Die langsamste Art, voranzukommen

Die langsamste Art, voranzukommen

Über das Segeln, die Zeit zum Denken und den Versuch, dem Frenetischen unserer Gegenwart zu entgehen
Karte von Isle of Wight

»Die Heiligen verloren ihre Köpfe, als die Welt sich neu ordnete und Gott mit Gewalt erklärt wurde. Seitdem wissen wir: Moral überlebt selten die Macht, aber das Gedächtnis überlebt beides«, schreibt Michele Sciurba in seinem neuesten Essay über das Frenetische unserer mobilen und zerbrechlichen Welt, in der Geschichte so unruhig und zugleich wunderschön in ihrer Bewegung sein kann wie das Meer.

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An diesem Morgen liegt die Isle of Wight hinter mir, während die Tuula ihren Kurs nach Port Solent nimmt. Es ist keine große Reise, jedenfalls nicht nach den Maßstäben der Seefahrt. Einige Stunden nur, eine überschaubare Strecke über ein Wasser, das seit Jahrhunderten von Handelsschiffen, Kriegsschiffen, Fähren, Fischerbooten und Seglern durchquert wird. Und doch genügt manchmal eine kurze Reise, um das ganze Leben in Bewegung zu setzen. Die Entfernung, die ein Mensch zurücklegt, und die Tiefe, in die seine Gedanken reichen, haben wenig miteinander zu tun.
Das Land entfernt sich langsam. Die Häuser verlieren ihre Einzelheiten, Straßen werden zu hellen Linien, Kirchtürme zu Markierungen am Horizont. Was an Land festgefügt und eindeutig erschien, beginnt sich vom Wasser aus aufzulösen. Grenzen werden undeutlich, Größenverhältnisse verändern sich, und selbst mächtige Gebäude wirken plötzlich vorläufig. Vielleicht fahren Menschen auch deshalb zur See: nicht nur, um andere Küsten zu erreichen, sondern um die eigene Welt aus einer Entfernung zu betrachten, in der ihre behauptete Ordnung plötzlich erkennbar brüchig wird.
Segeln ist wahrscheinlich die langsamste Art, voranzukommen, die der moderne Mensch freiwillig wählt. Man besitzt ein Ziel, aber keinen unmittelbaren Weg dorthin. Der Wind bestimmt, was möglich ist; die Strömung entscheidet, wie schnell es möglich wird; und das Meer erinnert daran, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten nicht notwendig die klügste ist. Man kreuzt, weicht aus, wartet, refft die Segel oder lässt sich eine Zeit lang tragen. Gerade in dieser scheinbaren Umständlichkeit liegt eine Freiheit, die an Land selten geworden ist. Dort soll jeder Weg kürzer, jede Antwort schneller und jede Unterbrechung vermieden werden. Auf dem Wasser ist die Verzögerung kein Fehler des Systems, sondern das System selbst.
Der Solent liegt an diesem Morgen vergleichsweise ruhig vor mir. Die Wellen heben das Schiff langsam an und lassen es wieder sinken. Sie sind nicht hoch, aber sie besitzen jene Beharrlichkeit, mit der das Meer selbst an stillen Tagen seine Bewegung fortsetzt. Keine Welle steht für sich allein. Was an der Oberfläche wie eine Folge einzelner Erhebungen aussieht, ist in Wahrheit ein Zusammenhang.

