Stepha Quitter: Man sollte Stützbalken einziehen
Er krümmt sich in der viel zu schwarzen Erde.
Würgt, halb nackt, auf den Knien, vorgebeugt wie zum Ritterschlag, den Oberkörper gestützt auf eine knöcherne Hand, die ihre Finger in die falsche Erde krallt, als wollte sie Stelzwurzeln schlagen. Überall, nur nicht hier. Die andere Hand gegen den Bauch gepresst, ein Bügeleisen, wenn er nur hätte! Er würde den Aufstand da drin schon niederbügeln! Es ist nur ein Schaukampf. Die Krämpfe da drin sind stärker als eine (unbehaarte) Männer(?)hand: sein Magen tritt und strampelt wie ein bockiges Kind.
Es ist befreiend folgerichtig zu kotzen.
Auch wenn nichts kommt als Galle und ein paar Bröckchen. Fleischgelb. Entweder, es waren doch keine Reherl. (Dabei war er sich so sicher gewesen? Die Ränder gewellt, die Lamellen ohne Gabelung …?) Oder sie waren einfach nicht durch geworden auf dem gschamigen Feuer, das er sich schon kaum zu machen getraut hatte, und das er überdies in praktisch dem Moment, in dem es endlich brannte, sofort wieder begrub. Weil es brannte. Und weil ihn beim Anblick der redseligen Rauchfäden – und weil eine Amsel so spitzelnd trällerte – der Übermut (der Überdruss? Nur Giersch und Löwenzahnwurzel, die ewigen Preiselbeeren …) endgültiger verließ als ein Furz seine Behausung.
Immerhin weiß er, wie man Feuer macht. Auch ohne Streichhölzer, Grillanzünder. Getrocknete Kaminscheiter. Die beiden anderen, der eine Doktor, der andere Ingenieur, beide Familienväter (und der eine sicher nicht ohne Parteibuch und Verdienst, da könnte er schwören) … die hätten ohne ihn keine 24 Stunden überlebt. Der eine hatte die Himmelsrichtung nicht einmal am Tage bestimmen können. Und beide hatten nicht gewusst, wo sie sich überhaupt befanden. Man darf eben nicht pennen, beim Transport. Man darf sich nicht aufgeben. Man muss schon planen, wenn man nicht mal kapiert! Er hatte mitgezählt. Kilometer, Sekunden, Geschwindigkeit – ungefähr. Himmelsrichtung, Fahrtzeit, Pausen. Man. Darf. Nicht. Pennen!
Und wie sie ihn angesehen hatten, als er das erste Mal an einer jungen Birke genagt hatte, wie ein Reh. Sie waren messerlos – wie also, bitte, sollten sie anders ans Kambrium kommen? Erst als ihnen, nach einer Weile, aufgegangen war, dass sie nicht gefasst werden würden, dass sie wirklich aushalten mussten, dass nach dem Mut das Zähsein kam, hatten sie mit ihm geäst.
Der Mensch wird nur Tier, wenn andere Mensch bleiben. Wenn alle zum Tier werden, ist niemand mehr Mensch, ist jeder wieder Mensch.
Drei sind eine gute Zahl für die Flucht.
Aber eins ist die einzige Zahl, um nach Hause zu kommen.
Es hat sich ausgekotzt, der Magen bäumt sich nur noch ohne Reiter auf. Jetzt heißen die Krämpfe Hunger – aber der schrie auch im Lager nicht leiser.
Die Gnitzen stürzen sich im Heer auf seine kaltschweiße Haut. Sollen sie ihren Teil bekommen, er zahlt den Tribut für den Nicht-Verrat, solange es keine Aasgeier sind!
Er lässt sich auf die Seite kippen, erschöpft und erleichtert, wie auch die Schweine zuhause auf die Seite kippen, wenn sie von Vatern den Schlag auf den Kopf bekommen: mit einem überraschten und gleichzeitig so überhaupt nicht überraschten „oh“ – auf Schweinisch, natürlich, und das nicht mal zu Ende gedacht. Nur kann man an ihm – anders als bei den Schweinen daheim – die Rippen zählen. Kein Wunder. Nach wie vielen Tagen in diesem viel zu lichten, viel zu andauerndem, viel zu unendlichen, viel zu unveränderlichen Wald? Die Nächte noch immer zu hell, um Nächte zu sein – und dabei hatte er die Weißheit extra abgewartet: Früh genug, um überm bloßen Kopf den Sommer und Preiselbeeren statt Frost unter den nackten Füßen zu haben. Eine ausreichend lange Spanne, in der man es schaffen könnte, in der man es einfacher hätte. Aber spät genug, um nachts auch einen Komplizen zu haben, mit dem man wirklich vorankommen konnte: die Dunkelheit.
