Klaus Daniel: Heimkehr
Niedernhausen ist so gut wie jeder andere Ort im Taunus, nur bin ich hier aufgewachsen, in die Schule und in den Kindergarten gegangen. Hier habe ich Fahrradfahren und Fußballspielen gelernt, Staudämme gebaut und meine ersten Freundschaften geschlossen. Dieser Ort ist ein Teil von mir, den ich nicht abschütteln kann, auch wenn ich das einige Male versucht habe.
Der Apfelwein, den mein Vater bei einem Bauern kauft, ist mir eigentlich zu sauer. Trotzdem gehe ich als erstes zu dem 5-Liter-Plastikkanister, der in der Küche steht, halte meinen Mund unter den Zapfhahn und trinke so lange, bis ich mich verschlucke.
„Nimm dir doch ein Glas.“ Mein Vater steht neben mir.
Er hat kurzgeschnittenes, aber noch immer volles Haar, obwohl er bereits 65 ist. Ich sehe ihm nicht ähnlich. Es sind nicht nur die Haare, meine sind lang, ich habe auch eine ganz andere Figur. Ich bin groß und schlaksig, wie Frank, mein Bruder, auch wenn wir zwei sonst nicht viel gemeinsam haben.
„Bei der Baumschule Kilb ist eingebrochen worden.“
Ich runzle die Stirn. Warum sollte irgendwer hier in eine Baumschule einbrechen, wo es doch ringsum einen ganzen Wald gibt? Ich schaue aus dem Fenster. Der Himmel ist mit einer kompakten grauen Wolkenschicht überzogen und es regnet. Vom Bahnhof bin ich zu Fuß hergelaufen, weil kein Taxi zu bekommen war und ich meinem Vater nicht gesagt habe, dass ich kommen werde.
„Sie haben alle Weihnachtsbäume ausgegraben und ein leeres Feld zurückgelassen.“
„Das muss eine verdammt anstrengende Arbeit gewesen sein“, sage ich, und dann noch, vielleicht, weil ich eigentlich etwas ganz anderes sagen will: „Hört sich an, als ob sich da jemand wirklich Mühe gegeben hat.“
„Aber warum?“ Er sieht mich an.
„Mein Gott, ist das ein Scheißwetter“, murmele ich. Ich spüre wie mir Wasser aus den Haaren in den Kragen rinnt und wische mir mit der Hand über den Nacken.
Ich wünschte, ich könnte es ihm einfach sagen. Ich habe es mir zurechtgelegt, bin es auf der Zugfahrt in Gedanken immer wieder durchgegangen, aber jetzt bin ich hier, und es ist etwas anderes. Also warte ich, hoffe, dass er sich den Grund meines Erscheinens denken kann und mich darauf anspricht, aber das wird er nicht machen, das ist nicht seine Art.
Mein Vater seufzt: „96 Weihnachtsbäume. So stand es in der Zeitung. Ich verstehe das einfach nicht.“
„Hör zu“, sage ich und hole tief Luft. „Da ist etwas, was ich dir sagen muss.“ Der Anfang ist gemacht. Meine Kopfhaut spannt und hinter meinen Schläfen pocht es.
Er ist plötzlich ganz aufmerksam. Er sieht mich an, wartet, dass ich weiterspreche. Ich weiche seinem Blick aus, senke den Kopf, schaue auf den Boden. Ich denke an gestern, das Café, in dem wir saßen, miteinander redeten, und wie wir danach wieder raus auf die Straße getreten sind. Die ganzen letzten Wochen und Monate rattern durch meinen Kopf.
„Also raus damit“, sagt er. „Spann mich nicht auf die Folter.“
Ich schließe die Augen. Und dann sage ich es: „Wir lassen uns scheiden.“ Ich fühle eine Woge der Erleichterung durch meinen Körper fluten, aber sie hält nur kurz an und weicht einem anderen Gefühl, das mit etwas Schwerem verbunden ist. Ich öffne die Augen und sehe ihn an. Sein Anblick ist schwer zu ertragen. Er steht da wie ein Tier, das geprügelt worden ist und nicht begreift, warum. Ich muss diese Nachricht abfedern, ihm das Gefühl geben, dass es in Ordnung ist, dass nichts Schlimmes passiert ist, obwohl das Gegenteil der Fall ist.
„Es ist so am besten“, sage ich. „Wir haben schon seit langem Probleme.“ Meine Sätze klingen hohl und ungelenk, sie wirken wie auswendig gelernt, und das sind sie auch. „Carol fühlt sich nicht wohl hier, sie will zurück in die Staaten. Wir haben uns in letzter Zeit nur noch gestritten. Es ist auch besser für Tobias…“
Während ich rede, steht er nur da, regungslos, doch jetzt unterbricht er mich. Er wiederholt meine letzten Worte, spricht sie nach, formt eine Frage aus ihnen: „Besser für Tobias…?“
Ich nicke.
