Sechs Pavillons, sechs Welten
Die Venedig-Biennale 2026 zeigt sich als Spiegel globaler Konflikte und Hoffnungen. Stefana Sabin war vor Ort und berichtet über sechs Pavillons, die zwischen politischen Spannungen, Natur und Spiritualität ein vielstimmiges Bild zeitgenössischer Kunst entwerfen – nicht umfassend, aber persönlich.
Es gibt natürlich einige gelungene Pavillons auch auf der diesjährigen Biennale, auf der eigentlich alles Konzeptkunst ist, wie nicht zuletzt die bedeutungsschweren Kuratorentexte zeigen.
Und noch etwas zeigt sich auf der diesjährigen Biennale: dass nach den verschiedenen ästhetischen Stilen und ideologischen Moden der letzten Jahrzehnte nun auch die politische Korrektheit und die postkoloniale Wende überwunden sind.
Denn nicht nur im Hauptpavillon ist man folkloristischen Artefakten ausgesetzt, die weniger wie authentisches Handwerk und vielmehr wie Touristenkitsch wirken, der auf den Märkten Afrikas und Südamerikas erstanden sein könnte. Das ist geradezu konträr zu jenen Vorstellungen von historischer Gerechtigkeit, Rückführung von Kulturgütern, sozialer Würde, die die bildende Kunst und vor allem die Kunstszene zuletzt genährt haben. Nun also kommt die bildende Kunst der Gegenwart als Volkskunst daher, schlimmer: als kommerzieller Kitsch ‒ und das scheint niemanden zu stören.
Genauso wenig scheint sich jemand daran zu stören, dass der lebendige menschliche (Frauen)Körper als bloßes Accessoire für Fotografien von Installationen oder Langzeitperformances dient.
So ist die diesjährige Biennale verstörend ─ nicht wegen der Originalität der ausgestellte Kunst, sondern eher wegen deren Banalität. Und während die Biennale-Stiftung mit Russland und Aserbaidschan und Palästina kokettiert, findet sie weder Zeit noch Geld, um die schlammigen Wege in den Giardini zu putzen, die überlangen Gänge im Arsenale besucherfreundlicher zu gestalten oder das tragikomische Toilettenproblem zu lösen.
Rumänischer Pavillon: „Black Seas. Scores for the Sonic Eye“. Anca Benera & Arnold Estefán, kuratiert von Corina Oprea und Diana Marincu.
Giardini della Biennale
Mehrere separate, aber zusammenhängende Installationen entfalten ein Bild des Schwarzen Meeres als einer Landschaft, die von meteorologischen Turbulenzen ebenso wie von kulturellen und politischen Konflikten geprägt ist. Videos zeigen die Performerin Diana Miron, wie sie dem Meer zuhört und von seiner Unruhe inspiriert wird, so dass eine Wechselbeziehung zwischen Körper, Stimme und Welle entsteht. Eine Klangkomposition von Simina Oprescu stellt das Wellenverhalten in den Mittelpunkt der akustischen Struktur. Unterwasseraufnahmen zeigen großflächige Formationen und mikroskopisch kleine Lebensformen, die auf einen latenten Übergangszustand verweisen und das Meer als ein vielschichtiges System in ständiger Wandlung offenbaren. Mehrere auf Flaggenstoff gedruckte Sonaraufnahmen des Meeresbodens führen Spuren vergangener Konflikte vor: Über diese Aufnahmen sind die Verläufe der großen Flüsse – Donau, Don und Dnjepr – gestickt und zeichnen so die Wasserwege nach, die in das Meer münden. Der Pavillon ist eine Multimedia-Installation, die als akustischer Körper begriffen werden möchte und sowohl auf landschaftliche als auch auf historische und politische Gegebenheiten hinweist.
Spanischer Pavillon: „Los Restos“ von Oriol Vilanova, kuratiert von Carles Guerra
Giardini della Biennale
Es ist die erste Ausstellung im spanischen Pavillon nach dessen vollständiger architektonischer Sanierung und zeigt eine nahtlose, raumfüllende Wandinstallation: Postkarten, die der Künstler Oriol Vilanova in den letzten zwanzig Jahren gesammelt hat, werden zu einem globalen Archiv, in dem individuelle Erinnerung und universelle Ereignisse, Geschichte und Politik sich gegenseitig ergänzen. Die Postkarten sind die Reste, „Los restos“, von Unternehmungen und Erlebnissen, die sie zeigen, und verweisen also auf Vergangenes, aber zugleich hinterfragen sie auf unaufdringliche Art die Gegenwart und die Zukunft von Massentourismus, medialer Darstellung und Persönlichkeitskult. Ob das tatsächlich ein „Anti-Museum“ ist, wie die Info im Pavillon sagt, bleibt zumindest unklar, aber es ist eine in ihrem Umfang und in ihrer Vielfalt sehr suggestive Art von Weltdarstellung.
Kanadischer Pavillon: „Entre chien et loup“ von Abbas Akhavan, kuratiert von Kim Nguyen.
