, hat neben der Deutung der Konsonantenschrift, den Bedeutungsfeldern und Dialekten auch die Wortgeschichte zu berücksichtigen, die erst allmählich, nach 300 Jahren mündlicher Überlieferung, zur Schrift fand. Ebba D. Drolshagen stellt Hartmut Fähndrich, einen der bekanntesten Übersetzer aus dem Arabischen, vor.

Hammer und Amboss

Hartmut Fähndrich zählt zu den bedeutendsten Übersetzern aus dem Arabischen. Als Gymnasiast lernte er Bibel-Hebräisch und fühlte sich von dem „Anderssein der semitischen Sprachen“ angezogen. Diese Faszination führte zum Studium der Semitistik und Islamwissenschaften, doch erst die politische Situation Ende der 1970er Jahre brachte ihn zum modernen Arabisch. Seine Laufbahn als Literatur-Übersetzer begann in den achtziger Jahren mit den Erzählungen des palästinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani und den Romanen der Palästinenserin Sahar Khalufa.

Seither hat er siebzig Romane und zahllose kürzere Texte übersetzt, er sieht sich „als Brücke zwischen zwei Welten, zwischen zwei Kulturen, nämlich der arabischen und der deutschen“.

Hartmut Fähndrich, 1944 in Tübingen geboren, entstammt dem Bildungsbürgertum, der Vater war Offizier, die Mutter Kindergärtnerin, der Großvater mütterlicherseits Pfarrer. Ab 1955 besuchte er ein humanistisches Gymnasium, wo er neben Latein und Altgriechisch auch Englisch lernte: Das Interesse an Europa und den USA war, wie Fähndrich sagt, im Westdeutschland der fünfziger und sechziger Jahre vorgegeben. Dass er als Siebzehnjähriger einen freiwilligen Zusatzkurs in Bibel-Hebräisch belegte, geschah „halb aus Interesse, halb aus Snobismus und vielleicht aus einem Hang zur Exotik“.

Es war eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Er wollte Sprachen studieren, und weil „Deutsch, Englisch, Französisch Massenfächer waren“, dachte er zunächst an Chinesisch, Japanisch oder Indisch, entschied sich aber wegen des bereits bestehenden Bezugs zu semitischen Sprachen letztlich für Semitistik, Islamwissenschaft und Philosophie in Tübingen. An den semitischen Sprachen habe ihn „ihr Anderssein“ faszinierte. Im Laufe seines Lebens erlernte er eine bemerkenswerte Anzahl Sprachen: Altgriechisch, Latein, Englisch, Französisch, Arabisch und Italienisch, Persisch und Türkisch. Während des Studiums befaßte er sich mit Bibel-Aramäisch, Syrisch-Aramäisch, Akkadisch und Phönizisch. Die toten Sprachen seien für das Übersetzen hilfreich, so könne er Anspielungen auf klassische Elemente oder Topoi aus längst vergangenen Jahrhunderten leichter erkennen.

Auf der Suche nach arabischer Literatur

An den westdeutschen Universitäten der 1960er und 70er Jahre war die Islamwissenschaft ein reines Buchstudium. Es ging um alte Schriften, historische Texte und die Philosophen des 10., 11. und 12. Jahrhunderts; den zeitgenössischen Mittleren Osten überließ man Soziologen und Politologen. Keiner von Fähndrichs Professoren beherrschte modernes Arabisch, anders als bei den Anglisten oder Romanisten wurden die Studierenden nicht ermuntert, die Länder ihrer Sprache zu bereisen oder auch nur modernes Arabisch zu lernen.

