Klaus Gottheimer: Der Faltplan

Klaus Gottheimer: Der Faltplan

RSP 2026 Longlist

Abends auf dem Bahnhof, kurz vor der Weiterfahrt mit dem Null-Uhr-Zug (denn offensichtlich war der Bahnverkehr in diesem riesigen Land so organisiert, dass Ankünfte und Abfahrten ohne Ausnahme bei Nacht stattfanden), ging ich noch einmal in die Buchhandlung, um mir einen Faltplan meines nächsten Reiseziels zu kaufen. Natürlich war mir bewusst, dass der digitale Fortschritt gedruckte Stadtpläne eigentlich längst überflüssig gemacht und alle die Kartenhersteller von Markt gefegt hatte, deren komplexe Faltpatente Kunden wie mich – mein räumlich-zeitliches Denken ist nur schwach ausgeprägt – hilflos zurückließen, spätestens wenn es ans Zusammen- oder Umfalten ging. Doch ich sagte mir, dass man für ein Smartphone in der Regel zwei Hände brauchte, während man mit einem korrekt gefalteten Plan in der einen Hand stets noch eine zweite für Bier oder Zigaretten oder die Abwehr lästiger Insekten in Reserve hatte, auch wenn das mit der korrekten Faltung in meinem Fall, wie gesagt, reine Illusion war.
Außerdem wurden meine Zweifel, ob so etwas wie ein Faltplan überhaupt noch im Handel erhältlich war, schon durch den bloßen Anblick der Bahnhofsbuchhandlung vollständig ausgeräumt. Zwar hätte man im ersten Moment denken können, dieses Geschäft habe sich bloß provisorisch und für kurze Zeit hier niedergelassen als das, was man heutzutage einen Pop-up-Store nennt, denn ich konnte nur Bücherstapel über Bücherstapel auf dem nackten Zementboden erkennen, aber kein einziges Regal und nicht einmal eine Verkaufstheke, und über allem brannte allein das mattgrüne Licht einer erbärmlich luxschwachen Leuchtstoffröhre. Doch ein zweiter Blick sagte mir, dass das vermeintliche Provisorium schon seit Jahrzehnten bestand; alles atmete den Geruch und strahlte die graugrüne Farbigkeit oder besser Farblosigkeit der achtziger Jahre aus, selbst das Sortiment schien seit jener Dekade keine nennenswerten Neuzugänge mehr erfahren zu haben, denn wo ich auch hinsah, stapelten sich brüchige Paperbacks in genau demselben Mattgrün, in dem alle Bücher in diesem Land gebunden und klebegeheftet waren in den achtziger Jahren.
Also fragte ich nach einem Faltplan.
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich in den letzten Tagen, wenn nicht Wochen diesen Augenblick herbeigesehnt hatte: die Stunde des Aufbruchs, die Stunde der Weiterfahrt. So lange hatte mein Besuch in dieser Stadt nämlich schon gedauert, einer kleineren Großstadt nach unseren Maßstäben, einer größeren Kleinstadt nach hiesigen. Jeden Tag hatte ich mich aufs neue am Bahnschalter eingefunden in der Hoffnung, eine Fahrkarte für einen der nächsten Züge zu ergattern, immer war ich von der Kartenverkäuferin mit versteinerter Miene abgewiesen worden. Kein Einzelfall übrigens: So sehr man Fremde wie mich auch schröpfte, ihnen doppelt und dreifach so hohe Ticketpreise abverlangte wie den Einheimischen (zahlbar nur in Zertifikaten, dieser devisenbringenden Sonderwährung mit fast magischen Kräften im Wirtschaftskreislauf), so sehr hasste man sie auch für die Möglichkeit, sich ohne Lizenz und Behördenstempel von einem Ort zum anderen zu bewegen, so dass den Bahnangestellten gerne nachgesagt wurde, nichts lieber zu tun, als Ausländern und anderen Privilegierten unter nichtigen Vorwänden eine Fahrkarte zu verweigern.
Und nun, heute morgen erst, waren meine Versuche endlich doch noch erfolgreich gewesen. Vielleicht hatte die Kartenfrau am Ende Mitleid gehabt mit dem Unglücklichen, dem man die Depression, die Verzweiflung, den körperlichen und seelischen Verfall sicherlich ansah, vielleicht war sie bloß selber des täglichen Rituals müde geworden oder hatte ein anderes Opfer gefunden – mir war das gleichgültig, was zählte, war dieser kleine schmale Streifen dünnen Kartons, gültig für einen Stehplatz in der fünften Klasse und bedruckt mit dem Namen meines Reiseziels. Doch gerade diesen Namen konnte ich plötzlich nicht mehr aussprechen, als ich nach dem Faltplan fragte. Sicher war es die Aufregung, das zu Kopfe gestiegene Glücksgefühl, das für diese sonderbare Sprachhemmung sorgte – wann immer ich nach einem Faltplan für die Stadt meiner Sehnsucht verlangen wollte, purzelten in meinem Mund alle möglichen Silben durcheinander, nur nicht die richtigen, und setzten sich zu immer neuen Fehlkombinationen zusammen. Der Name der Metropole, von der ich mich schon seit den achtziger Jahren angezogen fühlte wie die Fliege vom Sonnentau, dieser Name ging und ging mir nicht über die Zunge.
