Das Auge des Steuermanns

Das Auge des Steuermanns

Europoesie aus Portugal

Ohne Übersetzungen wüssten wir selbstverständlich gar nichts über die Lyrik nicht-deutschsprachiger Länder. Übersetzungen machten für uns den katholischen Dichtersoldaten Luís de Camões und den dichtenden Handelskorrespondenten Fernando Pessoa zu den bekanntesten Lyrikern Portugals. Zu den unbekannten gehören nicht nur die Poeten der Gegenwart, sondern bis jetzt die Lyrikerinnen, wie etwa Sophia de Mello Breyner Andresen, die Bernd Leukert vorstellt.

Die männlichen und weiblichen Stimmen der portugiesischen Lyrik

Pessoa-Skulptur in Lissabon

Man kann sich für ein Foto an seinen Tisch setzen. Jeder kennt ihn. Ganz in Bronze sitzt er, ein Bein über das andere gelegt, vor dem Lissaboner Café A Brasileira. Fernando Pessoa, der 1935 starb, ist vermutlich der weltweit bekannteste Dichter Portugals. Das verdankt er nicht nur seiner stilistischen Vielfalt und seiner überragenden, grenzüberschreitenden Dichtkunst, sondern auch den Übersetzungen in zweisprachigen Ausgaben, worum sich schon einheimische Verlage kümmern. So erschien etwa 2015 im Verlag „Lisbon Poets & Co.“ die erste Ausgabe der „Lisbon Poets“ mit Werken von Luís de Camões, Cesário Verde, Mário de Sá-Carneiro, Florbela Espanca und Fernando Pessoa in portugiesisch-englischer Edition. Dennoch überstrahlt die Prominenz Pessoas nicht nur die älteren Poeten wie den frühbarocken Camões, der nicht nur ein virtuoser Sonett-Schreiber war, sondern mit den „Lusiaden“ das Nationalepos Portugals schuf. Sie macht es auch den Zeitgenossen und den jüngeren Poeten schwerer, international wahrgenommen zu werden.

Als der Suhrkamp Verlag 1962 in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe „Texte in zwei Sprachen“ mit sicherer Hand Erlesenes portugiesischer Lyrik herausbrachte, waren es eben die „Meeres-Ode“ und eine Auswahl der schönsten Texte Fernando Pessoas. Auch der Ammann Verlag in der Schweiz konzentrierte sich in den 80er Jahren mit einer zweisprachigen Werkausgabe auf Pessoa.

„Oh salziges Meer, wie viel von deinem Salz/ sind Tränen Portugals!“ So beginnt Pessoas „Portugiesische Meer“.

Wir, die wir Deutsch lesen und Portugiesisch wenigstens ahnen, finden zweisprachige Wiedergaben von Gedichten lebender Portugiesen vor allem in Netzzeitschriften wie lyrikline.org (da sogar mit Audio in portugiesischer Sprache), aber selten in gedruckten Ausgaben. Die letzte käufliche Anthologie, der dieses Zitat entnommen ist, erschien, nach der Edition Langewiesche-Brandt in zweiter verbesserter Auflage bei dtv, im Jahr 1999. Sie versammelt Beispiele portugiesischer Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart; und die Auswahl ist so gestaltet, daß sich die inhaltlichen und stilistischen Charakteristika jeder Epoche wie in einem historischen Bilderreigen zeigen: Die Troubadoure und Spielleute des Mittelalters thematisieren die Sehnsucht nach dem Freund oder Geliebten, mit der Renaissance bricht die Frömmigkeit herein und überlagert die anspruchsvolle Dichtung bis in das Barock hinein; man hört den Tonfall der Aufklärung, des Klassizismus, des Neoklassizismus und der Romantik, den Einfluß des Symbolismus, des Futurismus und des Modernismus; mit dem Surrealismus und dem Presencismus, der schließlich in den Neorealismus und in postmoderne Rückbindungen mündet, zeichnet die Abfolge die antagonistischen Auseinandersetzungen nach, die die portugiesische Geschichte der lyrischen Literatur als äußerst lebendige und bis heute von selbstbewußten Poetinnen und Poeten verkörperte Tradition darstellt.

