Jürgen Ploog: „Im Traum begegne ich Brinkmann“

Jürgen Ploog: „Im Traum begegne ich Brinkmann“

Das Schreibheft geht poetologisch aufs Ganze: Brinkmann, Ploog und Swensen
Coverabbildung SCHREIBHEFT ZEITSCHRIFT FÜR LITERATUR 106 | © Schreibheft Verlag, Quelle: schreibheft.de

Ein Heft der literarischen Unruhe: Schreibheft Nr. 106 versammelt mit Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Ploog und Cole Swensen drei eigenwillige Stimmen, die Sprache, Wahrnehmung und Form radikal befragen. Artur Becker liest das Heft als Begegnung mit einer widerständigen, lebendigen Literatur, die bis in die Gegenwart nachhallt.

Als ich 1985 aus dem kaputten und durch die westliche Linke lächerlich verklärten Realsozialismus in Polen nach Westdeutschland kam, war ich hungrig ‒ auch auf neue westdeutsche Literatur, vor allem Lyrik, und da lagen Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born und Ludwig Fels um die Ecke. Damals hörte ich allerdings nichts, las nichts von einem Avantgardisten namens Jürgen Ploog aus Frankfurt am Main, wo ich schließlich eines Tages selbst leben und schreiben sollte ‒ 1985 war ich überhaupt froh, dass ich nicht in die Bundeswehr gehen musste und 1989 an der Bremer Universität, als sie noch „rot“ war, Germanistik, Slawistik und Soziologie studieren durfte. Während dieses acht Jahre dauernden Studiums habe ich mich auch sattgelesen, vor allem, was Brinkmann angeht, und dann legte ich ihn für lange Jahre zur Seite, weil mir so viele andere Autoren und Bücher dazwischenkamen, vor allem solche, die im Exil ihr Dasein fristen mussten, wie zum Beispiel Czesław Miłosz, Joseph Brodsky, Milan Kundera oder Gustaw Herling-Grudziński.

Mein vollständiger Umzug nach Frankfurt am Main war dann doch eine willkommene kalte Dusche, weil ich wieder die alten Helden meiner Jugend, die westdeutschen Dichter, zu lesen begann, aber aus der Distanz der vergangenen, meist am Schreibtisch fleißig verbrachten Jahre, nach mehr als zwanzig Büchern aus meiner eigenen Feder und vielen Reisen, und ich merkte schnell: Okay, dieser Brinkmann wird mir also doch erhalten bleiben, Born und Fels sowieso. Aber dann gesellte sich noch ein dichtender Linienpilot dazu, der Autor von Cola-Hinterland (1969), eine höchst geheimnisvolle literarische Persönlichkeit, die ein Doppelleben geführt hatte, und ich verdanke diese Bekanntschaft Wolfgang Rüger, unserem Frankfurter Antiquar aus Sachsenhausen (dessen Buchladen schon einen Kultstatus hat), sowie meinem alten Verleger Rainer Weiss, die ja beide für das 2025 herausgegebene Buch West End. Texte von und über Jürgen Ploog bei der Edition W verantwortlich sind (zusammen mit David Ploog).

Ein Doppelleben zu führen, ist mir nichts Unbekanntes, denn als Pole, der auf Deutsch schreibt, kenne ich alle schizophrenen Charakterzüge eines solchen Daseins, zumal ich das alte Image pflege, im Exil zu sein, als wäre der Kalte Krieg nie zu Ende gegangen und als schrieben wir immer noch das Jahr 1984. Wie führt man aber ein Doppelleben in Frankfurt und in der Luft, wenn man mal wieder in Los Angeles, New York oder Singapur landet, um dort nach Feierabend zu schreiben, Schriftstellerfreunde zu treffen? Der harte, verantwortungsvolle Job eines Flugpiloten kollidiert doch mit dem launischen und von Musen abhängigen Beruf des Schriftstellers, der doch immer wieder in große Konzentrationsschwierigkeiten geraten kann, sodass er mit dem Schreiben nicht vorankommt. Wo entstanden all diese fragmentarischen Texte, Tagebucheinträge, Notizen, Stories, die Ploog zu Papier brachte? Etwa auf dem Knie zwischen dem Cockpit und einem Café in Manhattan? Und auch seine Cut-up-Methode beim Verfassen der Prosa kann ja nicht gänzlich für diese Rastlosigkeit eines interkontinental fliegenden Dichters verantwortlich sein …

