Ein Italiener in London und seine Schwester

Ein Italiener in London und seine Schwester

Shakespeares Rätsel neu gelesen: John Florio als möglicher Autor – und die vergessenen Autorinnen seiner Zeit.
 | © Res Novae Verlag

In einer nun auch auf Deutsch erschienenen Studie vertritt der italo-kanadische Literaturwissenschaftler Lamberto Tassinari die These, dass Shakespeare Italiener war. Eben erschienen ist auch die Studie der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Ramie Targoff über die schreibenden Frauen der Renaissance, die sie programmatisch Shakespeares Schwestern nennt.

Bis heute ist Shakespeares Identität mysteriös. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass Shakespeare in Stratford-upon-Avon geboren wurde; Stadt, Frau und Kinder verließ und nach London durchbrannte, dort als Schauspieler und Bühnenautor berühmt und wohlhabend wurde und schließlich nach Stratford zurückkehrte, wo er gestorben ist. Das ist die „orthodoxe“ These, für die es allerdings kaum dokumentarisches Material gibt, so dass verschiedene biographische Spekulationen kursieren: dass der Dramatiker Christopher Marlowe der Autor der Stücke sei oder dass es ein Theaterjunge, Will Shakespeare, gewesen sei, unter dessen Namen Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford, sein Werk veröffentlichen ließ.

Und es gibt auch die „feministischen“ Varianten: dass Shakespeares Frau Anne Hathaway die Ghostwriterin gewesen oder dass Elisabeth I. selbst die Autorin jenes dramatischen und lyrischen Werks sei, das Shakespeare zugerechnet wird.

Darüber hinaus gibt es auch Spekulationen, dass Shakespeare ein italienischer Religionsflüchtling gewesen sei, der seinen Namen Crollalanza wörtlich übersetzte ̶ crolla lanza = shake speare und also zu Shakespeare anglisierte. Zwar ließ sich auch diese These kaum seriös dokumentieren, aber sie wurde immer wieder aufgegriffen und mit allerlei ‒ manchmal fantastischem ‒ Material gefüttert.

Aber dann veröffentlichte der italo-kanadische Literaturwissenschaftler Lamberto Tassinari eine detaillierte Studie, in der er einen in London ansässigen Italiener als den wirklichen Dichter hinter Shakespeares Werk ausmachte. „Shakespeare? È il nome d’arte di John Florio” hieß die Studie im italienischen Original, „John Florio, The Man Who Was Shakespeare“ prangte auf der englischsprachigen Ausgabe. „John Florio war Shakespeare“ heißt auch die deutschsprachige Übersetzung, die nun erschienen ist.

Dass John Florio tatsächlich eine schillernde Figur am Elisabethanischen Hof war, wohl der berühmteste Italiener im damaligen London, ist unumstritten. Biographien und historische Studien attestieren Florio eine wichtige Rolle im intellektuellen Milieu und in der Theaterszene.

Als Sohn eines italienischen Einwanderers aus der Toskana 1553 in London geboren, war Florio Engländer mit italienischem Migrationshintergrund. Er war humanistisch gebildet, konnte mehrere Sprachen und hatte es sich zum Ziel gesetzt, italienische Kultur und Umgangsformen in England zu verbreiten. So stellte er eine Sammlung italienischer Sprüche zusammen, die zu einem Bestseller wurde; er übersetzte den Kodex der guten Manieren von Stefano Guazzo ins Englische, was ebenfalls ein großer Erfolg wurde; und 1598 veröffentlichte er ein italienisch-englisches Wörterbuch – eine beachtliche lexikographische Leistung! Dieses Wörterbuch, „A World of Words“ war ein programmatischer Brückenschlag nicht nur zwischen zwei Sprachen, sondern auch zwischen zwei Kulturen, und etablierte Florio als Philologen, als Übersetzer und als Italienischlehrer – und verschaffte ihm Zugang zum Hof.

Eine Bekanntschaft zwischen Florio und Shakespeare gilt als sicher. Der Schulmeister Holofernes in der Komödie „Love’s Labours’s Lost” soll eine Karikatur Florios sein. Florio verkehrte in den Kreisen um den Earl of Southampton, dem er das Wörterbuch gewidmet hatte, und dem Earl of Pembroke, beide auch Shakespeares Gönner, und war mit Ben Jonson, Shakespeares Konkurrent, und mit Samuel Daniel, dem Dichter und Historiographen, befreundet.

