„Der Traum ist aus“

„Der Traum ist aus“

Einige Gedanken eines alten Punkers und Posthippies zu der AfD, zu der Linken und ihrem Antisemitismus sowie zu Deutschland in der Krise
Artur Becker in Venedig | © Artur Becker

Zwischen AfD, Linken und einer tiefen politischen Krise fragt Artur Becker, wie viel Geschichtsbewusstsein Deutschland noch besitzt. Ein streitbarer Essay über Antisemitismus, Freiheit, Verantwortung und die Hoffnung in düsteren Zeiten.

“Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht
Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher
Dieses Land ist es nicht.”
Rio Reiser

“Die Geschichtswissenschaft ist keine Nutte, die man an der Straßenecke mieten
und zu allen möglichen Verrenkungen bewegen kann.”
Paweł Jasienica

Das Problem mit dem trockenen Alkoholiker besteht darin, dass er selbst dann, wenn er nicht trinkt, unter strenger Beobachtung bleibt. In Polen fürchtet man eine Wiederholung der Geschichte, sollte die AfD an die Macht kommen, zumal sie eine Rhetorik verwendet – die Regierung „jagen“ und „vor uns hertreiben“ –, die an sehr unangenehme, ja dunkelste Zeiten erinnert. Mit dieser Sorge steht Polen nicht allein: Viele Europäer fragen sich, was aus Europa würde, sollte die blaue Alternative „die Macht ergreifen“. Wer ankündigt, wieder Geschäfte mit Putin zu machen und der Europäischen Union, diesem mehr oder weniger korrupten und moralisch verdorbenen Verein, die kalte Schulter zu zeigen – wohin will der eigentlich? Das ist Messianismus pur: Russland als Drittes Rom werde uns vor dem Imperium USA und der woken EU, einem Werk des Antichristen (Wladimir Sergejewitsch Solowjow), retten! Die AfD zeigt ebenso wie die Linke, dass sie von Geopolitik wenig versteht. Ein starkes Russland kann keineswegs im Interesse Chinas liegen, selbst wenn beide Staaten vermeintlich in einem Boot sitzen. Davon abgesehen sind all diese geopolitischen Spiele zum Glück nur ein Schneeball der Politik in einer vergänglichen Welt, in der eine Mücke Alexander den Großen töten kann. Oder wir erledigen uns endlich selbst – wir haben ausreichend viele funktionierende Atombomben gehortet: als Menschheit.

***

Deutschland ist auch deshalb „krank“ – um in der manichäischen Rhetorik der blauen Alternative zu bleiben –, weil seine Linke den Überblick verloren hat. Die Tradition des Antisemitismus in der Linken reicht weit zurück; man braucht sich nur die Biografien von Marx oder gar meiner Lieblingsphilosophin Simone Weil anzusehen. In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts war Antisemitismus sogar en vogue. Im heutigen Deutschland schmerzt er besonders, weil dieses Land doch die verheerende Erfahrung gemacht hat, was passiert, wenn Geschichte durch eine Ideologie besetzt wird. Demut ist das Stichwort – etwas, das die Linke nicht begreift, genauso wie die AfD.
Zwischen 1939 und 1945 haben die deutschen Nazi-Besatzer Polens in meiner Heimat etwa 3,2 Millionen jüdische polnische Staatsbürger, rund 3 Millionen weitere Polen sowie hunderttausende Sinti und Roma ermordet. Man sollte gegenüber Israel und Polen – kulturgeschichtlich und historisch betrachtet – mit Begriffen wie „Genozid“ oder „ethnische Säuberung“ vorsichtig umgehen und nicht mit ihnen jonglieren wie im Zirkus; schon mein Landsmann Rafał Lemkin, der den juristischen Begriff des Genozids definierte, mahnte dazu. Glaubt ihr wirklich, alle Israelis und im Ausland lebende Juden lieben die Siedler im Westjordanland und klatschten Netanjahu Beifall, wenn in Gaza Unschuldige getötet werden? Und ist euch klar, welches Trauma der 7. Oktober 2023 für Israel und für Juden weltweit bedeutet? Die Antwort ist: nein.
Tja, im Grunde ist die politische Lage in Deutschland ziemlich desaströs, aber nicht hoffnungslos. Momentan gibt es keine einzige Partei, die man ruhigen Gewissens wählen könnte, und die Regierenden beleidigen einander und die, die sie gewählt haben, fortwährend. Ich werde mir an diesem Land jedoch nicht die Zähne ausbeißen. Ich komme aus dem Geist der Solidarność, der vor allem bedeutet, die Hoffnung bis zum Erfolg niemals aufzugeben und für die Freiheit des Menschen einzutreten – intellektuell ebenso wie innerhalb der Grenzen seines Staates. In meinem anarchistischen Geist bin ich außerdem Punker und Posthippie geblieben – daher auch meine bedingungslose Liebe zur Freiheit.

Letzte Änderung: 23.10.2026  |  Erstellt am: 23.10.2026

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