Die Entdeckung der Gefühle

Die Entdeckung der Gefühle

Interview mit Stephen Frears
Stephen Frears (1989) | © https://commons.wikimedia.org

Colettes Roman „Chéri“ erschien 1920. Stephen Frears, der den Stoff mit Michelle Pfeiffer und Rupert Friend mitsamt der dekadenten Pracht der Belle Époque nach dem Drehbuch von Christopher Hampton inszenierte, nannte seinen Film eine Komödie der Eitelkeiten. 2009, im Erscheinungsjahr des Films, sprach Marli Feldvoß auf dem Münchner Filmfest mit dem Regisseur.

Stephen Frears im Gespräch mit Marli Feldvoß zu seinem Film „Chéri“

Marli Feldvoß: Mr. Frears, könnte es sein, dass Sie eine Leidenschaft für starken Frauen haben?

Stephen Frears: Ich kenne nur starke Frauen. Meine Mutter, meine Frau, meine Ex-Frau, meine Tochter. Alle sind sehr stark.

Was bedeutet das für Sie?

Angst! (Gelächter) Frauen sind sehr klug. Sie kriegen Dinge hin, von denen Männer nur träumen. Sie sind interessanter als die Männer, die heute in Eng-land das Sagen haben. Mit mehr Frauen wäre vieles vielleicht besser. Aber sind sie einmal am Ruder, sind sie noch schlimmer als Männer. Eine Katastro-phe.

Mrs. Thatcher!

Furchtbar. Mir passte ihre Politik nicht, ich fand sie neurotisch (die Politik).

Und Colette?

Eine außerordentliche Frau. Würde jeder sagen, nur nicht ihre Tochter. Sie war eben eine schlechte Mutter. Aber so tief bin ich da nicht eingestiegen. Ich be-kam zuerst das Drehbuch in die Hand. Alles war durch meinen Freund Chris-topher Hampton und sein wunderbares Buch gefiltert.

Gibt es einen Zusammenhang mit “Gefährliche Liebschaften“?

Nein. Ein Zufall. Es ist nur die gleiche Besatzung an Bord. Ich sehe da wenig Gemeinsames, mit einer Ausnahme: In beiden Filmen sind die Akteure Men-schen ohne Gefühle, weil sie so erzogen wurden. Sie entdecken sie erst im Verlauf des Films und werden unglücklich. Valmont fängt an, etwas zu empfin-den und bringt sich um. Urkomisch! (Lacht) In „Chéri“ ist es ähnlich. Wenn sie merken, was es heißt zu lieben, ist die Katastrophe da.

Die Unterdrückung der Gefühle, ist das nicht sehr britisch?

Unbedingt. Das gilt auch für meine Erziehung. Die Entdeckung der Gefühle war ein langer Prozess in meinem Leben. Ich habe es schließlich von meiner Frau und von meinen Kindern gelernt. Ich komme aus der middle class, da drückt man keine Gefühle aus.

„Chéri“ ist auch ein Film über das Alter. Im zweiten, sechs Jahre später veröf-fentlichten Band „La fin de Chéri“ ist Léa für Colette „eine dicke geschlechtslose Frau mit Hängebacken und Doppelkinn – ein alter Mann“.

Wir haben nur den letzten Satz verwendet. Es wäre sonst ein anderer Film ge-worden. Er hat, völlig unerwartet, alles wunderbar abgerundet.

Wird der Film dadurch nicht zur Tragödie?

Der Schluss von „Chéri“ ist ziemlich ambivalent. Das Ende von „La fin de Chéri“ hingegen klar und deutlich. Eine Tragödie ist es eher für ihn als für sie.

Ambivalenz scheint Ihnen doch auch sonst zu liegen, oder?

Stimmt. Leider. Ich kann es nicht ändern. So bin ich eben. Ich fühlte mich immer sehr angezogen von der Vorstellung, dass Leute nicht sagen, was sie meinen. Deshalb habe ich einen Film über die „Queen“ gedreht, die sehr selten sagt, was sie denkt.

Wissen Sie warum?

Ich bin kein Psychoanalytiker. Aber ich kenne mich. Ich bestreite das nicht.