Nach fünf Semestern wechselte Fähndrich 1968 mit einem Stipendium an die UCLA (University of California, Los Angeles). Er studierte Nahostwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft, lernte Türkisch und Persisch und legte sich auf die arabische Region fest. Sein Schwerpunkt blieb die klassische Islamwissenschaft, insbesondere die sogenannte mittelalterliche arabische Welt des 7. bis 14. Jahrhunderts. Doch die Angebotsbreite der UCLA veränderte seinen Blick auf das Studienfach fundamental, besonders die Middle Eastern Studies, die sich mit den modernen arabischen Ländern befaßten, empfand er als „Offenbarung“. Nach einem M.A. in Comparative Literature und dem Ph.D. in Islamic Studies kehrte er 1973 nach Europa zurück und widmete sich im Rahmen eines Sonderforschungsprojekts Medizingeschichte der Universität Bern dem Studium mittelalterlicher Texte.

Als er 1973 im Iran und im Libanon Skripte für das Forschungsprojekt suchte, war dies seine erste Reise in die arabische Welt. Einige Jahre später kam er nach Kairo und war schockiert: „Dieses Treiben, die ‚Unordnung‘, oft auch die Ärmlichkeit! […] Ich musste tief Luft holen. Ich war ja noch voll in der klassischen arabischen Welt“.

Seither reiste er mehrfach im Jahr in die arabischen Länder und hat sich das moderne Arabisch angeeignet. Doch dass er nie in einem arabischen Land gelebt hat, hänge ihm, wie er sagt, bis heute nach: Er beherrscht keinen der zahlreichen Dialekte flüssig und kann sich „im normalen Umgang nur zäh unterhalten“.

Er blieb in der Schweiz. Von 1978 bis zur Pensionierung im Jahr 2014 war er Dozent für arabische Sprache und Kulturgeschichte der arabischen Welt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, die seinen Lehrauftrag halbjährlich verlängerte, ihm aber in 36 Jahren nie eine Festanstellung gab. Das bedeutete einerseits eine permanente materielle Unsicherheit und eröffnete andererseits Zeit für anderes. Er unterrichtete an der Volkshochschule und wandte sich stärker seiner „alten, außer-universitären Leidenschaft, der Literatur“ zu. Dabei stellte er fest, daß „es quasi keinen deutschen Arabisten gab, der etwas über zeitgenössische arabische Literatur wußte. Es gab praktisch keine Publikationen, nichts Übersetztes. Die moderne Literatur fand nicht statt.“

In der DDR veröffentlichten Verlage wie Volk und Welt, Aufbau und Neues Leben in den 1970er Jahren zeitgenössische arabischsprachige Literatur des Maghreb, doch dorthin hatte Fähndrich damals keine Kontakte. In den Jahren zwischen dem Ende des universitären Forschungsprojekts und dem Fall der Mauer musste er sich in die für ihn neue Rolle als Übersetzer und Herausgeber hineinfinden. In der Bundesrepublik der späten 70er, frühen 80er Jahre galt Arabisch, so Fähndrich, als die Sprache von Ländern, „wo es Öl und ständig irgendwelche Kriege“ gab.

„Neben dem Sprachunterricht [an der ETH] hatte ich jedes Semester eine Vorlesung für Hörerinnen und Hörer aller Fakultäten anzubieten, zu Themen aus der nahöstlichen Kulturgeschichte und Politik sowie zum Islam. In der Auswahl der Themen war ich frei.“
Die Universität sah das Angebot als „nützliches Handwerkszeug“ für künftige Erdölingenieure, doch die Studenten und Studentinnen wollten mehr über eine Region erfahren, von der sie nichts wussten. Sie fragten, wie die Araber selbst die Welt sahen, wie sie dachten und fühlten, ob es neben der klassischen arabischen Literatur nicht auch Neueres gebe.

Nicht nur sie interessierten sich für authentische arabische Stimmen. Fähndrich arbeitete sich in die zeitgenössische arabische Literatur ein und wurde ab Anfang der 1980er Jahre zunehmend zum Kulturvermittler zwischen den arabisch- und den deutschsprachigen Ländern. Aufgrund einiger von ihm verfaßter Rundfunksendungen über die Kultur und Literatur des Mittleren Ostens machten ihm gleich zwei Schweizer Verlage Übersetzungsangebote: Der Basler Lenos Verlag wollte Kurzgeschichten des palästinensischen Schriftstellers Ghassa Kanafani veröffentlichen, der Zürcher Unionsverlag einen Roman der Palästinenserin Sahar Khalifa.