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Vielleicht lässt sich auch die Geschichte als eine Wellenbewegung begreifen. Gesellschaften entwickeln sich nicht in einer geraden Linie von Unwissenheit zu Vernunft, von Gewalt zu Recht und von Abschottung zu Offenheit. Sie bewegen sich in Wellen. Auf Zeiten der Annäherung folgen Phasen der Abgrenzung, auf den Glauben an eine gemeinsame Ordnung folgt die Sehnsucht nach Mauern, auf die mühsame Verständigung die plötzliche Lust an der Vereinfachung. Die Welt verbindet sich und zerfällt wieder. Sie erinnert sich an die Folgen früherer Katastrophen und beginnt dennoch, ihre alten Irrtümer in einer neuen Sprache zu wiederholen.
Die erneute Fragmentierung unserer Gegenwart kam nicht wie ein einzelner Sturm. Sie entwickelte sich zunächst in kleinen Bewegungen, fast so unauffällig wie die langen, ruhigen Wellen auf dem Solent. Ein verändertes Wort hier, ein wachsendes Misstrauen dort, die Gewöhnung an Feindbilder, die Verachtung des Kompromisses, die Einteilung von Menschen in Zugehörige und Fremde. Dann überlagerten sich die Bewegungen. Politische Konflikte wurden zu kulturellen Kämpfen, wirtschaftliche Unsicherheit zu nationaler Kränkung, religiöse Überzeugung wieder zum Anspruch auf Macht. Irgendwann erkennt man, dass aus der langen Dünung ein Sturm geworden ist.
Auch auf dem Meer beginnt ein Sturm nicht erst mit der ersten brechenden Welle. Er kündigt sich im Luftdruck an, in der Richtung des Windes, im veränderten Licht und in einer Unruhe des Wassers, die der Unerfahrene vielleicht noch für belanglos hält. Wer nur auf die Höhe der Wellen blickt, erkennt die Gefahr zu spät. Man muss die Bewegungen lesen, bevor sie sich auftürmen. Das gilt für Gesellschaften ebenso wie für die See. Die großen Erschütterungen entstehen selten aus dem Nichts; sie wachsen aus Strömungen, die lange übersehen, unterschätzt oder aus Bequemlichkeit nicht benannt wurden.
Unsere Zeit ist frenetisch, weil sie Geschwindigkeit mit Erkenntnis verwechselt. Nachrichten erreichen uns in dem Augenblick, in dem etwas geschieht, manchmal sogar bevor klar ist, was überhaupt geschehen ist. Jeder soll sofort urteilen, sich bekennen, empören oder verteidigen. Es bleibt kaum Zeit, einen Gedanken zu prüfen, bevor der nächste bereits Aufmerksamkeit verlangt. Die technische Verbindung der Welt hat nicht zwangsläufig zu größerem Verständnis geführt. Manchmal scheint das Gegenteil eingetreten zu sein: Je schneller die Stimmen uns erreichen, desto weniger hören wir ihnen zu.
Auf See lässt sich diese Beschleunigung für einige Stunden unterbrechen. Nicht vollkommen, denn auch an Bord bleiben Funk, Telefon und Navigation Teil der modernen Welt. Dennoch besitzt das Meer eine eigene Zeit, die sich der menschlichen Beschleunigung widersetzt. Eine Tide lässt sich nicht durch Ungeduld vorverlegen, Wind nicht durch einen Beschluss verstärken und eine Strecke nicht dadurch verkürzen, dass man häufiger auf die Uhr sieht. Das Schiff bewegt sich in einer Ordnung, die älter ist als unsere Geräte und gleichgültig gegenüber unseren Terminen bleibt.

