Laura Alker: drei Sommer und zwei Winter
Elena und ich sitzen in einem Club auf einem großen Sofa und exen unsere Shots. Als wären wir nicht schon betrunken genug. Ich sehe, wie der Typ neben uns in ihren Ausschnitt schaut, und werde wütend. Ich passe immer auf sie auf. Wäre er nicht doppelt so groß wie ich, hätte ich ihm schon längst eine gegeben. Ich will gehen, aber ich weiß auch, dass sie sich immer so einen Abend gewünscht hat, wo wir in Clubs tanzen und Cocktails trinken. Ich hab für uns beide schon siebzig Euro ausgegeben. Mehr, als ich mir leisten kann, aber das will ich ihr nicht sagen. Sie ist schließlich meine kleine Schwester. Als der Typ sie anspricht, reicht es mir. Ich packe ihren Arm und ziehe sie nach draußen.„Was los?“, sagt sie kichernd. „Junge, der hätte dein Vater sein können!“ Wir haben unterschiedliche Väter. Ihr Vater ist ein Mann, mein Vater ist ein Wurm. Sie nimmt sich eine Zigarette aus meiner Tasche und wir teilen. Drei Züge sie, drei Züge ich. „Lass zu den Jungs auf unserer Straße. Die hören die gleiche Musik wie wir und die wollen eh mit uns chillen.“ „Bist du dumm?“ Ich lache. „Ich bin betrunken. Ich sag nicht, dass es eine gute Idee ist.“ Ich wollte schon immer da rein. Es ist ein Café, so wie es viele auf unserer Straße gibt. Vierundzwanzig Stunden geöffnet, immer Männer davor, und man erzählt sich einiges über diese Cafés, nur nicht, dass man dort Kaffee trinken kann. Wir müssen immer daran vorbei, zur Bahn oder zum Einkaufen. Die Typen dort sind so alt wie wir. Und anders als die anderen Männer auf unserer Straße. Die anderen pfeifen und gucken eklig, wenn man vorbeigeht. Bei diesem Café nicken sie uns höchstens zu, weil sie uns erkennen. Seit Kurzem haben ein, zwei von ihnen gefragt, ob wir mal chillen wollen. Wenn unser Bruder das wüsste, würde er mich fragen, ob ich richtig dumm bin. Er würde sagen, dass das gefährlich ist, dass die nicht nett sind, dass die Frauen nicht respektieren. Aber ich hab das Gefühl, Frauen respektiert keiner. In meiner Uni nicht, auf unserer Straße nicht. Egal, wo man hingeht. „Ich ruf ein Uber für uns.“ Das Uber ist fünf Euro günstiger, wenn ich es an den Anfang der Straße bestelle. Aber das finde ich gut, weil ich ohnehin an dem Café vorbeigehen will. „Wie willst du das jetzt machen?“, fragt Elena. Ich fühle mich schlecht, weil ich die Verantwortung für uns habe. Weil ich die Vernünftigere bin. Weil ich immer aufpasse. Ich gehe auf das Café zu. Einer von ihnen steht schon draußen. Elena steht neben mir, als ich ihn nach Feuer frage. Er gibt mir Feuer und sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass ihr mal hier anhaltet.“ Ich muss lachen. Als die anderen bemerken, dass wir vor der Tür stehen, kommen sie auch raus. Es ist komisch. Wir wohnen schon immer hier, wir sind gleich alt, wir sehen uns jeden Tag, aber wir haben noch nie miteinander geredet. Wir sagen uns unsere Namen und wie alt wir sind. Sie fragen, was wir machen, was wir arbeiten, aber wir fragen nicht zurück, weil wir wissen, was sie machen, und nicht wollen, dass sie es aussprechen. „Willst du Karten spielen?“, fragt der eine, der mir das Feuer gegeben hat. Er bringt Elena und mir ein Spiel bei, das wir nicht kennen, das aber total Spaß macht. Die anderen reden zwar mit uns, halten aber Distanz, als wären sie misstrauisch. Er erklärt mir die Regeln dreimal und wir lachen viel. Dann spielen wir bis sieben Uhr morgens Karten und hören Musik. Als wir nach Hause gehen, lachen Elena und ich noch immer. „Wir dürfen das keinem erzählen!“, sage ich. Und wir reden darüber, wie nett sie waren. Und dass wir noch mal dort chillen wollen.