Mit dem Übersetzen begann Fähndrichs weitergehendes Interesse an der modernen arabischen Literatur. Er habe nicht ahnen können, dass er „ein höchst produktiver bis fanatischer Übersetzer zeitgenössischer arabischer Literatur“ werden würde, aber „man muss dem Zufall auch etwas nachgeben“. Seine erste Übersetzung eines zeitgenössischen literarischen Textes erschien 1982 in der Wochenendbeilage der Basler Zeitung: Ghassan Kanafanis Kurzgeschichte Die vorbeiziehenden Mehlsäcke. 1983 veröffentlichte der Lenos Verlag Kurzgeschichten von Kanafani, die gut aufgenommen wurden. In den folgenden vier Jahren kamen sechs weitere palästinensische Titel in Fähndrichs Übersetzung auf den Markt – zwei Romane, zwei Bände Erzählungen und zwei Bände Kurzromane.

Der Übersetzerberuf eröffnete eine Alternative zur Universitätslaufbahn, trug ihm aber auch die mitleidige Herablassung von Islamwissenschaftlern ein (Fähndrich 2008). Viele Professoren an deutschsprachigen Fachbereichen wussten nichts über zeitgenössische arabische Literatur, die sie mit ihrem eurozentristisch geprägten Blick für irrelevant hielten.

Übersetzung und Vermittlung

Diese Distanzierung war und ist durchaus gegenseitig. 1986 sagte Fähndrich, er halte es für sinnvoller, primäre Literatur zu übersetzen, als weitere Sekundärliteratur zu verfassen:
„Es wird so viel geschrieben! […] Eine neue Aufzählung, ein bisschen neu arrangiert, die alten Fakten. Ich meine, dass wir bei der ganzen Betrachtung der arabischen Welt die Araber ausgelassen haben. Die Araber kommen gar nicht zu Wort, weil sie niemand versteht.“

Die Disziplinbezeichnungen Islamwissenschaft(en), Orientalistik und Orientwissenschaft(en) weist er scharf zurück: „Der Begriff Islamwissenschaft [ist] Ausdruck der verkürzten und einseitigen Art, wie der Nahe Osten im Westen wahrgenommen wird. Unser Blick auf die arabische Welt erfolgt primär durch die Brille der Religion, wir setzen den Nahen Osten automatisch mit dem Islam gleich und betrachten alle Araber in erster Linie als Muslime. […] Es ist eine Verengung der Perspektive, die der vielfältigen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation im arabischen Raum nicht gerecht wird. Zum einen leben im Nahen Osten auch Christen, vor allem aber ist der Islam längst nicht für alle Araber der einzige oder entscheidende Identifikationsfaktor.“ Er mag an der ETH Zürich Dozent für Islamwissenschaft gewesen sein, er selbst bezeichnet sich – analog zu Romanist oder Anglist – konsequent als Arabist.

Als Herausgeber, schrieb er 2004, müsse er auf mehreren Ebenen entscheiden. Er reise häufig in die arabische Welt, spreche mit Experten der zeitgenössischen arabischen Literatur und entscheide dann, „ob sich das eine oder andere Werk zum Übersetzen eignet und vom deutschen Leser verstanden wird oder nicht“. Diese Titel übersetzte er selbst. Andere wurden dem Verlag von Übersetzerinnen und Übersetzern – Fähndrich schätzt deren Zahl auf ein halbes Duzend – vorgeschlagen, über die Vergabe der Übersetzungsaufträge entschied der Verlag. Alle Titel der Reihe wurden von Lenos-Angestellten lektoriert, die kein Arabisch konnten.