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Hinter mir liegen Jersey, die Isles of Scilly und die Küsten des englischen Westens. Auf einer Karte sind es Linien und Namen; im Gedächtnis bestehen sie aus Licht, Wind, Gerüchen und Bewegungen. Ich erinnere mich an das besondere Blau zwischen Jersey und den Scilly-Inseln, an Felsen, die unvermittelt aus dem Atlantik steigen, an geschützte Buchten und an das Gefühl, am äußersten Rand Europas unterwegs zu sein. Jeder Hafen bedeutete ein Ankommen, aber niemals einen endgültigen Abschluss. Am nächsten Morgen wurden die Leinen wieder gelöst, und aus dem Ort, der für eine Nacht die ganze Welt gewesen war, wurde erneut eine Silhouette am Horizont.
Heute führt der Kurs nach Port Solent. Der Wind ist nicht stark genug, um einen Menschen zu erschrecken, und das Wasser nicht wild genug, um ihm seine Bedeutungslosigkeit mit Gewalt vor Augen zu führen. Gerade deshalb ist es ein guter Tag zum Nachdenken. In Gefahr konzentriert sich der Geist auf das unmittelbar Notwendige. Erst die ruhigen Stunden erlauben den Erinnerungen, unaufgefordert an Bord zu kommen und Platz zu nehmen.
Ich wurde in Palermo geboren und wuchs als Migrantenkind in Oldenburg auf. Zwischen diesen beiden Städten liegt mehr als eine geografische Entfernung. Palermo war Herkunft, noch bevor ich alle Worte dafür besaß: eine Vorstellung von Süden, Familie, Geschichte und einer anderen Art, das Leben wahrzunehmen. Oldenburg war die konkrete Wirklichkeit des Nordens, der anderen Sprache, der fremden Regeln und der frühen Erfahrung, dass ein Kind sehr genau spürt, ob es von einer Gesellschaft als selbstverständlich oder als erklärungsbedürftig betrachtet wird.
Wer als Migrantenkind aufwächst, lernt früh, zwischen verschiedenen Welten zu übersetzen. Man beobachtet genauer, weil nicht jede Geste dieselbe Bedeutung besitzt. Man begreift, dass Zugehörigkeit nichts Natürliches sein muss, sondern etwas, das andere Menschen gewähren, begrenzen oder infrage stellen können. Zugleich entsteht aus dieser Unsicherheit eine besondere Beweglichkeit. Wer nie vollständig nur einer Welt angehört hat, kann vielleicht früher erkennen, dass jede behauptete Eindeutigkeit eine Konstruktion ist.
Ich lernte Maschinenschlosser. Ich lernte, dass Metall Widerstand leistet, dass Genauigkeit keine Tugend für Festreden, sondern eine praktische Notwendigkeit ist und dass ein Werkstück nicht deshalb passt, weil man es behauptet. Man muss messen, prüfen und nacharbeiten. Eine Abweichung bleibt eine Abweichung, auch wenn man ihr einen besseren Namen gibt. Die materielle Welt besitzt eine Ehrlichkeit, die in der gesellschaftlichen und politischen Welt häufig fehlt: Eine fehlerhafte Verbindung hält nicht aus Höflichkeit.

