ARTUR BECKERS FRANKFURTER SERENADE …

ARTUR BECKERS FRANKFURTER SERENADE …

Cover FRANKFURTER SERENADE | © Parasitenpresse, Köln, September 2026

Am 14. September erscheint bei der Parasitenpresse in Köln Artur Beckers achter Gedichtband. Hier können Sie schon einen Auszug lesen … Viel Spaß!

PROLOG. ICH LIEBE HELENAS FRANKFURT

Helenas Troja liegt in Frankfurt, ihr habt am falschen Ort
gesucht, im mythischen Sand nach Tod und Mordschlag
gegraben, ihr liebestollen Archäologen. Ihr wahnsinnigen
Positivisten! Und auch heute will Helena die erste und
letzte Geige spielen und an der Rezeption des Hotels Libertine
ihren Gästen erklären, wie tief die Kometen und Schwalben
der Lufthansa fliegen, wie einfach die physikalischen
Gesetze wirken, wie herrlich die Äpfel aus unseren Schreber-
gärten schmecken. Und wenn Helena lächelt und ihre
siebenundzwanzigjährigen Lippen zum Leben erweckt ‒
obwohl sie nur Zimmerkarten ausstellt ‒, verlieben sich alle
in sie: Stewardessen und Cowboys und Hindus und
Christen und Klempner und die Jungs vom House-Keeping
und der Professor, der prophetische Bücher schreibt,
und selbst Dichter und Dichterinnen und alle anderen Hotel-
gäste und -gästinnen ‒ sie verlieben sich pausenlos in Helena
und fragen ständig nach ihr, wann sie uns alle retten werde,
bevor wir uns die Pulsschlagadern aufschneiden, und sie
kommen jeden Tag, die Gäste und die Frankfurter,
und fragen nach Helena und wollen sie entführen ‒
der Präsident der Akademie und der Sekretär
des Innenministers und die Beamten des Ministeriums
für gute Luft und selbst die Schwalben und Kometen
der Lufthansa und Flüchtlinge und ältere Damen aus
New York oder Jerusalem und auch der Museumsdirektor
aus Barcelona und der Taschendieb aus Venedig und
die Junkies aus dem Bahnhofsviertel und die Mönche
aus Kiew und die Fans von Metallica ‒ alle wollen sie
Helena sehen und Helena entführen und lieben, ihre
siebenundzwanzigjährigen Lippen und ihr Lächeln, das
sie wie eine Betäubungsspritze empfinden, weil Helenas
Augen und Brüste und Worte für alle eine Versprechung
auf heilige Zeiten sind, dass es schon bald keine Kriege,
keine Krankheiten und keinen Hunger mehr geben wird,
alle wollen Helena sehen und kommen ins Hotel Libertine
und fragen nach Helena und entdecken endlich Troja
und wollen sie entführen und zu Hause in einem Käfig
wie einen exotischen Vogel sprechen und singen lassen,
weil ihre Seelen so schwer sind wie trompetende Elefanten-
rüssel, und alle wollen Helena entführen, und selbst, wenn
sie das Hotel Libertine am liebsten in den Boden stampfen
würden ‒ grässlich-hässlich-der-Service-unfreundlich
genauso wie die Duschen-Betten-und-Wanzen ‒, so lieben
sie Helena und hören ihr zu und sammeln ihre Schmeichel-
einheiten und Lobeshymnen und ihr Lächeln und ihre
lindernden Blicke wie Heidelbeeren für ein Einweckglas
Konfitüre. Kommt doch auch ihr vorbei, wenn ihr
wissen wollt, wo Helena lebt und wen sie liebt und
an ihre Brust drückt wie einen Apfel, kommt und seht,
wo Troja liegt, wo Schönheit wohnt und Hass nie verzeiht.

I. SCHREIBEN AN DAS MINISTERIUM FÜR GUTE LUFT

Hey Muse!

Du sprichst mit uns, mein Mainhätten, fließend die Sprache
der Kreditkarten, Aktentaschen und Verträge im 44.
Kommerzstockwerk, die Sprache des Sandes, der in den
deutschen Banken leise vor sich hin rieselt und sich teuer
vermehrt-verkauft: beinahe zen-buddhistisch.

