Sakralkitsch, paganer Klamauk und doch auch mal Große Musik
Karlheinz Stockhausens Mittwoch aus Licht in einem Gruß, vier Szenen und einem Abschied. Zur von Susanne Kennedy inszenierten deutschen Erstaufführung des 19. Septembers 2026 unter der musikalischen Leitung Maxime Pascals an der Deutschen Oper Berlin. Eine Rezension von unserem Autor Alban Nikolai Herbst.
Ein wenig war es wie bei des nackten Kaisers neuen Kleidern, obwohl die, genäht bis 1998, wirklich neu nicht mehr waren – doch prächtig, wenn auch dunkel, wenn er mal wirklich welche trug. Freilich in den Helikoptern. Doch schon davor der zweite Aufzug, wie die anderen Stücke „Szene‟ genannt, glühte als und in den „Orchester-Finalisten‟, ich wußte gar nicht, plötzlich woher. Der große Rest indessen, der Stockhausens – ich schreibe mal vorsichtig – Botschaft trägt, ist ein entsetzlicher Schmock, wenn nicht schlimmer
Lob, Dankbarkeit für die Wunder der Sterne, Planeten (Tula Toli, August 2017)
Alle Geister drehen in Spiralen sich zum Licht der Welt, (Butscha, Frühjahr 2022)
ewig steigend zu GOTT, schöpfend im All. (Nova Festival, Oktober 2023)
Lauscht dem Klang der Galaxien, Zaubermusik (al-Fāschir, Oktober 2025),
Musik rotierender Töne, Rauschen, Spektren. (Januar 2026, Massaker am Volk des Irans)
Nun paßt es irgendwie ja in die Zeit, daß nun auch das ritualisierte Spiel in Theatermode zurückkommen will und, obwohl es sich quälend langsam in einer Melange aus Mysterienminimalismus und zu Kitsch geronnener „Luft von anderem Planeten‟ (Stefan George) zerflockt, mit einem Applaus bedacht wird, der nicht nur unbegreiflich ist, sondern uns erschrecken sollte. (Wobei, einige Buh-Stimmen gab es schon, wenn auch nicht in gehörigem Maße.) – Denn indem Stockhausens, nun jà. „Oper‟ Wagners Konzept des „Weihespiels‟ schreiend naiv noch weiterweiht, das schon bei diesem hochproblematisch, wird dessen Antisemitismus – im besten, also schlimmsten Fall von Kalauern mal synkopiert – einfach nur gegen die Eugenik seiner, Stockhausens, Inspirationsquelle ausgetauscht: Das zwar christlich grundierte The Urantia Book von 1955 geht von höheren und niederen „Menschenrassen“ aus, die zur Weiterentwicklung „überlegener‟ Erbfaktoren nur nach bestimmten Verhältnissen „gemischt‟ werden dürfen:
This age usually witnesses the completion of the elimination of the unfit and the still further purification of the racial strains (…). The Adamic progeny never amalgamate with the inferior strains of the evolutionary races. (The Urantia Book, → Kapitel 52,3.4-3.5)
Das ist nicht bloß esoterischer Unfug, sondern rassenhierarchische Selektionslogik. Daß deren strukturelle Verwandtschaft mit Hitlers „arischer“ – es fällt mir schon schwer, bloß das Wort zu tippen – „Rassenhygiene‟ übersehen wird, kann bereits selbst Symptom einer historischen und psychischen Beschädigung sein. Eben deshalb müßte eine heutige Inszenierung diese Struktur offenlegen, brechen, bloßstellen — statt sie, wie Kennedy und ihr Team tun, noch einmal zu beglaubigen – zutiefst tragisch für Stockhausens Werk. Affirmation wird es nicht überleben lassen. Die Regisseurin aber hat sie sich → auf den Regieleib geschrieben: „Ich möchte in meiner Arbeit diese Spiritualität erforschen. Nicht gleich Kritik daran üben, sondern mich dem hingeben.“ Hingeben! Wirklich? In derart heiklem Ideologiefeld? Hingegeben hat sich ab 33 das fast komplette deutsche Volk! Und Frau Kennedy setzt noch was drauf, nälich ihre Aufgabe nicht darin zu sehen, „Kritikerin zu sein“. Bei Richard Wagner wollte sie’s ebenso wenig – sich hingeben auch dem Antisemitismus? – Urantias christliche Grundierung entschärft daran gar nichts; die Gewaltgeschichte des Christentums zeigt eher, wie eng die Erlösungssemantik und Herrschaftsbarbarei ihre Schultern schließen und die Nacken ihrer Barbarei. Selbst Hitler noch, etwa 1942 in seiner Berliner Sportpalast-Rede, stützte sich auf die Johannes-Apokalypse.
Egal.