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Auch in diesem Sommer stehe ich auf meiner Yacht Tuula und segle durch den Solent. Zwischen dem Lehrling in Oldenburg und dem Mann am Ruder liegen Jahrzehnte, die so viele Erfahrungen mit sich gebracht haben, und dazu gehören Ausbildungen, Bücher, Berufe, Begegnungen, Erfolge und Irrtümer. Es wäre verführerisch, daraus eine geradlinige Erzählung des Aufstiegs zu machen. Doch jedes Leben, das ehrlich erzählt wird, widersetzt sich einer solchen Ordnung. Wir steigen nicht einfach auf. Wir gehen voran, verlieren die Richtung, beginnen neu, werden zurückgeworfen und erreichen manchmal einen Ort, von dessen Existenz wir am Anfang nichts wussten.
Die eigene Yacht ist deshalb für mich weniger ein Zeichen des Angekommenseins als vielmehr ein beweglicher Ort der Erinnerung. An Bord reist der Junge aus Palermo ebenso mit wie der Lehrling aus Oldenburg. Auch die späteren Lebensabschnitte sind gegenwärtig, nicht als abgeschlossene Kapitel, sondern als Besatzung eines einzigen Lebens. Vielleicht besteht Reife nicht darin, diese früheren Gestalten hinter sich zu lassen, sondern ihnen einen gemeinsamen Platz zu geben.
Charles Dickens hätte diese Gleichzeitigkeit vermutlich verstanden. Er wurde 1812 in Portsmouth geboren, auf jener Seite des Solent, der ich mich heute nähere. Sein Vater arbeitete in der Zahlstelle der Royal Navy, in einer Welt aus Schiffen, Verwaltung, Rechnungen und gesellschaftlichen Rangordnungen. Später geriet die Familie in die Schuldhaft. Der junge Charles musste in einer Fabrik arbeiten und Etiketten auf Dosen mit Schuhcreme kleben. Für ein Kind, das sich nach Bildung und Anerkennung sehnte, war dies nicht nur Armut, sondern eine tiefe soziale Demütigung.
Diese Erfahrung verließ ihn nie. Sie wurde zu einer verborgenen Strömung seiner Bücher. Dickens verstand, dass Armut nicht allein bedeutet, wenig Geld zu besitzen. Sie bedeutet auch, den Urteilen anderer ausgeliefert zu sein und den eigenen Wert von Menschen bemessen zu sehen, die ihre gesellschaftliche Stellung mit moralischer Überlegenheit verwechseln. Seine Romane sind deshalb voller Waisen, Schuldner, Angestellter, Beamter, Betrüger, Hochstapler und Menschen, die ihre Würde in Verhältnissen bewahren müssen, die ihnen diese Würde täglich absprechen.
Auf der Isle of Wight, in Bonchurch, arbeitete Dickens an David Copperfield. Er nannte diesen Roman später sein bevorzugtes Werk, vielleicht weil darin die Wunde seiner Kindheit deutlicher hervortritt als in vielen anderen seiner Bücher. David muss lernen, dass Erwachsene nicht notwendig wahrhaftiger sind als Kinder, dass gesellschaftliche Achtung und moralischer Wert verschiedene Dinge sind und dass ein gewinnendes Auftreten einen fragwürdigen Charakter verbergen kann. Er lernt aber auch, dass Herkunft kein endgültiges Urteil ist und dass ein Mensch an seinen Erfahrungen wachsen kann, ohne sie zu verleugnen.
Dickens kannte eine fragmentierte Welt. Das viktorianische England war reich, mächtig und von einem nahezu grenzenlosen Glauben an seinen Fortschritt erfüllt. Zugleich lebten Kinder in Elend, Schuldner in Gefängnissen und Arbeiter unter Bedingungen, die von der glänzenden Oberfläche des Empire verdeckt wurden. Dickens zeigte nicht eine Gesellschaft ohne Ordnung, sondern eine Gesellschaft, deren Ordnung selbst den Widerspruch hervorbrachte. Wohlstand und Armut, Moralpredigt und Ausbeutung, Frömmigkeit und Grausamkeit existierten nicht getrennt voneinander. Sie waren verschiedene Seiten derselben modernen Welt.
Vielleicht liegt darin seine besondere Aktualität. Auch unsere Gegenwart spricht gern in den Begriffen des Fortschritts, während ihre Wirklichkeit zunehmend auseinanderdriftet. Wir sind technisch enger verbunden als jede Generation vor uns und erleben gleichzeitig eine neue politische, soziale und geistige Zersplitterung. Wir verfügen über mehr Informationen und sind doch anfälliger für die bequemste Unwahrheit. Wir sprechen unablässig von Gemeinschaft, während öffentliche Debatten immer häufiger davon leben, Menschen aus ihr auszuschließen.
Dickens begegnete den Widersprüchen seiner Zeit nicht mit abstrakten Systemen, sondern mit Figuren. Er gab den Übersehenen Namen, Stimme, Eigenarten und Würde. Darin lag seine politische Kraft. Er wusste, dass Statistik notwendig sein kann, aber kein einzelnes Gesicht ersetzt. Eine Gesellschaft kann sich an große Zahlen gewöhnen; schwieriger ist es, sich dem konkreten Leid eines Menschen zu entziehen, dessen Geschichte man kennt. Auch persönliche Beziehungen entziehen sich einfachen Urteilen. Man schaut den Menschen auf den Kopf, aber nicht in den Kopf. Wir sehen Gesichter, Gesten, Kleidung und die Art, wie jemand uns die Hand reicht. Wir hören Geschichten und gehen zunächst davon aus, dass zwischen dem Erzählten und der Wirklichkeit ein Zusammenhang besteht. Ohne diesen Vertrauensvorschuss wären Freundschaft, Zusammenarbeit und Liebe unmöglich.
Manchmal erweist sich dieses Vertrauen als falsch. Ein Mensch, den man für einen Freund hielt, zeigt ein anderes Gesicht, sobald Verantwortung, Geld oder persönlicher Vorteil ins Spiel kommen. Daraus müssen Konsequenzen folgen; Gutgläubigkeit ist keine Verpflichtung zur Wehrlosigkeit. Doch die Enttäuschung über einen Einzelnen sollte nicht zum Urteil über alle Menschen werden. Sonst würde gerade derjenige, der das Vertrauen missbraucht hat, nachträglich auch noch bestimmen, wie wir der Welt begegnen.
Dickens’ Romane sind voller Figuren, die Moral, Pflicht und Anstand im Munde führen, während sie andere benutzen. Seine Schurken erscheinen nicht immer als Ungeheuer. Häufig beherrschen sie die gesellschaftlichen Formen besonders gut. Gerade deshalb stellte Dickens ihnen Menschen gegenüber, deren Güte keine große Rede benötigt: Menschen, die helfen, ohne daraus eine Bühne zu machen, die loyal bleiben, wenn Loyalität keinen Vorteil bringt, und die den Wert eines anderen nicht nach dessen Stellung bemessen.
Optimismus besteht unter solchen Bedingungen nicht darin, das Schlechte zu leugnen. Er besteht darin, ihm Grenzen zu setzen, ohne ihm das eigene Denken zu überlassen. Man kann Verantwortung einfordern, sich gegen Täuschung wehren und dennoch daran festhalten, dass Aufrichtigkeit existiert. Vielleicht ist dieser nüchterne Optimismus belastbarer als die Hoffnung, niemals enttäuscht zu werden. Er kennt die Möglichkeit des Scheiterns und entscheidet sich trotzdem dafür, nicht zynisch zu werden.