Ich nehme Elena nicht mit an den Abenden, an denen ich nach der Arbeit noch ins Café gehe. Ich erzähle ihr auch nicht davon. Wenn meine Mutter das erfahren würde, wäre sie so sauer auf mich. Obwohl Elena nur zwei Jahre jünger ist als ich, muss ich immer auf sie aufpassen. Ich genieße, dass ich alleine etwas mache. Und ich finde den Typen süß, der mir das Feuer gegeben hat. Ich schreibe mit ihm jeden Tag. Er versteht Sachen, die ich meinen Freundinnen nicht erzählen kann. Wenn mich nachts meine Träume wachbeißen und mich Erinnerungen jagen, bleibt er am Telefon, bis mein Atem sich beruhigt hat. Wenn wir uns treffen, bringt er mir mein Lieblingsgetränk mit. Ich kellnere meistens bis drei oder vier Uhr morgens. Auf der anderen Rheinseite. Nur wegen des Trinkgeldes, denn ich kellnere nicht gerne. Bis ich zu Hause bin, ist es fünf Uhr. Ich gehe am Café vorbei. „Na, wo kommst du her?“, fragt einer. „Arbeiten.“ „Willst du noch reinkommen und ’ne Runde mit uns spielen?“ „Ja“, sage ich ohne zu zögern. Ich sitze neben ihm und er hilft mir zu schummeln, sodass ich zweimal hintereinander gewinne. Das sind gerade meine Lieblingsmomente. Dann kommt einer rein und sagt: „Da kommen zwei Sechser.“ Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber ich spüre, wie er unter dem Tisch meine Hand nimmt. Mein Bauch kribbelt. Ich bin aufgeregt. Ich mag, wie er mich berührt. „Ist besser, wenn du jetzt nicht hier bist“, sagt er, während um uns herum ein reges Treiben ausbricht. Er zieht mich aufs Männerklo und schiebt einen Schrank zur Seite, hinter dem sich eine Tür verbirgt. „Geh!“, sagt er. Ich gehe schnell. Wir sind in einem dunklen Raum. Er nimmt wieder meine Hand. Ich merke, dass ich Angst bekomme. Vielleicht bin ich doch dumm gewesen. Wir gehen eine Treppe runter und ich weiß nicht mehr, in welchem Gebäude wir sind. Dann habe ich das Gefühl, dass wir von einem Keller in ein anderes Haus und einen anderen Keller gehen. Als er die Tür hinter uns schließt, entspannt sich seine Hand in meiner. Ich gehe am Montag in die Uni, denke ich. Ich gehe nachher in mein Bett mit meiner pinken Decke und meinem Stoff-Elefanten, denke ich. Wir sind gleich alt, denke ich. Wie kann unser Leben so unterschiedlich sein. Unser Leben, nur ein paar Häuser voneinander entfernt. Im gleichen Stadtteil, auf der gleichen Straße. Mein Vorname bedeutet Erfolg und sein Vorname bedeutet Seele. Er öffnet eine Tür und ich atme auf, als die Nachtluft meine Nase berührt. Auf einem Parkplatz bleibt er stehen. Blaulicht flackert in der Ferne. „Komm, wir rauchen eine Kippe hier.“ „Was passiert da gerade?“ Er zündet die Zigarette an, die er mir gegeben hat. „Möchtest du was trinken? Wir könnten zum Kiosk.“ Ich schüttle den Kopf und erinnere ihn mit meinen Augen daran, dass er meine Frage ignoriert hat. „Durchsuchung“, sagt er, während er den Rauch seiner Zigarette einzieht. Ich schaue erschrocken und er lacht. „Machst dir Sorgen?“ „Ja, schon.“ „Da passiert nichts.“ Auf meiner Straße stehen öfter Mannschaftswagen. Ich habe mir nie was dabei gedacht. Jetzt kenne ich alle beim Namen. Ich will nicht, dass einem was passiert. All die Jahre bin ich an ihnen vorbeigelaufen und hab es für selbstverständlich genommen. Als hätte ich entschieden. Als hätten wir es uns ausgesucht, wer am Café vorbeiläuft und wer im Café sitzt. Ich sehe in seine Augen und merke, dass er mich lustig findet. „Du musst aufhören, mit uns zu chillen“, sagt er. „Du kriegst noch ’ne Psychose davon.“ Ich versuche zu lächeln, aber es klappt nicht. „Willst was essen?“ Ich schüttle den Kopf und erinnere ihn mit meinen Augen daran, dass ich nicht mehr gehen will.
