Lena Hörl: ECHO
Hoch ins Gebirge. Berghänge mit nackten Stämmen. Wanderurlaub. Fichten, die Fichten verschlucken, die meine Schulterblätter umschließen. Kopf in Nacken, zu viele Baumspitzen, zu wenig Himmelsgrau. Höher. Metallischer Geschmack im Mund und niedrige Nebelschwaden vor neongrünem Moos. Spiralige Schneckenwege winden sich bergauf, während sich innendrinnen etwas knisternd zusammenzieht. Flecken vor meinen Augen wie schwirrende Mücken. Ein Bach, Wasser, das über die blauen Äderchen meiner Handgelenke sprudelt. Weiter. Flechten an Baumstämmen. Nasse Erde unter meinen Füßen, die Luft viel zu schwer, viel zu wenig. Wurzeln und wuchernde Farne. Ich halte inne, plötzlich fremdes Gefühl, das sich nicht schreiben lässt. Unterleib, meine Hand gegen Rinde, die andere presst gegen Haut. Ich beuge mich vorne über, falte mich unter bebenden Krämpfen zusammen, spucke auf den Boden. Raus. Etwas stachelt über meine fleischige Innenseite, ist mit mir nach oben geklettert. Nassfeuchtes Gefühl zwischen meinen Beinen, ich greife nach unten. Rote Finger. Ich schreie nach meiner Mutter, lasse mich fallen, versuche, wieder aufzustehen, doch der Schmerz ist so überwältigend, dass die Bäume schräg wegkippen, ich hinterherkippe. Obendrüber Vogelgekreische, aber zu fern von mir, ich zu fern von mir. Erbrochenes auf dem Waldboden, der nicht von mir lassen kann. Ich, wurzelschlagend am Boden, das erste Mal am Bluten, ganz und gar unwissend, dass sich dieser Schmerz zukünftig wie in Dauerschleife wiederholen würde.
Abends allein im Bett. Schlafloser Zusammenbruch. Dieser brandneue Körper ist ständig am Schmerzen. Ich massiere meinen Bauch. Wunde und Salz. Tampons lassen sich kaum reinschieben, aber ich sei gesund. Ich sitze in Praxen. Desinfektionsmittel und weiße Kittel. Ich sei gesund, das sei normal. Ich erzähle, die Wiederholung einer Wiederholung. Ich solle Schmerztabletten einnehmen, sagen sie, also schlucke ich Tabletten. Wieder in einer Praxis mit vertrockneten Pflanzen und schmierigen Magazinen. Ich pinkle in Becher. Ich sei gesund. Ich solle mich an meinem Schmerz vorbeiatmen, sagen sie, also schließe ich die Augen und wölbe meine Bauchdecke nach außen. Ich atme aus, ziehe den Bauch ein. Von Mal zu Mal wird es schwerer, mich wieder auf den Weg zu machen. Nachschauen, ob die Krankenkarte dabei ist, ein Buch für die Wartezeit. Ich solle Kräutertee trinken, sagen sie, also trinke ich Kräutertee. Schafgarbe und Mönchspfeffer aus Großmutters Garten. In einer anderen Praxis. Ich wiederhole mich zeremoniell, spreche mich zurück, versuche, mich an den Rand zu atmen. Ruhig atmen, rhythmisch atmen. Der Weg durch matschige Pfützen. Über Asphalt. Von der Bahnstation bis zur Praxis. Ich werfe meinen Körper auf gepflasterte Straßen. Buntes Unkraut in Rillen und Fugen, bewege mich in einer Suchbewegung tastend durch die Stadt. Ich presse die Wärmflasche gegen meine Vulva. Ich solle erzählen. Zwerchfellatmung. Nochmal. Langsam