Aber das Frankfurter Ministerium für gute Luft liebt dich ‒
Gude! Da klopfen wir jeden Tag besorgt und außer Atem an,
zumal das Ministerium für gute Luft nie schläft und jeden
Morgen auf Neuigkeiten lauert: auf neue Barken und Fähren
zum Ausladen von Flüchtlingen, Touristen, Bankern, Künstlern
und all den anderen Untoten ‒ vor den Kränen der Europäischen
Zentralbank und der stillgelegten Markthallen und Schrott-
plätze ‒, und es fängt ja schon damit an, dass wir die meisten
Besucher missverstehen und zugleich herzlich bitten, bei der
Gerbermühle und vor dem Stein der weisen Grete und im Römer
auf die Knie zu fallen, um unsere Heiligen und Ahnen anzubeten
und für die gute Frankfurt Air 2-Euro-Tourist-Tax zu zahlen ‒
pro Übernachtung und Person ist das kein fauler Hotel-Trick,
sondern ein menschlicher Beitrag zur Völkerverständigung,
nicht nur zwischen Mann und Frau.

Dabei müssten wir doch auch auf die Barrikaden springen,
Radio 1 und 2, fabulous die Graffitis, auf die Barrikaden
und mit Bajonetten, denn trotz des linken Universitätsklinikums
und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, injiziert von Adorno,
erleben wir auch bei dir, mein Mainhätten, einen Stillstand,
trotz Mainova und Elektrizität im Fluss am Pier, der ruht und
nicht kocht: vor Wut. Denn der Main ist gar nicht gemein,
der Main riecht bloß nach Gras und gewaschenen Goldbarren,
riecht nach Crack und frischen Escort-Höschen und verschlingt
aufgebrochene E-Scooter-Schädel aus Alt-Sachsenhausen, wo
Teenager und Briten und Tausende von Barbaren fleißig an
ihrem Prostata- oder Lungenkrebs arbeiten: Mein Mainhätten,
sie pinkeln dich und deine römischen Kaiser nach Lust und
Laune an, diese Besoffskis von Teufels Gnaden.
Dabei ist der Main gar nicht gemein, auch wenn in Alt-Sax die
Gassen nach Kot stinken, nach männlicher Hundepisse und
verdorbener Darmpastete dieser Barbaren, weil sie die Berliner
Luft saufen und nächtelang vor unseren Nasen und Fenstern,
unter unseren Balkonen und in ihren WhatsApp-Liebes-
nachrichten kotzen, aber mehr haben sie nicht zu sagen in dieser
Stadt, zu schwach sind ihre Intentionen, zu dumm ihre
fluchenden Kokaingehirne, die nur am Wochenende aus dem
irren Zoo der KI und ihrer Ausgeburten ausbrechen, und das Alt-
Saxophon und John Coltrane und Wayne Shorter machen sie
krank, sie sagen dazu: Katzenmusik, verehrter Kamasi
Washington, heilige Wächter Ägyptens, Katzenköpfe
ohne Jammer, Archonten und Kettensägen der Seele
und pneumatischen Nächte.

Aber Mainhätten spricht auch mit dir:
»‒ Oh du leichtsinniger Gast!, wenn du dich an den billigen
Tod noch nicht gewöhnt hast, komm zu uns, Gast, wenn
du sehen willst, wie schnell Messer und Pflastersteine
zu Mittätern werden.
‒ In der Großen Rittergasse und vor den Toren des Haupt-
bahnhofs und selbst im Metzlerpark werde ich dich, Gast,
freudig empfangen: für jede Kragenweite ist was dabei, die
Rooftop-Bar Marmion, Eintracht in Kopf und Magen, das
Grüne-Soße-Denkmal aus Oberrad und Dialektik der
Aufklärung, die schönen Zwanzigjährigen, die auf Glitzer
stehen und doch kein Vermögen besitzen, während im
Kaisersaal der kleine Wolfgang herumtobt, ein Rabauke und
Glückspilz, der schon bald zwei Bestseller schreiben wird ‒
einen liebestollen und einen metaphysischen, aber beide so
pyramidal wie der Messeturm und so grantig und hochseetief
wie seine jugendlichen Depressionen: hart wie Granit.
‒ Nur die Luft ist bei uns dick, Gast, selbst in den Wolken
hängt sie wie ein Selbstmörder an einer Leine. Zu viel Kohle
ist im Umlauf, und ‒ ehrlich gesagt ‒ niemand weiß,
wem sie gehört, denn alle erheben Anspruch
auf eine baldige Genesung.«

