Deutschland in der politischen Krise

Deutschland in der politischen Krise

Anmerkungen zu Artur Beckers Essay "Der Traum ist aus"
 | © Thomas Draschan / Art Virus

Artur Beckers jüngst veröffentlichter Essay „Der Traum ist aus“ zeichnet ein ebenso düsteres wie eindringliches Bild unserer geopolitischen Gegenwart. Verfangen in moralischer Abgrenzung, parteipolitischen Gegensätzen und gegenseitiger Verurteilung drohen wir den Blick für das Wesentliche zu verlieren: Demokratie, Freiheit und die Verantwortung, für beides einzustehen. Wo konstruktive Auseinandersetzung notwendig wäre, macht sich diskursive Selbstblockade breit. Rudolf Tillig nimmt Beckers Essay zum Anlass für weiterführende Überlegungen. In einer Welt, in der die Hoffnungen ganzer Generationen zwischen geopolitischen Machtinteressen und gesellschaftlichen Verwerfungen zerrieben zu werden drohen, greift er Beckers Gedanken auf, bestärkt sie, widerspricht ihnen aber auch. Im Zentrum seiner Anmerkungen steht dabei eine unbequeme Frage: Wem gestehen wir als Gesellschaft Freiheit tatsächlich zu – und wie es denn sein kann, dass wir aufhören, für sie einzutreten?

Beim Lesen von Artur Beckers Essay habe ich mehrfach kräftig genickt. An einigen Stellen allerdings auch etwas den Kopf geschüttelt. Ich nehme an, dass ihm eine solche Lektüre lieber ist als ein freundlicher Beifall, der dort verstummt, wo das Gespräch im Grunde erst interessant wird.

Ich bin Jahrgang 1951. Die „revolutionären“ Jahre 1968 bis 1970 erlebte ich noch als Gymnasiast, und damit auch noch den alten Adenauerstaat. Der Aufbruch jener Zeit, das Misstrauen gegen angemaßte Autorität – und jene, die den Wiederbeginn überdauert hatte, auch die Frage, wer eigentlich mit welchem Recht über andere bestimmt: Das hat mich geprägt. Punk war ich keiner; dafür kam diese Bewegung etwas spät. Aber die freiheitliche Unruhe, aus der Becker, Jahrgang 1968, schreibt, ist mir vertraut. Ebenso die Enttäuschung darüber, was aus manchen Hoffnungen geworden ist.

Becker schreibt mit der Ungeduld eines Menschen, der historische Erfahrung im politischen Gerede verschwinden sieht. Seine polnische Herkunft und seine Verbundenheit mit dem Geist der Solidarność geben dieser Ungeduld ein eigenes Gewicht. Die deutsche Geschichte endet schließlich nicht dort, wo Deutschland seine heutige Selbstbeschreibung beginnt. Sie lebt in den Erinnerungen der Nachbarn weiter. Wer verstehen will, welche Ängste der Aufstieg der AfD dort auslöst, muss bereit sein, sich selbst einmal von außen anzusehen.

Das ist für mich eine Stärke dieses Essays. Becker stört die deutsche Gewohnheit, selbst festlegen zu wollen, wann genug erinnert, genug erklärt und genug bewältigt worden ist. Freiheit braucht ein Gedächtnis. Sonst lässt sie sich erstaunlich leicht gegen das Versprechen eintauschen, endlich wieder jemand zu sein.

Sein Zorn auf den Antisemitismus in der Linken ist ebenso nachvollziehbar. Wer sich auf Emanzipation beruft, muss sich daran messen lassen, ob er jüdischen Menschen dieselbe Sicherheit, Freiheit und Individualität zugesteht wie allen anderen. Wo Juden für das Handeln einer israelischen Regierung haftbar gemacht werden, ist dieser Anspruch aber bereits preisgegeben. Auch die Bereitschaft, das Entsetzen des 7. Oktober wahrzunehmen, darf nicht von der politischen Verwertbarkeit der Opfer abhängen.