Weil die Reihe „Europoesie“ zweisprachige Lyrik aus Europa vorstellt, sind darin Veröffentlichungen aus Brasilien, Angola, São Tomé und Príncipe, Mosambik, Kap Verde, Guinea-Bissau und Macau nicht berücksichtigt, wiewohl sie – so unterschiedlich sie den Sprachgebrauch auch ausformen – sonst unbedingt in den Gesamtzusammenhang der portugiesischen Literatur gehören.

Die Geschichte der portugiesischen Poesie ist lang und voller Helden, was die Sujets der Dichtung meint, aber auch die Dichter selbst. Poetinnen bildeten, wie überall auf der Welt, eine Minderheit. Die bekannt gewordenen sind aufzählbar, angefangen mit Soror Violante Do Céu, Maria Do Céu und Maria Magdalena Da Glória, den drei Nonnen, die mit ihren geistlichen Versen zum festen Bestandteil der Barocklyrik des 17. Jahrhunderts gehören, über die mondän-aufklärerische Marquesa De Alorna, die die Lyrik zur Romantik hinführt, und Irene Lisboa, die, zeitgleich mit der wieder Sonette schreibenden Florbela Espanca und der ‚einzigen modernistischen Dichterin’, Judite Teixeira, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den namhaften Dichterinnen zählen.

Als größte Lyrikerin dieses Jahrhunderts wird aber Sophia de Mello Breyner Andresen bezeichnet, von der 2010 im Verlag textura, bevor dieser an C.H. Beck überging, „Poemas-Gedichte“ in der Übersetzung von Maria de Fátima Mesquita-Sternal erschienen.

Sophia de Mello Breyner Andresen wurde 1919 in Porto geboren. Ihren Familiennamen erbte sie von ihrem Urgroßvater, einem dänischen Einwanderer. Sie veröffentlichte Erzählungen, Essays, Kinderbücher, ein Theaterstück und übersetzte antike Autoren. Ihr ganzes Leben lang schrieb sie eben auch Gedichte, denen sie ihren Ruhm verdankt. 1999, fünf Jahre vor ihrem Tod, wurde ihr als erster Frau der hochdotierte Prémio Camões für ihr herausragendes Gesamtwerk zuerkannt.

Und wieder einmal ist es der Berliner Elfenbein-Verlag – der sich seit 1997 um portugiesische Dichtung bemüht, schon die zweisprachige Luís de Camões-Werkausgabe und jetzt eine vierbändige Ausgabe der Schriften des Dichters Al Berto besorgte – der zuerst den Gedichtband „Der Zigeunerchristus“, dann „Die Muschel von Kos und andere Gedichte“ von Sophia de Mello Breyner Andresen, übersetzt von Sarita Brandt, zweisprachig herausbrachte.

Der Zyklus „Der Zigeunerchristus“ geht auf eine Legende zurück, nach der im Sevilla des 17. Jahrhunderts ein berühmter Holzschnitzer den Auftrag bekommt, das Sterben Christi zum Ausdruck zu bringen. Er bemühte sich lange vergebens, bis er eines Nachts den schönen, „El Cachorro“ genannten „Gitano“, Flamencosänger und Frauenliebling, mit einem Dolch in der Brust auffindet, dessen Gesicht im Todeskampf er sofort mit Kohle auf Papier festhält. In dem geschlossenen Zyklus von zwölf Gedichten legt die Poetin dem Leser nahe, daß der Künstler selbst den Sänger erstach, um den ersehnten Gesichtsausdruck zu bekommen. Diesem Zyklus ist schon die Vorgehensweise der Sophia de Mello Breyner Andresen zu entnehmen: Neben der knappen thematischen Anbindung schafft sie gerne ein eigenständiges Umfeld für sinnliche und übersinnliche Betrachtungen.

