Traum und Alptraum
Tschaikowskis düstere ─ und fast vergessene ─ Oper Mazeppa über den Unabhängigkeitskampf der Ukraine in 18. Jahrhundert wird an der Oper Frankfurt in einer musikalisch sensationellen Aufführung als erste Premiere der Saison aufgeführt. Stefana Sabin war von der symphonischen Dichte der Musik und der vokalen Brillanz der Sänger beeindruckt.
Die Aktualität bricht erst zu Beginn des dritten Aktes hinein: auf der hellen Hinterwand werden Bilder von Panzern, Drohnen, Jets, zerstörten Straßenzügen projiziert, während in einer Art Guckkasten auf der oberen Ebene der Bühne Kampfszenen schauspielerisch simuliert werden und sich darunter Flüchtlinge sammeln. Die Bilder könnten aus jeder heutigen Kampfzone stammen, aber sie erinnern unmissverständlich an die täglichen Berichte aus der Ukraine.
Und tatsächlich geht es in der wenig bekannten großen Oper von Peter Iljitsch Tschaikowski, die nun in Frankfurt gespielt wird, um den Unabhängigkeitskampf der Ukraine im 18. Jahrhundert. Die Schlacht bei Poltava, die die Ukrainer gegen die russischen Truppen verloren haben, bildet einen Höhepunkt der Handlung in der düsteren Inszenierung des südafrikanischen Regisseurs Mathew Wild. Diese Bilder sind der einzige Hinweis auf den aktuellen Krieg. Sonst erzählt die Inszenierung einen Machtkampf zwischen zwei Verbündeten, die wegen einer Frau zu Todfeinden werden und am Ende beide verlieren.
Schon 1819 hatte Lord Byron in einem Langgedicht „Mazeppa“ zum romantischen Freiheitsführer stilisiert und Alexander Puschkin, der sich auf Lord Byron bezog, hatte Mazeppa im Mittelpunkt seines eigenen Versepos Poltawa gestellt. Puschkin verwebte den Handlungsstrang um Mazeppas politische Verstrickung mit einer Liebesgeschichte zwischen ihm und der Tochter des Kosakenführer Kotschubej.
Vielleicht war es diese dramaturgisch ergiebige Mischung aus Kampf- und Liebesgeschichte, die Tschaikowski so reizvoll für eine Oper fand, so dass er zusammen mit dem Dichter Viktor Burenin am Libretto selber mitschrieb. Tschaikowskis Oper Mazeppa wurde 1884 am Bolschoi Theater in Moskau mit einer hochrangigen Besetzung uraufgeführt, aber gemischt aufgenommen: das Publikum war enthusiastisch, die Kritik kühl ─ und verglichen mit dem vorherigen Erfolg von Eugen Onegin und dem späteren Erfolg von Pique Dame blieb Mazeppa (sicher auch wegen der Handlung!) eher unbekannt.
Erst 2006 wurde diese Oper im Deutschlandfunk gewissermaßen wiederentdeckt und 2013 an der Komischen Oper Berlin inszeniert. Die Tiroler Festspiele Erl nahmen die Oper ins Programm ─ Monate vor dem russischen Angriff auf die Ukraine! Aber es war wohl die kompromisslos realistische, bildgewaltige Produktion an der Grange Park Opera im englischen Surrey 2025 unter der Regie von David Pountney, die dieser Oper eine neue, tragische Aktualität verlieh.
Realistisch ist auch die jetzige Frankfurter Inszenierung von Mathew Wild, eine Übernahme aus Erl. Wild teilt den Bühnenraum in zwei Ebenen, einer oberen, auf der sich die politische Führung bewegt ─ also Kotschubej und seine Familie und Mazeppa und seine Anhänger ─ und einer unteren, wo sich das Volk aufhält (Bühne und Kostüme Herbert Murauer). Die obere Ebene zeigt abwechselnd einen Salon und ein Schlafzimmer und das Badezimmer dazwischen ─ die Drehbühne ermöglicht einen mühelosen Wechsel; die untere Ebene bleibt leer, im zweiten und dritten Akt sind Stühle das einzige Requisit.
Der Konflikt zwischen Mazeppa und Kotschubej, der teils privat ist ─ Mazeppa will Kotschubejs Tochter Maria heiraten ─ und teils politisch ─ Mazeppa will die Unabhängigkeit der Ukraine, Kotschubej ist dem Zaren treu ─, entfaltet sich also auf der oberen Ebene, während auf der unteren Ebene die Massen gegeneinander aufgehetzt werden. Auch die Folterszene im zweiten Akt, als Kotschubej durch die Schergen des Mazeppa gequält wird, findet auf der oberen Ebene statt, während das Volk die Live-Übertragung des blutigen Geschehens unten verfolgt.
Die schauspielerische Unmittelbarkeit wird durch Videoprojektionen (Video Bibi Abel) ergänzt und verleiht dieser Szene eine Drastik, die ungewöhnlich ist auf der Opernbühne. Überhaupt ist die Inszenierung gewollt und gekonnt radikal realistisch. Wild verzichtet auf jeden Kosaken-Kitsch und konzentriert sich auf den (Männer)Kampf zwischen politischen Gegnern und ihren Anhängern, der auf beiden Seiten Opfer kostet. Am Ende gibt es nur Verlierer: Kotschubej wird hingerichtet, Mazeppa flieht, Maria verliert den Verstand.
Das Geschehen wird in einer geradezu gewaltigen Musik dargestellt ─ mächtige Chorgesänge, dramatische Arien, sinfonische Orchesterwucht. Tschaikowskis Musik wechselt zwischen warmen, von traditioneller russischer Melodik geprägten Arien im ersten Akt und deklamatorisch düsteren Motiven im zweiten und schließlich einer geradezu schaurigen Melancholie am Ende, als Marias Schlussarie wie eine verzerrte Wiederaufnahme ihrer Unschuldsarie von Anfang wirkt.
Die südafrikanische Sopranistin Nombuelo Yende, die zum Ensemble der Oper Frankfurt gehört, verkörpert Maria als das emotionale Zentrum des Geschehens und führt stimmlich überzeugend den unaufhaltsamen Abstieg von Verliebtheit über Enttäuschung und Angst bis hin zum Wahnsinn vor. Als Kotschubej brilliert Alexander Roslavets, der mit düsterer Bassgewalt zwischen der Zuversicht der geplanten Rache und der Verzweiflung des unschuldig Verurteilten wechselt, und als Marias Jugendfreund Andrej gibt der Tenor John Findon den lyrischen Gegensatz zu den dominanten Männerstimmen von Roslavets und Sokolov in der Titelpartie des Mazeppa. Der russische Bariton Petr Sokolov gibt den Mazeppa als brutalen Bandenboss und zugleich als zärtlich Verliebten mit überzeugender stimmlicher Kraft und Bühnenpräsenz. Und das Orchester, das mit mehr Blech- und Holzbläsern als üblich besetzt ist, läßt sich von Karsten Januschke zu einer beeindruckenden Leistung antreiben und macht den zerstörerischen Konflikt in eindringlichen Klangbildern spürbar. Januschke, der 2008 als Solokorrepetitor an der Oper Frankfurt debütierte und hier bis 2015 Kapellmeister war, gelingt es, das Orchester so zu moderieren, dass trotz der Wucht der Musik weder Sänger noch Chor übertönt werden. So ist diese Produktion ein großartiger Musikabend. Ob sich die Oper im Repertoire endlich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.
Letzte Änderung: 16.09.2026 | Erstellt am: 16.09.2026
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