und tief in den Bauch hinein. Durch den Mund viel langsamer aus. Raus. Dieses zarte Stimmchen, beigemischt mit bravem Nicken, wartend und hoffend, dass Mama die Narration übernimmt, denn ich erzähle schlecht, immer die Geschichte von einer Fremden. Beinah gelingt es mir, mein Atem treibt mich weiter in die Peripherie. Rein. Hallo. Raus. Ich erzähle nie, dass mein gesunder Körper in einem Gebirge verlorenging, dass er sich wie ölige Schlangenhaut von meinen Schultern abgestreift hatte; wie ich mir vorstelle, dass sie dort liegt, die alte Haut, grün glitzernd in der Sonne, vertrocknet. Und wie sehr ich mich nach ihr sehne. Zurück. Heimzukehren in die vertraute Hülle. Völlig missverstanden. Auf dem Nachhauseweg, ich spiegle mich in Pfützen, in Fenstern, frage mich, was hast du wieder falsch gemacht, Abscheu gegen mein treudummes Lächeln, wenn sie mich abermals fortschicken. Tränen, aber ich solle lieber atmen. Ich veratme mich, bin wieder im Hier und Jetzt. Im Hier und Jetzt bin ich ein Kind, das seine Binden heimlich und routiniert in Ärmel oder Hose gleiten lässt. Ich flüstere Erdbeerwoche und Rote Tante, abgeschirmte Lippen. Ich bin ein chronisch krankes Kind, das überhaupt nicht krank sei, das nur atmen müsse.
Ich sitze im Glashaus meiner Großmutter zwischen unnachgiebiger Luft, kleine Kondensperlen haften auf Glas und Pflanzenblättern, haften auf meiner Haut, als wäre ich Glas oder Pflanzenblatt. Faust in Erde, um kleine Kuhlen für Kohlrabisetzlinge zu formen. Hinten in der Ecke wuchert Zitronenmelisse, versprüht ihren fruchtigen Duft. Ich grabe Höhlen, setze Pflanzen in ihr neues Zuhause und drücken die Erde rundherum an. Vogelgezwitscher und Wind prallen an den Scheiben ab. Wieder eine Pflanze, die ihren Platz findet. Keramiktöpfe terracottafarben und blau glasiert. Auf einmal. Scharfspitzer Hieb. Unterleib, links. Ich muss mich festhalten, umschließe Erde mit den Fingern. Atmen, doch keine Luft mehr übrig, ich atme Erde. Meine Augen huschen wildgeworden über die Glasflächen des Gewächshauses, ich versuche, mich auf den Scheiben zu begegnen, aber da ist nichts, nur blankes Glas, das kein Bild trägt. Stillstand. Ich dämmre weg, alles dämmert an mir vorüber. Dumpf und weich. Das hier, das muss das zähe Ende sein, zwischen Melisse und Rapunzelsalat werde ich mich schließlich in eine Blume verwandeln. Metamorphose. Es war einmal … ich, deren Eierstock sich im Glashaus ihrer Großmutter wie ein loses Gummiband um die eigene Achse dreht, deren Innerstes auf einem Operationstisch freigelegt und ausgegraben wird, während ich mich, davongeträumt, an dem Boden festhalte, der sich selbst verliert. Ich reiße Erdbrocken aus dem dunklen Mosaik. Als ob sie Fossile, Knochen, Gräber suchen zwischen Blase und Darm. Rote Erde rinnt durch meine Fingerlücken. Ich lege mein Ohr auf den lehmigen Boden. Was verbirgt sich in den Tiefen? Ich lausche. Mit Messern und Skalpellen schnippeln sie sich durch Gewächs und Gewüchs.
