Johannes Finkbeiner: ohne Titel

Johannes Finkbeiner: ohne Titel

RSP 2026 Longlist

Der Name war ja meistens unwichtig. Man konnte Durand oder Barthélémy heißen, am Ende konnte es dem einen genauso passieren wie dem anderen. Durand konnte von einem Schwertransporter überfahren werden, wie Barthélémy in einen großen schaumigen Hundehaufen trat. Vincent hieß allerdings mit Nachnamen Martinelli, und wenn er, beispielsweise, Moreau geheißen hätte, dann wäre dieser verdammte Umschlag nie in seinem Briefkasten gelandet. Dabei stand auf dem Umschlag gar nicht Martinelli. Was draufstand, war Martin, und das war Vincents Pech in dieser Sache. Deswegen stand er jetzt vor diesem erdbraun gestrichenen Siebziger-Jahre-Mietshaus in der Rue Kléber und wartete darauf, dass man ihm aufmachte. Vincent wollte gerade noch einmal auf den schmutzigen Klingelknopf drücken, als eine Nachbarin kam und die Tür öffnete. Vincent lächelte verlegen und schlüpfte hinter ihr ins Haus. Die Frau beäugte ihn misstrauisch. „Zu wem wollen Sie denn?“ „Jean-Pierre Martin“, sagte Vincent. „Martin, aha. Dritter Stock, da lang.“ Vincent überlegte kurz, ob er den Umschlag einfach in den Briefkasten werfen sollte, aber die Gegenwart der Nachbarin störte ihn. Er bedankte sich und nahm die Treppe. Vor der Wohnungstür im dritten Stock lag ein hellbrauner Fußabtreter, in den sich Staubflusen verfangen hatten. Vincent klingelte. Eine Weile lang passierte nichts, dann näherten sich Schritte und die schwere Metalltür wurde entriegelt. Die Sicherheitskette war eingerastet, ein Mann linste durch den Türspalt und fragte blinzelnd, was er wolle. Vincent hielt den Umschlag hoch. „Der war bei mir im Briefkasten. Vincent Martinelli, ich wohne vorne in der Rue Clémenceau. Der Postbote hatte wohl zwei Pastis zu viel.“
Er glaubte zu hören, wie der Mann drinnen etwas in eine Schublade legte, dann nestelte er an der Türkette und stand ihm schließlich gegenüber. „So, der ist also für mich, hm.“ Jean-Pierre Martin lugte an Vincent vorbei ins Treppenhaus.
„Ja, für Sie. Gleiche Hausnummer, ähnlicher Name. Und das mit der Straße, Sie wissen ja, dass das problematisch ist. Es kommt immer wieder zu Verwechslungen.“ „Ja, die Straße, richtig. Dann zeigen Sie mal her. Aha, ja.“ Wieder beugte er sich leicht vor in Richtung des Treppengeländers. Irgendetwas schien ihn nervös zu machen. „Ich muss dazu sagen: Er liegt schon seit ein paar Tagen bei mir rum“, sagte Vincent. „Ich bin einfach nicht dazu gekommen, ihn vorbeizubringen.“ „Immerhin haben Sie sich überhaupt die Mühe gemacht. Sie hätten ihn ja auch einfach wegwerfen können.“ Martin stand da, mit dem Umschlag in der Hand. „Gut, Vincent. Wollen Sie vielleicht kurz reinkommen? Auf einen Drink? Das würde mich freuen.“
„Weiß nicht, also. Also, ich weiß nicht. Ich glaube, das ist nicht nötig.“
„Und ob das nötig ist, Vincent! Kommen Sie schon. Machen Sie mir die kleine Freude. Ich habe einen Glenfiddich, fünfunddreißig Jahre.“
Vincent folgte ihm zögernd in die Wohnung. Es roch nach Erde und Konservennahrung. Von der Einrichtung erkannte er zunächst nur Umrisse, die ganze Behausung lag in trübem Dämmerlicht. Ein kurzer Gang führte direkt ins Wohnzimmer, rechts davon gingen eine kleine Küche und etwas weiter hinten der Schlafbereich ab. Die dicken Wollvorhänge waren ringsherum zugezogen, die einzige Lichtquelle war eine matt brennende Stehlampe neben einem schwarzen Ledersofa. Auf einem Eichenfurnier-Couchtisch stand die geöffnete Whiskeyflasche, daneben ein halbvolles Glas. „Setzen Sie sich, Vincent. Bin gleich wieder da.“ Das Sofapolster gab knirschend nach, Vincent bemerkte kleine Risse im Bezug. Martin kam mit einem zweiten Glas zurück und setzte sich neben ihn.