Florios Hauptwerk ist die Übersetzung der „Essays“ von Montaigne, die 1603 erschien. Shakespeare soll ein aufmerksamer Leser dieser Übersetzung gewesen sein und ihr manche Formulierungen entnommen haben, ebenso wie er Florios Wörterbuch viele italienische Ausdrücke entnommen hat, die er seinen eigenen Figuren in den Mund legte. Überhaupt soll Shakespeare von Florio jene Details über die italienische Kaufmannschaft und der italienische Adel erhalten haben, die er in den Stücken verarbeitet hat.

Als Florio 1625 in Fulham bei London starb, hatte er maßgeblich zur Verbreitung italienischer Kultur und zur Sprachgeschichte des Englischen beigetragen ̶ ob er auch der wahre Autor hinter dem Werk Shakespeares war, ist weiterhin strittig.

In seiner Studie zweifelt Tassinari die These an, dass der Schauspieler aus Stratford jene Stücke hatte schreiben können, die die Welt bis heute bewegen, und schreibt Florio die intellektuelle Kraft und die stilistische Geschicklichkeit dazu. Tassinari verknüpft eine Biographie Florios mit einer Analyse der Stücke von Shakespeare und beschreibt die sprachlichen Ähnlichkeiten, die eine Verbindung zwischen Shakespeare und Florio nahelegen, ebenso wie das landeskundlichen Wissen über Italien, das eine intime Kenntnis der italienischen Verhältnisse belegen.

Aber ob sprachliche Gemeinsamkeiten und geographische Details die These belegen, dass John Florio tatsächlich Shakespeare war, bleibt, trotz des apodiktischen Titels, fraglich.

Die anhaltende Beschäftigung mit Shakespeare und seinen Zeitgenossen hat den Blick auf eine männliche Autorschaft und die Rivalitäten verengt, meint die Literaturwissenschaftlerin Ramie Targoff. So fing sie an, Schriftstellerinnen der Shakespeare-Zeit aufzuspüren, von denen sie meint, dass sie Shakespeare und seinen männlichen Zeitgenossen ebenbürtig seien, aber nicht oder kaum wahrgenommen wurden: Shakespeares Schwestern.

Mit diesem Titel griff Targoff auf Virginia Woolfs Essay „Ein Zimmer für sich allein“ von 1929. Darin erfand Woolf eine fiktive Schwester Shakespeares, die ebenso begabt war wie der Bruder, der aber unter den sozialen Verhältnissen jener Zeit eine intellektuelle und dichterische Entfaltung verwehrt blieb. Targoff übernimmt und korrigiert Woolf: Sie übernimmt die Meinung, dass im Renaissance-England Frauen intellektuell unterprivilegiert waren, ja ignoriert wurden. Aber sie korrigiert zugleich die These, dass es zu Shakespeares Zeit keine Schriftstellerinnen gab.

Nun stellt Targoff, Professorin an der Brandeis University in Waltham, Massachusetts, vier Autorinnen der Renaissance vor: Anne Clifford, die Tagebücher geschrieben und ihre Familiengeschichte in einer alltagshistorisch durchaus relevanten Chronik festgehalten hat; Mary Sidney, die Schwester des renommierten Dichters Sir Philip Sidney, gilt als die bedeutende Schriftstellerin ihrer Zeit und soll die eigentliche Autorin der Romanze „The Counters of Pembroke’s Arcadia“, dem Meisterwerk, das ihrem Bruder zugerechnet wird, sein; Aemilia Lanyer, deren Gedichtsammlung erst posthum als „Poems of Shakespeare’s Dark Lady“ veröffentlicht wurde; Elizabeth Cary, deren Drama „The Tragedy of Mariam“ als das erste von einer Frau in England aufgeführte Stück gilt.

Targoff gründet ihre Darstellung auf eine ausgiebige Quellenforschung und pflegt einen leichten Erzählstil, der bei den Alltags- und Mentalitätshistorikern geschult ist. Indem sie biographische und kulturgeschichtliche Rekonstruktion mit literarischer Interpretation verwebt, erweitert sie die etablierten, auf William Shakespeare konzentrierten Geschichtsvorstellungen und zeichnet nach, wie Frauen ‒ privilegierte Frauen! ‒ literarisch-öffentliche Räume langsam eroberten.

Ramie Targoff: „Shakespeares Schwestern. Wie Frauen die Renaissance schrieben.“ Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Insel Verlag. Berlin 2026.

Lamberto Tassinari: “John Florio war Shakespeare. Die Enthüllungen der wahren Herkunft des großen Dramatikers.“ Aus dem Italienischen von Arthur Leimgruber. Res Novae Verlag. Aulendorf 2026.

Letzte Änderung: 26.08.2026  |  Erstellt am: 26.08.2026

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