Bald nach der Wende begann die Zusammenarbeit mit ostdeutschen Kolleginnen wie Doris Kilias, die zunächst für Volk und Welt, später für den Unionsverlag Nagib Machfus übersetzte. Doch Hartmut Fähndrich war in jenen Jahren nicht nur einer von mehreren Übersetzern. Der Arabisch-Übersetzer Stefan Weidner erläuterte 2003 in der vom VdÜ herausgegebenen Zeitschrift Übersetzen, welche Bedeutung und auch Macht Fähndrich in jenen Jahren hatte:
„[Er] arbeitet hauptberuflich als Übersetzer, wirkt aber auch als Ratgeber des Lenos-Verlags und sitzt in der Kommission, die über die Auswahl von Werken für die von der Europäischen Kulturstiftung (Amsterdam) geförderte Buchreihe „Zeugnisse vom Mittelmeer“ entscheidet, in der zahlreiche arabische Autobiographien erscheinen. Diesem Mann, der seit fast einem Vierteljahrhundert in dem Bereich tätig ist, verdankt das deutschsprachige Lesepublikum die Vermittlung (sei es als Übersetzer, sei es als Lektor, Ratgeber oder Schaltstelle) von schätzungsweise 30 – 40 % der in den letzten zwanzig Jahren aus dem Arabischen übersetzen Literatur. Für arabische Autoren ist Fähndrich die wichtigste Anlaufstelle. Aus demselben Grund ist er aber auch ein beliebtes Angriffsziel für Autoren, die sich übergangen fühlen.“

Macht und Konkurrenz

Fähndrich selbst empfand es als Dilemma, dass die Übersetzer und Übersetzerinnen arabischer Literatur zum Nadelöhr für Autoren und Autorinnen werden, die auf eine Übersetzung ihrer Werke hoffen. Neben den kulturellen Erwartungen, Fantasien und Vorurteilen, die Europa den arabischen Ländern entgegenbringe, seien auch […] „Autoren und Verleger wie Hammer und Amboss darauf bedacht, den Übersetzer nach ihrem Interesse zu schmieden. Mit dem Autor hat ein Arabischübersetzer mehr zu tun als ein Übersetzer aus anderen Sprachen, weil er ihn oft als Scout ausfindig macht, zu ihm Kontakt herstellt und ihm viele Fragen stellt. Immer ist der Autor überzeugt, sein Werk sei bedeutend, großartig und übersetzenswert. Jeder Schriftsteller sehnt sich danach, aus dem Käfig seiner eigenen Sprache herausgeholt zu werden. Er träumt von Ruhm und Reichtum, und der Übersetzer wird dafür verantwortlich gemacht. Der [deutschsprachige] Verleger, im Fall des Arabischen fast ausschließlich Inhaber eines kleinen oder winzigen Verlags, hat auch seine Vorstellungen von den „Pflichten“ des Übersetzers. Er will schöne, ordentlich übersetzte, leicht und gut verkäufliche Texte erhalten. Teuer sollten sie auch nicht sein.“

Das ist allerdings allen Kollegen vertraut, die aus einer, wie es im deutschen Verlagsbetrieb heißt, „kleinen“ Sprache übersetzen. Sie müssen wegen der geringen Zahl an Übersetzungsaufträgen einem ‚Brot-Beruf‘ nachgehen und quasi nebenbei Bücher finden, die für eine Übersetzung in Frage kommen könnten. Sie leisten die Arbeit von Literaturagenturen, indem sie für solche Titel einen Verlag suchen, und dann halten es viele Verlage für normal, Gutachten und Übersetzungsproben nicht zu honorieren, da sich Übersetzer und Übersetzerinnen, so die hundertfach gehörte Argumentation, „damit ja einen Auftrag beschaffen“.