Das waren auch meine ersten Fragen, als ich die neue Schreibheftnummer aufschlug und leichten Herzens im Heft blätternd sofort ‒ Brinkmann kannte ich doch schon zur Genüge ‒ bei den Tagebüchern von Jürgen Ploog landete, und ich staunte und dachte mir: Mein Gott, der durfte schreiben, was ihm in den Sinn kam, wie ihm der Schnabel gewachsen war, denn heute würden manche Sätze schon in den Köpfen der Autoren zensiert werden, bevor sie die Augen ihrer Lektoren erblicken würden. Ein Beispiel? Bitte sehr: „FL 30.6.2006 / Nicht das Erinnern & nicht das Vergessen ist bei Freud jüdisch, sondern die Dialektik seiner Deutungen & die Hinterfragung der Phänomene. Der Zweifel am offensichtlichen Sinn & das Aufspüren des Verborgenen. So wie es im engeren Sinn keine ‚jüdische Literatur‘ geben kann (siehe Flusser), kann auch Erinnern oder Vergessen nicht jüdisch sein.“

Wie muss man sich das also vorstellen? Jürgen Ploog liegt in einem Hotelzimmer in Los Angeles und liest Freud? Sein Rückflug nach Frankfurt ist erst in 48 Stunden? Und natürlich gibt es jüdische Literatur! Isaac Bashevis Singer und Amos Oz und meinetwegen auch Hannes Stein. Aber ich verstehe die Rebellion des Flugkapitäns so, dass er mehr unter der Kälte der Menschen in ihren Großstädten aus Eisen und Glas, wie sie im Poem Howl von Allen Ginsberg oder prototypisch in The Waste Land von T. S. Eliot beschrieben wurden, gelitten hat als an der kleinbürgerlichen Mentalität des preußischen Untertanen, der es sich auch nach 1945 in der BRD gemütlich machen konnte und es bis heute tut ‒ siehe seine Liebe zu obskuren, einer politischen Infamie entspringenden Parteien wie der AfD.

Und ich habe den Eindruck, dass Ploogs essayistischer Atem mondäner und noch subversiver ist als der von Brinkmann ‒ an dem Autor von Westwärts 1&2 klebt manchmal der Muff aus Vechta, aus der niedersächsischen Provinz, die ich selbst sehr gut kenne als deren ehemaliger Bewohner; ich will nur sagen, dass Brinkmanns Rebellion und Wut wahrscheinlich ganz andere Wurzeln haben, eben in diesem für Künstler zu verschlafenen und intellektuell dem Stillstand huldigenden Provinznest, während Ploog oft überhaupt nicht wie ein deutscher Autor erscheint, sondern eher … wie ein US-amerikanischer oder kosmopolitischer, wobei die Deutschen, seine Landsleute, auch die ganz Großen wie Thomas Mann bei ihm tatsächlich oft ordentlich unter die Räder geraten: F 10.8.2003 / „‚Peinlicher Schweiß brach ihm aus.‘ Thomas Mann. Das klingt nicht nur hölzern, fast falsch. Kann Schweiß peinlich sein? Es war ihm peinlich, dass ihm der Schweiß ausbrach. Denn nicht der Schweiß ist peinlich, sondern der Schwitzende empfindet ihn als peinlich. Das ist ein Unterschied. M. stempelt den Schweiß zur Peinlichkeit ‒ / Erfrischend dagegen Arno Schmidt: ‚Na ja, bei der Hitze kann man nicht immer geistreich sein.‘ Das ist ein echter Punkt.“

Und das ist wirklich ein echter Punkt, denn Ploog ist wirklich ein Avantgardist durch und durch, der zwar das muntere Treiben des deutschen Literaturbetriebs all die Jahrzehnte im Tagebuch begleitet und sarkastisch kommentiert hat, diesen aber genauso inbrünstig gemieden hat wie der ihn auch. Brinkmann war süchtig nach Anerkennung und Ankunft in der Literatur als der große Dichter ‒ der er ja auch schließlich gewiss zurecht geworden ist ‒, der das Morbide in uns und Selbstverschuldete wie auch das seiner Meinung nach in der Literatur stilistisch, formell und epistemologisch Gescheiterte wütend an den Pranger stellt. Aber Ploog ist einer, der intellektueller und analytischer wirkt ‒ zumindest in seinen Tagebüchern und Essays. Er ist zugänglicher und antipoetischer, weil er die Form zerschlägt, während sich Brinkmann an die Form klammert wie an einen Rettungsring und dabei trotzdem eine sehr gute Figur macht, mal in einem Anzug, mal in einer Jeanshose und Jeansjacke, mal als ein Kölner Narr oder römischer Inquisitor der Poesie aus der Villa Massimo.

