Zwei Opas und ihre aufklärerische Mission
Ihr YouTube-Kanal „Die 2 Opas – x-min TV – Politik ohne Watte, Meinung ohne Beipackzettel“, den die beiden Ur-SPDler und Aktivisten seit 2024 betreiben, ist vor allem dazu da – so mein erster und zugegeben oberflächlicher Eindruck –, uns Zuschauer zu ärgern, zu provozieren und wachzurütteln. Sie tun das kompetent, bissig und (selbst)ironisch. Gerade weil die beiden Kommentatoren ohne Pathos auskommen, wirkt ihr x-min TV sympathisch und bleibt kurzweilig konsumierbar.
Private YouTube-Kanäle, die sich mit dem politischen Alltag Deutschlands ebenso wie mit Weltpolitik und Geopolitik beschäftigen, gibt es wie Sand am Meer. Man könnte meinen: Wozu braucht es überhaupt noch weitere kommentierende TV-Formate – noch dazu von zwei Opas, zwei weißen Männern, die scheinbar alles besser wissen? Normalerweise müsste die Antwort sofort negativ ausfallen: Nein, das braucht wirklich kein Mensch.
Nun haben wir es bei den zwei Opas aber mit zwei alten Hasen zu tun, die biografisch Interessantes, Bewegendes und Abenteuerliches vorzuweisen haben. Schaut man sich ihre Viten genauer an, entdeckt man bei Rudolf Tillig, dem Mann mit dem Spitzbart, und Michael Detjen eine Gemeinsamkeit: Ihr Herz schlägt für den einfachen Mann von der Straße, für die Gewerkschaften und für die offene Gesellschaft – wobei dieses Herz sozialdemokratisches Blut in die Adern ihrer zahlreichen Aktivitäten pumpt.
Fangen wir mit Rudolf Tillig an, dem Älteren: Opa Tillig, Jahrgang 1951 aus Flensburg, ist Sozialdemokrat, Gewerkschafter und vielseitig interessierter Aktivist mit Bezügen zu Architektur, Kunst und Biologie. Beruflich war er 33 Jahre bei Scandinavian Airlines tätig, wo er sich vom Ladearbeiter bis zum Handling Manager Germany Cargo hocharbeitete und über Jahrzehnte als Gesamtbetriebsratsvorsitzender sowie Tarifkommissionsmitglied Arbeitnehmerinteressen vertrat. Politisch engagierte er sich unter anderem als Büroleiter des Bundestagsabgeordneten Dr. Hans-Joachim Schabedoth, kommunalpolitisch in Grävenwiesbach und als 2. Vorsitzender der SPD-Betriebsgruppe Flughafen Frankfurt. Zudem ist er Mitgründer und 2. Vorsitzender der Deutsch-Ägyptischen Organisation e.V. und veröffentlicht regelmäßig engagierte Texte zu politischen und gesellschaftlichen Themen.
Michael Detjen, Jahrgang 1958 aus Nordhausen, ist SPD-Politiker und Gewerkschafter mit langjähriger Erfahrung in Arbeitnehmervertretung und Sozialpolitik. Nach Stationen bei der Deutschen Bundespost, in der DGB-Rechtsberatung sowie als DGB-Kreis- und Regionsvorsitzender in der Westpfalz übernahm er Führungsaufgaben bei der IG Metall Kaiserslautern. Seit 1974 Mitglied der SPD, rückte er 2018 für Jutta Steinruck ins Europäische Parlament nach, wo er sich vor allem mit Beschäftigung und sozialen Fragen befasste. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament blieb er politisch und gesellschaftlich engagiert.
Die zwei Herren muss man zudem als Aktivisten und Lobbyisten in Sachen Dateneigentum bezeichnen – angesichts der Anarchie, die KI-Firmen an den Tag legen, eine ehrenvolle Herausforderung.
Das sind also unsere beiden nonkonformistischen, kritisch palavernden Opas, die in ihrem YouTube-Format kein Blatt vor den Mund nehmen. In kurzen Sequenzen besprechen sie mehrere aktuelle oder brennende Themen und handeln sie meist ziemlich witzig, zuweilen auch sarkastisch ab. Natürlich ist man zunächst skeptisch: Wie kriegen die beiden Protagonisten das kurze „Live-Gespräch“, das für ihre Sendung aufgenommen wird und im Durchschnitt vier Minuten dauert, hin? Spontanität und Spirit sind gefragt, oft muss man wie aus der Pistole geschossen antworten; ständig muss dem Gegenüber etwas Neues einfallen, damit das Gespräch nicht ins Stocken gerät oder langweilig wird – oder beides. Hier gibt es wenig zu kritisieren: Die beiden Protagonisten unterstützen einander. Kommt einer plötzlich ins Stocken oder verliert die Richtung, wird er schnell aufgefangen, damit es weitergeht.