Verlage waren lange auf Arabisch-Übersetzer als Scouts angewiesen, inzwischen aber, so Fähndrich, verzichten sie häufig auf deren Expertise, da sie meinen, sich durch englischsprachige Internetseiten allein einen Marktüberblick verschaffen zu können; Übersetzer und Übersetzerinnen werden bestenfalls noch um Gutachten gebeten. Stefan Weidner warnte schon vor über zwanzig Jahren, man könne aufgrund des zersplitterten arabischen Buchmarktes „von außen, d.h. ohne persönliche Kontakte, praktisch keinen Zugang zur arabischen Gegenwartsliteratur finden. Und wären Übersetzer nicht bereit (und finanziell in der Lage), diese Vermittlungsfunktionen mitzuübernehmen, so gäbe es außer von Nagib Machfus, dem ägyptischen Nobelpreisträger von 1988, wohl kaum in nennenswertem Maße, wie es mittlerweile der Fall ist, arabische Literatur auf deutsch zu lesen. Der Übersetzer muß die Bedingungen für sein Sein erst herstellen, und zugleich erfüllt er damit einen Kulturauftrag“. Es wirkt wie ein Paradoxon, dass institutionelle Förderungen weiterhin rar sind, Fähndrich aber 2018 vom Emirat Qatar als „herausragender Brückenbauer zwischen dem deutschsprachigen Publikum und der arabischen Literatur“ für sein Lebenswerk mit dem mit 100.000 US-Dollar dotierten „Sheikh-Hamad-Preis für Übersetzung und Kulturaustausch“ ausgezeichnet wurde.

Zwei eng miteinander verknüpfte Aspekte ziehen sich wie ein roter Faden durch die immense Zahl von Fähndrichs Veröffentlichungen: Zum einen „das ganze Klischeemonster, das in mitteleuropäischen Gehirnen in Bewegung gerät, wenn es um arabische Literatur geht. Erschreckendes lässt sich mühelos lostreten. Von Aladdin mit seiner Wunderlampe bis zu Sindbad mit seiner Seefahrermanie ist alles da, nur nichts Modernes. Diese weitestgehende Identifikation arabischer Literatur mit 1001 Nacht und dergleichen erschwert die Verbreitung zeitgenössischer arabischer Literatur im deutschen Sprachraum.“

Über diese Klischees kann er aus dem Stehgreif detailreich und engagiert sprechen: Als bei den Wolfenbütteler Gesprächen 2010 der Referent des Eröffnungsvortrags nicht auftauchte, sprang er, so Miriam Mandelkow in ihrem Wolfenbüttel-Bericht, „spontan ein und hielt mit gelegentlichem Blick auf kleine, für ‚allfällige Gedanken‘ stets vorrätige Zettelchen einen hinreißenden Vortrag über das Bild des Orientalen in der westlichen Welt“. 1001 Nacht wurde erstmals Anfang des 18. Jahrhunderts übersetzt, und zwar ins Französische, diese Übersetzung habe das Geistesleben eines halben Kontinents beeinflusst.

Von Marokko bis zum Irak, von Oman bis Syrien leben rund 450 Millionen Menschen, deren Muttersprache Arabisch ist, das sind zwanzig arabische Länder mit eigener Literaturproduktion. Als Nagib Machfus 1988 den Nobelpreis für Literatur. erhielt, knüpfte sich daran die Hoffnung, dass dies der arabischen Literatur beim deutschen Lesepublikum den Weg bereiten würde – das habe sich erfüllt, wenn auch „hardly noticeable, or visible only for people of good hope“. Das traditionelle Übergewicht ägyptischer und libanesischer Autoren und Autorinnen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt habe sich aufgrund der Flüchtlingslage in Syrien und dem Irak etwas verschoben, inzwischen verlegen auch große Verlage Bücher aus Nordafrika, die in aller Regel aus dem Französischen übersetzt sind. Neben dem Lenos- und dem Unionsverlag engagieren sich im deutschen Sprachraum weitere Verlage für arabische Literatur, doch sie seien alle klein: „Was ich vermisse, ist ein kontinuierliches Interesse an arabischer Literatur. Ich würde mir wünschen, dass [ein Verlag] einmal fünf oder zehn Werke aus verschiedenen Teilen der arabischen Welt übersetzte.“