„Vincent, wissen Sie. Das freut mich, dass Sie hier sind. Ich habe nicht so oft Besuch. Und wenn dann mal jemand einen Scotch mit mir trinkt, freue ich mich.“ Er schenkte beide Gläser voll.
„Ja, verstehe ich“, sagte Vincent. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel. Sie stießen an, der Whiskey schmeckte staubig. „Freunde, wissen Sie. Die braucht man im Leben.“ „Klar, logisch.“ „Freunde“, wiederholte Martin. „Aber Vorsicht: Vertrauen Sie nicht den falschen Leuten. Die falschen Leute zur falschen Zeit, und zack!, sitzen Sie in der Scheiße. Wissen Sie, Vincent. Bei mir war es so –“ Er hob sein Glas dicht ans Gesicht und betrachtete die goldbraune Flüssigkeit gegen den schwachen Schein der Stehlampe. „Man hat mir angeboten, oben auf der Avenue de la Blancarde eine Brasserie zu übernehmen. Habe ich ja früher schon gemacht, als ich noch in Lille war. Ich kenne mich aus in dem Gewerbe.“
„Lille, schön da“, sagte Vincent. „Nette Menschen.“
Martin stand jetzt auf und ging an ein nussbraunes Sideboard gegenüber der Sitzgruppe. Er öffnete eine Tür und holte etwas heraus. Im Regal darüber standen vergilbte Wimpel und Fußball-Pokale neben schwarzen afrikanischen Holzstatuen. Vincents Blick ging zur Tür.
„L’Hippocampe, Gare de la Blancarde“, sagte Martin. „Fünftes Arrondissement“. Er stellte eine hölzerne Aperitivschale mit Erdnüssen auf den Tisch und setzte sich wieder. „Hat man mir angeboten. Gute Lage, schöne Räume. Stammkundschaft. So ein Laden kann eine Goldgrube sein, wenn man einen guten Job macht. Ich habe gesagt, ok, mache ich.“ Er nahm einen tiefen Schluck. „Fehler, Vincent. Großer Fehler von mir.“
„Lief nicht gut?“ fragte Vincent. Er hatte das Gefühl, dass die Luft immer stickiger wurde.
„Doch, lief“, sagte Martin. „Lief sehr gut. Mittagsmenü, abends Fußball-Live-Übertragung. Drogba, van Buyten, viel Bier, viel Ricard. Lief sehr gut.“ Er setzte ab. „Eine Goldgrube, eigentlich. Aber nicht für mich.“ Vincent nahm das Glas in beide Hände und begann daran zu reiben. Er musste jetzt den richtigen Satz finden, um aufstehen und sich höflich verabschieden zu können. Links neben den Pokalen standen vereinzelte DVDs im Regal. Der Pate II, Scarface, Best of Zidane. „Ist nicht immer einfach“, sagte er. „Aber es kommen auch wieder bessere Zeiten. Danke für den Whiskey jedenfalls.“
Vincent wollte aufstehen, doch Martin legte ihm die Hand auf den Oberschenkel und drückte ihn zurück ins Sofa. „Wissen Sie, Vincent. Die falschen Leute zur falschen Zeit. Kommen und machen Ihnen das Leben schwer. Das Leben zur Hölle. Gib uns was ab, und du wirst keine Probleme haben. Gibst du uns nichts, wirst du es bereuen.“ Vincent blickte wieder in Richtung des kurzen Korridors, der zur Wohnungstür führte. Unter dem Spiegel an der linken Gangseite stand eine schmale Kommode mit zwei Schubladen. „Wollte ich nicht mitmachen, das Geschäft.“ Martin kippte den kleinen Rest Whiskey. „Wollte ich nicht. Großer Fehler, Vincent.“ Vor ihnen lag der ungeöffnete Umschlag. Vincent überlegte. Aufstehen, gehen, Tür auf, Tür zu, danke und auf Wiedersehen. „Schutzgeld?“ fragte er. Martin blickte vor sich auf den Boden und rieb sich langsam die Hände. „Sie sind gekommen, mit Eisenstangen und Pétanque-Kugeln. Ich habe alles wieder aufgebaut, neue Tische, neue Möbel. Neue Theke. Irgendwann kamen die Gäste wieder, und ich dachte, ich hätte meine Ruhe. Aber dann.“ „Sie haben weiter nicht gezahlt?“ Martin schüttelte den Kopf. „Nicht gezahlt, nein.“