Aber kehren wir zu den Tagebucheinträgen Ploogs zurück. Viele haben schon vergessen, dass es mal in Deutschland eine Rechtschreibreform gegeben hat, ich im Prinzip auch. Es ist köstlich, wie Ploog die Statements deutscher Dichter zu dieser Reform kommentiert, zumindest lassen seine Kommentare darauf schließen, wie unakzeptabel für sein Selbstverständnis als Schriftsteller und bürokratisch-preußisch er den deutschen Literaturbetrieb fand: „F 30.7.2000 / Die Erregung, von der sog. Rechtschreibreform ausgelöst, vermittelt Einblick in das kulturelle Verständnis des sonst reibungslos arbeitenden Betriebes & seiner Vertreter. Hier: Schriftsteller. Grünbein enthüllt sein Verhältnis zur Sprache als übermütterlich. Sprache als Übermutter: ‚Man vergreift sich nicht an der Mutter. Man spielt nicht mit dem Körper, der einen gezeugt hat.‘ / Schon biologisch ist das Bild falsch. Was sonst würde ein Schreiber machen, als mit dem Sprachkörper zu spielen? Mit ihm arbeiten? Allzu große Ehrfurcht macht den Schreiber impotent, er wird zum Muttersöhnchen der Sprache. Eine andere aufschlussreiche Bemerkung macht Herta Müller: ‚… dass man diese sogenannten Herren ignoriert, die sich einer Sprache bemächtigen wollen, die ihnen nicht gehört.‘ Gut, wem gehört die Sprache? Natürlich niemandem, auch wenn Schreiber ein besonderes Verhältnis zu ihr reklamieren dürfen. Sprache ist selbständig, autark, sie führt ihr Eigenleben wie ein lebender Organismus.“ Recht hat er!

Das ist natürlich Ploog pur ‒ anarchistisch, antisystemisch, frei und stets auf der Seite der Schreibenden, auch wenn er sie in seinen Tagebüchern hart kritisiert, so wie auch Günter Grass: „FL 21.6.2007 / Ich lese im New Yorker ‚Wie ich den Krieg verbrachte‘ von Grass. Eine Rechtfertigung, wie er zur SS kam. Wie immer naturalistisch ausführlich. Dabei entsteht eine Art Soziogramm von ihm. Die beengten Verhältnisse, aus denen er stammt, obwohl das dazwischen geschobene Familienbild recht passabel aussieht. / Der junge Grass muss mit anhören, wie nebenan seine Eltern vögeln & die Mutter dabei ‚bis zur Erschöpfung‘ strapaziert wird. Grass zeigt ödipale Anwandlungen, was zeigt, dass er so recht den proletarisch-kleinbürgerlichen Verhältnissen nicht gewachsen ist.“

Wie sehr Ploog diesen deutschen kleinbürgerlichen Muff, den er auch im Literaturbetrieb ausfindig machte, gehasst haben musste, sagen auch seine Träume, und einer handelt von der Begegnung mit Brinkmann. Ploog schreibt in seinem Tagebuch: „LIM (Lima) 21.4.1988 / Mir ist klar, dass ich mit einem Toten spreche, denn an einem Punkt unserer Unterhaltung sage ich mir: ‚Es ist, als würde ich mit einem Toten sprechen.‘“ Später im Traum besuchen die beiden Rebellen der deutschen Literatur eine Lesung, und Brinkmann schimpft wieder gegen die Kritiker, Journalisten … Es ist eine Tirade. Der Träumende scheint diese zu genießen …