Der Band „Die Muschel von Kos“ umfaßt die beiden Zyklen „Meerestage“ und eben „Die Muschel von Kos“, sowie eine fünfteilige Ars poetica im Anhang. Die „Meerestage“ sind umfangreich, insgesamt über 70 Gedichte, gegliedert in sechs Gruppen. Es überrascht vielleicht nicht, daß das Meer darin überaus präsent ist, ebenso wie der Wald. Beide fungieren mit ihrer positiven Wirkkraft als Zufluchtsorte: „Wenn auch erschöpft, werden wir erblühen,/ Im Einklang mit dem Meer und dem Wald.“ Diese Zeilen stammen aus dem Gedicht „Alsbald“, dessen Fortsetzung das künstlerische Programm „Sophias“ – wie sie in Portugal genannt wurde – im Kern enthält: „Der Wind wird die Müdigkeit verjagen/ In den wirren, hastigen Gesten der Zeit./ Unsere schlaffen Glieder werden erfahren/ Von der Tiere leichtfüßiger Schnelligkeit.// Erst dann werden wir durchwandern/ Das Mysterium, das hallt immerfort/ Im grünen Hain, im Meer zum andern./ Und aufgehen wird in uns sein Wort.“

Wer Elemente der Aufklärung, des Neorealismus, der spätestens nach dem Ersten Weltkrieg in Europa sich verbreitete, oder gar des Modernismus in ihrer Dichtung erwartet, wird enttäuscht sein. Ein mystischer Grundzug, eine Todessehnsucht, das schwere Parfum des Fin de Siècle durchdringt ihre Naturbeschwörung, auch noch, wenn, wie in „Gesunkenes Schiff“ das Pittoreske sich ins Groteske wendet:

„Es kam aus einer klangvollen,/ Klaren und gefestigten Welt./ Und nun verwahrt es das Meer,/ Lautlos schwebt es in der Tiefe.// Ein bleiches Skelett ist der Kapitän,/ Hell wie an den Stränden der Sand,
/ Er hält zwei Muscheln in der Hand,/ Anstelle von Adern hat er nun Algen/ Und eine Meduse ersetzt ihm das Herz.// Die farbigen Grotten, die ihn umgeben,/ Nehmen vage, fast fließende Formen an,/ Es leuchten die Wasser wie Blumentiere/ Und die Quallen sind stumm und gläsern.// Und die Seeleute auf dem Meeresgrund/ Erzittern beim Vorbeigleiten der Sirenen,/ Der zarten Wesen mit ihrem violetten Haar/ Und dem verhangenen, abwesenden Blick/ Und Augen so grün wie die Augen der Seher.“

Folgt man dem portugiesischen Original, so sieht man auf der deutschen Seite eine wortgetreue Übersetzung – mit Ausnahmen. Und es sind diese Ausnahmen, die sich einem alten Problem der Lyrikübersetzung verdanken: Lassen sich Vers und Reim, wenn vorhanden, in die andere (hier die deutsche) Sprache mitnehmen? Und was ist zu tun, wenn die analoge Wiedergabe nur mit erkennbarer Mühe durchgeführt werden kann? Das sind heikle Entscheidungen, um die eine Übersetzerin nicht zu beneiden ist. Sarita Brandt hat immer mit der jeweiligen Gestimmtheit die poetische Absicht der Autorin zu bewahren gewußt und mal die Reimbindung vermieden oder eben genutzt. Nicht immer, aber immer wieder sind dabei Abweichungen vom Original entstanden, – nicht weil für ein Wort oder Sprachbild gar keine deutsche Entsprechung vorhanden ist, sondern weil der Reim etwas fordert, das im Original nicht existiert. So werden etwa ‚vozes misteriosas’ zu ‚Stimmen im Wind’ (Dies ist die Stunde), der ‚ritmo perfeito’ wird zur ‚vollendeten Lust’ (Der erste Mensch); ‚o sangue dos meus braços’ ‚das Blut meiner Arme’ bekommt den Zusatz ‚ein Pfand’ (Dunst); ‚Num silêncio de guitarra dedilhada’ wird zu ‚Und leise wie Gitarrenspiel in fernem Flimmer’ (Das Mädchen aus Goa) und die ‚Pérolas rubis corais’, also ‚Perlen Rubine Korallen’ werden mit ‚Samt’ angereichert’ (Venedig). Diese freien Erfindungen lenken die Bedeutung der Verse in eine Richtung ohne Rückbindung.