Nein, nicht egal. – Denn in dieses musiktheatralische, ich schreib mal wertfrei, „Ding‟ ist ja am 19. September nicht irgendein Tor getappt, der im Fluge trifft, was fliegt, sondern die halbe High Society Berlins tat’s – in die Bismarckstraße gewallfahrtet wie zu den Urantiasternen eines anderen Heiligen Jacobs. Und lauschte, vor Ergriffenheit immer, immer higher werden, dem Jauchzet jubelt Kinder zu, jauchzet, jubelt, jauchzet, jubelt. – 7. Oktober, wie gesagt.
Ich selbst wäre ja bei Menschen, hört schon weggegangen, hätte ich nicht gewußt (und weiß es nach wie vor), wer Stockhausen gewesen und dass sein Größenwahn aus gleichem Stoff wie Wagners war, mit ganz einem selben Ergebnis: großer, teils allergrößter Musik bei extremer Stillosigkeit andererseits, besonders beider selbstgefühlig-neoprophetischem, sagen wir ersatzhalber „Denken‟. Nur war Stockhausens Talent auch noch vorenthalten, was seinem Größenwahnsvetter – muß ich „leider‟ schreiben? – mitgegeben war: daß aus einem über Strecken unerträglichen Gestanze unversehens Brillanten herausfunkeln können („Wer ist der Gral?‟ „Das sagt sich nicht.‟ / „Zum Raum wird hier die Zeit‟). Das eben ist Stockhausen nirgendwo gewährt; sein Text bleibt Zumutung stets:
In unserer Stimme steht (…) Liebe auf ewig zu singen.
Mir, bei sowas, klappen sich die Fußnägel hoch. – Wie also führt man solch ein Zeug auf, und wozu? Daß – was der Deutschen Oper Programmbuch dauernd betont – Stockhausens Licht-Opernzyklus mit seinen insgesamt neunundzwanzig Stunden Aufführungszeit der längste überhaupt je geschriebene sei, kann ja wohl kein Grund sein. Jede KI bekäm’ das fingerschnippend hin. Ein Opernhaus ist außerdem nicht aus den Ziegeln von Guinnesserekorden erbaut. (Besser, ich lasse die Wozufrage fallen und bleibe mit Nachdruck beim Wie.)
Eigentlich war der Regisseurin und ihres Partners Selgs Idee ja famos: Stockhausens Bildanweisungen bauen wir als eine lebendige Wand aus Rückprojektionen; die saugen das Publikum ein. Nur daß das nicht funktionieren konnte, wenn den lebenden Bildern, die letztlich repetitive waren, die Allmacht fehlte, und auch ein dauernd fallender und wieder sinkender und wiederfallender Sand wirkt auf Dauer nur öde. Schlimmer aber ist, daß die Rückprojektionen nach Kinoleinwand wirken und alles derart zentral im Blick bleibt, dass Entgrenzung überhaupt nicht stattfinden kann, nicht mal voll bekokst. Statt sich wirklich fallen zu lassen, wird man an etwas festgeklammert, das Frau Kennedy treffenderweise „eine Art brutalistischen Hightech-Altar‟ nennt. Wobei er, frontal gesehen, so auffällig die Silhouette Mjölnirs annimmt, des Thorshammers also, daß die germanisch-kultische Assoziation herbeigeredet werden gar nicht erst muß: Von diesem wuchtigen Querblock aus, dem kurzen Mittelstiel und dem ganzen Gebilde als sakralem Zentralzeichen über der Szene ist der Gedanke ans Zeppelinfeld kein beliebiger Sprung mehr. Dieselbe Monumentalität, dasselbe kultisch gesetzte Licht, dieselbe Architektur der Überwältigung. Was bleibt dem, der heute noch bei Trost, also ohne jeden ist, andres übrig, als an Speers ungeheuren Lichtdom zu denken, den einhundertdreißig Flakscheinwerfer im Nürnberger Himmel errichtet haben?
Nein, von dem Komponisten selbst war das Stück ganz sicher faschistoid nie gemeint, wie monumental es immer auch sei. Doch klebt es ihm an und wird durch eine Inszenierung wie diese noch gefirmt. Was ich in der Premiere erlebte, scheint mir genau das zu sein, was ich oben schon angedeutet habe: zwar künstlerische Bearbeitung eines Traumas – indes in Form seiner Heiligung als quasi ästhetisches Stockholmsyndrom. Und damit die unentwegte Wiederholung seiner Gründe.
In Stockhausens Kindheitsgeschichte sind die unschwer zu finden, wurden vom Regieteam auch gefunden; das Programmbuch listet sie auf. Nur wurde aus ihnen keine Lehre gezogen, sondern Stockhausens Wahn zelebriert als Erleuchtung. Zu der gehört besonders sein Glaube an seine Sirius-Herkunft. Jedem andren würde bei sowas der Vogel gezeigt. Er wird für den Quatsch statt dessen verehrt. Es lebe hoch die Regression!