Bei einem Gespräch 2022 zog er ein bitteres Resümee: „Heute bekommen hier nur die arabischen Autoren Aufmerksamkeit, die sowieso schon im Westen sind.“
Fähndrichs wesentlicher Impuls zum Übersetzen ist nicht, wie bei manchen seiner Kollegen und Kolleginnen, die Hingabe an die Sprache und deren Möglichkeiten, sondern der Wunsch zu vermitteln: „Literatur ist meiner Meinung nach ein Ausdruck von Visionen und Fantasien anderer Teile der Welt, und mich interessiert die arabische Welt. Übersetzen ist meiner Ansicht nach wichtig, denn durch die arabische Literatur, die ich übersetze, übertrage ich diese Visionen und Gedanken aus jenem Fleck der Erde in meine Sprache. Das ist alles. In diesem Sinn betrachte ich mich selbst als Brücke zwischen zwei Welten, zwischen zwei Kulturen, nämlich der arabischen und der deutschen.“

Der Brückenbauer

In den ersten Jahren seiner Übersetzertätigkeit äußerte er sich in der Schweizer Presse ausführlich zu politischen Entwicklungen. Das tut er, anders als manche seiner Kollegen und Kolleginnen, spätestens seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Trotz seiner intimen Kenntnis der arabischen Staaten und trotz seiner Sprachkenntnisse nimmt er weder kritisch noch vermittelnd-erklärend Stellung zu den Verwerfungen, kriegerischen Auseinandersetzungen und Religionskonflikten in der Region, er kommentiert politische und gesellschaftliche Unterdrückung ebenso wenig wie die Situation der Flüchtlinge. Er sieht seine Rolle als jemand, der aufzeigt, welche soziale Rolle ein Schriftsteller in seiner Gesellschaft habe; es sei ihm immer wichtiger gewesen, darzustellen, was arabische Intellektuelle über ihre Welt sagen, als davon zu sprechen, was er über deren Welt denke. Über politisch verfolgte Autoren und das heutige Arabien äußere er sich nur noch in Nachworten und in anderen Publikationen.

Sein eigener Anspruch als Kulturvermittler und Brückenbauer ist also nicht (offen) politisch, was bemerkenswert ist, denn das zweite Thema, dem Fähndrich sich durchgehend widmet, ist die „skeptische, ja ablehnende Haltung gegenüber den arabischen Ländern generell“. Es verstehe sich fast von selbst, dass in den frühen 1980er Jahren palästinensische Autoren und Autorinnen „in Deutschland förmlich unter dem Ladentische verkauft wurden. Man könne hier doch nicht, so hieß es da, Literatur von Terroristen auf den Ladentisch legen“. Der Insel Verlag lehnte es 1986 ab, den israelischen Staatsbürger palästinensischer Herkunft Emil Habibi zu veröffentlichen: „Wir Deutschen können eine neutrale Einstellung zu Israel nicht haben, geschweige denn eine anklagende, und sei sie noch so schelmisch formuliert.“ Als Habibi 1992 den Israel-Preis für arabische Literatur erhielt, ließ Fähnrich es sich nicht nehmen, den Insel Verlag in einem scharf formulierten Brief auf seine „Fehleinschätzung“ und den Umstand hinzuweisen, dass „gewisse Teile der israelischen Bevölkerung offener [sind] als der Insel Verlag“.

Fähndrich hat bei zahlreichen Gelegenheiten daran erinnert, dass Deutschland, insbesondere die Bundesrepublik, lange bei allem, was in Nahost geschah, auf der Seite Israels stand. Er finde die besondere Haltung zu Israel sehr verständlich, sie habe allerdings die Rezeption der zeitgenössischen arabischen Literatur immer negativ beeinflusst. Man berichte nicht über den Alltag in den arabischen Ländern und interessiere sich nicht für zeitgenössische arabische Literatur; „Klischees einerseits, Ignoranz andrerseits [prägten] das normale deutsche Verhältnis zur arabischen Literatur“.