„Das Auge des Steuermanns scharf gerichtet/ Auf das Reale/ Wachsam verfolgend/ Das stetige Abweichen vom Kurs“, heißt es in der zweiten Hälfte des Gedichts „Augen“. Vielleicht gibt diese Stelle einen Hinweis auf die Arbeitsweise der Dichterin und auf die adäquate Weise, ihre wirkmächtigen Sprachbilder zu lesen. Denn alles spricht dafür, daß sie – bei aller Drift ins Mystische – eine außerordentlich bewußte und gelehrte Poetin war. Dafür spricht auch die Eleganz, mit der Sophia de Mello Breyner Andresen die vielen Bezüge zur antiken Literatur (vermehrt in der zweiten, unter der titelgebenden „Muschel von Kos“ versammelten Gedichtgruppe) handhabte. Wenn immer Hellas, Dionysos, Apollon, Endymion, Kassandra, Plutarch, Catilina, Horaz oder Tristan und Isolde in einem Gedichttitel erscheinen, – nie ist von der Geschichte, der Legende oder dem Mythos selbst die Rede. Wie im Vorbeiflug entnahm sie den Figuren eine metaphorische Szene, einen psychologischen Augenblicksbefund oder auch nur eine Assoziation. In einem der schönsten Gedichte des Bandes, „Die Toten der Hekate“, sind es also die Toten, die die Göttin der Magie und der Nekromantie, der Wächterin der Tore zwischen den Welten, mit den Menschen in Kontakt treten läßt.

„Lautlos an unserer Seite, stillen die Toten/ Am Odem unseres Lebens ihren Durst./ Wie ein Schatten folgen sie jeder Geste,/ Kommen sie, spüre ich sie vorbeihuschen/ Spät in der Nacht, zu holen unsere Reste.// Sie erscheinen, wo wir uns hinlegen,/ Mischen sich ein auf unseren Wegen,/ Sprechen nach ein jedes unserer Worte./ Sie wachen sanft über unseren Schlaf,/ Und trinken, wie Milch, unseren Traum.// Unberührbar, schwerelos und schemenhaft/ Tauchen sie auf im frischen Blut auf der Zunge./ Sie lächeln über das Bild einer Lebenspforte,/ Und weinen um uns, wenn wir es nicht sehen,/ Denn sie wissen bereits, wohin wir gehen.“

erstellt am 26.5.2021

Letzte Änderung: 25.09.2021

Sophia de Mello Breyner Andresen: Der Zigeunerchristus. Gedichte. Portugiesisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Sarita Brandt, Klappenbroschur, 40 Seiten, ISBN: 978-3-96160-051-9, Elfenbein Verlag, Berlin, 2020

Sophia de Mello Breyner Andresen Der Zigeunerchristus

Gedichte. Portugiesisch-Deutsch
Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Sarita Brandt
Klappenbroschur, 40 Seiten
ISBN: 978-3-96160-051-9
Elfenbein Verlag, Berlin, 2020

Hier bestellen
Sophia de Mello Breyner Andresen: Die Muschel von Kos und andere Gedichte. Portugiesisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Sarita Brandt, Klappenbroschur, 256 Seiten, ISBN: 978-3-96160-052-6, Elfenbein Verlag, Berlin, 2021

Sophia de Mello Breyner Andresen Die Muschel von Kos und andere Gedichte

Portugiesisch-Deutsch
Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Sarita Brandt
Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN: 978-3-96160-052-6
Elfenbein Verlag, Berlin, 2021

Hier bestellen
Sophia de Mello Breyner Andresen: Poemas – Gedichte. Auswahl und Übersetzung von Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal, Klappenbroschur, 143 Seiten, ISBN: 978-3-406-60835-3, Textura / Verlag C.H. Beck, München, 2010

Sophia de Mello Breyner Andresen Poemas – Gedichte

Auswahl und Übersetzung von Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal
Klappenbroschur, 143 Seiten
ISBN: 978-3-406-60835-3
Textura / Verlag C.H. Beck, München, 2010

Hier bestellen
Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal (Hrgs.): Poemas Portugueses/ Portugiesische Gedichte. Taschenbuch, 216 Seiten, ISBN: 978-342309362, Deutscher Taschenbuch Verlag/dtv, München, 1997

Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal (Hgs.) Poemas Portugueses/ Portugiesische Gedichte - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Herausgegeben und übersetzt von Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal
Taschenbuch, 216 Seiten
ISBN: 978-342309362
Deutscher Taschenbuch Verlag/dtv, München, 1997

divider

Kommentare

Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.

Kommentar eintragen