„Und jetzt?“
„Jetzt sehen wir mal. Nehmen Sie noch einen?“
„Nein, danke. Ich muss los, ist spät geworden.“
Martin legte ihm die Hand auf die Schulter. „Vincent, wissen Sie. Ich habe mal gelesen: Ein Freund ist jemand, der dir in einer Notlage hilft. Und Sie sind doch jetzt ein Freund, oder?“ „Ich muss jetzt gehen, tut mir leid.“ Martins Blick flackerte. „Tun Sie mir noch einen Gefallen, Vincent. Machen Sie das Kuvert für mich auf.“ Die Pokale, die Wimpel. Mafia. Notlage. Vincent versuchte, sein Gehirn zu spüren. Aber da war nichts, da waren nur Wolken, diffuse Gedanken, der dringende Wunsch, schnell hier weg zu sein. Er nahm die Whiskeyflasche und schenkte sich nach. „Bitte, Vincent“, hörte er Martin sagen. Er nahm einen tiefen Schluck, dann griff er nach dem Umschlag. Langsam schob er den Zeigefinger unter den Briefschlitz und brach die Faltung auf. Martin saß regungslos neben ihm und sah zu, wie er zwei neue, separate Umschläge aus dem Kuvert holte. Beide Umschläge waren mit schwarzem Filzstift nummeriert, auf dem einen stand „Option 1“, auf dem anderen „Option 2“. Martin lachte erstickt. „Das ist ja hier wie auf der Kirmes. Jedes Los gewinnt.“ Er streckte die Hand aus und ließ sich von Vincent die Umschläge geben. Eine Weile lang saßen sie so da und sagten nichts. Martin hielt die Briefe in der rechten Hand wie zwei Spielkarten. Vincent griff in die Schale mit den Erdnüssen. „Die Qual der Wahl, Vincent. Was meinen Sie: Option eins oder Option zwei?“ „Also, weiß nicht. Logisch wäre zuerst eins, dann zwei. Oder?“ „Ja. Das ist logisch, Vincent, und so machen wir es. Hier.“ Er reichte ihm den ersten Umschlag. Vincent nahm wieder den Zeigefinger und öffnete das Kuvert. Vorsichtig zog er den Inhalt heraus. Es war ein alter, zerfledderter Fünf-Euro-Schein, auf den jemand mit dem gleichen schwarzen Filzstift ein dickes Fragezeichen gemalt hatte. Darunter stand ein Datum: 10. Mai. Vincent drehte den Kopf und sah Martin an. „Da habe ich wohl den Jackpot geknackt“, sagte Martin tonlos.
„10. Mai, das war vorgestern.“ „Jetzt Option zwei.“ Martin hielt ihm den anderen Umschlag hin. Vincent öffnete den Knick. Heraus kam ein rechteckiges weißes Kärtchen mit schwarzer Umrandung. Jean-Pierre Martin. Wir werden ihn nicht vermissen. Vincent fühlte Schweißtropfen auf den Schläfen. Wo war er da hineingeraten? Er hatte hilfsbereit sein wollen, ein ehrlicher Mitbürger. Einen falsch eingeworfenen Brief brachte man bei seinem Nachbarn vorbei, das war doch selbstverständlich. Und jetzt diese Wohnung, das Sofa, die Erdnüsse. Und Martin, der einfach nur dasaß und auf das Kärtchen starrte. Die Luft war zum Schneiden dick, aus dem Whiskeyglas stieg ihm der Alkohol in die Nase. Kein Geräusch, kein Motorroller, der draußen vorbeiknatterte, kein Hund, der in der Ferne bellte. In Martins Wohnzimmer herrschte Totenstille. Vincent stand auf. Er musste den Ausgang aus diesem Maulwurfshügel finden. In diesem Moment klingelte es. Vincent blickte zuerst zu Martin, dann zum Eingang. Langsam ging er durch den düsteren Korridor und näherte sich der Tür. Er schob die Deckklappe des Spions zur Seite und sah hindurch. Das Treppenhaus war nur schemenhaft zu erkennen, nichts regte sich. Rechts oben an der Wand sah man das grüne Leuchtschild, das den Notausgang anzeigte. Dann ging plötzlich grelles Neonlicht an, entfernt hörte man eine Tür schlagen. Er drehte sich um, Martins Blick fixierte die kleine Kommode im Gang. Vincent zog die obere Schublade auf.

Letzte Änderung: 14.08.2026  |  Erstellt am: 14.08.2026

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