Unendliche Kräfte

Unendliche Kräfte

Architekturführer Frankfurt, 1980-89
„Haus für Goethe“ von Eduardo Chillida  | © Götz Diergarten

Das ‚Haus für Goethe’ steht in der Frankfurter Taunusanlage. In der Tat ist es aber kein bewohnbares Haus, sondern eine wundersame Skulptur des 2002 gestorbenen Bildhauers Eduardo Chillida. Sie ist im Architekturführer „Frankfurt 1980-1989“ dargestellt und von Friedhelm Mennekes ausführlich und kenntnisreich beschrieben.

Friedhelm Mennekes über Eduardo Chillidas »Haus für Goethe« in der Taunusanlage Frankfurt.

Das Haus für Goethe, aus Beton gebaut, ist nicht grau. Sein Material ist graubraun gefärbt und von feinen oxidierenden Kupferspänen durchsetzt. Sie halten und tragen nachhaltig die Farbe. Der in einem Zug gegossene Beton ist an der Oberfläche grob, von rau gemaserten Einschalungen geprägt und bis ins kleinste Detail feingliedrig geformt. Eine Art ‚Strauß‘ von sechs ausgreifenden Bögen ist hier bewusst in einer Art Gefäß arrangiert. Die Bögen ähneln den zahllosen Rundungen in den Zeichnungen der Siebzigerjahre, den spielerisch züngelnden Kurven oder den strategisch beherrschenden Kraftlinien, Formen für schwingende Klänge der Musik oder kosmische Umarmungen der Elemente – bis hin zu den „unendlichen Kräften, wenn sie das Meer erreicht haben“, wie Chillida wörtlich in einer Studie zu den Windkämmen (1976) schreibt. Es sind tobend entfesselte Kräfte.

Das Denkmal „Haus für Goethe“ (1986) von Eduardo Chillida, an der Taunusanlage in Frankfurt am Main  | © Foto: Foto: Dontworry – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
„Haus für Goethe“ von Eduardo Chillida  | © Foto: Götz Diergarten

In eingehender Betrachtung wirkt die begehbare Skulptur wie die Ruine einer eingefallenen romanischen Kapelle. Diese aber steht einschiffig fest auf einem innen wie außen klar gepflasterten Grund. Hier hat sie ihren Halt und besteht aus zwei Teilen, den Resten eines Jochs als Eingangszone und einer stark lädierten Apsis. Der Eingang hat an seinen Ecken vier Pfeiler, die zu beben scheinen, als würden sie in irritierender Lebendigkeit gerade erst entstehen.

Zu beiden Seiten der aufgebrochenen Wände schlagen nach hinten hin ins Freie geradezu blitzartig zwei klar konstruierte Halbbögen aus. Gleichzeitig werden sie wie magnetisch in eine neue Bewegung gedreht und nach vorne zur Apsis hin zurückgebunden. Zweimal gebogen, drehen sie sich in die Höhe, beugen sich wie unter der Schwerkraft der Erde niedergedrückt nochmals auf – und verbinden sich in den einwirkenden Kräften über dem Eingang zu einem Bogen. Wie in Magnetfeldern gejagt, schlagen sie aus, drehen sich und ziehen sich in der Mitte zusammen, als wollten sie eine Tonne über dem Raum andeuten. Sie verbinden sich und weisen im Ansatz zur Apsis. Dieser Bogen ist der einzige Halt dieses Eingangsjochs. Er hält die Wände zusammen und macht dem Besucher den Mut zum Eintritt.

Aber die statischen Gewalten lockern sich nicht nur in den beiden ersten Pfeilern, sie lassen auch die hinteren erleben. In unterschiedlicher Höhe zeigen sich dort zwei Gegenbögen. Der linke ruht statisch hoch auf dem Pfeiler und dreht sich zum Eingang zurück; auch der rechte schlägt einen Bogen, setzt rückwärts zur Apsis an und beugt sich dann zurück zum Eingang. So sehr dieser Teil der Kapelle fest auf dem Boden ruht, so sehr sind die Eckpfeiler bewegt, ja sogar tänzelnd erregt – wie ein lebendiges Haus.

In der Tat, dieses Eingangsjoch ist aus einem Guss gefertigt und ein eigenständiges Gebäude. Ganz nah und millimetergenau ist es an die vordere Apsis herangerückt, auch diese aus einem Guss. Jetzt stehen beide Hausteile dramatisch da, in eingehaltener Bewegung bewahren sie ihre kleinste Distanz ohne jegliche Berührung, ohne einen Kraftübersprung – und sei es, dass eine der vielen Injektionsnadeln nach Gebrauch an diesem geheimen Drogentreff in die kleine Ritze eingedrückt wird. Kaum ein anderes Detail dieses Hauses ist so beredt und faszinierend wie dieser offene, durch-sichtige Ritz.

Für den abschließenden Gebäudeteil, die Apsis, hat Chillida viele Vorstudien gemacht. Fünf Jahre zuvor entstand die Stele für Goethe (1981), ein kleiner Eisenguss. Da schwingt sich aus einem Halbrund eine leicht gebogene Halbrundform skulptural auf und bricht in halber Höhe in der Mitte zu einem romanischen Fensteransatz aus. Seitwärts erhebt sich das Gemäuer, das plötzlich zu beiden Seiten je zwei Halbkreise ausschlagen lässt. Statt auf romanische Rundfenster weisen diese aber eher auf wild agierende, imaginäre Rundblitze. Auf bewegte Greifarme oder Hörner oder Zangen?

Für die Casa wird fünf Jahre später dieses Detail beruhigt und geordnet. Jetzt öffnet sich von außen die Apsis zu einem lebendig, aber geometrisch aufgerissenen Loch, flankiert zu beiden Seiten von mächtigen Greif- und Kampfbögen. Doch das lebendige Haus für Goethe ist kein Vernichtungsmonster, sondern mäeutisch, ein Ort der Geburtshilfe, von neuen Gedanken und inspirierten Lebensentwürfen.

„Ich bewundere Goethe sehr … doch mehr als sein dichterisches Werk spricht mich sein wissenschaftliches Denken an, seine Ausführungen über die Spirale, über die Farben und die Eigenschaften der Zahlen etwa. Gemeinhin finden diese Gedanken weniger Aufmerksamkeit als seine Poesie, verdienen aber volle Beachtung“, sagte mir Chillida einmal in einem Gespräch.

Auszug aus

Architekturführer „FRANKFURT 1980–1989“, Junius Verlag, Hamburg, 2020; Herausgeber: Freunde Frankfurts e.V., Wilhelm E. Opatz, ISBN 978-3-96060-525-6.

Friedhelm Mennekes (SJ) ist ein katholischer Theologe, Priester und Kunstverständiger.

Letzte Änderung: 30.08.2021

Wilhelm E. Opatz und Freunde Frankfurts e.V. (Hrsg.) Frankfurt 1980–1989 Architekturführer Fotografien von Georg Dörr, Adrian Seib und Götz Diergarten Softcover/Leinen, 208 Seiten ISBN: 978-3-96060-525-6 Junius Verlag, Hamburg 2020
	  Die „Architekturführer Frankfurt“-Reihe von Wilhelm Edward Opatz: 1950–59, 1960–69, 1970–79 und 1980–89. Foto: Lettkemann – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
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