Vor diesem Hintergrund war es eine bemerkenswerte Geste mit großer Symbolkraft, dass die in Israel lebende Hebräisch-Übersetzerin Ruth Achlama 1995 den Hieronymus-Ring an den Arabisch-Übersetzer Fähndrich weitergab (Germersheimer Übersetzungslexikon). Dieser 1979 gestiftete, nach dem Schutzheiligen der Übersetzer benannte Wanderpreis ist eine besondere, unter Übersetzerinnen und Übersetzern hochgeschätzte Auszeichnung: Der aktuelle Träger, bzw. die Trägerin entscheidet allein, wer den Ring in den folgenden zwei Jahren tragen wird. Achlama hatte sich mit der Literatur des östlichen Mittelmeerraums befasst und war dabei auf Fähndrich gestoßen. Ihre Entscheidung habe ihn, wie er sagte, tief beeindruckt. Er wollte den Ring an jemanden weitergeben, der/die aus dem außereuropäischen Sprachbereich übersetzt, und so bekam ihn die junge Kollegin Stefanie Schäfer für ihre erste Übersetzung aus dem Afrikaans.

Hartmut Fähndrichs persönlicher Schutzheiliger ist nicht der heilige Hieronymus, sondern der heilige Christophorus: „Bei ihm erschien eines Nachts Christus als Kind mit der Bitte, hinüber getragen zu werden. Christophorus tat, was sein Metier war: Er lud sich das Knäblein auf die Schulter, in der Erwartung, ein leichtes Stück Arbeit zu haben. Doch es kam anders: Unterwegs wurde die Last immer schwerer und der Träger erreichte nur japsend und mit Mühe das andere Ufer.“

„Wenn man dieses Bild an sich nimmt […] dürfte es kaum ein eindrucksvolleres für die Tätigkeit Übersetzender geben. Rainer Maria Rilke hat in seinem Gedicht „Sankt Christophorus“ Wesen und Aufgabe des Mannes noch poetisch ausgearbeitet. Vier Zeilen davon skizzieren unübertroffen das Berufsbild Übersetzender: So trat er täglich durch den vollen Fluss – / Ahnherr der Brücken, welche steinern schreiten, – / und war erfahren auf den beiden Seiten / und fühlte jeden, der hinüber muss. Und dieses Berufsbild schließt nicht nur den Transport von einem Ufer zum anderen ein, das ÜberTRAGen, sondern auch […] das Bescheid-Wissen über das, was hinüber gebracht werden muss und was auf der anderen Seite ‚ankommt‘. Er ist auf beiden Seiten erfahren.“

Dass das Kind, das zunächst so leicht erschien, auf dem Weg immer schwerer wird und der Träger das andere Ufer nur mit Mühe erreicht: Auch so sei es mitunter, das Übersetzen.
 
 

Siehe auch:
Hartmut Fähndrich

Letzte Änderung: 26.07.2022  |  Erstellt am: 26.07.2022

In der Edition Faust ist die Erzählsammlung „Kleine Festungen” erschienen (s.u.) und der Kurzroman „Ein Mädchen namens Wien” von Sahar Mandûr.

Kleine Festungen | © Ebba Drolshagen

Hartmut Fähndrich Kleine Festungen

Geschichten über arabische Kinder und Jugendliche
Zusammengestellt und aus dem Arabischen übersetzt von Hartmut Fähndrich
Mit Beiträgen von 50 Autorinnen und Autoren aus 12 arabischen Ländern
Mit Illustrationen von Maha Nasrallah
382 S., brosch.
ISBN 978-3-945400-85-2
Edition Faust, Frankfurt am Main 2021

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