Miriam Sachs: Die Zeitreisen meines Vaters
1. WEITSICHT
„Wir waren lange nicht in Glonn!“, behauptet der Vater, Tag für Tag.
Egal, wie oft die Mutter ihn hinfährt: im Mai einmal pro Woche, seit Juni mindestens zweimal. Zwanzig Kilometer zu einem Hügel hinter dem Wald, hinter der Bäckerei mit den Leberkäs-Semmeln, nach der großen Kurve, hinter der einem die Berge plötzlich entgegenfliegen. Es strengt sie an, weil ihrem Knie das Kuppeln nicht guttut. Wenn sie dann angekommen ist, das Auto schräg zwischen kleinem Seitenweg und Böschung geparkt hat und man auf Campingstühlen in die Ferne schaut, kommt auch sie wieder zur Ruhe. Dann sind wir eine Stunde lang alle glücklich. Die Berge sind jedes Mal anders, mal fern und himmelblau, mal bleischwer und scharfkantig oder grau-lila dahinschmelzend.
Jetzt aber ist Winter. Kaum springt das Auto an. Die Fahrt droht eine Rutschpartie zu werden. Man sieht nicht, wo Weg und Geröll ineinander übergehen. Längst darf der Vater kein Auto mehr fahren und die Mutter fährt im Schritttempo, erste in einer langen Karawane von Autos. Fast übersieht man den kleinen Feldweg, der zum Platz abzweigt. Stünde der Jesus nicht nackich und dürr im Schnee, man wär dran vorbeigefahrn, und die Berge sind verhangen. Es ist eisig und der Vater wundert sich, dass er hierher wollte. Es sei kalt, sagt er überrascht, als er die Scheibe runtergekurbelt hat.
„Jetzt geh halt wenigstens bis zum Platz, wo du doch hast herwollten!“, sagt die Mutter, aber der Vater geht nicht gern. Wir stehen frierend im Schnee, die Mutter und ich, der Vater ein paar Schritte näher an den Bergen, groß und im schwarzen Mantel steht er auf dem weißen Hügel; es scheint ihm warm zu sein. Er sieht lange hinaus in Richtung Gebirge und sagt, heute sei die Sicht besonders gut:„Schau, man kann bis Grado sehen – und Offenbach!“
Die Mutter sagt, sie sähe selbst die Berge kaum.
Der Vater zuckt die Achseln und sagt: „Ja eben!“
***
Er hätte den Satz ganz genauso gesagt haben können, als ich noch klein war und er, Abstand nehmend von jeglicher Erwachsenen-Logik, auf der Spielwiese des Kindes herumhüpfte. Die Wunderländer, die Unsinns-Gedichte, die Kopfkinoapparaturen, die unfassbare Freiheit … – hatte es fast vergessen! Plötzlich war die Weitsicht wieder da. Die Sonnenschirme, das Lagunenmeer hinter den Eisbergen, den Biberer Bergen, alles war überall und Geographie blieb noch fünf Jahre lang irrelevant. Die Gedankenfreiheit verlor sich, als ich in die Schule kam und der Vater zum Perfektionisten wurde, Enormes erwartend. Wie kam eigentlich er klar mit der Depression der Mutter, wie wurde ich abgeschirmt von ihrem Wunsch, „am liebsten weg zu sein“? Eigentlich haben wir ihn alle, den Wunsch: weg nach Hause, also nach Offenbach der Vater; in die Welt hinaus ich; die Mutter aber spricht von „Für-immer-weg“. Manchmal klingt es zart und leise, manchmal ist es das zum Himmel schreiende Unrecht ihrer Kindheit, das sie verlauten lässt. Manchmal hasse ich es, Tochter zu sein. Jedenfalls dann, wenn sie Tochter ist. Weil: Was bin denn dann ich?
2. FILMRISS
„Sie sind die Tochter?“
fragte Frau G., Leiterin der Tagespflege, in die der Vater montags ging. Vor Kurzem hatte man ihm sogar noch den Mittwoch angeboten und es völlig okay gefunden, wenn er ganz für sich auf einer Bank saß, manchmal etwas auf ein Blatt Papier oder ein Taschentuch schrieb, während die Tagespflege-Aktivitäten an ihm vorübergingen. Jetzt ginge gar nix mehr. Zu viel Aufwand, es sprenge den Rahmen. Auch käme er morgens oft schon mit vollen Hosen.
„Aber ich stehe extra früh auf, er duscht sogar, und auf dem Klo sitzend macht er
Pedal-Übungen, bis er … also der Stuhlgang … in Gang kommt.“ – Ich fühlte mich kaum noch wie eine Tochter. Und der Vater denkt eh, ich bin die Mutter, seine.
„Er ist frisch gewindelt, wenn das Shuttle ihn holt!“
Es passiere wahrscheinlich während der Fahrt, sagte Frau G. „Viele Demente vertragen die Autofahrt nicht und reagieren mit Erbrechen und Durchfall.“
„Aber er liebt Autofahren …!“
„In seinem Stadium …?!“ Frau G. bezweifelte es.
