Opernszenen en miniature

Opernszenen en miniature

Asmik Grigorian und Lukas Geniušas in Frankfurt
Asmik Grigorian und Lukas Geniušas  | © Barbara Aumüller

Der erste Liederabend der Spielzeit 2022/23 der Oper Frankfurt war ein künstlerischer Paukenschlag. Die Sopranistin Asmik Grigorian und der Pianist Lukas Geniušas traten mit einem rein russischen Programm auf: Tschaikowski und Rachmaninow. Darf das heutzutage sein? Es muss sogar sein. Erst recht, wenn zwei wie diese beiden Künstler es tun, meint Andrea Richter.

Liederabend mit Asmik Grigorian und Lukas Geniušas in der Oper Frankfurt

Fangen wir am Ende des Hauptprogramms an: „Soll er doch meine armselige Schönheit besitzen!“ schreit sie rasend und verzweifelt im Fortissimo mit nach hinten gebeugtem Körper heraus. Ihre Seele wird er nie bekommen. Dann nur noch im Piano ihr rhythmischer Herzschlag bis zum Ersterben auf dem Klavier. Ergreifend diese Vertonung des Gedichts „Dissonanz“ des russischen Dichters Jacov Polonski (1854-1888) durch Sergei Rachmaninow. Ergreifend die Darbietung des Künstlerduos Grigorian/ Geniušas. Nicht nur dieses Liedes, sondern aller elf vorgestellten Lieder des Komponisten. Sein symphonisches Werk, insbesondere seine Klavierkonzerte, gehören zum gängigen Repertoire auf westlichen Bühnen. Sein Liedschaffen ist weitgehend unbekannt. So muss es Gregorian/ Geniušas besonders hoch angerechnet werden, es sowohl für eine CD-Einspielung als auch für eine Tournee ausgewählt zu haben.

Warum ihnen ein fester Platz auf den Westbühnen versagt ist? Das lässt sich nur erahnen. Vielleicht weil die Texte auf Russisch sind und diese Sprache als schwer und unaussprechlich gilt. Dagegen spricht, dass die Opern von Tschaikowski, Prokofjew oder Schostakowitsch auch von nicht russischsprachigen Sängern in Angriff genommen werden und die Sprache gesungen traumhaft ist. Auch die hoch romantischen Lieder Tschaikowskis sind des Öfteren zu erleben. So auch im ersten Teil dieses Liederabends. Warum fehlt also Rachmaninow? Wahrscheinlich, weil sie wirklich höchste Ansprüche an das gesangliche und pianistische Können der Künstler:innen stellen. Dort geht es anders zu als bei Schubert oder Schumann oder Mahler oder Strauss. Weil, wie Grigorian selbst sagt, jedes dieser Lieder eine intensive Opernszene en miniature ist, in der eine kräftige und biegsame Stimme sowie höchstes Ausdrucksvermögen gefragt sind. Über beides verfügt sie in Fülle, wie die 41-Jährige auf den wichtigsten Bühnen der Welt bewiesen hat und beweisen wird. Bis 2028 ist ihr Terminkalender voll.

Geniušas ist ein Pianist auf Augenhöhe, der mit einer großartigen Mischung aus Intuition, Verstand und Fingertechnik der Vorstellung der Komponisten von der Rolle des Klaviers in Verbindung mit der Stimme sehr nahegekommen sein dürfte: Im ersten Teil mit den sechs gesungenen Romanzen Tschaikowskis eher in begleitender Funktion. Seine solistischen Fähigkeiten zeigte er in sehr unterschiedlichen, kurzen Solopianostücken des Komponisten. Im zweiten, reinen Rachmaninow-Teil waren dann zwei kompositorisch gleichberechtigte Partner mit vollem emotionalem Spektrum von größter Zartheit bis zu leidenschaftlichem Ausbruch, sowohl in der Klavier- wie auch in der Singstimme hochvirtuos und ausdrucksstark zu erleben. Solisten und Partner jenseits des Mittelmaßes, die es wohl braucht, um Rachmaninow gerecht zu werden!

Interessant sind die Herkünfte der beiden Künstler: Lukas Geniušas, in Moskau geboren, Russe, ist Kind von Ksenija Knorre, Professorin am Moskauer Konservatorium, und dem litauischen Pianisten und Professor an der Litauischen Musik- und Theaterakademie in Vilnius, Petras Geniušas.

Die Eltern der Litauerin Asmik Grigorian sind die litauische Sopranistin und ebenfalls Professorin an der Litauischen Musik- und Theaterakademie in Vilnius Irena Milkevičiūtė und der armenische Tenor Gregam Grigorian. 1980 wurde er an die Oper von Vilnius verpflichtet, wo seine Tochter 1981 das Licht der Welt erblickte. Ihre gemeinsame Sprache war Russisch. Während der Sowjetzeit durfte er für zehn Jahre nicht aus der Sowjetunion ausreisen. Deshalb startete seine internationale Karriere erst nach 1990. Er starb 2016. Asmik Gregorians erster Ehemann war der litauische Sänger Giedrius Žalys. Jetzt ist sie mit dem russischen Opernregisseur Vasili Barkhatov verheiratet.

Beide sind also tief mit der Sprach- und Musikkultur des jeweils anderen verwurzelt, was einmal mehr die Auswahl des Programms erklärt. Ohne Putins Krieg wäre das nicht erklärungsbedürftig.

Asmik Grigorian und Lukas Geniušas

Letzte Änderung: 09.09.2022  |  Erstellt am: 09.09.2022

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