„Was wird aus Tobias?“
Ich schlucke, mein Hals fühlt sich trocken an.
„Er bleibt bei ihr“, sage ich leise.
„Er geht mit nach Amerika“, sagt er.
„Ja.“ Meine Stimme ist brüchig. Ich drehe mich zur Seite. Ich kann ihn nicht mehr anschauen. Ich will nicht, dass er die Tränen in meinen Augen sieht. Er streckt seine Hand aus und fasst meine. Mir ist übel, ich habe das Gefühl, mich gleich in die Spüle übergeben zu müssen.
„Papa“, sage ich.
„Schon gut“, sagt er.
So stehen wir da. Eine ganze Weile. Es gibt sehr viel, was ich ihm sagen möchte, aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Die Worte sitzen in meiner Kehle fest. Schließlich geht er aus der Küche, macht sich im Flur an der Garderobe zu schaffen. Dann kommt er wieder. Er hat sich seine Jacke angezogen.
„Wir gehen.“
„Da raus?“, frage ich und zeige in den Regen.
„Wir nehmen das Auto“, sagt er.
Ich sehe ihn verständnislos an. „Wohin fahren wir?“
„Zu deinem Bruder. Ich bin sowieso mit ihm verabredet.“
„Wirklich?“, frage ich.
„Hast du eine bessere Idee?“
Ich schüttele den Kopf.
„Markus“, sagt Frank zur Begrüßung und klopft mir auf die Schulter. Dann dreht er sich um und ruft in den Flur hinein: „Florian! Mathilde! Besuch aus Berlin, euer Onkel ist da!“
„Wie geht’s dir?“ Er hat sich wieder mir zugewandt. Wir stehen in der offenen Tür. Wir haben uns über ein halbes Jahr nicht gesehen.
„Wir lassen uns scheiden“, sage ich ohne Einleitung oder Vorwarnung. Und um keine Stille aufkommen zu lassen, rede ich gleich weiter. „Und dir? Und Anne?“
„Anne geht’s gut.“ Er macht eine kurze Pause. „Das wird schon wieder“, sagt er. Seine Stimme klingt vollkommen neutral. Nichts in ihr verrät, was er denkt.
Florian und Mathilde kommen die Treppe hinuntergerannt, verstecken sich hinter Frank, beobachten mich.
„Papa wartet im Wagen“, sage ich und deute nach draußen in die Dämmerung.
„Spielst du mit?“, fragt er.
„Kannst du mir was leihen? Ich brauch auch Schuhe.“
„Na klar.“ Er geht ins Haus hinein, um die Sachen zu holen.
„Du bist ja ganz nass.“ Florian zeigt auf meine Haare und mein Gesicht.
„Das ist der Regen“, sage ich.
Anne kommt aus der Küche. Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Wo sind Carol und Tobias?“, fragt sie.
„Ich bin alleine“, sage ich.
Frank kommt mit einer gepackten Sporttasche zurück. Er streicht Anne mit der freien Hand über die Wange. „Bis später.“
Ich drehe den Schläger in meiner Hand. „Amerikanisches Doppel?“, frage ich.
„Was sonst?“, sagt Frank.
Mein Vater schaut mich an. „Du spielst zuerst alleine, ok?“
Genau wie früher, denke ich und sage: „Tiebreak bis elf, dann wird gewechselt?“
Er nickt.
Ich verliere das erste Spiel elf zu sieben, dann spiele ich mit Frank gegen unseren Vater. Wir gewinnen elf zu vier, klatschen uns ab, und nun spielt Frank alleine. Während er Papas Aufschlag erwartet, rutschen meine Gedanken weg, weg vom Tennisplatz. Mein Leben schien in Ordnung gewesen zu sein, ein paar Schrammen und Kratzer vielleicht, aber nichts, was mir schlaflose Nächte hätte bereiten müssen. Wenn ich an die ersten Jahre mit Carol und Tobias denke, kommt es mir vor, als ob wir damals etwas sehr Seltenes besaßen. Ich erinnere mich daran, dass wir zufrieden waren. Franks Return erwische ich zu spät, bekomme ihn aber gerade noch übers Netz, er schlägt den Ball zurück, aber Papa hat keine Mühe, ihn zu parieren. Acht, zwölf, sechzehn Mal fliegt der Ball wie von einer Schnur gezogen von der einen zur anderen Seite. Ich mache einen Schlag nach dem anderen, stehe am Netz, an der Grundlinie, im Halbfeld, spüre, wie mein Vater um mich herumwirbelt und gerate in einen Trancezustand, in der ich keinen anderen Gedanken mehr kenne, als diesen kleinen Filzball im Spiel zu halten und ihn wieder und wieder über das Netz zu schlagen.
