Mirandolina Babunashvili: Im Herbst
Wir kommen zu spät. Erschöpft halten wir inne, unsere Körper vornübergebeugt, schnappen wir nach Luft. Ich muss würgen und drücke eine Hand in meine schmerzende Seite. Zuka zieht die Regenjacke aus. Mit schweren Bewegungen streift er sie langsam ab und wirft sie vor sich auf den Boden. Sein Gesicht glüht, Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gesammelt. Er holt tief Luft und spuckt auf den Boden. Ich sehe mich um und begreife, dass das Unvermeidbare bereits geschehen ist. Sie haben ihr Werk aus Stacheldraht vollendet, der Zaun ist auch hier hochgezogen worden. Die Grenze ist um ein weiteres Stück verschoben worden.
Die Sohlen ihrer Stiefel haben Abdrücke hinterlassen, im Gegensatz zu unseren Sneakern. Die Abdrücke führen zur anderen Seite und lassen sich wahrscheinlich bis zu ihrem Stützpunkt zurückverfolgen. Unsere Augen suchen den Boden nach Hinweisen darauf ab, wie viele von ihnen hier gewesen sind. Natürlich ist das zwecklos, wir stehen bloß dumm rum und keuchen, während sie hinterm Zaun längst in Tarnkleidung übers Feld spazieren oder in der Kaserne Karten spielen.
Ich schaue zu Zuka, der vor den Zaun getreten ist und ihn anstarrt. Auf seiner Stirn haben sich Falten gebildet. Ich will ihm meine Hand auf den Rücken legen, mit den Fingern durch seine Locken fahren. Doch sein Blick, eine Mischung aus Zorn und Erschöpfung, halten mich davon ab.
Was genau wir uns eigentlich erhofft haben, frage ich mich. Ich fühle Erleichterung darüber, dass die Soldaten bereits verschwunden sind, und beiße mir im gleichen Moment auf die Lippe. Dass wir ihnen das nicht durchgehenlassen dürfen, hat Zuka gestern Abend gesagt, obwohl auch sein Koffer seit Tagen schon gepackt ist. Ohne ein Wort zu sagen, dreht er sich von mir weg und läuft zurück.
Wir sitzen uns gegenüber, er auf dem Bett, ich auf dem Klappstuhl. Wir schwitzen. Er hat die Gardinen zugezogen, die Hitze kriecht trotzdem durch den Stoff. Kleine Staubpartikel schwirren durch die Luft, ich spüre ein Kratzen im Hals. Neben dem Bett liegen der große Koffer und ein Rucksack, den Zuka früher als Schulranzen benutzt hat. Im großen Koffer ist noch reichlich Platz, er steht offen, die Oberseite an die Wand gelehnt. Ich frage mich, ob er nicht mehr Kleidung besitzt. Immerhin ist das, was im Koffer liegt, ordentlich zusammengefaltet. Vielleicht hat seine Mutter ihm geholfen. Wir sprechen nicht, teils weil wir müde sind und die Hitze uns zu schaffen macht, teils weil wir uns vor überflüssigen Worten fürchten. Zuka setzt sich in den Schneidersitz, stellt einen Aschenbecher auf dem Kopfkissen ab und zündet sich eine Zigarette an. Wortlos beuge ich mich zu ihm vor und nehme mir eine aus der Packung. Nach ein paar Zügen bekomme ich kräftigen Durst, meine Zunge klebt am Gaumenbogen fest.
„Freust du dich?“, frage ich nach einer Weile.
Er zuckt mit den Schultern.
„Freust du dich?“, fragt er zurück.
„Nein“, sage ich.
Zuka steht auf und kehrt mir den Rücken zu. Er öffnet ein paar Schubladen, in diesem Zimmer gibt es nicht viele Möbelstücke, nur die Kommode, das Bett und den Klappstuhl. Die Wände sind himmelblau gestrichen, die Farbe ist ausgeblichen, an Stellen wo mehr Licht hinfällt. Er holt Kopfhörer, Kugelschreiber und einen Deoroller heraus und wirft sie in den Koffer hinein. Jetzt bin ich mir sicher, dass er ihn nicht selbst gepackt hat.