Giardini della Biennale
Der persisch-kanadische Künstler Abbas Akhavan hat den kleinen, schicken Pavillon in ein Gewächshaus verwandelt, in dem die seltene Victoria boliviana-Riesenseerose in einem Bassin ausgestellt ist und im Laufe der Biennale keimen und wachsen soll. Die Blattspreiten, die rund sind und einen Durchmesser von 3 Metern erreichen können, schwimmen auf dem Wasser; die Blüten sind weiß und färben sich später rosafarben. Die Installation verbindet auf ästhetisch geschickte Weise Natur und Architektur, wie der Pavillon selbst, der um einen Baum herum gebaut ist. Die Victoria boliviana kommt, wie der Name sagt, in Bolivien vor, und zwar nur in Bolivien, so dass die ausgestellten Blumen ein Import sind, eine Art florale Aneignung. So werden unauffällig heikle Themen angesprochen, wie koloniale Pflanzenreisen.
Pavillon des Heiligen Stuhls: Das Ohr ist das Auge der Seele. Brian Eno, Patti Smith, Jim Jarmusch und FKA Twigs und andere.
Giardino Mistico.
Der antike Garten des Karmeliterklosters aus dem 17. Jahrhundert, der „Giardino Mistico“ von Venedig, ist eine Ruheoase inmitten des touristischen Trubels, und nun tatsächlich ein Meditationsgarten geworden: Über Kopfhörer kann man Klanginstallationen hören, die aus Melodien von mehr als 20 Tonkünstlern und aus ortsspezifischen Geräuschen zusammengestellt wurden und die dank einer speziellen Technik die bioelektrische Aktivität der Pflanzen in Echtzeit wiedergeben. So entsteht ein immersives „Klanggebet“, das durch Entschleunigung zur Kontemplation einlädt – die Installation ist der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen gewidmet.
In der Pressemitteilung des Vatikans verweist das zuständige Dikasterium mit einem Gedanken von Papst Leo XIV auf die Besonderheit von Kunst in Abgrenzung zu den im Digitalen immer stärker genutzten Rechenvorgängen der Algorithmen. „Die Logik des Algorithmus neigt dazu, das zu wiederholen, was ‚funktioniert‘, aber die Kunst öffnet den Blick für das, was möglich ist. Nicht alles muss unmittelbar oder vorhersehbar sein“.
Ukrainische Kollateralausstellung: Still Joy – From Ukraine into the World. Kuratiert von Björn Geldhof, Oleksandra Pogrebnyak
Palazzo Contarini-Polignac, Dorsoduro
Eine Überschrift, die den Gesamteindruck dieser Ausstellung wiedergibt, heißt „Testimonies of Survival“ –Zeugnisse des Überlebens. Tatsächlich bezeugen die von Hlib Stryzhko zusammengetragenen Berichte die einfachen, aber lebensentscheidenden Freuden des Alltags – zum Beispiel einen Schokoriegel zu essen oder eine Nacht in der Disco zu verbringen. Stryzhko, ein ukrainischer Marineinfanterist und Überlebender russischer Kriegsgefangenschaft, sprach mit Leuten aus verschiedenen Lebensbereichen, und indem er Zitate aus diesen Gesprächen auf großen Tafeln durch die Ausstellung verteilte – klingt nicht so toll –, stellte er dem Krieg auf dem Schlachtfeld die verzweifelte Resilienz des Alltagskampfs gegenüber. Videoinstallationen, bukolische Landschaftsmalereien, Fotomontagen sowie Skulpturen vermitteln einen Eindruck von dem Alltag vor und nach dem Krieg, und die Fotos von der Zerstörung der ukrainischen Städte bilden einen bedrückenden Gegensatz zu dem Ort der Ausstellung: einem Palazzo der Frührenaissance, der also seit Jahrhunderten am Canal Grande steht. Auch das ist die Implikation des Titels dieser Ausstellung, und zwar, dass Freude nicht als Flucht aus realen Konflikten, sondern als radikaler Akt der Resilienz sein kann.
Saudi-Arabien: “May your tears never dry, you who weep over stones”
Dana Awartani. Kuratiert von Antonia Carver und Hafsa Alkhudairi.
Arsenale
Der Boden des Pavillons im Arsenale ist eine Art Mosaikteppich mit dekorativen Motiven aus der arabischen Welt, aus dem Libanon ebenso wie aus Syrien, so dass die gemeinsame Kulturgeschichte anschaulich wird. Auch die Entstehung des Werks verweist auf eine arabische Tradition, nämlich auf das „Viele Hände“-Konzept, das durch gemeinsame Urheberschaft die Pflege des kollektiven Könnens fördert. Denn der Mosaikteppich ist eine Zusammenarbeit der Künstlerin mit lokalen Handwerkern, die in etwa 30.000 Arbeitsstunden ebenso viele sonnengetrocknete Lehmziegel aus unterschiedlichen Regionen des Königreichs hergestellt haben. Da keine Bindemittel verwendet wurden, bilden sich beim Trocknen der Ziegel Risse – und so entsteht der Eindruck einer archäologischen Stätte, die ihrerseits durch das Medium selbst und durch die dekorativen floralen und geometrischen Muster auf eine alte ästhetische Tradition verweist. Auch der Titel „Mögen eure Tränen niemals versiegen, ihr, die ihr um Steine weint,“ der sich an klassische arabische Dichtung anlehnt, will ein Appell sein, historische Ruinen als Fundus des kulturellen Erbes zu pflegen.
Letzte Änderung: 29.06.2026 | Erstellt am: 29.06.2026
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