Die zu schnell vorbeifliegende Landschaft, die Bilder, die er nicht verarbeiten könne … Das sei wie Fernsehen. Für viele an Demenz Erkrankte too much!
Und dennoch sah ich ihn nur entspannt auf dem Beifahrersitz.
Dass der Vater Alzheimer hatte, wussten wir schon lange. Die Fahrten hatten sich gehäuft, vorher waren es Sonntagsausflüge gewesen, dann nahmen sie überhand („Wir waren lang nicht in Glonn!“), manchmal hatte er, eben zurück von der Fahrt, noch im Mantel vergessen, von wo wir gerade kamen und beharrte darauf, loszufahren. Wir wussten, dass das Korrigieren („Aber wir sind doch eben dort gewesen, du hast doch den Mantel noch an!“) nichts bringt („Ich habe ihn an, weil wir jetzt fahren wollen!“). Die Berge sind stärker als jede Logik. Die Mutter konnte es dennoch nicht lassen:
„Schau, hier ist der Picknickkorb“, sagte sie.
Der Vater nickte. „Dann können wir also los.“
Sie zeigte auf die leeren Flaschen und die ausgedrückte Senftube. „Hier! Wir haben schon gegessen!“
Er ignorierte, was sie sagte, aber sah in den Korb. „Du musst mehr einpacken, die Brötchentüte ist fast leer!“
Ihre völlige Verausgabung, das unaufhörliche Ritual. Sein Unverständnis, warum man ihm die Berge nicht gönnt. Nicht, dass er je ein Bergfreund gewesen wäre. Nie bestieg er sie. Aber er liebte sie als Kulisse. Er kannte sie – aus den Filmen von Luis Trenker. Und er liebte das Unterwegssein zu ihnen, die Fortbewegung.
Fahren bedeutete, in Bewegung zu sein. Vom Fleck zu kommen. Er nahm es überraschenderweise hin, als man ihm sagte, der Führerschein sei weg, und ging mehr zu Fuß. In jenem Winter machte er sich sehr früh auf die Beine, in Hausschuhen und Schlafanzug, und ging in Richtung A99, im Jahr danach wurde er langsamer und ließ sich („Fahr du!“) auf den Beifahrersitz fallen. Er sah aus dem Fenster und starrte auf die vorbeifliegende Landschaft, als wäre sie ein Film.
Denn von Anfang an, bereits in der Kindheit, war der Vater fasziniert von Film. Mit sieben drehte er an der Kaffeemühle seiner Mutter und stellte sich vor, es wäre eine 16-mm-Kamera; alles, was er in die Hände bekam und sich kurbeln ließ, taugte zu imaginären Dreharbeiten.
Der Vater hat sehr früh seinen Beruf gefunden und sein Leben lang genau das gemacht: Bilder festgehalten. Zeit still stehen lassen. Zurückdrehen, weiterspulen. Sehr bald nicht mehr im Handkurbelbetrieb, sondern mit professionellen Kameras mit geladenen Akkus. Die Filme jetzt, also jene, die sich in seinem Kopf abspielen und die niemand sieht, stelle ich mir vor wie die Alternativen zum realen Überwinden der Berge, den echten Fahrten nach Italien – oder nach Offenbach. Die Fortbewegung in der Wirklichkeit aber wird immer schwieriger. Die Filme verheddern sich, ihr Transport hakt. Zu viele Bilder oder in der falschen Reihenfolge. Sein Akku schien auszulaufen. Kaum hob er noch die Füße und schlurfte durch das raschelnde Laub.
Fehlt die Aussicht oder ist der Motor blockiert? Stockt der Sprachfluss, weil alle Wörter gleichzeitig rauswollen und keines zuerst kommt? Oder zu viele Bilder auf einmal hinein? Auch aus der Memory-Gruppe flog er raus.
Ich glaube, nicht das Gehen ist das Problem, sondern die Geschwindigkeit der Welt.
Vielleicht ist der Vater wie seine alte Handkurbel-Kamera. Und sein inneres Kino spielt die Filme mit 25 Bildern pro Sekunde ab statt mit 24. Oder wird zum Daumenkino, in dem zu viele Seiten fehlen.
3 .DUNKELKAMMER
Der Rauswurf war ein Einschnitt. Viele rieten nun zum Pflegeheim. Die Nachbarin hatte ihren Mann gerade in einem untergebracht und erzählte, er hätte sich an-
fangs davon überzeugen lassen, er mache Urlaub in einem All-inclusive-Hotel. Inzwischen dachte er jedoch, er sei noch auf der Reise zu jenem Ferienort.
Er saß am Fenster seines Zimmers und rief seine Frau pausenlos an, er sei noch nicht angekommen, er säße noch im Zug, aber es ginge nicht voran. Der Zug hielte schon seit geraumer Zeit auf offener Strecke – er wüsste nicht, wann er denn einträfe.
