Vor 100 Jahren - Deutschland als Weltmacht

Vor 100 Jahren - Deutschland als Weltmacht

RückBlick

Welche Rolle Deutschland auf der Weltbühne spielt und was die Waffen damit zu tun haben, ist nicht erst heute Thema in den politischen Auseinandersetzungen. Vor 100 Jahren, drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schrieb Karl Rothammer, der „linksintellektuelle Leitartikler“ der Weltbühne, den Beitrag „Deutschland als Weltmacht“ und führt damit den heutigen Leser in eine halb versunkene, befremdliche Welt, in der es einen Reichskanzler namens Joseph Wirth gab.

Von Karl Rothammer – 21. Juli 1921

Am falschen Pathos ist das kaiserliche Deutschland zu Grunde gegangen, und das republikanische, das angeblich ein neues ist, wäre an solchem Stelzengang beinah gescheitert. Pathos in der Politik heißt: Anbetung des Schlagworts, heißt: Einpflanzung eines ‚Niemals’ oder eines ‚Unbedingt’, heißt: Glauben an das eigne urpatentierte Wesen, an dem der Welten Ganzheit muß genesen. Dergleichen zu predigen, liegt uns fern. Wenn dennoch von einer Weltaufgabe Deutschland, von einer neuen Art deutscher Weltmacht gesprochen werden soll, so kann dies nur auf der Grundlage dessen geschehen, was zur Zeit ist: auf der Grundlage deutscher Ohnmacht, auf der Grundlage eines entwaffneten, eines entmilitarisierten Deutschland. Und dies, ohne daß man paradox zu sein wünscht. Indessen: der Glaube an den Sieg des Neuen, wohlgemerkt: des neuen Geistes, ist landläufig – warum soll er unberechtigt sein, wenn solch Neues bedingt wird durch verschrottete Kanonenrohre? Hat nicht Lloyd George seinen Hymnus auf den britischen Imperialismus geschlossen mit dem dringlichen Hinweis auf die Notwendigkeit, dem Wettrüsten, worunter die Siegerländer leiden, ein Ende zu setzen? Scheint also Freiheit von Waffenrüstung immerhin ein Wert zu sein. Warum soll ein Volk, das solche Freiheit gewann oder, wie die Patrioten klagen werden, auferlegt bekam, nicht wuchern mit dem, was der Gewappneten Sehnsucht ist? Politiker sein heißt: aus den gegebenen Umständen heraus das Notwendige tun. Deutschland hat den Weltkrieg verloren, weil seine Führer glaubten, bewaffnete Weltpolitik machen zu können. Verkennung des Gegebenen war die Ursache der Niederlage. Vielleicht gibt es einen andern Weg, dem deutschen Volke zu jener Weltwirkung zu verhelfen, von der Ludendorff geträumt hat.

Die geschichtliche Erfahrung spricht nicht unbedingt für solche Erwartung. Es überwiegen die Beispiele der Völker, die, entwaffnet, aus der Gemeinschaft der produktiven Nationen ausgestoßen worden sind. In frühern Jahrhunderten, Jahrtausenden war an die militärische Niederlage der kulturelle Tod zwangsweise gebunden. Wer besiegt war, war ausgerottet. Meist wurde der Besiegte gleich totgeschlagen oder in die Sklaverei abgeführt. Selbst die Blüte von Hellas stand im Zeichen der Pallas Athene, und als Rom mächtig wurde, plauderten in Platos Schatten die Eklektiker. Montezumas Niederlage bedeutete das Katholisch-werden Mexikos: vor grellen Heiligenbildern sanken blutvolle Ausdrucksformen, die erst heute wieder dem Künstler neue Offenbarung bringen. Wo ist in der Weltgeschichte Tod, wo Auferstehung? Es gibt im Verlauf der Menschheitsentwicklung verblüffende Metamorphosen: Wie ist aus dem klirrenden Rom des Julius Caesar das Rom des zehnten Leo geworden? Und ist nicht heute noch der Gefangene im Vatikan unendlich mächtiger als der sieggekrönte Nachfolger Gambettas?