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Während die Tuula weiter nach Osten läuft, erscheint mir diese Entscheidung mit dem Segeln verwandt. Auch der Segler vertraut, aber nicht blind. Er vertraut dem Schiff, weil er seine Konstruktion kennt und seinen Zustand prüft. Er vertraut der Mannschaft, weil Verantwortung geteilt werden muss. Er vertraut Wetterberichten, ohne den Blick vom Himmel zu nehmen. Vertrauen und Kontrolle sind keine Gegensätze; richtig verstanden begrenzen und ergänzen sie einander.
Der Solent ist zugleich Landschaft und historischer Verkehrsraum. Seine Ufer wirken stellenweise ruhig, beinahe zeitlos, doch dieses Wasser war nie von der Welt abgeschlossen. Von hier fuhren Schiffe hinaus, um Handel zu treiben, Kriege zu führen, Kolonien zu erreichen und ein Empire zu versorgen. Portsmouth wurde zu einem Zentrum britischer Seemacht, die Isle of Wight zum Rückzugsort von Königinnen, Dichtern und Schriftstellern. Schönheit und Macht lagen hier immer nahe beieinander.
Auch die religiösen Brüche Englands hinterließen ihre Spuren. Als die Welt sich neu ordnete und Gott mit Gewalt erklärt wurde, verloren die Heiligen ihre Köpfe. Figuren wurden enthauptet, Bilder zerstört und Erinnerungen ausgelöscht, weil eine neue Ordnung nicht nur Gehorsam, sondern auch eine neue Deutung der Vergangenheit verlangte. Doch die beschädigten Figuren blieben. Gerade das, was an ihnen fehlte, wurde zum sichtbaren Zeichen dessen, was geschehen war.
Macht möchte ihre Entscheidungen gern als endgültig darstellen. Das Gedächtnis kennt jedoch andere Zeiträume. Es bewahrt nicht alles zuverlässig, aber es verhindert, dass jeder Sieg das letzte Wort behält. Die kopflosen Heiligen erzählen noch von den Händen, die sie verstümmelten; die Romane von Dickens erzählen noch von Kindern, deren Arbeit den Reichtum anderer ermöglichte; alte Hafenanlagen erzählen von Schiffen und Menschen, die längst verschwunden sind. Das Gedächtnis ist nicht mächtiger als Gewalt, aber oft ausdauernder.
Auch das Meer besitzt eine solche Ausdauer. Es bewahrt keine Geschichte in der Weise eines Archivs, und doch trägt jede Überfahrt die Spuren früherer Reisen. Die Fahrwasser, Leuchtfeuer und Häfen sind geronnene Erfahrungen. Sie erzählen von Irrtümern, Unglücken, Rettungen und gelungenen Ankünften. Jede Seekarte ist daher auch ein Gedächtnis der Gefahren, die andere vor uns erkannt haben. Die erneute Fragmentierung unserer Welt ist kein Grund zur Resignation, sondern eine Aufforderung zur Wachsamkeit. Wer zur See fährt, antwortet auf einen angekündigten Sturm nicht mit Verzweiflung. Er prüft das Rigg, sichert lose Gegenstände, verändert den Kurs und entscheidet, ob ein Hafen angelaufen werden muss. Angst allein verbessert keine Lage. Entscheidend ist die Fähigkeit, eine Gefahr zu erkennen, ohne sich von ihr lähmen zu lassen.
Vielleicht können wir auch dem Frenetischen unserer Gegenwart nur auf diese Weise entgehen. Nicht durch vollständigen Rückzug, denn die Welt bleibt an Bord und erwartet uns spätestens im nächsten Hafen. Aber wir können uns zeitweise ihrer Geschwindigkeit entziehen und dadurch die Fähigkeit zurückgewinnen, zwischen Ereignis und Urteil einen Abstand zu schaffen. Denken braucht diese Distanz. Es braucht Stunden, in denen nicht jeder Gedanke sofort veröffentlicht, bewertet oder verteidigt werden muss.

