Kira Huth: Annäherungsversuche

Kira Huth: Annäherungsversuche

RSP 2026 Longlist

Bestandsaufnahme
Ein Mann bedroht eine Frau mit einem Messer. Die Frau schreit. Blut bedeckt ihren Hals, fließt in Rinnsalen ihr Dekolleté hinab. Die Gesichter der beiden Personen sind leichenblass. Der Mann lehnt sich von der Frau weg. Er hält das Messer in einem seltsamen Winkel. Als würde er ihr beim Rückwärtsfallen den Hals aufschlitzen wollen. Dabei blutet sie ja schon.

35mm
Der Mann und die Frau auf dem Foto sind unscharf. Ein unbeholfener Fotograf muss den Fokuspunkt im Moment des Auslösens falsch gesetzt haben. Bei leichtem Heranzoomen verschwimmen die Gesichter zu einer flirrenden Masse von Farbpigmenten. Ich würde Pixel sagen, da ich das Bild auf dem Laptop anschaue. Aber das wäre ungenau. Die Gesichter bestehen bei näherer Betrachtung aus feinen runden Tupfern, wie von einem Maler. Es handelt sich um ein analoges Foto, das von einem Negativscanner digitalisiert wurde. Dadurch ist die Filmkörnung erhalten geblieben. Sie verleiht der Aufnahme etwas Nostalgisches.

Der Hintergrund des Fotos ist gestochen scharf. An der vom Blitz erleuchteten Tapete hängen Wandbilder, die in ihrer Zusammenstellung keinen Sinn ergeben. Ich zoome näher heran. Eins der Bilder zeigt eine postkartengroße Mona-Lisa. Auf den ersten Blick ist nichts Besonderes daran. Dann sehe ich, dass sie eine Shisha in der Hand hält und verschmitzt raucht. Oberhalb der Mona-Lisa hängt ein Bierdeckel mit einem Affen darauf, der einen roten Anzug trägt. Der Affe hat sehr lange Arme und Beine. Das dritte Wandbild sieht aus wie ein Werbeplakat aus den Fünfzigern. Eine gezeichnete Frau mit schwarzen Locken hält eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand. Coffee! Steht in gelben Lettern auf dunkelrotem Grund. You can sleep when you’re dead!

Bildarchiv
R1-0435-007A lautet die Bildnummer, die den Anfang vom Ende festhält. In dieser zufälligen Zahlenfolge liegt alles versteckt, was ich von mir wegschieben möchte. R1-0435-007A ist ein Foto, das ich nicht gerne aufrufe. Es wurde nie gedruckt und in ein Album geklebt, oder im Badezimmer aufgehängt, oder zum Geburtstag verschenkt, mit einer Notiz: weißt du noch? Denn ich weiß es noch zu genau.

Geisterfotografie
Als die ersten Fotografien aufkamen und Menschen plötzlich real abgebildet werden konnten, dachten viele, dass auch ein Teil ihrer Seele im Bild eingefangen würde. Einige von ihnen wollten sich daher nicht fotografieren lassen. Sie hatten Angst, dass sie dann weniger würden. Heute ist das anders. Je mehr Bilder, desto mehr Leben, scheint die Devise. Gibt es von einem Ereignis kein Foto, ist da oft dieses leise Bedauern, den Moment nicht festgehalten zu haben, sich bald vielleicht nicht mehr erinnern zu können. Ich wünschte, das wäre hier der Fall. Doch jemand hat auf den Auslöser gedrückt. Ich bin als Geist verewigt worden, für immer zwischen zwei Welten, analog und digital.

Blitzlicht
Mein Freund hält mir ein Messer an den Hals. Meine Hand hält er nicht mehr. Es ist Halloween. Ich trage eine weiße Perücke und weiße Schminke. Meine Lippen sind rot angemalt, Kunstblut zieht sich wie ein Schnitt über meinen Hals und läuft mein Dekolleté hinab. Neben mir steht mein Freund. Sein Gesicht ist weiß, seine Augen rot umrandet. Auch ihm läuft dunkelrote Farbe übers Gesicht, tropft in seinen Bart. Ich reiße den Mund auf und schreie, er bleckt die Zähne, jemand drückt auf den Auslöser.
Die Küche ist voller Leute. Wir machen uns für die Party fertig. Es läuft Musik, halbvolle Gläser stehen auf Esstisch und Theke. Eine unserer Analogkameras wird herumgereicht. Der Blitz der Kamera erhellt die eh schon blassen Gesichter. Wir gehen feiern. Wir haben das Ende eingeleitet. Nur eine Stunde zuvor, auf der Autofahrt, sind die entscheidenden Worte gefallen, die alles zwischen uns kaputt gemacht haben. Ich sehe keine Zukunft mit dir. Ich kann so nicht mehr.