Und doch werde ich skeptisch, sobald Becker von „der Linken“ spricht, als ließe sich ihre Haltung in einem gemeinsamen Befund zusammenfassen. Welche Linke meint er? Eine Partei, bestimmte Milieus, einzelne Wortführer? Ich hätte mir hier mehr Unterscheidung gewünscht. Gerade eine notwendige Kritik verliert an Überzeugungskraft, wenn sich auch diejenigen pauschal angesprochen finden, die dem kritisierten Denken seit Jahren widersprechen.

Mein deutlichster Einwand betrifft seine Mahnung zur Vorsicht bei Begriffen wie ‚Genozid‘ und ‚ethnische Säuberung‘. Historische Verantwortung verlangt sprachliche Genauigkeit. Sie verlangt ebenso, dass das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung ohne Ausflüchte benannt werden kann. Über die Verwendung schwerwiegender Begriffe muss gestritten werden dürfen; die deutsche Schuld darf dabei keine besondere Zurückhaltung gegenüber der Prüfung heutigen staatlichen Handelns begründen. Auch meine langjährige Beschäftigung mit den Verhältnissen im Nahen Osten bestärkt mich in dieser Verpflichtung, Menschen vor Entrechtung und Entmenschlichung zu schützen. Diese Verpflichtung reicht über die Grenzen Europas hinaus.

Auch Beckers Urteil, es gebe keine einzige ruhigen Gewissens wählbare Partei, teile ich nicht. Nach mehr als vier Jahrzehnten in der SPD kenne ich die Versuchung zu einem solchen Satz durchaus.

An Enttäuschungen fehlt es wahrlich nicht. Trotzdem möchte ich genauer wissen, wer welche Entscheidungen verantwortet, welche Interessen sich durchsetzen und wo noch etwas verändert werden kann. Ein pauschales Urteil über alle Parteien erspart diese mühsame Unterscheidung – und die Auseinandersetzung mit den Interessen hinter den täglichen politischen Zumutungen. Politisch hilft es mir wenig.

Dass Becker seinen Essay mit der Hoffnung beschließt, versöhnt mich deshalb mit mancher Zuspitzung. Seine bedingungslose Liebe zur Freiheit nehme ich ihm ab – ja, ich teile sie. Sie trägt diesen Text auch dort, wo ich ihm widerspreche.

Vielleicht liegt darin unsere Nähe: Wir sind alt genug, um Aufbruchsversprechen nicht mehr ohne Weiteres zu glauben. Aber daraus folgt für mich noch lange nicht, dass sich ihr ursprünglicher Anspruch erledigt hätte. Ich will weiterhin wissen, wie Freiheit auch für diejenigen Wirklichkeit werden kann, denen Geld, Einfluss und gesellschaftliche Selbstverständlichkeit fehlen.

„Der Traum ist aus“? Beim Lesen dachte ich: Einiges an diesem Traum werden wir wohl überprüfen müssen. Auch werden wir fragen müssen, wer das Wohlstandsversprechen aufgegeben hat, aus welchen Motiven – und auf wessen Kosten. Ich sehe keinen Grund, schleichende Verarmung als unausweichlich hinzunehmen. Ein gutes Leben für mehr Menschen bleibt möglich, wenn wir den erwirtschafteten Reichtum gerechter verteilen und unsere Vorstellung von Wohlstand nicht länger an immer mehr Verbrauch binden. Dafür müssen wir uns allerdings auch wieder stärker in unsere eigenen Angelegenheiten einmischen. Zu viel haben wir denen überlassen, die ohnehin über Geld und Einfluss verfügen. Ganz aufgeben möchte ich den Traum jedenfalls nicht.

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Artur Beckers Essay “Der Traum ist aus” finden Sie hier.

Letzte Änderung: 27.10.2026  |  Erstellt am: 27.10.2026

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