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Vor mir gewinnt Portsmouth an Kontur. Hafenanlagen, Masten und Gebäude treten aus dem Dunst hervor. Dort wurde Dickens geboren, bevor er wissen konnte, welchen Weg sein Leben nehmen würde. Auch er begann nicht als Denkmal der englischen Literatur, sondern als verletzliches Kind in einer Familie, deren gesellschaftliche Sicherheit zerbrach. Vielleicht konnte er gerade deshalb die Fassaden seiner Zeit so genau beschreiben.
Bald werde ich die Segel bergen, den Motor starten und mich auf die Einfahrt konzentrieren müssen. Port Solent liegt geschützt hinter seiner Schleuse. Der Übergang vom offenen Gezeitenwasser in das ruhige Hafenbecken verlangt Aufmerksamkeit und Geduld. Man kann nicht jede Schwelle mit derselben Geschwindigkeit passieren. Wer zu früh beschleunigt, erreicht sein Ziel nicht schneller, sondern gefährdet nur das Schiff.
Die Reise war kurz: einige Stunden von einer Insel zum Festland. Doch die Länge einer Reise wird nicht in Seemeilen gemessen. Manchmal überquert ein Mensch einen Ozean, ohne einen Gedanken zu Ende zu führen. Manchmal genügt der Solent, damit Palermo, Oldenburg, Jersey, die Isles of Scilly, eine Werkbank, Charles Dickens und die Fragen der Gegenwart auf einem einzigen Schiff zusammentreffen.
Ich blicke auf das Wasser. Die Welt wird sich weiter verbinden und wieder fragmentieren. Ruhige Wellen werden sich zu Stürmen aufbauen, und nach den Stürmen wird das Meer erneut den Anschein erwecken, als sei nichts geschehen. Der Mensch kann diese Bewegungen nicht beenden. Er kann nur lernen, sie früh zu erkennen, sich in ihnen zu verhalten und ein Gedächtnis zu bewahren, das den Behauptungen der jeweils Mächtigen widerspricht.
Moral überlebt die Macht nur selten unbeschädigt. Das Gedächtnis aber kann beide überdauern. Und manchmal verwandelt sich dieses Gedächtnis auf einem langsamen Schiff zwischen zwei Küsten in etwas, das unserer frenetischen Gegenwart besonders fehlt: die Zeit, einen eigenen Gedanken zu Ende zu denken und dennoch mit Zuversicht weiterzufahren.

Letzte Änderung: 17.08.2026  |  Erstellt am: 17.08.2026

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