Kosmisches Rauschen
Wir haben ganze sechs Analogkameras. Eine Frau verschenkt sie im Internet. Wir müssen einmal quer durch die Stadt fahren, um sie abzuholen. Eine funktioniert nicht richtig, aber das ist egal. Mein Freund liebt alte Geräte. Bei ihm in der Küche steht ein Röhrenfernseher auf dem nur weißes Rauschen läuft. Er nennt es Frühstücksfernsehen. Wenn wir Gäste haben, schaltet er den Fernseher ein. Das hochfrequente Piepen, das durch die Schwingungen in der Röhre verursacht wird, klingelt in unseren Ohren. Das helle Licht der Mattscheibe blendet uns. Wir halten uns die Ohren zu und wenden den Blick ab. Mein Freund nicht. Er hat gelesen, dass ein winziger Teil der vom Röhrenfernseher empfangenen Mikrowellen von der kosmischen Hintergrundstrahlung des Urknalls stammt. Was wir hören, sagt er, ist der Klang aus der Anfangszeit des Kosmos. Er nimmt eine der Kameras und schießt ein Bild vom weißen Rauschen. Für ihn machen Analogbilder Dinge sichtbar, die unseren Blicken verborgen bleiben. Er hat keine Ahnung von Lichtempfindlichkeit oder Belichtungszeit, er drückt einfach auf den Knopf und wartet auf das mechanische Surren, wenn die Kamera den Film weiterspult. So zu fotografieren, ist für ihn ein magischer Prozess, das Resultat unkalkulierbar. Ich mag die Fotos auch. Das Schönste daran ist ihre Weichheit. Analogfilme gehen freundlich mit ihren Objekten um. Wir sehen weit jünger und cooler aus, als wir sind.

Kodak Gold
Manchmal dauert es Monate, bis wir einen Film vollgeknipst haben. Dann nochmal ein paar Wochen, bis einer von uns ihn zum Entwickeln bringt. Meistens wissen wir gar nicht mehr genau, was auf dem jeweiligen Film drauf ist. Weil wir die Kameras hin und her tauschen, ist alles vermischt. Der Ausflug in den Wald und das Schaufenster voller Winke-Katzen, in der Spiegelung unsere ernsten Gesichter. Das Chaos im Wohnzimmer nach einer durchfeierten Nacht, der Hund des Friseurs, ein am Badestrand vergessenes Schwimmtier.
Kodak Gold mit sechsunddreißig Bildern ist der billigste Farbfilm, daher kaufen wir ihn oft. Gleichzeitig ist es der Film, der mir am besten gefällt. Er taucht alles in warmes Gelb und Braun, Farben in denen ich meine Beziehung gern betrachte.

Olympus Mju II
Meine Lieblingskamera ist klein und glatt. Sie passt gerade so in meine Hosentasche. Das Modell heißt Olympus Mju II. Die Kamera hat Kultstatus. Sie hat es sogar in einen Film von Wim Wenders geschafft. In Perfect Days nimmt die Hauptperson die kleine Kamera jeden Tag in der Mittagspause mit in einen Park in Tokio, um das Licht- und Schattenspiel der Bäume zu fotografieren. Sie tut das, ohne einen konkreten Zweck zu verfolgen. Die Absichtslosigkeit dieser Handlung rührt mich zu Tränen. Mein Freund wendet seinen Blick vom Bildschirm ab und sieht mich belustigt an. Was ist denn so traurig? Als er sich vorbeugt, meinen Kopf in seine Hände nimmt und mir jede Träne einzeln von der Wange küsst, muss ich über mich selber lachen. Meine Bilder dienen immer einem Zweck. Sie sollen festhalten, was mir sonst zu entgleiten droht.