Ziellos gehen wir durch das Dorf. Ich versuche, nicht langsamer zu werden. Bombora, der Hund, läuft uns eine Weile hinterher, die Zunge hängt ihm aus dem Maul. Die Hitze macht auch ihm sichtlich zu schaffen. Nur mit Einbruch der Dämmerung wird es schnell kühl, dann erst merken wir, dass der Herbst schon da ist. Wir werfen verstohlene Blicke in die verlassenen Häuser, als könnten uns die Besitzer noch dabei erwischen. Bombora hat sich auf die Straße gelegt, die Vorderpfoten unter dem Kopf verschränkt. Ich will kurz innehalten, doch Zuka läuft weiter, ohne sich umzudrehen. Am Ende der Straße liegt der Kiosk, über dessen Eingang ein Schild hängt, auf dem Supermarkt steht. Es ist der einzige Laden an diesem Ort, den wir nur Shishis Zona nennen, was übersetzt Zone der Angst bedeutet. Shishi ist ein Wort, das man schnell und leise mit hochgezogenen Schultern sagt, während man den Brustkorb mit Luft füllt, um vor der nächsten Silbe den Atem anzuhalten. Wäre nicht der Zaun, der die Zone von dem besetzten Gebiet trennt und der für die ausgesprochenen Reisewarnungen für Georgien verantwortlich ist, wäre die Zone zu einem Paradies für Lost-Places-Urlauber geworden.
Zuka geht in den Supermarkt, ich warte draußen. Als er wiederkommt, hat er Bier in Plastikflaschen und eine Tüte gesalzene Sonnenblumenkerne dabei. Die Sonne steht tief am Himmel, verschwindet langsam hinter den Bergen, deren Spitzen das Licht orange gefärbt hat. Zuka führt mich zu unserem Platz, nicht weit von seinem Haus entfernt. Wir setzen uns auf die trockene Wiese, ich schaue mich um, mein Blick gleitet nach oben, bleibt an den Anhöhen hängen. Von dort können sie das Dorf im Blick behalten. Mit ihren Ferngläsern spähen sie zu uns herunter. Ich presse die Knie zusammen, ziehe den Rock ein Stück tiefer. Zuka öffnet die Flasche und nimmt einen kräftigen Schluck. Schaum haftet auf seinen Lippen. Er reicht mir die Flasche rüber. Dann rückt er ein Stück näher an mich heran. „Vielleicht wird es mir gar nicht fehlen“, sagt er.
„Was genau?“, frage ich.
„Alles“, sagt er, die geschwungenen Augenbrauen zusammengezogen, die ihn jetzt nicht mehr neugierig aussehen lassen. Schweiß läuft meinen Rücken hinunter. Seine Finger fahren meine Wirbelsäule entlang. Ich nehme einen Schluck aus der Flasche. Er wartet, bis ich fertig bin und nimmt sie mir dann wieder aus der Hand.
Zum Abschied kommt der Priester. Er setzt sich an den Esstisch und trinkt Tee in großen Schlucken. In seinem Bart hängen Krümel des Gebäcks, das Zukas Mutter gebacken hat. Teigtaschen mit Honig und Walnüssen. Zukas Hand liegt auf meinem verschwitzten Oberschenkel. Ich hätte die Shorts nicht angezogen, hätte ich gewusst, dass wir dem Priester begegnen. Er spricht von Fleiß, Heimkehr und Strafe, während ihm Krümel aus dem Mund fliegen. Seine Augen sind gerötet, seine Stimme klingt heiser. Wir halten die Köpfe gesenkt, wir wissen beide, dass er längst kein Priester mehr ist. Unter der Woche fährt er zum Markt in die Stadt, um dort Gemüse zu verkaufen, das er im Garten angebaut hat. Er trägt den Bart noch, das bodenlange Gewand. Die Soldaten haben im letzten Frühling den Eingang zur Kirche verplombt. Zukas Hand rutscht höher auf meinem Oberschenkel, das Tischtuch schützt uns vor den Blicken des Priesters. Es scheint ihn nicht zu kümmern, was der Priester von uns denkt, er weiß, dass er ihn nicht wiedersehen wird. Zukas Mutter ist sichtlich erfreut über den Besuch, sie legt dem Priester noch Gebäck auf den Teller und schenkt ihm Tee nach. Dieser rührt vier Löffel Zucker unter, setzt an, um zu schlürfen. Ich presse meine Oberschenkel zusammen, will die Hand abschütteln. Als die Tasse leer ist, will der Priester Zuka segnen. Zum Abschied streckt er uns den Handrücken hin. Abwechselnd beugen wir uns vor, um ihn zu küssen. Seine Haut riecht nach Tabak und Honig.
Zukas Mutter zündet eine Kerze an, stellt sie in die kleine mit Sand gefüllte Kaffeetasse neben die Ikonen auf der Kommode. Darüber hängt an der Wand das rote Diplom, das ihr einmal Zukunft versprochen hat. Nach dem ersten Krieg wurde sie Lehrerin, nach dem zweiten kam der Zaun und der Weg zur Schule wurde gesperrt. Zuka streift unruhig durch das Wohnzimmer, das nur durch einen Vorhang von der Küche getrennt wird. Was jetzt aus der Mutter werden soll, hatte ich ihn gefragt und es sofort bereut.
