Jasmin Schellong: Du kaltes Stück Vaterland

Jasmin Schellong: Du kaltes Stück Vaterland

RSP 2026 Longlist

Mein Vater hat drei Herzen wie ein Oktopus. In einem trägt er meine Schwester. Im anderen seine Landkarten. Im letzten hat er sich selbst eingeschlossen.

In Daniels Brust gab es eine Schleuse, die sich nicht mehr öffnen ließ. Das Blut staute sich, der Takt seiner Jahre kam zum Stillstand. Auf der Trage ging es vorbei an weißen Wänden und Zimmernummern. Jemand fragte nach Angehörigen. Er nannte nur Mirko. Jeder brauchte diesen einen Menschen in Reserve. Bevor sie sein Herz wieder in den Rhythmus zwangen, entfaltete sich sein Leben wie eine Karte, die zu lange unter Verschluss gelegen hatte und nun an den Falzen riss. Es begann in Grau.

Im Fernsehen flimmerte das Gesicht eines Mannes vom Staatsrat – ein Gesicht wie aus einem grauen Teig. Danylo saß auf dem Boden und sah hin, ohne zuzuhören. Später erinnerte er sich vor allem an diesen Blick. Im Flur klappte sein Vater die Koffer zu. Danylo trank seine letzte Milch mit Haut.
Er zog sie ab und legte sie auf das Fensterbrett. Sein Vater hatte genug von der Sowjetunion. Auf einer Karte hatte er gesehen, dass Teile Deutschlands rot markiert waren. Er verstand das als ein Zeichen und wählte einen grünen Fleck: Rheinland-Pfalz. Erst später stellte sich heraus, dass die Karte etwas anderes zeigte. Die roten Flächen markierten Gebiete, in denen Zecken Krankheiten übertrugen; es war ein Rot, das nicht vor Ideologien warnte, sondern vor dem Blut, das unbemerkt im Unterholz vergossen wurde.

Aus Danylo wurde Daniel. Er begriff früh, dass Namen auf Karten nur Behauptungen waren. In der Sowjetunion verschwanden Städte über Nacht hinter neuen Bezeichnungen. Dass sein eigener Name im Einwandererpass geändert wurde, war nur eine weitere geografische Korrektur.

In einem Dorf mit Vorgärten suchte er nach den Entsprechungen für das, was er kannte. Das Haus, das sie bezogen, war ein Arrangement aus Winkeln und Stoffen. Daniel fuhr oft mit den Fingern über die Raufasertapete, deren winzige Gebirge ihm unter den Kuppen Halt gaben. Im Wohnzimmer stand eine Schrankwand aus Eiche rustikal. Ihr dunkles Holz verengte den Raum wie ein brauner Wall. Wenn man die Tür zuschlug, zitterten die Gläser im Schrank. Alles hier war irgendwie dünn – die Wände, das Brot, das Lächeln der Nachbarn.

Über allem lag die Stille der deutschen Provinz. Daniel beobachtete seinen Vater, wie er sich in diese neue Ordnung fügte. Er schnitt die Thujahecke mit einer Präzision, als hänge sein Recht auf Zugehörigkeit vom rechten Winkel der Zweige ab. Als sein Vater seinen Hamster im Garten in Zewa eingewickelt beerdigte, fühlte Daniel die Mehrheitsverhältnisse in sich zugunsten Deutschlands kippen.

Er suchte die Stille auf dem Wasser, weil der Fluss keine Grenzen kannte und keine Vorgärten duldete. Er wurde Steuermann in der Binnenschifffahrt. Daniel lernte den Fluss nicht als Landschaft kennen, sondern als eine Abfolge von Kilometermarkierungen und Pegelständen. Er steuerte das Gütermotorschiff an den BASF-Anlagen von Ludwigshafen vorbei, wo die Fabriken nachts wie brennende Skelette in den Himmel ragten und das Wasser die Farbe von altem Blei annahm. Im Steuerhaus summte das Echolot, ein grüner Strahl, der tastend in die Tiefe griff. Daniel starrte oft auf das Display; er brauchte die Bestätigung des Bodens, die Gewissheit, dass unter dem Kiel nichts als Schlamm und die Fundamente versunkener Brücken lagen.