Sie möchte es nochmal hören. Es ist schwierig, auszusprechen. Endo-, ja das ist noch einfach, geht leicht von der Zunge. Meine Diagnose baut eine Straße von meinem Körper bis in die Wirklichkeit hinein. Es reicht nicht aus, nur zu schmerzen, innendrin. Es genügt nicht nur – Endo-nochmal – zu sein. Dann Metri?-, ihre Zunge stolpert, der Kiefer sperrt zu. Hartnäckig als würde sie mit den Zähnen den Rest Haut von einem Kirschkern entfernen. -Ose. So trägt es sich von Mund zu Mund. Seit meiner Operation erzählt meine Großmutter viel. Von der großen Aufregung, als sie ihr eigenes Blut in der Unterhose sah. Sie wusste nicht genau weshalb, dachte sie sei krank, dachte, sie müsse sterben. Von den Binden, die anfangs wie Windeln waren und sich nur schwer auswaschen ließen. Oder von dem Zettel, der nach der Schule auf dem Tisch lag, die Handschrift ihrer Mutter. Die Gänse hüten, ab aufs Feld und Gaben aufstellen. Da stand meine kleine Großmutter unter greller Sonne und senste, band, trocknete und dreschte, während sie blutete und schmerzte wie verrückt. Ich frage meine Großmutter, weshalb sie mir diese Geschichten erst jetzt erzähle. Sie sagt, ich habe ja nie gefragt. Nie gefragt nach den Holzdielen in der Küche, die ihre Knie aufschürften, während sie den Boden schrubbte. Ihre Mutter blickte mit verschränkten Armen auf ihren Haarschopf hinab, ein Topf mit heißem Wasser und Einmachgläsern auf dem Tisch. Die Ärmel ihrer Mutter waren hochgekrempelt, sie trug eine bunte Blümchenschürze. Ob sie noch blute, wollte ihre Mutter wissen. Meine Großmutter nickte. Dann solle sie aus der Küche gehen, sonst verderbe sie noch das frische Gemüse. Doch sie dürfe auch nicht in den Garten hinaus, die Blumen, ihr Blut bringe doch die Blumen zum Welken. Also stand sie auf der Schwelle, meine Großmutter, zwischen drinnen und draußen. Sie stellte sich sehnlichst vor, wie sie mit raschen Schritten durch den Garten schreitet und das Gras unter ihren Fußsohlen verdorrt. Wie sie die Farben der leuchtenden Staudenbeete in ihre Fingerspitzen einsaugt, bis alles Schöne in ihr eingeschlossen bleibt. Und nie gefragt nach der Schlafstube, die sie sich mit ihrer Schwester und ihrer Großmutter teilte. Zu dritt wurde es schnell stickig in dem kleinen Zimmer, also öffnete sie das Fenster. Sie versank in ihrer Matratze, sie vergrub das Gesicht in den Laken. Mit dem Handballen massierte sie ihren Bauch. In der Ferne hörte sie das Bellen eines Fuchses. Sie schloss die Augen. Das süße Aroma von roten Sommerblumen kletterte die Fassade hinauf. Sie liebt rote Blumen. Ein paar Jahre später würde sie rote Rosen, roten Hibiskus und rote Dahlien in ihren eigenen Garten verpflanzen, neben Heilkräutern für ihre Enkelin. Und später später würde sie ihre Lieblingsblumen auf das Grab ihres Mannes tragen. Sie wird sagen, wie schnell doch die Zeit verging, zu ihm, zu sich, zu mir. Und mir, mir zerreißt es das Herz. Aber das alles wusste sie damals noch nicht, als sie in ihrem Bettchen lag. Sie wackelte mit den Zehen, sie war noch wach, hielt den gewundenen Körper bewegungslos und atmete, atmete sich um den Schmerz herum.
Wenn meine Großmutter ihren Rosengarten verschneidet, schürfen ihr die Dornen die Arme auf. Braun gebrannt von der Gartenarbeit. Faltig. Mit Altersflecken übermalt, und auf der Oberfläche das rote Muster der Rosendornen, die sich auf ihre Haut gesprochen haben. Ihre Rindenhaut. Meine Großmutter bedeckt die Kratzer mit einem Taschentuch. Sie öffnet das Taschentuch nie. Sie nimmt es aus der kleinen Packung und drückt das zusammengefaltete Tuch unbeholfen auf die Linien. Das braucht nun ewig, eine ganze Ewigkeit, bis das Blut versickert.