Sie arbeiten mit ihrem Drehbuchautor am Set. Sehr ungewöhnlich.

Ja, die Arbeit geht immer weiter. Es wird ständig verfeinert und poliert. Nur ganz kleine Sachen. Die Schauspieler sind ja lebendig. Sie bringen dich auf Trab. Es sind keine Puppen. Du machst ja einen Film über sie und nicht über irgendeine Idee.

Sie lieben ihre Schauspieler!

Stimmt. Ich mag die ganze Crew, alle, die um mich herum wuseln und so ge-schickt an die Arbeit gehen. Ich bin ziemlich faul. Sie machen fast alles. Ich an der Spitze fummle nur ein wenig herum. Ich bin abhängig von außergewöhnlichen Leuten. Ich füge alles nur zusammen.

Es scheint öfter vorzukommen, dass Sie als Regisseur für jemand einspringen müssen.

Immer. Weil ich so passiv bin. Ich brauche jemand, um meine Fantasie in Gang zu setzen. Wenn ich einmal versuchte, aktiv zu werden, endete es in Tränen. Auch etwas für den Analytiker. Ich habe das Kämpfen aufgegeben. Ich sitze zu Hause und kriege die Drehbücher per Post. Ich hatte Glück, schon damals bei der BBC. Da habe ich immer ausgezeichnete Bücher auf den Tisch gekriegt.

Haben Sie denn keinen Ehrgeiz?

Mein Leben war wie ein Wunder. Ich war wirklich sehr ehrgeizig, aber mein Ehrgeiz wird durch eine gewisse Exzentrik abgeschwächt. Ich wollte nie Film-regisseur werden. Ich wusste gar nicht, was ich werden wollte. Dann verschlug es mich ans Theater, und dann traf ich einen Filmregisseur.

Ist Humor wichtig?

Unbedingt. Ich habe so eine unanständige frivole Art, wenn Sie das meinen. Es gibt ein wunderbares Interview mit Billy Wilder. Der sagte zuletzt: „Sie sind wirk-lich ein netter Kerl, aber ich bin kein ernsthafter Gesprächspartner.“ Ich mag Witze. Mag es, wenn Leute lachen. Das scheint ernsthaften Dingen nicht im Weg zu stehen. Beides zu tun ist interessant. Manchmal, beim Lesen von Dreh-büchern, denke ich: das ist mir zu depressiv. Das kann ich meinen Zuschauern nicht zumuten. Da gab es dieses Drehbuch über Kindersoldaten in Afrika. Aus-gezeichnet, aber ich schaffte es nicht bis zum Ende. Ich war völlig fertig.

Was machen Sie, wenn Sie so passiv sind? Gartenarbeit?

(Gelächter) Nein, ich beobachte, wie meine Frau den Garten macht. Ich tue gar nichts, lese, unterrichte.

Keine Kontakte zu Kollegen, Schauspieler?

Ich kenne sie alle. Ich bin mit Schriftstellern befreundet. Was das wohl wieder bedeuten mag? Möglicherweise etwas Signifikantes. “Wiener Angelegenhei-ten.” Ich verdanke es Peter Morgan, dass ich nach Wien gekommen bin. Da wurde mir vieles klar. Es ist wie eine Art Zirkus. Man versteht auf einmal all die jüdischen Schriftsteller, Schnitzler, Wilder, Lubitsch und den „Tiefen“-Freud. Alles macht Sinn. Alles scheint aus Wien zu kommen. Chéri, der Jugendstil, als hätte ich einen österreichisch-ungarischen Autor gefunden.

Meinen Sie das Feudale?

Weniger. Es ist einfach Wien. Ein Staat wie eine Kulisse. Du siehst die Wände, die Gebäude, aber du siehst nicht, was dahinter vorgeht. Wahnsinnig span-nend. Und Du verstehst ein bisschen mehr von Freud. Auch von Stefan Zweig und anderen.

Das Gespräch wurde 2009 auf dem Münchner Filmfest geführt.

Letzte Änderung: 29.07.2021

Chéri – Michelle Pfeiffer und Rupert Friend | © Foto: Pressefoto
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