Wir spielen eine Stunde und weil danach niemand auf den Platz will, spielen wir weiter, immer bis elf, immer im Wechsel, bis wir zwei volle Stunden auf dem Platz gestanden haben.
Draußen regnet es immer noch. Als ich mich im Wagen in den Sitz sinken lasse, merke ich, wie anstrengend das Tennisspiel gewesen ist. Und wie gut es getan hat. Eine angenehme Mattigkeit zieht durch meinen Kopf.
„Ich hab die Sauna angestellt“, sagt Papa.
„Das hört sich gut an“, sagt Frank. „Hast du auch Bier da?“
„Ja.“
„Das hört sich noch besser an.“
„Auch Weizen?“, frage ich.
„Weizen habe ich auch.“
Wir reden nur, um zu reden, wir teilen einander nichts mit. Wenn Mama hier wäre, wäre das anders. Sie würde mir Fragen stellen. Seit wann? Und warum? Habt ihr es mit einer Eheberatung versucht? Aber sie ist nicht hier und wird das nicht tun. Sie ist vor drei Jahren gestorben. Wir sind uns zu ähnlich, denke ich. Alle drei. Wir können nicht richtig miteinander reden, wir haben es nie gekonnt, niemand hat uns gezeigt, wie das geht. Aber wir teilen Zeit miteinander, und das ist eine ganze Menge.
Die Sauna ist gut aufgeheizt, knapp neunzig Grad. Ich lege mich auf die oberste Pritsche und winkle meine Knie an. Ich blicke an die Holzdecke, betrachte die Maserungen, verfolge ihre geschwungenen Linien. Der Ofen knackt. Die ersten Schweißtropfen bilden sich in meinen Augenbrauen, die ich mit den Fingern nach außen an die Schläfen schiebe. Ich falle in die Zeit hinein und wieder hinaus. Dann ist der Sand durch die Uhr gelaufen, und ich stehe unter der Dusche und lasse mir eiskaltes Wasser über Gesicht, Oberarme, den ganzen Körper fließen.
Auf einen weiteren Gang verzichte ich. Ich bin müde und will nicht übertreiben. Auch Papa hat nach der Hälfte genug und kommt zu mir hinaus.
„Ist das wirklich endgültig bei euch?“, fragt er vorsichtig.
„Ich wünschte, ich könnte dir etwas anderes sagen“, antworte ich. Ich streiche über meinen Unterarm. Meine Haut fühlt sich glatt und dünn an, so, als könnte sie bei der kleinsten Bewegung aufreißen.
„Gibt es jemand anderen?“, fragt er. Ich merke, wie schwer es ihm fällt, mir diese Frage zu stellen.
„Nein, es gibt niemand anderen“, sage ich.
Er will noch etwas sagen, öffnet den Mund, überlegt es sich aber anders.
Dann kommt Frank aus der Sauna. Er lässt sich auf seiner Liege nieder, verschränkt die Hände im Nacken und schließt die Augen. Papa schließt seine auch.
„Hast du das mit den Tannenbäumen gehört?“, fragt Frank mich.
„Papa hat es mir erzählt“, sage ich.
„Irgendwer scheint da was gegen Weihnachten zu haben.“ Ich höre, wie er seine Fingerknöchel knacken lässt. „Vielleicht steckt Al-Qaida dahinter.“
„Wahrscheinlich“, sage ich. „Weihnachtsbäume sind ja ein urchristliches Symbol.“
„Mir tut’s um die Bäume leid“, sagt Papa. „Das macht doch alles keinen Sinn.“ Seine Stimme kommt von weit her.
Das Fenster über unseren Köpfen ist offen, und man kann hören, wie die Regentropfen auf die Blätter und Büsche im Garten treffen. Die Geräusche dort draußen streifen irgendwo, weit hinten, mein Bewusstsein, und dann sind sie schon wieder weg. Ich schließe die Augen. Ich sehe die Tannenbäume in einem Scheichtum vor mir, eingepflanzt in den Sand, mitten in die Wüste hinein. Ich merke, wie sich in meinem Kopf die Grenzen verschieben, sich schließlich auflösen.
Als ich aufwache, habe ich keine Ahnung, wie viel Uhr es ist. Wie lange habe ich geschlafen? Papa liegt neben mir und schläft, Frank ist nicht mehr da. Ich stehe vorsichtig auf, trete ans Fenster und schaue nach draußen. Ich weiß nicht, was ich erwarte dort zu sehen, und so bleibe ich einfach stehen und schaue weiter hinaus in die Dunkelheit. Ich kann die Erde und das Laub riechen. Es hat aufgehört zu regnen, denke ich.
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
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