Kein Sirius, der Menschheit zu helfen
Gaspare Spontinis „La Vestale“ an der Staatsoper Unter den Linden unter Stabführung Carlo Rizzis in der Inszenierung Lydia Steiers. Zur Premiere des 26. Septembers 2026.
Nein, es war sicher nicht beabsichtigt, geschweige denn abgesprochen, dass Lydia Steiers Inszenierung von Spontinis Vestalin – ja, die Komposition schon selbst – wie ein wenn nicht zynischer, so doch mindestens kritischer Kommentar zur ersten Szene, „Weltparlament‟, der von Stockhausen so genannten „Oper‟ Mittwoch aus Licht auf mich wirkte, die sieben Tage (!) vorher Premiere an Westberlins großem Opernhaus hatte (hier habe ich sie schon besprochen). Dabei liegen beider Entstehungszeiten nahezu zwei Jahrhunderte auseinander. Doch anders als das Gegenwartsstück führt – wenn wohl auch eher ungewollt – Spontini bereits vor, was Adorno am Ritualkitsch so nachdrücklich analysiert hat:
Authentizität wird durch die Verleugnung des subjektiven Pols erschlichen. (…) Das Wohlgefallen an dem von der Musik aufgezäumten subjektlosen Zustand ist sado-masochistisch (…) und wähnt, selber dessen potentielles Opfer, eben damit in magischer Regression an der kollektiven Kraft teilzuhaben.
Philosophie der neuen Musik, „Strawinsky und die Restauration‟, Frankfurt am Main 1958
Lydia Steiers humanistische, für die Vestalin deutlich frauenemanzipative Perspektive hebt diesen Gehalt aus der Partitur heraus – was ihre Inszenierung Unter den Linden von Kennedys, „drüben‟ in der Bismarckstraße, eklatant unterscheidet. Wenn diese Stockhausens Stück letztlich musealisiert, noch einmal mit Adorno gesprochen verdinglicht (einige Seiten zuvor spricht er vom ‚unbefragten Vollzug‘ ), macht Frau Steier ein eigentlich längst historisiertes Stück Musiktheater zukunftsfähig, weder dessen Kompositionsstand noch dramatischer Vorlage ich so etwas zugetraut hätte. Jedenfalls schließt sie es an die Gegenwart an, und seine Musik wird unversehens interessant. Ein größeres Geschenk kann eine Regie dem Publikum gar nicht machen. So will ich mehr von ihr wissen, dieser Musik, will sie ergreifen, begreifen: weiter denkend und fühlend mit ihr umgehen. Und ich verstehe, weshalb Spontini von Wagner über dessen Antipoden Verdi bis zu Berlioz hinaus seine Nachfolger derart beeinflussen konnte. Stockhausen habe ich da längst vergessen. Eine derartige Macht können Inszenierungen, gute wie schlechte, entfalten.
Künstlerische Leitung bedeutet Verantwortung weit übers Tagesgeschehen hinaus; wie die Stücke selbst kann sie ganze Generationen prägen. Denken Sie an Ruth Berghaus’ Barbier von Sevilla, hier am selben Haus; bereits ein halbes Jahrhundert lang wird ihre und Achim Freyers (Bühnenbild) Interpretation schon gespielt. Und wie alt ist auch Götz Friedrichs Rosenkavalier, mit vollem, vollem Recht geworden! Nein, große Werke bleiben nicht lebendig, weil sie „zeitlos“ wären („zeitlos‟ ist sowieso Quatsch), sondern weil sie mehr Zeit enthalten können, als es der ihrer Entstehung bewußt war.