Leerstellen
Irgendwann fängt mein Freund an, aus unseren Fotos zu verschwinden. Ich kann den genauen Zeitpunkt nicht verorten. Wir haben die Kameras immer noch ständig bei uns. Unbemerkt sind sie Gegenstand unserer Beziehung geworden.
Am Anfang gibt es ganz viele Bilder von unseren Gesichtern und Körperteilen in Großaufnahme. Wir wollen so nah ran, wie es geht. Er knipst meine verschwitzten Oberschenkel auf dem Beifahrersitz bei unserem ersten Roadtrip. Ich fotografiere seinen Mund beim Rauchauspusten durch seine neue Zahnlücke. Wir sind beim Küssen so hart aufeinandergeprallt, dass ihm der Schneidezahn abbricht. Er lässt den Zahn nicht reparieren, weil er es cool findet, dass er nun aussieht, als hätte er einen Kampf überlebt. Mein Freund fotografiert mich beim Pinkeln, ich fotografiere ihn nackt im zerwühlten Bett. Mit der Zeit werden die Einstellungsgrößen weiter. Wir betrachten uns zunehmend aus der Ferne, wundern uns über die neue Distanz.
Wir sind im Urlaub und laufen über einen Salzsee. Der Boden ist weiß-rosa, der Himmel weiß-blau, es ist die reinste Barbie-Fantasie. Ich halte mir die Kamera vors Gesicht und blicke durch den Sucher, doch mein Freund läuft schon weiter. Ich fotografiere die harte Linie, die Himmel und Erde trennt, ein schnurgerader Strich, auf dem Touristen herumspazieren. Von meinem Freund immer nur der Rücken. Egal wo wir hingehen, er hat es eilig, ist schon weiter. Wir schlafen eng an eng, aber die Kamera kann ich nicht mehr auf ihn richten.

Zielen und Schießen
Die Mju II ist eine Point and Shoot Kamera. Das heißt eigentlich nur, dass nichts voreingestellt werden muss. Die Kamera fokussiert, blitzt und spult von ganz allein. Woran ich mich stoße, ist die Bezeichnung dieser Kamera-Gattung. Zielen und Schießen sind Worte der Gewalt, ebenso wie ins Visier nehmen. Plötzlich fühlt sich Fotografieren an, als würde ich ein Gewehr in der Hand halten. Ich ziele und schieße auf alle Menschen, die mir wichtig sind.

Tag der Toten
Wir rennen über ein altes Maisfeld. Die langen Halme zerschrammen meine Beine. Ich trage ein langes weißes Kleid. Die Gruppe schmeißt sich auf den Boden. Wir verstecken uns vor den Scheinwerfern eines vorbeifahrenden Wagens. Unsere Herzen klopfen schneller. Wir tanzen, wir saufen, ich glaube, wir knutschen sogar. Die anderen wissen nichts von den Worten, die er brüllte, von dem Standstreifen, auf den er ranfuhr, davon, wie er mit den Händen aufs Lenkrad schlug. Von meinem Türenknallen, den raschelnden Schritten im Wald, dem Knoten im Bauch. Ich verstecke mich eineinhalb Tage im Bett. Spreche nicht mit den Anderen, die in der Küche mit den bunten Wandbildern kochen, rauchen und lachen. Ich esse nichts. Husche über den Flur ins Bad, als wäre ich immer noch der Geist vom Vorabend. Ich würde gern unsichtbar sein, sodass die anderen einfach durch mich hindurchschauen.

Spurensuche
Es gibt keine Bilder vom Tag nach der Party. Von Tränen und Hangover und Reue. Keine Fotos von der immensen Stille zwischen uns, vom Frust, von der Angst. Ich weiß nicht mehr, worüber wir auf der Rückfahrt geredet haben. Ich habe überhaupt keine Erinnerungen daran.
Wir bleiben noch eine ganze Weile zusammen. Sind dünnhäutig, gereizt, enttäuscht. Wochen später bringe ich den Film von Halloween zum Entwickeln. Eigentlich will ich mir die Bilder darauf gar nicht anschauen. Dann öffne ich die Mail mit den Scans in meinem Postfach aber schließlich doch. Ich klicke durch die Aufnahmen. Da ist keine Spur von unserem Schmerz. Es sind Partyfotos wie so viele andere. Rotgeblitzte Augen in verschwitzten Gesichtern. Körper in ungünstigen Winkeln. Abgeschnittene Köpfe, Hände und Füße. Zu viel Decke, zu viel Boden, die dunkle Nacht, ein Sonnenaufgang am 1. November.

Letzte Änderung: 14.08.2026  |  Erstellt am: 14.08.2026

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