Das Pflegeheim des Mannes der Nachbarin hatte sogar eine Fake-Bushaltestelle auf dem Gelände: Die, die weg wollen, blieben dort hängen und warteten. Und vergaßen dabei, wohin sie wollten. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis irgendwann in einer sehr fernen Zukunft doch ein Bus kommen wird.
***
Wenn man in die urologische Praxis von Dr. R kommt, steht man sofort in einem langen Korridor hinter vielen Männern. Die meisten halten leere oder volle Urinbecher in den Händen. Die mit den vollen haben nicht verstanden, dass man die nicht bei der Sprechstundenhilfe abgibt, sondern in die Durchreiche zum Labor stellt. Der Vater will nicht anstehen. Aber im Wartezimmer sitzen will er auch nicht.
„Komm, wir gehen!“, sagte er. Es sei spät, er müsse noch wohin. Auch wüsste er nicht, was er dem Doktor sagen solle.
„Du musst gar nichts sagen. Der Doktor wird schon genug reden.“
„Ich habe aber jetzt keine Zeit, ich muss los.“
Sein Blick schweifte durch das Wartezimmer. Auch hier war alles voller Männer aller Altersgruppen vor eierschalenfarbenen Wänden.
„Komm, wir gehen!“
„Schau, die sind alle hier und warten. Und die wollen garantiert auch alle nicht hier sein!“, versuchte ich ihn zu trösten.
Ein Mann uns gegenüber lachte.
„Der da hat gelacht!“, sagte der Vater und zeigte auf den Mann.
Ich drückte dem Vater eine Zeitschrift in die Hand, um ihn abzulenken. Es schien zu funktionieren. Ich nahm mir auch eine. Als ich wieder aufblickte, war er verschwunden. Ich ging in den Flur hinaus. Die Warteschlange hatte sich gelichtet. Der Vater unsichtbar. Auf der Toilette war er auch nicht. Ich lief aus der Praxis. Im Treppenhaus? Nichts! Auch hätte er die Stufen nicht so schnell nehmen können. Als ich wieder in die Praxis lief, stand er im Flur vor einer Art Sicherungskasten. Dieses vergilbte Ding, das nach sechzig Jahre aussah, gleich neben der Tür. Und war im Begriff, einen Knopf zu drücken.
„Nicht drücken!“
„Ich hab ja schon gedrückt!“, sagte er.
Ich nahm sicherheitshalber seine Hand. „Wo warst du denn?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Warst du die ganze Zeit hier?“
„Ach … –“, sagte er abwinkend, „die ganze Zeit …“ und machte eine Bewegung, als sei das ein zu weites Feld, um darüber zu sprechen.
Wie hatte ich ihn übersehen können?
Der Kasten, an dem er immer noch stand, blinkte immer noch. Wieder standen wir in der Schlange der wartenden Männer und ich starrte auf das kleine pulsierende Lämpchen.
Ein Sicherungskasten war es offensichtlich nicht. Das Gerät, von etwas hellerer Eierschalenfarbe als die gelblichere Wand, war aus Bakelit der fünfziger oder sechziger Jahre und hatte mehrere Knöpfe zur „Handbedienung“, einen Regler zum Einstellen eines gewünschten Zeitpunktes und eine „Prüftaste“ neben der kleinen Lampe, deren Rotlicht dann verlosch. Oberhalb des Zeitreglers stand in schrägen schwarzen Buchstaben: Portamat. Die Beschriftung der untersten Taste war unleserlich verblasst.
Der Vater verriet nicht, wo er gewesen war. Aber es muss das Offenbach seiner Jugend gewesen sein. Eine Weile war seine Sprache hessischer gefärbt als sonst und wenn man ihn nach seinem Alter fragte, sagte er: „Zwanzig!“
Kurz nach dem Rauswurf aus der Tagespflege verschlechterte sich der Zustand des Vaters rapide. Es war schwer, die Maschinerie der Pflege, den Vater in Gang zu bringen. Vorher war es, als zöge man eine Uhr auf, jetzt war es schwer, auch nur zu erkennen, wo die Schrauben zu finden waren.
Jetzt, wiederum ein Jahr später, da der Vater bettlägerig ist – die Muskelkraft ging verloren in Krankenhausaufenthalten –, ist es mir ein Rätsel, wie er die Bewegungslosigkeit erträgt. Wie vergehen die Tage im Stillstand des Bettes?
Wird es besser, wenn ich es über eine Rampe aus alten Schranktüren in den Garten rolle? Wenn sich das Pflegebett wie ein schweres Boot in Bewegung setzt und um Haaresbreite durch die Terrassentür Bahn bricht ins Freie? Oder ist der Stillstand besser? Der Kopf des Vaters wird eine Camera obscura. Nur ein Bild fällt in die Dunkelheit. Und die Welt steht ruhig auf dem Kopf.
Ob er traurig sei, immer im Bett liegen zu müssen … – Da sieht er mich an, verständnislos, und sagt, er habe doch eben erst einen langen Spaziergang gemacht. Ich erschrak. Ich war getröstet. Er war zufrieden. Und er bewegte sich doch!
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
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