Tagsüber verkriecht er sich wie ein Dachs, gräbt sich ein wie die Wüstenkröte, deckt sich mit verrottenden Birkenblättern zu, die Asseln fühlen sich auf seinem Mergelkörper zuhause, und wie herzhaft ihn die Ameisen beißen, spürt er fast gar nicht mehr.
Nur die Birken, Birken, Birken setzen ihm zu. Und noch mehr Birken. Birken.
Wenn das Schwarz-Weiß der Zebras, wie es heißt, die Tsetse-Fliege so verwirren, dass sie nicht mehr weiß, wo ein Zebra ist, in das sie hineinstechen will, dann verwirrt ihn das Schwarz-Weiß der Birken so, dass er nicht mehr weiß, wer er ist, in den man hineinstechen will.
Er rollt sich auf den Rücken.
Haut an Haut mit der viel zu schwarzen, viel zu kühlen Erde mit dem fremden, mineralischen Geruch, sein nackter Rücken auf ihrem behaarten Rücken (Moos, die knolligen Gierschstängel, was sonst), sie trägt ihn huckepack – wohin? Dieses rötliche Glitzern in ihr, diabolisches Zahnfleischgrinsen. Das muss vom Eisengehalt kommen. Und der wiederum kommt vom Blut.
Durchtränkter Boden.
Durchtränkter Kuchenboden.
Die Birken blinzeln.
Der Himmel hängt so tief, man sollte Stützbalken einziehen.
Nicht, damit die verwaschene Wolkendecke nicht niederkommt – damit der Mensch weiß, wo er sich unterzustellen hat.
Wenn es passiert. Und passieren wird es. Das hier wird einstürzen. Muss es.
Und ein, zwei Schlaue werden sich unterstellen. Und heil davonkommen. Weil es immer die gibt, die heil davonkommen.
Er wird sich nicht unterstellen.
Er wird helfen beim Einreißen: In langen Hautfetzen runter mit der bleichen Tapete, schimmelschwarz hinterrücks, und dann den Schlaghammer, dass es staubt!
Alles nur Tünchekruste, nichts als Fassade.
Selbst der Himmel spielt Komödie im Kostüm, bis der Vorhang fällt.
Auch der Mensch ist, was er trägt.
Anzug: gebügelt. Hemd: gesteift. Kleid: ausgelassen. Mantel: larvenzerfressen, gespinstüberzogen. (Nicht jeder kann Atlas sein.)
Nackt ist der Mensch Götter gleich Nichts.
Und als Nichts trägt man, wer kein schnelleres Mundwerk hat, eine Gewehrmündung im Genick, so simpel ist es. Die passt exakt um einen Halswirbel und gibt einem Küsse, wenn es kein anderer tut (gierig, unter Schamtränen, verwandt).
Deswegen hat er seine Unterwäsche anbehalten. Nicht nichts sein! (Noch nicht.)
Seine leere Uniform kauert sonst wo zum Gebet gefaltet unter einem Hollerbusch. Soll sie dort bessere Soldaten ausbrüten als ihn!
Auch das Hemd der Gefangenen müssen andere tragen. Seines spielt Vogelscheuche im Haselstrauch.
Er zählt nicht mehr die Schläge, er zählt auch nicht die Toten, nicht die Taten und nicht die unverweigerten Befehle.
Er zählt die Schritte, zählt die Tage, ritzt sich für jeden Tag geschafftes Leben mit dem Daumennagel eine Kerbe in den linken Unterarm, vom Handgelenk armaufwärts: Die Skala reicht von Altnarbenweiß über Jungnarbenpurpur zu Schorfbraun und Frischblutrot, und das bis fast hinauf zum Ellbogen. Es ist leichtsinnig, das ist ihm klar, bei all dem Dreck hier, und an die Bäche oder gar Flüsse traut er sich selten, nie (auch sie waren Straßen, und wo Straßen waren, waren Menschen, und Menschen auf Straßen waren Sieger – Sieger im Partizip – und das war er nicht) (und wer wusste, außerdem, was in den Gewässern hier Unsichtbares schwamm!), aber er hat einfach das Gefühl, er muss spüren, dass er am Leben ist, um am Leben zu bleiben.