Auf der anderen Seite darf nicht übersehen werden, daß Englands Flottenmacht aufgebaut ist auf den Trümmern der Schiffe spanischer, portugiesischer, dänischer und holländischer Flagge. Auch Trafalgar mußte geschlagen werden, um dem britischen Löwen das Erbe eines größern Alexander zu sichern. Insofern gehört auch Frankreich, sehr unbekümmert um die Gloire des Herrn Foch, zu den Besiegten – ein Tatbestand, der durch die Ergebnisse des letzten großen Krieges nur bestätigt worden ist, der aber den berauschten Jüngern Poincarés nur für Sekunden aufdämmert und nicht einmal während der letzten Marinedebatte zum Bewußtsein gekommen zu sein scheint. Nach der Vernichtung der deutschen Flotte können die kläglichen Schifflein, die unter der Tricolore fahren, nur noch Statisten sein. Die Poilus aber von malthusianistischer Dünne können ohne Marokkaner-Auffüllung und ohne fremden Beistand eine Armee, die Trotzki erträumt, und die dessen bürgerliche Erben sicherlich eines Tages zustande bringen werden – diese Poilus können nicht einmal durch Napoleonstage solche Wirklichkeit von der Ausschaltung Frankreichs aus dem Bereich der bewaffneten Weltmächte maskieren. Denn aller künftige Krieg entscheidet sich auf den Ozeanen. So ist denn auch Frankreich, an geltendem Machtinstrument kommender Weltpolitik gemessen: entwaffnet. Wird es darum beschaulich zur Seite treten? Wird es durch Paraden, die es gegen ein wehrloses Deutschland im Ruhrgebiet und anderswo reiten möchte und reitet, sich in Selbsttäuschung ersticken? Oder wird es erkennen, daß das Beispiel Hollands sich zu wiederholen beginnt: eine scheinbar noch seefahrende und Kolonien verwaltende Nation bleibt von England geduldet, weil sie im Spiel der Kräfte, durch die der europäische Kontinent in der Balance gehalten werden soll, leidlich brauchbar ist. Für die kommende Weltgeschichte aber ist nicht nur Deutschland, ist, was den Kampf der gepanzerten Macht, auch den der Händler und Seefahrer bedeutet, der europäische Kontinent fürs erste eine Gleichgültigkeit.

Der Zustand der Entwaffnung, der militärischen Wehrlosigkeit ist also, richtig gesehen, nicht nur für Deutschland Kriterium künftiger Entwicklung. Entwaffnet ist der europäische Kontinent! Die Seemächte sind unter sich. Niemand wird sie künftighin stören, die Welt aufzuteilen. Nur eins könnte Hindernis werden, etwas Unwägbares, etwas von der Art dessen, was den Papst das Erbe Roms antreten ließ: eine geistige Wahrheit. Der Reichskanzler hat in Essen angedeutet, worauf es ankommt. Er sprach davon, was es heißt, ein wehrloses Volk politisch zu führen; aber es setzte hinzu: „Wer in Europa Frieden, Ruhe, Wohlfahrt und Aufbau für Alle will, der muß dem Gedanken schnell näher treten, die unproduktiven Ausgaben des europäischen Militarismus auf ein Minimum zu reduzieren.“ Der Reichskanzler rief die Arbeiterbewegung aller Länder, ganz Europas und der ganzen Welt auf, in diesem Sinne ein neues Ideal und eine neue kulturelle Anschauung, den großen Gedanken einer neuen Gemeinschaft der Klassen und der Völker zu fördern. Der deutsche Reichskanzler hat recht: hier wurzelt Deutschlands kommende Weltmacht!

in: Die Weltbühne. XVII. Jahrgang, 21. Juli 1921, Nummer 29. Nachdruck Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Bd. 17.

Letzte Änderung: 04.09.2021  |  Erstellt am: 31.08.2021

Karl Rothammer
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