Großmutter: »Ich bin Bluterin, weißt du.«
Ich: »Ja, ja ich irgendwie auch.«
Hoch ins Gebirge. Berghänge mit nackten Stämmen. Kein Wanderurlaub. Fichten, die Fichten verschlucken. Spiralige Schneckenwege winden sich bergauf, während sich innendrinnen etwas knisternd zusammenzieht. Damals, im Gebirge, da war ich 11 und ich kann es heute nicht ertragen, daran zurückzudenken, dass dieser kleine Kinderkörper diesem Schmerz ausgesetzt war. Ich bin zurückgekehrt, nicht für die alte Haut, nie wieder Heimkehr. Stattdessen will ich hoch hinaus, mache mich auf die Suche nach etwas Anderem. Wind brennt auf meinen Wangen. Das Gefühl zu ersticken, zu viel kalte Luft in der Lunge. Ich ziehe den Schal über meine Nase, blinzele die Tränen weg. Ich kämpfe mich winzige Schritte voran. Ich kugelig klein, um mich zu schützen. Das angestrengte Keuchen rüttelt den Schmerz wach. Es hämmert gegen meine Bauchdecke. Endon = Innenirdisch. Was innendrin haust, ist unsichtbar. Heute atme ich mich nicht davon. Weiter nach oben. Ich stoße Laute und hohle Vokale aus, die nicht in Schrift zu fassen sind. Sie flattern aufgescheucht im Wind herum. Lang gezogener als ein kurzes Aua. Ausgedehnt wie ein langes Tier. Ahhhh. Mhhh. Wie ein Tausendfüßler, eine Schlange. Lang, wie lang ich diese Krankheit schon mit mir mitziehe. Wie meine Blutspur hier auf diesem Erdboden begann. Und mein Geschrei, das gegen die Felsen prallt, trägt mehr als eine Gestalt mit sich. Ich verfolge diese Spur, ich jage ihr hinterher.
Ich, die vor dem Spiegel steht, so voller Wut auf ihren Körper.
Ich, die immer nur flüstert und atmet.
Ein Stück Haut zwischen Kragen und Schal wird vom Wind erwischt. Ich schaudere, genieße das Gefühl, Schal von Hals, entledige mich der Mütze und breite die Arme aus.
Ich, die beschämt in Praxen sitzt, missverstanden, Angst.
Ich, die alles und sich versteckt.
Ich stelle mich dem Wind entgegen. Soll er mich doch mit sich tragen. Die Luft bricht sich an meinem Körper, heult empört auf, schlüpft in meine Ärmel, kriecht meine Sehnen entlang, reißt an meinem Fleisch.
Ich, zwischen der und ihrer Großmutter die Zeit stillsteht.
Ich schreie – lustvolles Fleisch, brennende Lenden, pochendes Verlangen – nur vor dem Hintergrund meines ächzenden Körpers. Ich halte stand. Ich richte meinen Rücken gerade auf.
Ich, die mit so vielen Mythen und Unwahrheiten aufwächst.
Ich, die denkt, sie habe ihren gesunden Körper in diesem Gebirge verloren, sie sei wie diese Nymphe aus der Geschichte, beraubt ihrer Gestalt, zu Landschaft verwandelt.
Ich renne den gewundenen Schneckenweg hinauf mit all diesen Versionen, die ich nicht mehr sein will, die ich schreiend gegen die Felsen schmettere. Boden, Beine, Bauch, ein Dreieck. Es bereitet mir großen Spaß, standzuhalten. Im Wind fühle ich mich lebendiger denn je. Mit Rotze und rasendem Herz. Ich laufe gegen den Wind an, weil ich es heute kann. Ich bin wie diese Nymphe, nicht weil sie ihren Körper verlor, sondern weil ihr die Stimme genommen wurde, die nur noch widerklingt zwischen Felsen. Also weiter. Höher, bis ich sie finde, nie mehr diese Leere, so hoch, bis der Schrei ihres Namens in Felsspalten widerhallt, ich fange sie auf in einem Gefäß, ihr Nachhall in meinem Körper. [Echo]
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
Kommentare
Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.