Uns fällt nichts mehr ein, was wir tun können, um die Zeit totzuschlagen. Im Haus ist die Luft stickig, unsere Körper bewegen sich träge. Im Kühlschrank gibt es nur Leitungswasser und Schnaps, beides abgefüllt in Fantaflaschen. Zuka streift durch das Haus, öffnet Schränke und Schubladen, um sie dann wieder zu schließen. Ich gehe wieder nach draußen und setze mich auf die Veranda. Nach einer Weile kommt er dazu. Ich spüre sein Kinn auf meiner Schulter. Wir beobachten den alten Temo, aus dem Haus gegenüber, der wieder an seinem Schiguli schraubt. Die Motorhaube hat er geöffnet, die Ärmel hochgekrempelt. Auch bei sonnigem Wetter trägt er eine Schiebermütze, die ihm schief auf dem Kopf sitzt. Immer wieder unterbricht er seine Arbeit und zündet sich eine Zigarette an. Als wir jünger waren, hat er Zuka den Wagen ein paarmal fahren lassen. Ich saß auf dem Beifahrersitz und stützte mich am Armaturenbrett ab, während wir schnell die Hauptstraße entlangfuhren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Wagen noch fährt. Temo habe ich auch schon lange nicht mehr damit fahren sehen. Seine Frau verlässt das Haus seit ein paar Jahren nicht mehr, nur im Sommer fällt es uns auf.
„Was starrst du so dahin?“, fragt Zuka.
Ich erröte und wende den Blick ab.
Noch einmal einen Blick auf alles werfen, hat er gesagt. Ein letztes Mal streifen wir zusammen durch das Dorf, bevor um vier Uhr der Wagen kommt, um ihn zur Bushaltestelle zu fahren. Es ist nur ein Kleinbus, der von hier fährt, eine Marschrutka. Ich sage ihm, dass Marschroute ein deutsches Wort ist. Er zieht die Augenbrauen zusammen.
Langsam laufen wir die unbefestigte Hauptstraße entlang. Von beiden Seiten trennen schiefe Zäune die Gärten und Vorgärten vom Weg ab. Irgendwo bellt ein Hund in die Stille hinein. Zuka geht schneller als ich, ich beeile mich, um mit seinem Tempo mitzuhalten, komme so aber schnell außer Atem. Ich greife nach seiner Hand, sie fühlt sich schlaff an, er umschließt die meine nicht. Dann lasse ich wieder los. Ich will nicht zeigen, dass ich wütend bin. Wütend, dass auch er sich entschlossen hat zu gehen, obwohl er es anders versprochen hatte.
„Ich komme zu spät“, sagt Zuka.
Ich merke, dass ich stehen geblieben bin und eile ihm hinterher.
Inzwischen sind Wolken aufgezogen, die mit den weißen Gipfeln verschmelzen. Als wir am Haus ankommen, haben sich die Nachbarn im Garten versammelt. Temo ist gekommen, sowie fast alle, die im Dorf noch übrig sind. Mit neugierigen Blicken mustern sie uns, verfolgen jeden unserer Schritte. Zukas Mutter hält eine Einkaufstüte in der Hand. Während wir fort waren, hat sie Brote geschmiert. Leise unterhält sie sich mit den Nachbarn. Ich erkenne die Fettflecken auf ihrem T-Shirt, unter dem Stoff zeichnen sich die Brustwarzen ab. Sie drückt mir einen trockenen Kuss auf die Wange, als müsste sie sich auch von mir verabschieden. Zukas Blick ist auf das Haus gerichtet.
„Ich geh den Koffer holen“, sagt er.
In der Einfahrt wird gehupt. Der Wagen ist da. Zuka ist immer noch nicht zu sehen. Seine Mutter deutet mit dem Kinn aufs Haus. Ich soll ihn holen. Eines Tages, denke ich, wird dieses Haus, mitsamt dem Garten und Zuka, hinter dem Zaun verschwunden sein. Dann erstarre ich. Er steht im Türrahmen und schaut mich an. Ich halte seinem Blick nicht mehr stand und schaue rüber zu den Nachbarn.
„Was hast du?“, fragt er leise.
Im Kopf suche ich Worte zurecht, schlucke sie hinunter, bevor ich sie aussprechen kann und ziehe schließlich die Mundwinkel nach oben.
Zuka wirft den Rucksack auf den Beifahrersitz, verstaut das restliche Gepäck im Kofferraum. Er hält die Tüte mit den Broten vor sich wie ein Schutzschild. Der Reihe nach treten die die Nachbarn an ihn heran, um sich zu verabschieden. Es wirkt fast, als würden sie ihm gratulieren. Für einen kurzen Moment stehen wir dicht voreinander. Wieder will ich etwas sagen, spüre aber die Enge in meinem Hals. Der Fahrer hupt noch einmal. Endlich steigt Zuka in den Wagen. Bis zu diesem Moment habe ich gehofft, dass doch noch etwas dazwischenkommt. Jetzt rollt der Wagen rückwärts aus der Einfahrt.
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
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