KI & Digitale Souveränität, Teil II

KI & Digitale Souveränität, Teil II

Rückblick auf das 4. Frankfurter KI-Symposium
 | © Rudolf Tillig

Das 4. Frankfurter KI-Symposium zum Thema „KI & Digitale Souveränität“ fand am 22. Oktober 2026 in der Romanfabrik statt: dank solcher Partner wie GMVV & Co. GmbH (Strategic Think Tank Company/NGO/Government), Faust Kultur, IGM, Trusted.AI und Pruvage. Die Organisation des Symposiums übernahmen die unermüdlichen Gewerkschafter und Aktivisten Rudolf Tillig und Michael Detjen von der manufactur.ai – ihre Gäste und Referenten waren der Politiker der SPD, Mitglied des EP und Vorsitzender der Konferenz der Ausschussvorsitzenden Bernd Lange, das Mitglied des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses Dr. Paul Rübig, der Rechtswissenschaftler und Strategieberater Dr. Michele Sciurba, die Sozialethikerin Prof. Dr. Katja Winkler, der Professor für Software Engineering an der TU Kaiserslautern und Gründer des Frauenhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Dieter Rombach, der Markenstratege, der Co-Founder, Chief of Brand & Strategy vom KI-Unternehmen Pruvage Alexander Pesjak, der Mitbegründer und Geschäftsführer der Trusted AI Dr. Tobias Krafft und viele andere Teilnehmer, die mit auf der Bühne an einer abschließenden Diskussion teilgenommen haben.

Heute präsentieren wir
Persönliche Gedanken nach dem 4. Frankfurter KI-Symposium.
Selbstbestimmt. Aber nicht allein gelassen.
von Rudolf Tillig

Seit dem Symposium am vergangenen Donnerstag beschäftigen mich einige Fragen weiter. Ich durfte das Schlusswort halten. Aber manches wird einem erst anschließend richtig deutlich: wenn die Vorträge nachwirken, einzelne Begegnungen wieder auftauchen und aus zunächst verstreuten Gedanken ein Zusammenhang entsteht.

Wir haben über Dateneigentum gesprochen, über digitale Macht und über Souveränität. Über technische Möglichkeiten, politische Verantwortung und gesellschaftliche Folgen. Viel Sachverstand war versammelt. Trotzdem blieb für mich eine Frage offen: Wie kommt das alles bei den Menschen an, deren Selbstbestimmung wir stärken wollen?

In einem Gespräch mit Kirsten Gandner ging es um die Niederschwelligkeit des digitalen Wandels. Ein sperriges Wort für eine sehr praktische Angelegenheit: Wie können Menschen andere digitale Dienste tatsächlich nutzen, wenn ihnen Kenntnisse, Zeit oder schlicht der Mut zum Umstieg fehlen?

An Alternativen mangelt es offenbar weniger als an gangbaren Wegen zu ihnen. Hinweise auf europäische Anbieter, freie Software und datenschutzfreundliche Dienste sind wichtig. Aber eine Liste ersetzt noch keinen Umzug. Wer über Jahre Dokumente, Fotos, Kontakte und Arbeitsabläufe in einem System angesammelt hat, braucht mehr als die Auskunft, anderswo sei es besser.
Er braucht jemanden, der ihm den Wechsel zutraut und dabei hilft.

Die Abhängigkeit funktioniert bequem

Meine erste, bewusst zugespitzte Vermutung lautete: Vielleicht ist das Elend noch nicht groß genug.

Wer seinen Lohn nicht erhält, bemerkt das unmittelbar. Wer digitale Verfügungsmacht verliert, kann zunächst weiterleben wie zuvor. Die Nachrichten kommen an, die Fotos sind gespeichert, der Einkauf gelingt. Vieles funktioniert bequem und scheinbar kostenlos. Was man dafür aus der Hand gibt, bleibt schwerer erkennbar.

Der Vergleich mit der Geschichte der Arbeitsbeziehungen drängt sich mir auf. Wir haben ihre Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert bereits betrachtet: den langen Weg von existenzieller Abhängigkeit zu erkämpften Rechten, sozialer Absicherung und Mitbestimmung. Die Gegenüberstellung mit der digitalen Gegenwart macht Leerstellen sichtbar. Daten entstehen durch unser Verhalten, unsere Arbeit und unser Zusammenleben. Sie werden wirtschaftlich genutzt. Doch die Frage, welche Verfügung und Beteiligung denjenigen zustehen sollen, aus deren Tätigkeit sie hervorgehen, wird gesellschaftlich längst nicht mit derselben Selbstverständlichkeit gestellt wie die Frage nach dem Wert der Arbeit.
Die Parallele hat Grenzen. Daten sind keine Arbeitsstunden, und ihre Entstehung lässt sich häufig mehreren Beteiligten zurechnen. Daraus folgen schwierige Fragen. Für mich ist das ein Grund, genauer hinzusehen und tragfähige Regeln zu entwickeln.