An Land lief die Zeit plötzlich auf Grund: Kennenlernen, Doppelbett, Hochzeitstag. Regen vor dem Standesamt. Der Blick seiner Frau war verglast. Die Schwiegermutter zitierte medizinische Fachbeiträge über Stoffwechselstörungen, als ließe sich ihr Blick durch eine fehlerhafte Drüsenfunktion erklären. Neun Monate später das erste Kind. Das unaufhörliche Weinen drang durch die dünnen Wände wie ein Signal, für das er zwar der Empfänger war, aber nicht die Frequenz besaß.

Daniel grüßte die Rehe am Ufer. Manchmal nahm er die Kinder mit an Bord. Er legte Pauline eine Schwimmweste an, die ihr viel zu groß war. Die Mädchen spielten im Getreide, das in den Laderäumen lagerte. Es war Weizen aus Frankreich oder Mais aus Ungarn. Sie gruben ihre nackten Füße in die Körner und lachten, während der Staub in der Luft tanzte. Auf dem Schiff roch es nach Maschinenöl und Schweiß. Zu Hause regierte die Stille. Seine Frau saß im bläulichen Licht des Fernsehers, das ihr Gesicht in ein kaltes Relief verwandelte. Wenn er sich zu ihr setzte, rückte sie nicht auf; sie teilten sich das Sofa wie ein Territorium, das man schweigend gegeneinander verteidigte. Die Stimmen aus dem Gerät waren die einzige Brücke, über die sie noch miteinander sprachen.

1986, Rimini. Daniel saß am Strand und betrachtete den Horizont, aber das Fehlen von Markierungen und Tonnen machte ihn nervös. Die Adria war eine blaue Masse, die sich weigerte, beschriftet zu werden. Er kaufte seinen Töchtern Kaurischnecken an schwarzen Lederbändern. Seine Frau nannte es eine Verschwendung von Lira und befürchtete, sie könnten im Schlaf daran ersticken. Aber die Mädchen trugen sie nachts. Während Pauline die Schnecke mit ihrer kleinen Faust umklammerte, sah es aus, als sei Marlene mit ihr verbunden wie durch eine Nabelschnur.

August 1988. Er fuhr mit den Mädchen zur Flugschau. Ein Tag aus Kerosin und Hitze. Pauline verschüttete die Limonade auf sein Hemd. Daniel wischte ihre Hand ab; die klebrige Feuchtigkeit war das Letzte, was er von ihr spürte. Am Himmel vollzogen die Maschinen ihre Kreise. Dann riss die Formation. Ein Pilot fiel aus der Geometrie. Die Zeit verlor ihren Maßstab.

Er fixierte die Ränder der Trümmerfläche: Ein einzelner Turnschuh im Gras, Größe 36, die Schnürsenkel verknotet. Mehrere Maiskolben, die Schalen durch die Hitze geschwärzt. Eine zerbrochene Glasflasche, deren Splitter in einem Radius von zwei Metern auf dem Asphalt verstreut lagen. Teile eines Triebwerksgehäuses, verrußt, daneben geschmolzenes Leder und ein gelbes Stofftier, das in einer Pfütze aus Ketchup und Staub lag.
Ein Geldbeutel aus Kunstleder: 120 Mark und eine Quittung über Motorenöl. Eine Ameise krabbelte über das Thermopapier der Quittung; sie suchte einen Weg zwischen den Ziffern, unbeeindruckt von der Hitze des Metalls. Daniel sah ihr zu. Daneben ein Damenportemonnaie mit Messingverschluss: 50 Mark, zwei Kinder auf einer Cordcouch. Ein einzelnes Foto ohne Hülle. Auf der Rückseite die Notiz »Für Papa«. Auf der Vorderseite ein Mädchengesicht, die Augen im Schatten der Stirnlocken. Als Daniel sie aufhob, spürte er einen Reiz im Rachen.

Pauline wurde ihm bei der Explosion aus der Hand gerissen. Er griff nach Marlene, die neben ihm schrie, aber sein Blick suchte die Leere, in der Pauline vanished war. Dann traf ihn etwas am Kopf.

Daniel erinnerte sich später nicht an die Fahrt im Armeebus. Marlene hing an seinem Hals und drohte ihn runterzuziehen. Er sah nur durch sie hindurch auf die Flecken am Boden.

»Können Sie mich sehen? Wie viele Finger halte ich hoch?«

Pauline wurde nach dreiundzwanzig Stunden eingeliefert. Seine Frau gab ihm die Schuld. Er sagte nichts, saß an Paulines Bett und berührte ihre Fußnägel. Er polierte sie wie kleine Edelsteine, während Marlene im Flur stand. Aber sein Blickfeld war ein Ausschnitt auf einer Karte, der nur ein Kind fasste.