Ja, wir beschweren uns, Stadt, beim Ministerium für gute Luft
über die hiesigen Zustände ‒ verschenkt doch mehr
Schlittschuhe und Ferngläser, baut Spielplätze für Schachspieler
und Astronauten; steckt uns verunglückte Amphibien nicht
gleich in eine Klinik und Schublade mit denkwürdigen
Kuscheltieren. Und wir beschweren uns auch über unsere
Friedhöfe, sie sind tödlich und wollen uns begraben. Lasst doch
endlich solche Kinderwagen bauen, die nicht mehr sterben.

Du grausiges Ministerium für gute Luft, du wirst Frankfurt
nie so lieben und gebären wie ich, wenn ich mir in letzter Not
ein Uber bestelle, meinen Fahrradhelm aufsetze und in die
Nächte gehe wie zu einem gleichgültigen Geldautomaten ‒
ich hebe endlich für uns alle so viel Knete und Medikamente ab,
ich leihe mir so viel Glück und so viele U-Bahnstationen, so viel
Liebe, dass es nicht mehr schmerzen wird, wenn einer von uns
Namenlosen tot umfällt, du böses Ministerium! Im Hessischen

Rundfunk bangt man schon längst um die Renten und unseren
humanoiden Fortbestand, und im Bankenviertel ist das alles
allen Heiligen schnuppe, und auf einem Empfang in der Villa
Metzler schlägt sich eine Dichterin wacker und schließt die
Götter, die christlichen und die mesopotamischen, in einem
Museum ein, wie in einem Safe der Geschichte. Das nennt
man dann Humanismus pur.

Ich lege mich jetzt wirklich lieber schlafen, Stadt der guten Luft
für internationale Lungen und Friedhöfe, während deine
Geliebte, eine emsige Stewardess, die du schon immer
schwängern wolltest wie Zeus, wieder nach Tokyo fliegt, und
die Träume ihrer Lufthansa-Passagiere werden schon in
Frankfurt gekappt ‒ denn sobald sie ihre Laptops ausgepackt
haben, wird auf dem Boden der Tatsachen keine einzige Urne
noch einmal geprüft oder ausgetauscht. Nicht wegen der
Unsterblichkeit. Und wenn, dann: in wessen Namen?
Aber in der Ostendstraße steigst auch du um ‒ ohne Rassismus
und Angst vor der Zukunft ‒, nicht wahr, Herr Leica-Fotograf,
der du in hiesigen Hotels deine Mannequins mit der digitalen
Linse und Begierde durchpeitschst; und du, Stadt, du und deine
Stewardess der guten Luft, sagt mir, aber nicht im Flüsterton,
warum tut mir immer noch mein Schreihals weh: im Schauspiel-
haus treten doch Linguisten und Polyglotten auf! Oder auch Du,
oh, Herr Jesus Christus aus meiner violetten Geburtsstadt
Bartoszyce-Bartenstein an der Łyna-Alle, der Du die Hungrigen
mit Gütern füllen und die Reichen leer ausgehen lassen wolltest,
aber vollkommen versagt hast: ohne Reisepass kommst Du zu
uns europäischen Think-Tank-Schwätzern, zu uns Consulting-
Magiern und bittest uns um Speis und Trank und eine
Lagerstätte, Jesus Christus, wissen wir doch alle, wie verloren