Ihr entspricht komplett der Stockhausen nachgesagte Humor. Stockhausen hat nämlich keinen. Was bei Wagner Ausfluß seiner charakterlichen Niedertracht war (etwa der Hohn über Mime), führt bei Stockhausen in primitivste Alberei, und Vorsicht! in „albern‟ stecken „Alben‟. Die verspotten uns bös hier auch szenisch: Die sozusagen Welt-Pferdeäpfel, die das Kamel aus dem – erneuter flacher Ulk – Andromedar -Nebel „fallen läßt‟ (Kacke also, Gaudium für Kinder von zwei bis drei Jahren) sind nur ein besonders geschmackloses unter vielen andren Momenten. Nicht einmal Ironie kriegt dieser Komponist zuwege, genauso wenig wie, ecco!, Wagner, um von wirklichem Humor ganz zu schweigen – wie Mozart ihn hatte, besonders aber Verdi.
Dennoch wäre Stockhausens Kunst durch eine kluge Inszenierung durchaus zu erlösen, nicht anders, als man es zurecht bei seinem Größenwahnsvetter wieder und wieder und wieder versucht. Denn die Große Musik ist ja da, bei beiden – und wäre von niemandem andren ersinnbar gewesen, etwa Stockhausens furioses Helikopter-Quartett, das zusammen mit den Orchester-Finalisten vorführt, was seine Musikästhetik tatsächlich kann.
Besonders das Quartett hat sich mir gerade in dieser Inszenierung, vor und hinter dem Thorshammer und um ihn herum, zum ersten Mal erschlossen, obwohl ich es hin und wieder schon vorher gehört, ja als CD in meiner Musiksammlung habe. Nie bislang hatte ich hineingefunden. Jetzt, mit seiner auch visuellen Umsetzung, riß das Stück mich nicht nur mit, sondern steuerte direkt meinen Herzschlag an und brachte ihn zum Rasen. Ich kam aus dieser Umklammerung bis zum Ende nicht mehr heraus. Und hab sogar geschwitzt! – Auch daß zu ihrer Einleitung Stockhausen selbst als O-Ton eingespielt wurde, also was er zu sagen hatte, hat bis zum Flugkörperstarten geradezu dramatisch gepaßt. Dann sahen wir die Solistinnen, den Solisten in ihren Kabinen spielen und hörten Luzifer durch die Zahlen seiner Formel sprechen, als sie durch den Thorshammer kreuzten, einfach großartig: magisch wie komplex. Nur dass die Helikopter auch durch Rauch und schweres Gewölk fliegen mußten, jener auf der Bühne vermittels Maschinen erzeugt, dieses als Echtwetter-Mitschnitt, in die Kabinen aber weiter und weiter die Sonne hineinschien. Darauf hat da halt niemand geachtet. So sehr hat offenbar sie alle Karlheinz von Nazaret in Köln als neuer Christus gebannt: „Ich glaube, daß in einem Endzustand der Menschheit jeder ein Musiker ist.‟ So zitiert ihn das Programmbuch. Ist vielleicht er aber eher ein Flötenspieler von Hameln und sammelt seine Kinder ein? Deshalb ziehe ich, wenn es religiös wird, entschieden Penderecki vor – dessen „Die Teufel von Loudun‟ überdies zu den größten Opern des Zwanzigsten Jahrhunderts gehört, weil sie jede Zeugung durch das Ohr aufs irdische Begehren zurückzieht: Um zu werden, muß sie lüstern sein, die Welt, nicht rein. Deshalb bleibt mir für den Katholizismus nicht ein fernes Siriusgespinst, sondern der Mörder Gesualdo der Maßstab. Um es mit Camille Paglia auszudrücken: „Sexualität ist kein Spaziergang im Grünen.‟ Darum kann es auch Gottes Schöpfung nicht sein.
ANH, Berlin
20. bis 24. September 2026
Karlheinz Stockhausen
Mittwoch aus Licht
Oper in einem Gruß, vier Szenen und einem Abschied von Karlheinz Stockhausen Musikalische Leitung Maxime Pascal Regie Susanne Kennedy Bühnenbild Markus Selg Kostüme Andra Dumitrascu Licht Marcel Weber/MFO Klangprojektion Florent Derex Klangprojektion Assistenz Nicolas Widmer Computer Music Designer Augustin Muller Video Warja Rybakova, Markus Selg Dramaturgie Beate Breidenbach Dirigent «Weltparlament» Jeremy Bines
Nächste Vorstellungen:
26. September, 18 Uhr → Karten
27. September, 16 Uhr → Karten
Letzte Änderung: 25.09.2026 | Erstellt am: 25.09.2026
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