In der zweiten Nacht sprach der Chefarzt von der Einstellung der Therapie. »Sie hat noch all ihre Milchzähne«, stammelte Daniel. Es sollte laut Friedhofsordnung verboten sein, Menschen mit Milchzähnen zu beerdigen. Paulines Bett wurde in den Keller geschoben. Zur Beerdigung lieh sein Vater ihm seine Wirbelsäule. Er spürte die fremde Knochenhärte im Rücken, während der alte Mann stumm hinter ihm stand.

Daniel und seine Frau hielten es nicht mehr im selben Zimmer aus. In den Nächten, in denen Marlene weinend an seiner Tür stand, breitete er die Blätter des Atlasses auf dem Boden aus und suchte nach Linien, denen er folgen konnte. Er wurde für sie zu einem Berg. Ihre Leben glichen zwei Fahrrinnen, getrennt durch eine Untiefe. Irgendwann warf seine Frau ihn raus. Weiterleben war ein Zaubertrick, dessen Auflösung Daniel nicht verstand.

Den Job verlor er, als er bei der Einfahrt in eine Schleuse die Orientierung verlor. Er hatte zu lange in das Wasser zwischen Schiffswand und Beton gestarrt. Das Schiff manövrierte gegen die Wand. Während er an Land zurückblieb, heiratete seine Frau einen Mann, der keine Geister sah. Es war ein Busfahrer. Jemand, der an Fahrpläne glaubte und den richtigen Armabstand für Umarmungen bewerkstelligen konnte. Auf dem Hochzeitsfoto lachten sogar ihre Augen mit.

Mirko vermittelte ihm eine Stelle bei einem Schulbuchverlag. Atlanten gestalten. Der Verlag residierte in einer ehemaligen Tuchfabrik, einem Backsteinbau. Es war ein Ort der Ordnung, an dem die Kontinente auf das Maß von Schultaschen zurechtgestutzt wurden. An den Wänden hingen gerahmte Stiche der ersten Weltvermessungen. Daniel betrachtete oft die leeren Stellen auf den Karten des 17. Jahrhunderts – die Terra Incognita. Er beneidete die Kartografen von damals, die das Ungewisse noch als weiße Fläche stehen lassen oder mit Ungeheuern füllen durften. Heute war jeder Quadratmeter mit Koordinaten belegt, und doch war er in diesem Raster verloren gegangen.

Er saß an einem Lichttisch. Ihm gefiel die Technik der Schummerung. Das Gesetz der Kartografie verlangte Licht aus Nordwesten, um Tiefe zu erzeugen. Daniel hielt sich nicht daran. Er führte den Bleigriffel so leicht über das Papier, dass die Schatten kaum hafteten.
Er legte Schicht um Schicht Graphit über die Täler, bis das Relief nachgab und die Abgründe unter dem Grau verschwanden. Er ebnete die Welt ein, bis es keine Abgründe mehr gab, in die man fallen konnte. In der Mittagspause blieben die Lichttische im Saal der Tuchfabrik eingeschaltet. Sie leuchteten wie kleine, künstliche Eisschollen in der Dämmerung.

Sein Vater starb über den Einmachgläsern. Es gab keine Karte, die das Ende eines Lebens verzeichnete.

Jahre später traf er Marlene. Sie legte ihre Kaurischnecken auf den Tisch. »Ich habe nie vergessen, dass du mich allein gelassen hast, während du Paulines Nägel poliert hast«, sagte sie. Marlene war Australien. Abgeschottet. Ein Kontinent, den er nie vermessen hatte.

Nachts lag er auf dem Balkon und sah in den Himmel. Bei den Sternen funktionierte die Schummerung nicht.

Wer heute einen Diercke-Atlas aufschlägt, findet den Schatten zwischen Schwarzwald und Bodensee so schmal vor, als könne man vom Wald direkt in den See springen.
Wer einen seiner Leuchtgloben drehen lässt, sieht die Gipfel der Anden so nah an den Abgründen des Pazifiks, als gäbe es dazwischen keinen Fall.

Daniel hat die Welt flach gezeichnet.

Letzte Änderung: 14.08.2026  |  Erstellt am: 14.08.2026

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