Doch anscheinend machte das gar nichts; der Buchhändler auf seinem Klapphocker, den ich inmitten der Stapel zunächst gar nicht bemerkt hatte, denn alles an ihm war so farblos, so grünlich-durchsichtig, dass er mit seiner trüben Umgebung beinahe zu verschmelzen schien, dieser Händler verstand sofort, was ich von ihm wollte, stand mit einem „aber selbstverständlich“ von seinem Platz auf, hatte binnen Sekunden einen irgendwie gefalteten Plan in der Hand, steckte ihn in eine Zellophantüte und reichte ihn mir.
Ich dankte, zog die Karte wieder heraus, um, ehe ich bezahlte, wenigstens pro forma einen Blick hineinzuwerfen, und begann sie auseinanderzufalten. Sehr schnell erkannte ich: Wie es dem riesigen Stadtgebiet entsprach, das er beschrieb, war dieser Plan von immenser Größe. Um ihn ganz aufzufalten, wären so unendlich viele Klappmanöver nötig gewesen, mal senkrecht, mal waagerecht und dann wieder senkrecht oder umgekehrt, dass sie alles in den Schatten stellen würden, was sich die Planfaltungsprogrammierer in meinem eigenen Land an Grausamkeiten ausgedacht hatten, auch kein noch so komplizierter Japan-Kranich aus Papier kam da mit. Noch hatte ich die Karte nur zu einem Bruchteil ausgebreitet, auf zwei, drei Bücherstapeln statt eines Tisches, als eine Lautsprecherdurchsage durch das Bahnhofsgebäude schepperte, von der ich zwar kein Wort verstand, die aber mit Sicherheit das Eintreffen des Null-Uhr-Zugs ankündigte.
Ich ließ die Faltkarte los und fragte: „Wieviel?“
So einfach sei das nicht, erklärte der Buchhändler trocken. Er selber könne mir das Gewünschte gar nicht verkaufen, denn er sei nicht der Besitzer dieses Plans.
„Nein?“ fragte ich, schon in Gedanken damit beschäftigt, meinen Zug nicht zu verpassen. „Dann eben nicht.“
„Einen Augenblick“, kam der Händler mit erhobener Hand meinem Abgang zuvor. „Sie haben ja schon angefangen, ihn auseinanderzufalten.“
Dann falte ich ihn eben wieder zusammen, wollte ich sagen, doch der Satz blieb mir in dem Maße, in dem meine Augen über das doch nur teilweise ausgefächerte Origami dieses Plans glitten, im Labyrinth des Vergeblichen stecken. Ihn wieder zusammenfalten zu wollen in der kurzen Zeit, die mir blieb, war schlechthin unmöglich, jedenfalls für einen notorischen Versager auf dem Gebiet der Faltkunst wie mich. Natürlich erriet der Buchhändler meinen nächsten und noch viel näherliegenden Gedanken, alles, auch diesen Plan, stehen und liegen zu lassen und auf den Bahnsteig zu stürmen, um mir einen Stehplatz im wahrscheinlich gerade eingefahrenen Null-Uhr-Zug zu sichern.
„Hören Sie“, sagte er nicht mehr ganz so barsch wie zuvor, „wenn ich Ihnen diesen Plan nicht verkaufen kann, heißt das nicht, dass er gar nicht zu verkaufen ist. Sein eigentlicher Besitzer ist zu Ihrem Glück anwesend.“ Er machte eine Handbewegung, und ich musste mich über einen Bücherstapel beugen, ich sah hinab und gleich wieder weg, aber nicht schnell genug, um nicht zu bemerken: Jemand lag dort auf einer Pritsche im Zustand der Agonie, sterbenskrank jedenfalls, kaum noch von dieser Welt, das fühlte, hörte und roch ich, nur genauer hinsehen, das wollte, durfte und konnte ich nicht, mein Blick löste sich schneller von ihm ab als ein Insekt von den Staubblättern einer faulenden Blüte, bloß dass da zwei erbarmungswürdig abgemagerte Arme aus den weißen Kurzärmeln eines Hemdes ragten, dass zwei riesige tiefliegende Augen meinen Blick erwidert hatten, nahm dieser Blick noch mit sich fort in seiner schreckhaften Flucht. Ob ich etwas für die Person tun könne, fragte ich verlegen, und auch den Buchhändler vermied ich dabei anzusehen.
Aber ja, sagte der Händler. Es sei ganz einfach, ich müsse nur den Stadtplan kaufen.
„Das will ich ja“, protestierte ich ungeduldig. „Nun sagen Sie schon, wieviel habe ich zu bezahlen?“
Da müsse er ein wenig ausholen, sagte der Buchhändler. Mit dem Erwerb eines Stadtplans sei die Verpflichtung verbunden, eine Lizenz für den leidenden Besitzer zu finanzieren. Die Lizenz für den Übergang, auszustellen und abzustempeln von der Kommandantur der Bahnhofsmiliz, und zwar genau dann, wenn die beiden Zeiger der Normaluhr für einen kurzen Moment aufeinanderlagen, um sich gleich darauf wieder zu trennen. Das Dokument liege schon ausgefertigt bereit, nur der Stempel müsse noch gesetzt und das Finanzielle geklärt werden. Natürlich nehme der Milizbeamte nur Zertifikate.
