Mit Löwenmähne gegen das Klischee
Unsere Autorin Stefana Sabin machte sich auf, die neue Ausstellung von Leonor Fini in der Frankfurter SCHIRN zu besuchen. Ihre Eindrücke spiegeln wider, was Finis Gesamtwerk durchzieht: Jenseits von Genre- und Geschlechterkonventionen entwirft sie eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, Verwandlung und Begehren – rätselhaft, selbstbewusst und von eigentümlicher Freiheit.
Mit dem langen fließenden goldfarbenen Rock, der strengen braunen Bluse und dem grünlichen Umhang wirkt die Frauengestalt geradezu majestätisch; mit einer Hand hält sie den Umhang, in der anderen hält sie einen dünnen Pinsel, auf dem eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln sitzt. Das Gesicht der Frau ist leicht zur Seite, zur Eule hin gedreht, während ihr Blick in die anderen Richtung geht, als suchte er den Betrachter. Auch die wilde blonde Mähne gibt der Gestalt eine magische Wirkung, wozu nicht zuletzt der einfache, fast monochrom beige Hintergrund beiträgt. Keine Dekoration, keine Requisiten, nur eine elegante Frau und eine in Bewegung begriffene Eule. Selbstporträt mit Eule heißt denn auch das Gemälde, das Leonor Fini 1936 geschaffen hat. Es ist weniger eine traditionelle Selbstdarstellung als vielmehr eine Selbstinszenierung, ja eine Selbststilisierung als Wissende: als eine moderne Athene.
Derart Selbststilisierungen haben den Ruf von Leonor Fini begründet. In Buenos Aires 1907 geboren, in Triest aufgewachsen und in Paris 1996 gestorben, galt sie als Vertreterin des Surrealismus, wobei ihre Kunst, wie die Frankfurter Retrospektive in der Schirn zeigt, sich einer klaren Gattungszuordnung entzieht. Die etwa 100 Werke ─ Gemälde, Zeichnungen, Masken, Kostüme ─ bewegen sich zwischen Surrealismus, Expressionismus, Symbolismus und magischem Realismus und zeigen eine Künstlerin, die keinen eigenen Stil im herkömmlichen Sinn entwickelte, sondern sich verschiedener malerischer Richtungen bediente, um ihnen neue Dimensionen abzugewinnen. So verband sie das Traumhafte des Surrealismus und das Mythologische des Symbolismus zu geheimnisvollen Bildwelten, in denen sie Frauengestalten zu Hauptfiguren machte und sie in jeder Inszenierung gegen das weibliche Klischee anmalte.
So malte sie sich selbst 1938 in einem renaissanceartigen Gewand, einen Arm keck in die Taille gestützt und den anderen erhoben, so dass man den Skorpionschwanz erkennt, der aus dem Handschuh lugt ─ elegant und unheimlich, verführerisch und bedrohlich zugleich, weniger femme fatale als femme énigmatique. Und in „Chthonische Gottheit, die über den Schlaf eines jungen Mannes wacht“ (Divinité chtonienne guettant le sommeil d’un jeune homme) von 1946, brach sie mit den Rollenzuschreibungen, indem sie einen schönen Nackten (ihren Geliebten Sforzino Sforza) zeigte, der vor einer schwarzen schmuckbehangenen Sphinx (ein Selbstporträt) liegt. In hellen gelb-golden-rötlichen Tönen suggeriert der Schlafende Schönheit und Verletzlichkeit, die Sphinx fungiert als Beschützerin. Das Gemälde erinnert nicht zufällig an Lucas Cranachs Nymphe des Quellwassers (1509): Fini ersetzt den weiblichen Akt durch einen männlichen und deutet durch den intensiven Blick der Sphinx an, dass sie im erotischen Beziehungsgefüge aktiv ist.
Immer dachte Fini sich in erotische Fantasien hinein und malte in starken Farben und expressionistischen Pinselstrichen Frauengestalten als Kriegerinnen und dann wiederum in gleichmäßig aufgetragenen Pastellfarben Seherinnen und Magierinnen. Und manchmal rutschte Fini fast ins Abstrakte, so in Abendschimäre (1961), wo eine dunkle, maskenhafte Gestalt auf einem leuchtenden, abstrakten Hintergrund zu erahnen ist, als würde das Unbewußte zum Bild.
Zu den Traumwelten der Leonor Fini gehören auch die Masken und Kostüme, die sie für ihre Auftritte bei Bällen und für Theateraufführungen entworfen hat. Die fünf Masken, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind aufwendig dekoriert – so eine Black-Panther-artige Maske mit schwarz schimmernden Kieseln besetzt, die vor einer dunkelroten Tapete eine unheimliche Wirkung entfaltet. Auch die beiden Kostüme von 1963 für eine _Tannhäuser_-Inszenierung sind aus edlen Stoffen und mit schimmernden Schuppen und sonst allerlei Bling-Bling verziert.
So zeigt die Frankfurter Retrospektive, die erste überhaupt in Deutschland, eine vielfältige künstlerische Welt zwischen Traum und Magie.
Letzte Änderung: 04.11.2026 | Erstellt am: 04.11.2026
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