Es ist kurz nach sieben und ich muss unbedingt die S-Bahn bekommen, weil ich sonst das Seminar verpasse. Ich pendle in eine andere Stadt, weil ich unbedingt an diese eine Uni wollte. Ich gehe schnell meine Straße hoch und sehe ein paar vor dem Café stehen. „Guten Morgen“, sage ich. Aber sie lächeln nicht. Ich bleibe stehen. „Alles gut?“„Ihr habt doch manchmal gechillt, oder? Ihr habt geschrieben? Er meinte, ich soll’s dir erzählen.“ Und er erzählt es mir. Wo. Und wahrscheinlich für wie lange. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich hab ihn gestern noch gesehen. Ich hab mich an seinen Arm gelehnt und er hat an meinen Haaren gerochen. „Ich muss die Bahn packen“, sage ich. Ich fahre bis Deutz/Messe. Steige um in den RE. Fahre bis Bonn. Ich höre das Lied, das er mir gezeigt hat. Ich denke an seine Mama und seinen Bruder. Er weiß, wie es ist, ein großer Bruder zu sein. Ich denke an seine Augen und sein Lachen. Ich denke daran, wie sie gesagt haben: Schneid eine Haarsträhne ab, wenn sie so lang ist wie der Rest, dann kommt er wieder. Drei Sommer und zwei Winter. Wie sie gesagt haben, dass es normal ist. Dass man erst mal keinen Kontakt haben kann. Meine Freundin fragt, ob alles gut ist, während wir in das Unigebäude gehen. Die Fenster sind geputzt und die Tische sind weiß und unbeschriftet. Ich lüge sie an. Meine Zunge hat sich daran gewöhnt, die Wahrheit zu verbiegen. Sie hat sich daran gewöhnt, mich einzuzeunen, damit keiner sieht, wer ich wirklich bin. Ich höre nicht, was der Professor vorne sagt. Ich denke daran, dass ich in einem Gebäude sitze, wo die Toiletten nicht stinken und das Mittagessen Bio ist. Dass ich gleich in der Pause auf die Wiese gehen kann. Dass ich, wenn ich schwänzen wollte, nach Hause gehen könnte. Ich denke an meine Hausnummer und an seine. An mein Fenster und daran, dass ich seins sehen kann. Ich denke daran, dass mein Leben anders ist, sobald ich die Haustür verlasse. Ich beobachte die zerfledderten Schuhe meiner Kommilitoninnen, die keine Nikes kaufen würden aus ethischen Gründen und nicht, weil sie sie sich nicht leisten könnten. Ihre Baumwoll-T-Shirts. Ihre mit Wasser aufgefüllten Mate-Flaschen. Heute Morgen hatte ich noch das Gefühl gehabt, dazuzugehören. Heute Morgen habe ich gedacht, es gibt eine Welt, die wir uns teilen. „Ich muss aufs Klo“, sage ich. Dann nehme ich meine Tasche und fahre nach Hause. Als ich an meiner Bahnhaltestelle ankomme, weiß ich nicht, wo ich hingehen soll, also beobachte ich einen Kiosk. Sein kleines Schild. Die schönen kleinen Fenster. Von innen strahlt warmes gelbes Licht heraus. Das kleine Wasser, das ich mir manchmal hole, kostet hier nur 1,20 und nicht 1,50. Es gibt Tage, an denen alles leicht ist. Man kauft ein Getränk am Kiosk und eine einzelne Zigarette und setzt sich in die Sonne. Es gibt Tage, die schön sind und warm. Und Tage wie heute. Ich stehe in einer Seitenstraße und suche nach etwas, das mir sagt, dass alles gut wird. Ich rauche und beobachte die Ritzen der Pflastersteine und die Zigaretten, die sich durch fremde Füße in sie hineingegraben haben. Menschen gehen an mir vorbei, und ich habe das Gefühl, dass weder der Ort, von dem sie kommen, noch der Ort, an den sie gehen, sie glücklich macht.
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
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