Du Dir vorkommst in dem stillgelegten ‒ stiller als die Nacht ‒
InterContinental-Hotel am Mainufer, wo Du die kalten 470
Zimmer allein für Dich und Deine Predigten bewohnst;
Halleluja, was ist bloß aus Dir geworden, Jesus Christus, warum
verstehst Du nicht unseren Leerstand? In unseren westlichen
Genitalien und Köpfen, in unseren geopolitischen Spielchen,
die uns zu Milliardären und Ölmagnaten machen sollten, dabei
verwalten wir nur die Gäste und Armut, und wenn’s gruselig
wird, fallen wieder Köpfe, werden Terroristen aktiv und mit
Hackfleischmessern ‒ und nicht mit der Theologie Carl Schmitts
‒ geschmückt wie Weihnachtsbäumchen, Herr Jesus aus
Bartoszyce-Bartenstein. Und was willst Du von uns in
Frankfurt, die wir uns täglich Millionen Euro Schulden
überweisen? Du schaffst es nicht einmal, einen gut getarnten
Lkw-Fahrer in Ketten zu legen, bevor er mit seinem 40-Tonner
den Weihnachtsmarkt besucht, um ein paar Christen und
Atheisten zu bestrafen für ihren Verrat an Gott, dem einzig-
wahren Paradies- und Jungfrauenverwalter: Hallo Jesus,
magst Du wirklich kein Rührei zum Frühstück? Wie konntest
Du Dich so gehen lassen ‒ jetzt spielen wir in Deinen Kirchen
Deep House und gelegentlich Streichquartette zum Dinner.
Da ist kein Platz mehr für Perlengebete und andere
Merkwürdigkeiten am Altar und in der Sakristei.
Und ist es wahr, was wir wieder aus Belgien hören?

»Wir stellen den Antrag auf Ermäßigung, verlangen mehr Schutz
für unsere Blumenläden und Kirchen, die wir im Notfall selbst
vernichten können ‒ Hilfe brauchen wir nicht«, schreiben sie
an das Ministerium für gute Luft. Egal, ihre rechten Bitten sind
stumpfe Kakofonien. Mein Mainhätten, wahr ist nur, dass wir
ein bisschen übertrieben haben, Deutsche Bank, die Herren
Wölfe im Pelz ‒ in euren Tresoren entscheidet sich nicht
die Zukunft Europas. Amen. Auch wenn uns die Urlaubsorte
und Refugien ausgehen.

Ich weiß, sowjetische Majakowski-Treppen wären euch an
dieser Stelle lieber. Aber solche Gedichte verstecken nur die
Macht der Diktaturen, um euch mit ihrem Glitzerschlendrian
glücklich zu machen, während andere an den Fingernägeln
kauen, Gerald Z. ‒ unseren Frankfurter Barden des Duftes
der anderen Haut ‒ in einen Käfig stecken wie Ezra Pound,
wie all die Gewissenslosen, die auf lupenreine Abwege
geraten seien, die den Faschismus in eine neue Religion
der Rechtschaffenen verwandeln würden.

Zum Glück hat Mainhätten ein schlechtes Gewissen und
Gedächtnis. Frankfurt vergisst Sie, Gäste, sofort, nur nicht
seine besten Kinder und Missgeburten, die das Kino Harmonie
immer noch okkupieren, da wird nur in der Vergangenheit
herumgewühlt und gebadet, während Gerald Z., der ewige
Häftling aus Bautzen, Knoblauch aus dem Osten tauschen
musste: gegen Altersheimäpfel und -käse vom Main.
Wenigstens hat er sich beim Ministerium für gute Luft nie
beschwert, trotz seiner sehr kurzen Lunte. Und glaubt bloß
nicht, dass er traurig ist, nach all den 24 Stunden im DDR-
Neonlicht und Bautz’ner Senf. Gemordet haben sie dort
einander, was das Zeug hält, Solidarnosc als faules Pack
beschimpft, einmarschieren wollten sie wieder, einmarschieren
an der Weichsel, in die die Asche ihrer Taten bis heute regnet,
bis heute silbern leuchtet im kalten Schweiß der Friedhöfe.

(…)

Letzte Änderung: 04.09.2026  |  Erstellt am: 04.09.2026

divider

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn mit Ihren Freund:innen:

divider

Kommentare

Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.

Kommentar eintragen