Mit meiner Vermutung vom fehlenden Elend bin ich dennoch nicht zufrieden. Sie erklärt einen Teil der ausbleibenden Bewegung. Zugleich droht sie, den Blick zu verengen: auf Menschen, die angeblich zu bequem sind, ihre Lage zu verändern.

Auch der Elfenbeinturm ist bequem

Diese Bequemlichkeit gibt es ebenso auf anderen Ebenen.

Man kann sich in seiner Spezialdisziplin einrichten, anspruchsvolle Erkenntnisse gewinnen und sie anschließend einem Publikum vortragen, das dieselbe Fachsprache beherrscht. Das ist wissenschaftlich oder technisch produktiv. Für einen gesellschaftlichen Aufbruch reicht es nicht.

Wenn digitale Souveränität Millionen Menschen erreichen soll, gehört ihre verständliche Vermittlung zur Aufgabe. Wer soll was verändern? Welchen Vorteil hat das? Welche Schwierigkeiten sind zu erwarten? Wer übernimmt Verantwortung, wenn etwas nicht funktioniert?

Auf dem Symposium zeigte sich diese Verständigungsaufgabe auch im Austausch zwischen Michael Erhardt von der IG Metall und Alex Pesjak, der das für Unternehmen entwickelte Komplettsystem von PRUVAGE vorstellte. Dass ein diplomierter Volkswirt und erfahrener Gewerkschafter hier Verständigungsbedarf äußert, sollte uns aufmerken lassen. Ein technisch durchdachtes Angebot muss auch aus der Perspektive derjenigen erschlossen werden, die es beurteilen, einsetzen oder seine Einführung mitgestalten sollen.

„Komplett“ aus Entwicklersicht beantwortet noch nicht sämtliche Fragen der Anwender.
Wenn ich dabei an Kants selbstverschuldete Unmündigkeit denke, meine ich ausdrücklich auch die Wissenden. Fachwissen entbindet nicht davon, die eigenen Voraussetzungen und die Verständlichkeit der eigenen Aussagen zu prüfen. Wer gesellschaftliche Veränderung erreichen will, muss sich der Mühe aussetzen, außerhalb des eigenen Kreises verstanden zu werden.

Politik muss lernen wollen

In meinem Schlusswort habe ich Richtung Berlin provokant gesagt, man müsse dort erst noch große Portionen Wissen hineinkippen, damit man auf Level Null komme.

Die Zuspitzung war beabsichtigt. Gemeint war: Manchmal stehen dem Lernen bereits feste Vorstellungen im Weg. Dann genügt zusätzliches Wissen nicht. Zunächst müssen vermeintliche Gewissheiten überprüft werden.

Natürlich gibt es sachkundige Politikerinnen und Politiker. Aber politische Verantwortung verlangt auch dort Urteilskraft, wo die eigene Fachkenntnis endet. Dazu gehört, Fragen zu stellen, unabhängigen Sachverstand heranzuziehen und wirtschaftliche Interessen hinter technischen Versprechen erkennen zu können.

Wer Souveränität zum politischen Ziel erklärt, muss außerdem sagen, wie sie im Alltag erreichbar werden soll. Für Verwaltungen und Unternehmen ebenso wie für Menschen, die ihren Computer benutzen möchten, ohne nebenbei eine Ausbildung zum Systemadministrator zu absolvieren.

Selbsthilfe braucht Voraussetzungen

Hier liegt für mich die Verantwortung des Sozialstaats.

Eigenverantwortung setzt voraus, dass Menschen ihre Lage verstehen und tatsächlich handeln können. Dazu brauchen sie Bildung, Orientierung, zugängliche Beratung und bezahlbare Unterstützung. Wo diese Voraussetzungen fehlen, wird der Appell zur Selbsthilfe schnell zur Ausrede derjenigen, die Unterstützung organisieren müssten.

So verstehe ich Subsidiarität: Menschen und kleinere Gemeinschaften sollen ihre Angelegenheiten möglichst selbst gestalten können. Die größeren Institutionen müssen sie dazu befähigen und dort unterstützen, wo ihre Möglichkeiten nicht ausreichen.

„Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“, heißt es in der Internationale. Für mich bleibt darin ein richtiger Gedanke: Rechte und Beteiligung brauchen Menschen, die ihre Interessen selbst vertreten. Ein demokratischer Sozialstaat hat jedoch die Verpflichtung, die Bedingungen dafür zu schaffen. Er kann sich nicht darauf zurückziehen, dass irgendwann hinreichend großer Schaden schon für Bewegung sorgen werde.
Gerade wenn digitale Machtkonzentration demokratische Handlungsmöglichkeiten berührt, muss er frühzeitig Verständigung und Handlungsfähigkeit fördern.

Wer übernimmt welchen Teil?

Politik und öffentliche Einrichtungen müssen digitale Bildung und unabhängige Beratung als dauerhafte Aufgaben behandeln. Auch die eigenen Beschaffungsentscheidungen verdienen Aufmerksamkeit: Wer Alternativen empfiehlt, sollte ihren Einsatz im eigenen Verantwortungsbereich ernsthaft prüfen.

Die Fachwelt muss ihre Erkenntnisse so vermitteln, dass andere sie beurteilen können. Verständlichkeit verlangt Genauigkeit – und die Bereitschaft, sich auf Fragen einzulassen, die im Fachkreis längst erledigt erscheinen mögen.
Anbieter müssen aus technischen Alternativen verlässlich nutzbare Angebote machen. Dazu gehören Datenübernahme, Einrichtung, Schulung und erreichbare Hilfe. Diese Arbeit kostet Geld. Wer einen breiten Umstieg will, muss auch darüber sprechen, wie er finanziert werden kann.

Computerhändler vor Ort und Hosting-Dienstleister könnten dabei wichtige Anlaufstellen sein. Dort besteht häufig bereits eine Kundenbeziehung. Ein glaubwürdiges Angebot wäre: Wir begleiten Ihren Wechsel und bleiben anschließend ansprechbar.

Gewerkschaften, Betriebsräte, Glaubensgemeinschaften, Vereine und Bildungseinrichtungen können Menschen erreichen, die keine Fachkonferenz besuchen würden. Ihre Stärke liegt auch im Vertrauen und in der Möglichkeit, gemeinsam tätig zu werden. Zusammen zu wechseln, Erfahrungen auszutauschen und Hilfe zu bekommen, kann eine Hürde senken, an der Einzelne scheitern.

Die Initiative Digital Independence Day greift mit Wechselanleitungen und Veranstaltungen bereits einen Teil dieser Aufgabe auf. Solche Ansätze brauchen Verbreitung und Menschen, die sie vor Ort tragen.
Auch die Nutzer bleiben verantwortlich. Die Bereitschaft, etwas zu lernen und Gewohntes zu überprüfen, kann ihnen niemand abnehmen. Aber diese Bereitschaft lässt sich eher gewinnen, wenn ein nächster Schritt überschaubar ist und Unterstützung bereitsteht.

Ein europäischer Anbieter beantwortet noch nicht die Eigentumsfrage

Selbst ein breiter Wechsel zu europäischen Diensten würde unsere Debatte über Dateneigentum nicht erledigen.

Die Herkunft eines Anbieters sagt für sich genommen wenig darüber aus, welche Verfügung Nutzer über ihre Daten haben, wie Beschäftigte beteiligt werden oder wem wirtschaftliche Erträge zufließen. Technische Unabhängigkeit, Datenschutz, demokratische Kontrolle und eine gerechtere Beteiligung an digitaler Wertschöpfung müssen jeweils konkret ausgestaltet werden.

Deshalb führt die historische Parallele zur Arbeitswelt weiter als bis zur Wahl eines anderen Produkts. Auch damals entstand Veränderung durch Organisation, Bildung, Solidarität und durchsetzbare Rechte. Aus individueller Betroffenheit musste eine gemeinsam vertretene Angelegenheit werden.

Daran fehlt es im Digitalen noch vielerorts. Die einzelnen Ärgernisse werden wahrgenommen. Ihr Zusammenhang mit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Macht bleibt oft undeutlich.
Mein persönliches Teilergebnis nach dem Symposium lautet deshalb: Wir müssen die Verantwortung für digitale Mündigkeit auf allen Ebenen ernst nehmen. Bei den Nutzern, aber ebenso bei denen, die entwickeln, erklären, verkaufen und politisch entscheiden.

Auf größeres Elend möchte ich nicht warten.

Digitale Souveränität muss im Alltag erreichbar werden. Menschen brauchen die Möglichkeit, ihre Interessen zu erkennen, sich zusammenzuschließen und wirksam zu handeln. Selbstbestimmt – und dabei nicht allein gelassen.

Letzte Änderung: 27.10.2026  |  Erstellt am: 26.10.2026

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