Unendliche Versprechen

Unendliche Versprechen

Mehrsprachige Poesie
Comer See | © Bernd Leukert

Während sich Europa wirtschaftlich und machtpolitisch in nationalistischen Souveränitätsträumen verliert, sind an deutschen Sprachgrenzen kulturelle Aktivitäten wahrzunehmen, die auf Kooperation und Austausch aus sind. Bernd Leukert weist auf zwei Zeitschriften hin, die auf Mehrsprachigkeit setzen: „In un lago infinite promesse” und „TRIMARAN”.

Mehrsprachige Poesie: „In un lago infinite promesse” und „TRIMARAN”

Nichts, was die Poesie betrifft, ist je für immer Vergangenheit. Durch Fugen, Kamine und Hintertüren kommen junggeglühte Traditionen wie das Widmungsgedicht wieder in die luftige Loft der literarischen Gegenwart, – wenn jemand danach ruft. Die Leiterin der „Casa della Poesia di Como“, Laura Garavaglia, die jährlich das internationale Poesiefestival „Europa in versi“ – Europa in Versen – veranstaltet (Ende Mai hat gerade eines stattgefunden), und zwar am Ufer des Comer Sees, hat Lyrikerinnen und Lyriker um Gedichte gebeten, die eben diesen See thematisieren. Diese Gedichte hat sie in der Anthologie „In un lago infinite promesse. I poeti di Europa in versi e il lago di Como“ versammelt und mit farbigen Seefotos ausgestattet. Viele Gedichte sind in der Originalsprache abgedruckt, fast alle sind sie ins Italienische übersetzt. „In un lago infinite promesse” ist eine Zeile, die dem Gedicht „Fase d’Oriente“ (Orientalische Phase) von Giuseppe Ungaretti entnommen ist. „Chiudamo gli occhi/ per vedere nuotare in un lago/ infinite promesse“, heißt es da: „Wir schließen die Augen/ um unendliche Versprechen in einem See/ schwimmen zu sehen.” So hat das Ingeborg Bachmann übersetzt. Hanno Helbling hat die „Versprechen“ durch „Verheißenes“ ersetzt.

Versprechen müssen gehalten werden; wer etwas verheißt, ist dafür nicht haftbar. Etwas zwischen Versprechen und Verheißung ist beim Comer Poesiefest wirksam; der ausgreifende Name „Europa in versi“ steht dafür.

Für die Hommage an den Comer See hat Garavaglia den Auswahlradius der beteiligten Autorinnen und Autoren etwas über die Grenzen Europas hinaus ausfasern lassen, andererseits einen starken nationalen Schwerpunkt gesetzt. Man kann sich denken, daß das poetische Angebot dabei auch die Nachfrage regelte. Von den 68 Beiträgen kommen also 32 aus Italien, vier aus der italienischen Schweiz, drei aus der Türkei, jeweils zwei aus der Ukraine, Russland, Rumänien Estland, Uruguay, Japan und Spanien. Jeweils ein Gedicht ist aus Libanon, Moldawien, Belgien, Irland, Kolumbien, Israel, Ungarn, Neuseeland, Iran, Österreich, Makedonien, Deutschland, Frankreich und New Jersey, USA. Viele der beteiligten Nicht-Italiener leben allerdings in Italien, sind also mit dem malerischen, 46 km langen See und der Sprache vertraut.

Ein üppiger Strauß ausschweifender und karger, schwärmender und verhaltener, beschreibender und reflektierender, langer und kurzer Gedichte ist in dieser Anthologie gebunden. (Den deutschen Beitrag schrieb Monika Rinck.) Das kürzeste ist von dem Österreicher Karl Lubormiski: maiuscola di un grande messaggio. – Der Anfangsbuchstabe einer großen Botschaft.

