Der Hirte als Prinz

Der Hirte als Prinz

Donizettis komisches Stück über Heinrich von Burgund als „Theater im Theater“: Eine Opernkritik
Enrico di Borgogna | © Michele Crosera

Nach Bizets erster Oper in Wien und Rossinis erster Oper in Frankfurt: nun Donizettis erste Oper in Venedig. Stefana Sabin war im Teatro Malibran bei der Premiere dabei und berichtet über ein Stück, das metatheatralisch, bunt-schrill und komödiantisch gestaltet wurde und eine hervorragende Aufführung bot.

Im Frühjahr 1818 erhielt Gaetano Donizetti, der erst einen Einakter und einige Fragmente komponiert hatte, einen Opernauftrag aus Venedig. Sein Schulfreund aus Bergamo, Bartolomeo Merelli, sollte für eine Wandertruppe ein Libretto schreiben und schlug ihn als Komponisten vor. Die beiden hatten nur wenig Zeit, denn die Premiere war für November 1818 vorgesehen. Merelli bearbeitete das Stück „Der Graf von Burgund“ von August von Kotzebue, eine Romantisierung der Lebensgeschichte Heinrichs von Burgund, und Donizetti schrieb dazu eine spätklassizistische Musik mit bemerkenswerten rossinischen Einflüssen.

Die Handlung ist recht einfach: Enrico, Herzog von Burgund, wird als Kind vor dem Mörder seines Vaters gerettet und wächst in einem Alpendorf als Hirte auf, ohne von seiner edlen Herkunft zu wissen. Er ist in Elisa verliebt, die er im Wald getroffen hat und die seine Gefühle erwidert – auch sie weiß nichts von Enricos edler Herkunft. Doch dann erfährt Enrico von seiner wahren Identität, und als der Thronusurpator Elisa heiraten will, kehrt er in seine Heimat zurück, stürzt den Usurpator, besteigt den Thron und heiratet Elisa.

Der Auftrag sah eine opera seria vor, aber indem Merelli der Handlung die Figur eines Hofnarren hinzufügte, wurde es eine opera semiseria. Zwar gilt das Libretto als holprig und naiv, aber bei der aktuellen Produktion im Teatro Malibran griff die Regisseurin Silvia Paoli zu einem metatheatralischen Konzept und inszenierte ein lebhaftes „Theater im Theater“, das mit bewußten Albernheiten und ironischen Anspielungen dem Stück jede Verstaubtheit nimmt und dabei durch verspielte Hinweise auf die Uraufführung erinnert: die (hinzugefügte) Figur des Regisseurs, der aufgeregt die Sänger immer wieder antreibt, ist ein anekdotischer Hinweis auf Pannen bei der Uraufführung und im Frontispiz des Bühnentheaters (Bühnenbild: Andrea Belli) prangt der Name „Teatro San Luca“ – jenes Theater, in dem die Uraufführung stattfand und das heute Teatro Malibran heißt. Die bunt-schrillen Kostüme von Valeria Donata Bettella versuchen gar nicht, die historische Epoche der Handlung zu suggerieren, sondern verweisen gewollt und gekonnt auf die venezianische Karnevalstradition.

Eine komödiantische Spielfreude ist dem Agieren der Sänger anzumerken, und sie wechseln bravourös zwischen den schauspielerischen Secco-Rezitativen und den Belcanto-Koloraturen der Arien. Die Sopranistin Giuseppina Bridelli brilliert als Elisa und Omar Montanari als Hofnarr zeigt eine hervorragende Bühnenpräsenz, ebenso wie die Mezzosopranistin Teresa Iervolino, die in der Hosenrolle als Enrico eine hohe stimmliche Wendigkeit zeigt. Der Dirigent Corrado Rovaris, musikalischer Direktor der Opera Philadelphia, ist für seinen lebendigen Stil im Belcanto-Repertoire bekannt und tatsächlich führt er das Orchester des Teatro La Fenice mit schwungvoller Präzision. Das Premierenpublikum in Venedig bedankte sich bei allen für eine amüsante und künstlerisch hervorragende Aufführung mit anhaltendem Applaus.

Letzte Änderung: 17.06.2026  |  Erstellt am: 17.06.2026

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