In der Sendung vom 22. August 2026 echauffiert sich Tillig darüber, wie widersprüchlich und hanebüchen manche Pressemeldungen oder Kommentare von Fachleuten und Journalisten sein können: Wenn man der deutschen Industrie bescheinige, dass sie aussterbe, wie könne es dann sein, dass im nächsten Satz eben diese angeblich aussterbende Industrie mit notorischem Fachkräftemangel zu kämpfen habe?
Und wer natürlich ständig sein Fett abbekommt, ist unser Bundeskanzler Friedrich Merz, dem es in den Sendungen der beiden Opas richtig an den Kragen geht: Richtig gearbeitet habe er bei BlackRock gar nicht, er sei nur im Vorstand gewesen, und außerdem stehle er die Ideen der SPD – er werde bald bei ihr seinen Platz suchen und finden müssen. Aber lassen wir doch am besten Rudolf und Michael sprechen: In ihrer Sendung vom 22. September 2026 ging es wieder um Merz und Konsorten:
„Michael: Ja, Merz verteidigt soziale Gerechtigkeit, der will eine neue SPD aufmachen, glaube ich.
Rudolf: Wo will er die denn aufmachen?
Michael: Der hat doch überall verloren. Seine eigene Klientel wählt doch lieber das Original, die AfD, oder?
Rudolf: Nee, ich meine, wo ist denn da Platz für ihn?
Michael: Ja, das weiß ich nicht. Vielleicht kann er ja den Leuten klarmachen, dass er das Original ist und nicht Klingbeil und die Bas. Das versucht er jetzt immer.
Rudolf: Das Problem ist nur, das Original wird bei den Blauen verortet. Also von daher.
Michael: Soziale Gerechtigkeit bei den Blauen?
Rudolf: Ja, ja, natürlich. Alles, was gut ist, kommt auf den Schild.
Michael: Ja, das ist dann alles blau. Nee, ja, die Leute merken das halt nicht.
Rudolf: Das Blaue vom Himmel.
Michael: Ja, das können die erzählen. Das sehe ich auch.
Rudolf: (…) Oder willst du mich herausfordern, nur weil der Merz mal wieder was danebengesagt hat?
Michael: Der Merz kämpft ja um seine Existenz. Und das macht er ja schon irgendwie. Guck mal, der Kretschmer sagt, das müsse jetzt alles geändert werden. Hat er heute Morgen gesagt, aber er steht natürlich auch voll hinter Merz. Ich bringe das alles in meinem kleinen Kopf nicht mehr unter; aber verstehen kann ich, dass das so ein Unfug ist.
Rudolf: Deswegen bist du ja nicht in Berlin, sondern die.
Michael: Genau, deswegen lebe ich in der Provinz, und sie leben in der schönen großen deutschen Hauptstadt.
Rudolf: So, und der Manfred Weber, der ja auch nicht in Berlin wohnt, der weiß aber genau, dass der Pedro Sánchez schuld ist an der Migranteninvasion. Das hat er heute Morgen in Deutschlandfunk gesagt.
Michael: Na ja, das hat er gelesen in den sozialen Medien und das muss auch stimmen. Das ist so gut, wie wenn es in der Bild-Zeitung stand.
Rudolf: Genau, das hat er wahrscheinlich bei X von Musk gelesen, dass aufgerufen wurde, weil Sánchez die Grenzen geöffnet hätte, nach Spanien zu gehen. Was das mit der Realität zu tun hat und dass nicht Sánchez aufgerufen hat, sondern X, Musk und – wie heißt der? – Trump, ist dem Weber vollkommen egal. Na ja, aber die deutschen Politiker und die europäischen sind sowieso hinten dran …“
Herrlich! Und so geht es bei diesen Opa-Gesprächen der verdienten Alt-SPDler und Gewerkschafter immer weiter – mit stoischer Ruhe und Unaufgeregtheit, die vielen ernsthaften Debatten im Fernsehen, etwa bei Lanz, guttun würde. Übrigens: Auch Lanz gerät bei den beiden älteren Herren mächtig unter die Räder. Kein Wunder! Schließlich sprechen Rudolf und Michael in ihren YouTube-Sendungen im Namen des Volkes … Jungs, weiter so, wir hören und sehen euch gerne zu. Ihr sprecht erfrischend.
Letzte Änderung: 24.09.2026 | Erstellt am: 24.09.2026
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