Boxen für die Liebe

Boxen für die Liebe

Opern-Renaissance: Zu der Frankfurter Premiere des Klassikers „Tancredi“
Kihwan Sim (Orbazzano) und Cláudia Ribas (Tancredi) sowie Ensemble | © Monika Rittershaus

Eine bemerkenswerte Tendenz zeichnet sich ab: Auf mehreren Bühnen Europas werden frühe Opern beliebter Komponisten wiederentdeckt. Am 14. Mai feierte Georges Bizets „Die Perlenfischer“ an der Wiener Staatsoper Premiere, ab dem 12. Juni wird Gaetano Donizettis „Enrico di Borgogna“ am Teatro Malibran in Venedig gespielt, und am vergangenen Sonntag begannen die Aufführungen von Gioachino Rossinis „Tancredi“ an der Oper Frankfurt. Stefana Sabin war bei der Frankfurter Premiere von „Tancredi“ dabei und berichtet von einer großartigen Aufführung, die hoffentlich zur Wiederentdeckung dieses Werks beiträgt.

Nach einem lustigen Einakter, der in Venedig im Teatro San Moisè im Herbst 1812 uraufgeführt wurde, erhielt der zwanzigjährige Gioachino Rossini den Auftrag zu einer opera seria für das damals schon berühmte Opernhaus La Fenice. Sowohl das Sujet als auch der Librettist standen bereits fest: Es sollte eine Vertonung der Tragödie „Tancrède“ von Voltaire durch den Opernschriftsteller Gaetano Rossi sein, mit dem Rossini schon einige Jahre zuvor bei der farsa comica „Le cambiale di matrimonio“ zusammengearbeitet hatte. Rossini hatte kaum Zeit für die Komposition, denn die Uraufführung war schon für Februar 1813 vorgesehen. So verwendete er für die neue Oper die Ouvertüre einer ein halbes Jahr zuvor in Mailand aufgeführten komischen Oper wieder.

Die Uraufführung des „Tancredi“ war kein besonderer Erfolg, dennoch wurde das melodramma eroico, so die endgültige Gattungsbezeichnung, fünfzehnmal an der Fenice gespielt. Aber im selben Jahr in Ferrara und in Mailand wiederaufgenommen, verbreitete sich diese Oper schnell in ganz Italien, langsam auch in anderen europäischen Ländern. Ja, „Tancredi“ begründete den Ruhm Rossinis als Opernkomponist.

Die Handlung spielt im sizilianischen Syrakus etwa 1005, als der Stadtstaat im Krieg mit den Sarazenen steht und im Innern durch den Bürgerkrieg zwischen den Familien der Edelleute Argirio und Orbazzano zerrissen wird. „Es ist eine Stadt in Angst“, sagt der Frankfurter Dramaturg Konrad Kuhn und erklärt so den Verzicht auf ein historisierendes Ambiente in der Inszenierung von Manuel Schmitt. Die Handlung verlegt Schmitt in ein undefinierbares Dorf, in dem die verfeindeten Edelfamilien zu Schlägertrupps aus Bau- und Landarbeitern mutieren. Der Bürgerkrieg wird auf der Frankfurter Bühne durch einen Boxkampf suggeriert, nachdem ein unsicherer Frieden in der Vereinskneipe gefeiert wird (Bühnenbild Bernhard Siegl). Um die Fehde zu beenden, soll Argirios Tochter Amenaide den feindlichen Anführer Orbazzano heiraten. Aber sie ist heimlich in den Edelmann Tancredi verliebt, der in der Verbannung lebt und den sie nun in einem Brief um Hilfe bittet, um der ungewollten Heirat mit Orbazzano zu entkommen. Ihr Brief an Tancredi wird abgefangen, man glaubt, dass sie ihn an den Feind Solamiro geschrieben hat, und wird des Hochverrats beschuldigt ─ zum Tode verurteilt. Tancredi, der inzwischen angekommen ist, glaubt an ihre Untreue, fordert dennoch Orbazzano zu einem Zweikampf auf ─ es ist wiederum ein Boxkampf, der in einem vor der Kneipe improvisierten Ring stattfindet. Tancredi boxt für die Liebe und siegt.

Rossini schrieb zwei unterschiedliche Finale. Bei der Uraufführung in Venedig siegt Tancredi im Kampf und erfährt, dass Amenaides Brief an ihn gerichtet war: Er kehrt zu Amenaide zurück, und das Liebespaar wird glücklich vereint. Bei der Erstaufführung in Ferrara wird Tancredi im Kampf tödlich verwundet und erfährt erst sterbend, dass der Brief ihm galt.

Das ist auch das Ende, das in Frankfurt gespielt wird. Die Schlacht, in der Tancredi tödlich verwundet wird, findet hinter der Bühne statt, sein Tod auf der leeren, verdunkelten Bühne. Die portugiesische Mezzosopranistin Claudia Ribas, die Mitglied im Opernstudio war und in der nächsten Saison Ensemblemitglied wird, gestaltet Tancredis Tod mit einem geradezu herzzerreißenden lyrischen Ausdruck: Mit der kammermusikalischen Begleitung zählt Tancredis Tod, so der Harenberg-Opernführer, zum „Wirkungsvollsten, was Rossini je komponiert hat“.

Tancredi ist eine der großen Hosenrollen der Opernliteratur, also eine Rolle, in der üblicherweise eine Mezzosopranistin eine männliche Bühnenfigur spielt, und Ribas gibt eine gesanglich und schauspielerisch großartige Vorstellung. Die beiden Duette von Tancredi und Amenaide sind ein musikalischer Höhepunkt der ganzen Frankfurter Saison, denn auch die italienische Sopranistin Bianca Tognocchi, auch sie Ensemblemitglied, ist eine beeindruckende Amenaide, die den rossinischen Belcanto scheinbar mühelos beherrscht und mit gekonnter Leichtigkeit von den herrschenden Dur-Tonarten in das c-Moll der Gefängnisarie und dann zurück ins Dur wechselt. Sowohl Theo Lebow als Argirio und Kiowan Sim als Orbazzano tragen zum Gelingen der Aufführung bei. Das Orchester unter Giuliano Carella lässt den Rossini-Sound von den ersten Noten an erklingen und verleiht der Musik eine Dramatik, die der Handlung pointiert entspricht.

Wie die meisten Belcanto-Opern wurde Rossinis „Tancredi“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts kaum noch gespielt und erst 1952 beim Maggio Musicale Fiorentino wiederaufgeführt, aber nicht ins geläufige Repertoire aufgenommen. Hoffentlich trägt die großartige Frankfurter Aufführung zu ihrer Wiederentdeckung bei.

Letzte Änderung: 08.06.2026  |  Erstellt am: 08.06.2026

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