Wobei Frau Steiers Geheimnis eben nicht in einer „Aktualisierung‟ der Oper Spontinis besteht; ihre Arbeit gehört nicht ins so schreiend oft, indem es eigene, doch stückeferne Inhalte aufpfropft, mißbräuchliche Regietheater, sondern sie löst aus dem Stück, was schon drin ist, verändert seinen Erkenntnisstatus, schärft ihn nämlich; davon muß sein Komponist nicht mal was geahnt haben. Ein Kunstwerk, wenn gelingend, folgt eigenen Gesetzen, bewegt sich mitunter sogar diametral den Absichten seines Schöpfers zuwider. Spontini komponierte Pflicht gegen Liebe imgrunde noch immer traditionell; Steier zeigt auf, dass bereits dieser – weil erzwungene – Widerspruch in Gänze das Unheil enthält:
Der Druck der verdinglichten bürgerlichen Kultur treibt zur Flucht ins Phantasma von Natur, das dann schließlich als Sendbote der absoluten Unterdrückung sich erweist. Die ästhetischen Nerven zittern danach, in die Steinzeit zu regredieren.
Philosophie der neuen Musik, a.a.O.
Am deutlichsten wurde es gegen Ende des dritten Akts, wenn die Musik nur noch regrediert, so furchtbar, dass ich „o nein!‟ vor mich hinächzte, ohne – so hat es Frau Steier ganz sicher gewollt! – … ohne zu ahnen, wie sie gerade jetzt, in der tiefsten Senke dieses primitivmelodisch versumpften Niveautals, das Grauen sich erheben lassen würde – ja, mitten im musikalisch einfach nur zum Kotzen naiven Happyendsgeschunkel! Die Rückseite jeglichen ästhetischen Kitschs: – brutal und höhnisch metzelt und kartätscht ein gewaltiges Maschinengewehrfeuer alles endlich Erfüllte nieder, und der einstige angebliche Freund, nun neuer militärischer Oberpriester, nimmt zur immer weiter und weiter dudelnden, unterdessen jeden quälenden Musik den blutigen Thron aller folternden Menschenschinder ein.
Allerdings, was Spontinis Musik nun insgesamt anbelangt, eigneten ihr vor allem im zweiten Akt durchaus eigen Kraft und Ausdruck, zwar eigentlich nicht sang- (also nach- oder mitsummbar), doch von exzentrisch expressiver Leidenschaftsmacht jenseits jeglichen Selbstschutzes. Genau das dürfte auf Wagner so gewirkt haben; denken wir nur an Brünnhildes „Starke Scheite schichtet mir!‟ Und wie Frau Steiers Regie arbeitete es auch die Staatskapelle unter Carlo Rizzis Leitung rigoros heraus, damit wir, ein knappes halbes Jahrhundert zurücklauschend, endlich begreifen, was autoritäre Rituale machen mit Menschen, derweil Frau Kennedy sie immer noch geschehen läßt, ja sich ihnen, wie sie selber sagt, hingibt. Genau diesen unbefragten Vollzug läßt Lydia Steier brechen und zeigt seine Gewalttätigkeit. So ist es mit starker Regie. Sie modernisiert nicht ein Werk, sondern entdeckt, welche Gegenwart in ihm wartet – in La Vestale mehr noch: lauert.
Und wir, wir entdecken wirklich das uns bislang unbekannte Werk einer klassizistisch zwar fundierten, doch über die romantische Grand opéra hinaus sogar auf einen brutal mullahgequälten Iran vorausweisenden Musik , den es derart religionsfaschistisch noch nicht gab in ihrer eigenen Zeit. Und leider, entsetzlich!, nicht bloß auf ihn.
Ein Sirius ist nicht, der Menschheit zu helfen.
ANH, 28. – 30. September 2026
Berlin
Gaspare Spontini
La Vestale
Tragédie lyrique in drei Akten
Text von Victor-Joseph Étienne de Jouy
Musikalische Leitung: Carlo Rizzi, Inszenierung: Lydia Steier, Bühne: Etienne Pluss, Dramaturgie: Olav A. Schmitt
Julia: Sonya Yoncheva, Licinius: David Butt Philip, La Grande Vestale: Marina Prudenskaya, Cinna: Siyabonga Maqungo, Le Souverain Pontife: Adrian Sâmpetrean, Un Consul: Hanseong Yun
Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin
Eine Co-Produktion mit der Opéra national de Paris
Letzte Änderung: 01.10.2026 | Erstellt am: 01.10.2026
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