Falls das Sinn ergibt. Falls irgendetwas Sinn ergibt.
Also bindet er sich mit Birkenbast frisch gerupfte Vogelmiere auf die Wunden – im Übrigen auch auf seine preiselbeergerissenen Beine – das hemmt Entzündungen. Er sieht seine Oma vor sich, den dicksten weichsten Busen, an den man einen kleinen Jungen drücken kann, wie sie ihm die Pflanzen im Garten, am Waldrand erklärt, seine kleine Hand in ihrer schwieligen, selbst wenn die – was selten vorkommt – in der Tasche ihrer geblümten Kittelschürze ruht, was kein verkehrter Ort ist, um eine kleine Jungenhand sich hin verirren zu lassen, denn in dieser Kittelschürzentasche nisten, in ihren Winkeln, immer auch klebrige Bonbons in silbernem Knisterpapier und mit Weihnachtsgeschmack (auch im Sommer!) und warteten darauf, herausgezogen, ausgewickelt und mit einem ungläubig wissenden Darf-ich-Blick, den zu beantworten es längst zu spät ist, in den Mund gesteckt zu werden.
Jetzt stopft er sich Moos in den Mund, feucht, erdig, jedes Kissen eine Galaxie allerkleinster Blütensterne, ignoriert die winzigen Käfer, die ihren Ausweg bis zuletzt suchen werden, und presst sich die Hand auf die Lippen, ein Siegel, dort muss sie bleiben, die Hand. So viel muss, soll diese Hand bei sich behalten: Mageninhalt. Worte. Die Mauer aus Hand muss die Worte einkerkern.
Er wird sich noch verraten, wenn er im Schlaf wieder schreit.
Von seinen Träumen wird er nie erzählen.
Als er aufwacht, steht, keine Armlänge von ihm, geduckt ein Fuchs kniehoch im Giersch, das Fell mehr Schorf, mehr Dreck, mehr Bast als Rot, und frisst, hastig, das zuvor von ihm Erbrochene.
So nahrhaft wird es nicht sein, mein Freund, bedaure. Auch ich hätte lieber Rinderschinken mit dir geteilt. Hat dieser Wald keine Mäuse? Frisst niemand hier die Wurzeln kaputt, bis alles unterhöhlt und nicht mehr zu retten ist, bis selbst die gesunden Bäume übereinander kippen, wie torkelnde Betrunkene? Oder ist es ein Ritual, ein Fuchsritual? Wie bei den Naturvölkern, der Glaube des Einverleibens? Ob er jetzt Teil vom Fuchs wird? Ob auch der Fuchs Teil von ihm wird? Oder längst … ist?
Erst jetzt bemerkt er ihre Zitzen, hängend, schlaff, als hätten viele lang an ihr gezogen. Die Füchsin hat ihn im Blick. Fressend, die spitze Schnauze im Gierschgrün wie hinter einem spanischen Fächer, lässt sie ihn nicht aus den Augen.
Überwachung kenn ich.
Vorsicht auch.
Vorsicht ist gut. Besser noch, wenn andere sich vorsehen. Das bedeutet, man selbst ist Gefahr. Und wer Gefahr ist, ist am Leben.
Er bewegt sich nicht. Lässt die Füchsin still Teil werden, wischt sich nicht die Träne weg, die ihm im schmutzstarren Gesicht eine armselige Spur hinterlässt, so liegend wird es ein weißer Lidstrich in all der freiwilligen und unfreiwilligen Tarnung werden!
Er würde die Hand nach der Füchsin ausstrecken – er streichelt ihr den Rücken, sie schmiegt sich in seinen Arm, sich so gegenseitig wärmend schlafen sie, ihre Schnauze auf seiner Brust, ein – wüsste er nicht, dass sie bei der kleinsten Bewegung weg wäre. Wer wird sie sowieso sein. Er will es nur hinauszögern. Er will jemanden wissen, in diesem Wald, auf dieser Welt.
Über sich, durch das höhnische Birkengesprengel: noch immer der Himmel.
Seine Wasserblasen baumeln wie fette Euter herab.
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
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