Ich senkte den Blick. Es war zwecklos, Nichtverstehen zu simulieren. Die Überzeugung, dass sich die Macht der hiesigen Bürokratie auch auf das Jenseits erstreckte, war in diesem Land tief eingewurzelt. Mir war dieser Gedanke fremd, doch auch ich wusste: Wenn es um Leben und Tod ging oder um das, was nach dem Tode kam, musste man selbstverständlich die landläufigen, in der Regel kostspieligen Dienstleistungen in Anspruch nehmen und sich eine solche Mitternachtslizenz organisieren sowie jemanden, der dafür zahlte, und zwar in den begehrten Zertifikaten, um die sich längst ein blühender Schwarzmarkt entwickelt hatte. Das Ganze entweder in der Hoffnung, doch noch eine günstige Wendung zu erzwingen oder um den Patienten sicher vom Diesseits in ein möglichst vorteilhaftes Jenseits zu geleiten oder aber jemandem, der in der Zwischenwelt festsaß, die Weiterreise zu ermöglichen.
Nur – was hatte ich damit zu tun? Eigentlich war es in der Tat ganz einfach, denn wo der Buchhändler recht hatte, hatte er recht. Ich hatte diesen Faltplan bereits in die Hand genommen, bereits begonnen, ihn auseinanderzufalten, doch ich hätte ihn gar nicht erst anfassen dürfen, diesen Plan, so wie einen in manchen Gegenden das Aufheben eines listig plazierten Geldumschlags zivilrechtlich für immer mit den unteren Mächten verkettete und man es in anderen besser vermied, überhaupt im Besitz einer Landkarte zu sein, um nicht der Agententätigkeit verdächtigt zu werden, wie es mir selbst einmal beinahe passiert wäre in den achtziger Jahren.
Den Faltplan einfach hinzuwerfen und grußlos die Buchhandlung zu verlassen, war also keine Option, dafür war es zu spät. Doch was ich jetzt vor allem mit furchtbarer Klarheit vor mir sah, war die Tatsache, dass ich meinen Null-Uhr-Zug verpassen würde. Wenn es mir heute nicht gelang, mein mühsam erworbenes Recht auf Weiterfahrt auszuüben, wie lange würde ich dann noch an diesem Ort bleiben müssen, an dem ich nun wer weiß wie lange schon festsaß, nicht nur Tage oder Monate, wie mir inzwischen bewusst wurde, sondern womöglich – lassen Sie mich rechnen – bereits Jahre oder Jahrzehnte? Denn wenn ich es mir recht überlegte: All die Komplikationen dieser Reise – die fast unüberwindliche Schwierigkeit, an eine Fahrkarte zu gelangen, die Sonderwährung für Ausländer, die schiere Existenz eines Faltplans und das Aufheben, das darum gemacht wurde – waren Phänomene der achtziger Jahre und hatten in der digitalisierten, durchkapitalisierten Gegenwart nichts mehr zu suchen. Etwas stimmte hier nicht, etwas musste schon vor langer Zeit dem jungen Reisenden, der ich damals war, zugestoßen sein. Vielleicht hatte mich ja eine der gefürchteten subtropischen Infektionskrankheiten, die Fremde in diesen Breiten häufiger befielen, für eine gefühlte Ewigkeit auf das einzige Möbelstück in der Bücherecke eines Kleinstadtbahnhofs niedergeworfen. Oder mir waren die Zertifikate ausgegangen und ich glich einem hungrigen Geist, dem niemand mehr Totengeld verbrennt für seine Unkosten im Jenseits. Oder ich hatte längst schon einen Plan erworben, der mich aber tückischerweise nicht zum Ziel, sondern im Gegenteil immer tiefer in ein Labyrinth ohne Ausweg geführt hatte, und hieß es nicht, dass sowieso alle frei erhältlichen Karten und Pläne in diesem Land mit Absicht fehlerhaft waren, um ausländische Dienste zu verwirren?
Ein Pfiff gellte durch das Bahnhofsgebäude, dann ein Zischen und Fauchen, und ich hörte, wie die Dampfkolben einer Lokomotive – man bedenke, das Schienennetz war erst schwach elektrifiziert in jener Dekade – sich in Bewegung setzten. Doch zu meiner eigenen Überraschung berührte mich das kaum noch. Mir wurde klar: Auch der Null-Uhr-Zug hätte mich nicht aus meiner Situation befreien können. Um von hier wieder wegzukommen, die achtziger Jahre endlich hinter mir zu lassen, brauchte ich statt dessen jemanden, der mir eine gültige Mitternachtslizenz beschaffte, ganz einfach – und wenn ich dafür meinen Faltplan verkaufen musste an den nächstbesten Reisenden.

Letzte Änderung: 14.08.2026  |  Erstellt am: 14.08.2026

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