Die andere Publikation, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, ist das Lyrikmagazin für Deutschland, Flandern und die Niederlande, „TRIMARAN“. Es erscheint einmal jährlich und ist ein europäisches Kooperationsprojekt der Kunststiftung NRW mit dem Nederlands Letterenfonds und Flanders Literature. Trotz der stabilen institutionellen Verankerung ist „TRIMARAN“ frei von administrativer Selbstdarstellung, im Gegenteil: In einer persönlichen Zweisprachigkeit, in einem Zwiegespräch mit Partnern auch aus unterschiedlichen Kulturen werden Gedichte ausgetauscht und übersetzt. Im Innenteil, ein Heft im Heft, dessen Format um 0,5 × 1,0 cm den umgebenden Mantelteil – inhaltlich hinführend und ausfasernd – überragt, begegnen sich die belgische Poetin und Performerin Maud Vanhauwaert und der deutsche Schriftsteller José F. A. Oliver aus Hausach im Schwarzwald. Sie präsentieren sich gegenseitig, setzen ihre Übersetzungen neben die Originalgedichte des/der jeweils Anderen und schließen mit einem Gedicht, das sie zusammen geschrieben haben, – sie ihren Anteil auf Flämisch, er den seinen auf Deutsch.

Im weiteren charakterisiert die deutsche Autorin und Übersetzerin Özlem Özgül Dündar die Dichtung des niederländischen Poeten Dean Bowen („ … Und das lyrische Ich ist zerworfen mit sich und der welt durch die farbe seiner haut …“), übersetzt etwa acht seiner Gedichte und schreibt noch den Essay „Sprache macht“ über die Sinnlichkeit des Bowenschen Sprechakts.

Dann tritt die Deutsche Annelie David auf, eine ehemalige Tänzerin und Choreographin, die seit 40 Jahren in den Niederlanden lebt, Lyrik schreibt und ins Niederländische übersetzt. Sie wiederum rahmt Gedichte von Özlem Özgül Dündar, die sie ins Niederländische übersetzte, mit einfühlsamen essayistischen Texten über die Dichtung Dündars.

Im Außenheft interviewt die niederländische Übersetzerin Anna Eble die Lyrikerinnen Catharina Blaauwendraad – ebenfalls aus den Niederlanden, aber seit 2009 in Österreich – und, wiederum, Annelie David. Dazu tritt ein Dossier der Schriftstellerin Julia Trompeter zum performativen Potenzial visueller Lyrik. Da geht es um die Gedichte des 1928 gestorbenen belgischen Poeten Paul van Ostaijen, dessen typographisch aufwendiger Text „ Haus Stadt Ich“ beeindruckend wiedergegeben ist, ebenso wie „Nietsomhanden“ (Allehändenixzutun) von Maud Vanhauwaert.

Eingestreut sind Buchempfehlungen, die von den erwähnten Autoren beigesteuert sind. Im Dialog mit den „Klimaatdichters“ Samuel J. Kramer und Moya de Feyter geht um die Möglichkeit einer „Gebrauchslyrik“, nämlich von Gedichten gegen den Klimawandel; der deutsche Lyriker Alexandru Bulucz denkt in seinem Beitrag über die Rückkehr des „weniger Schönen“ in die deutschsprachige Gegenwartslyrik nach, und der Flame Stefan Hertmans reagiert mit Gedichten auf den Besuch Paul Celans bei Martin Heidegger und auf Celans Tod in der Seine.

Diese notwendigerweise umständliche Beschreibung kann nur andeuten, wie diese dritte Ausgabe des „TRIMARAN“ – übrigens nicht anders als die beiden Ausgaben zuvor – mit seinen sorgfältig aufbereiteten Texten aufgebaut ist. Da ist nichts zufällig, alles ist raffiniert miteinander verflochten.
Er erhebt mit seiner außergewöhnlichen Gestaltung und der inhaltlichen Komposition selbst einen künstlerischen Anspruch. Es ist eine Lust, darin zu lesen.

Letzte Änderung: 15.06.2022  |  Erstellt am: 13.06.2022

In un lago infinite promesse | © Bernd Leukert

I poeti di Europa in versi e il lago di Como
A cura di Laura Garavaglia
192 S., brosch.
La casa della poesia di Como, Como 2020

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Trimaran#3 | © Bernd Leukert

Lyrikmagazin
Für Deutschland, Flandern und die Niederlande
Poëziemagazine
Voor Duitsland, Vlaanderen en Nederland
132 Seiten, zweisprachig
ISBN 978-3-940357-91-5
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2022

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Kommentare

Dieter Kaufmann schreibt
Danke schön

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