Hier liegt auch der Hund begraben, denn obwohl Ploog ein unprätentiöser Systemkritiker war, nahm und nimmt man ihn heute nicht ernst, hatte er doch als Flugzeugpilot der Lufthansa gut verdient und musste sich nicht wie Brinkmann den Kopf darüber zerbrechen, was ‒ kolloquial gesagt ‒ in den Suppentopf kommt, wenn die Kohle wieder einmal ausgegangen ist. Schade, dass solch ein Klischee überall herumgrassiert, da die ontologischen und literarischen Probleme bei beiden ähnlich bleiben: Wem gehört die Sprache? Und worüber kann man noch schreiben und was? ‒ Das fragte sich Brinkmann auch ständig, der genauso wie Ploog nach der geeigneten Form gesucht hat, um das Hier und Jetzt einzufangen, den passenden Ton zu finden, die poetischen, existenziellen und philosophischen Dilemmata und Widersprüche beim Schopf zu packen und in Worte zu fassen ‒ nicht infam, sondern überzeugend und wirksam. In Manchmal denke ich schreibt Brinkmann geradezu kühn und etwas pathetisch: „: Manchmal denke ich, die Menschen befinden sich allein im Universum, und manchmal denke ich, wir sind es nicht, wir sind nicht im Universum allein, in jedem der beiden Fälle ist der Gedanke ziemlich verwirrend!“ Hier wären wir schon fast in der Metaphysik angekommen, bei Giordano Bruno, William Blake und Czesław Miłosz. Doch beide Rebellen ‒ der eine aus Köln, der andere aus Frankfurt am Main ‒, die die Avantgarde der Sechziger und Siebziger in der BRD mitentscheidend geprägt haben, bleiben oft gern auf dem Boden der Tatsachen und wollen gar nicht wegfliegen, poetologisch abheben. Dieses Charakteristikum ihrer Literatur ist kostbar, da sie viel über unsere Zeit zu sagen haben, die uns Gegenwärtigen nach wie vor in jener Epoche der Revolution fest verankert zu sein scheint, obwohl wir mittlerweile das Jahr 2026 schreiben und Ralf-Rainer Rygulla als gealterter Herr, Geschichtenerzähler und Zeitzeuge der ersten Stunde auftritt, sodass man sich überhaupt vorstellen kann, wie es damals in den Sechzigern und Siebzigern zugegangen ist, als die Dichtung eine neue Sprache in der rebellischen Literatur der US-Autoren suchte, um in der Republik der meist schweigenden Täter ordentlich durchzufegen, eben auch stilistisch und formell, wie es sich für eine selbstbewusste Dichtung gehört. ‒ Darüber und über vieles mehr kann man in diesem rebellischen Heft auch in den Beiträgen von Norbert Wehr, Wolfgang Rüger, Norbert Töteberg, Frank Witzel und anderen lesen.

Das dichterische Konvolut wird von Cole Swensen abgeschlossen ‒ der US-amerikanischen Dichterin, Übersetzerin und Herausgeberin, die auch Creative Writing unterrichtet ‒, einer produktiven Lyrikerin und Autorin von vielen Gedichtbänden und Übersetzungen, über die Jürgen Brôcan in seinem Essay Sätze im Raum. Noten zu Cole Swensens Poetik schreibt: „Die Natur menschlicher Wahrnehmung und die Abbildbarkeit von Denk- und Erkenntnisprozessen mittels Sprache stehen im Zentrum von Swensens Poetik. Bereits in einer ihrer ersten Veröffentlichungen suchte sie eine ‚neue Mathematik‘. Nicht die Mathematik selbst mit ihren Formeln ist der Gegenstand ihrer Gedichte, sondern deren praktische Anwendung, sei es in den Naturwissenschaften oder bei der Gestaltung von Landschaftsgärten.“ Für eine Erneuerin der Mathematik der Lyrik wirken aber Swensens Gedichte in der rhythmisch gelungenen Übersetzung von Brôcan recht offen für das Übernatürliche, nicht Erfassbare, nicht Benennbare, wie es Miłosz ausdrücken würde, obwohl es doch konkret ist, sichtbar und fühlbar, zumindest für die meisten Menschen …

Die letzten Worte sollten deshalb Swensen gehören; in dem Gedicht „Ein Gesicht“ schreibt sie: „ist immer ein Geist / ist, was wir verlieren / auf einem Schiff im Wald / oder Everest / oder sobald jedes Gesicht / der Geist eines Augenblicks ist.“ Toll! Und viel Lob gilt nun Norbert Wehr, dass er sich dieser drei Poeten angenommen hat, gehören doch ihre Texte eher ins Bücherregal mit lauter Baustellen, die vermutlich nie beendet werden …, aber das ist auch gut so.

Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, Nr. 106, 50. Jahrgang, Februar 2026, hrsg. von Norbert Wehr. € 16,50 (D)

Letzte Änderung: 02.06.2026  |  Erstellt am: 02.06.2026

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