Irma Mečević: Im Kuhstall keine Kühe
Ich öffne die Tür einen Spaltbreit. Stille.
„Hallo?“
Alle weg. Nackt, die Haare im Turban, haste ich in das alte Kinderzimmer, gehe vor dem Koffer in die Hocke und ziehe die kleine Rossmanntüte hervor, in die ich sechs Sonntags- und eine Samstagsunterhose gepackt habe. Heute ist ein Sonntag. Dann stecke ich den kleinen Reiseföhn an, dabei ist es Mai und viel wärmer als Zuhause. Unmöglich, hier mit feuchten Spitzen auf die Straße zu gehen. Beim letzten Besuch sagten sie mir nebst Erkältung und Lungenentzündung auch einen baldigen Hirntod vorher. Ich überlebte den Wind am offenen Haar, aber meine Nase lief die ganzen zwei Wochen lang, was sie in Genugtuung schnalzen ließ, und das ertrug ich nun wirklich gar nicht.
Zwanzig Minuten später ist mein Nack heiß und das Haar strohtrocken. Gewappnet hüpfe ich die aus Beton gegossene Treppe runter und schlüpfe unten in die Clogs mit Holzsohle. Draußen das reinste Lagerfeuer. Als ob alle gleichzeitig das noch feuchte Holz in die Öfen geschoben hätten, um Lokume zu backen und das Erdgeschoss zu heizen, in dessen Außenwänden noch die Winterkälte nistet. Die Sonne scheint diesig durch die Dunstglocke, alles ist grün, maigrün, am gegenüberliegenden Hügel grasen die Schafe, ein Auto rast vorbei, noch ein zweites, dann Vogelgezwitscher. Ich bleibe einen Moment der Sonne zugewandt stehen, atme tief ein und verwandle mich in das Kind, das seine Schulferien hier verbrachte, über Wiesen rannte und sich den Bienenstöcken dabei gefährlich näherte. Das Kind, das seine Füße in verlassene Ruinen setzte.
„Mama?!“, rufe ich, als das dritte Auto vorbeifährt und mich zusammenzucken lässt.
„Mina! Da bist du ja endlich. Haj‘ vam. Komm her.“ Eine Frau kommt hinter dem Kuhstall auf dem Nachbargrundstück hervor und drückt mich erst fest an sich, dann wieder von sich weg. „Guck dich an! Super Linie hast du gehalten, weiter so.“ Ihr Griff um meine Oberarme ist stark. Wer war sie nochmal? Adila! Ich erkenne das Muttermal an ihrem linken Arm, es hat die Form einer Birne. Glaubt man den Erzählungen, wollte ich die als Kind immer aufessen. Ich folge ihr in den Hof. Da sitzen sie ja alle auf ihren geblümt-gepolsterten Campingstühlen. Mama, Oma Nada und Ajka.
„Warum hängen ihre Brüste so? Hat sie etwa heimlich Kinder bekommen?“, fragt Adila an meine Mutter gewandt.
„Ach, die will keine Kinder“, Mama verzieht das Gesicht und vergießt unsichtbare Tränen.
Ich fühle mich verraten. Eine einzige Bitte hatte ich und die war, meine Kinderwunschlosigkeit unter dem Teppich zu lassen.
„Das kommt schon noch, natürlich kriegt meine Mina Kinder, oder mein Schatz?“ Adila hat mich wieder fest im Griff.
„Ich habe keinen BH an“, schiebe ich eine Erklärung hinterher und ärgere mich sofort, dass ich überhaupt auf so etwas eingehe. Aber mein Bosnisch ist zu schlecht, um provozierend zurückzufragen, wann ich endlich den lang herbeigesehnten Mercedes vor diesem Haus zu sehen bekomme?
„Du hast dich ja kein bisschen verändert!“, grüße ich Ajka in dem Versuch wie die Frauen hier zu klingen. Aber ich staune wirklich darüber, dass sie noch lebt. Ist sie nicht schon hundert Jahre alt? Sie ist ganz zart und zugleich hart. Ich gebe ihr einen Kuss auf den Scheitel, der unter dem altersbedingt fast durchscheinenden Kopftuch hervorlugt. Ihre Haare leuchten lila. Auch meine Oma umarme ich nochmal. Wir haben uns am Morgen nur kurz gesehen, also ernte ich eine zweite Runde ihrer charakteristisch harten, aber liebevollen Schläge auf den Rücken. Oma hat die Haare auch in lila gefärbt, aber ihr Ansatz ist zur Hälfte herausgewachsen. Es steht ihr gut. Sie schaut zu mir auf, als sei ich ein lang erwarteter Messias, die Augen glasig, ein stummes Lachen auf den Lippen. Das gefällt mir nicht, trotzdem lege ich meinen Arm über ihre Schultern. Wir sind ein Team, das waren wir schon immer. Es gibt ein Foto von mir, bevor wir hier weg sind, da war ich drei Jahre alt. Ich sitze auf ihrem Schoß und schlinge meine kurzen Arme fest um sie. Ich halte sie und sie hält mich.
„Warum hast du mir nicht gesagt, wo du hingehst?“, frage ich meine Mutter vorwurfsvoll.
„Ach Mina, du weißt doch, dass ich hier irgendwo in der Mahala bin. Wo sollte ich sonst sein?“ Mutter fährt mit der linken Hand in die Luft, mit der rechten beißt sie in einen Zuckerwürfel. Eine Rauchwolke zieht der Marlboro Gold hinterher. Das hier ist ihre Mahala, ihre Nachbarschaft. Hier schlürft sie Kaffee aus blaumeisengroßen Tassen. Erst jetzt fällt mir auf, dass ihre schwarz gefärbten Haare auch einen Lilastich haben.
„Habt ihr ausgetrunken?“ Die Haustür geht auf und Amisa erscheint. Ein Baby klebt an ihrer hängenden Brust. „Da bist du ja Mina! Warte ich bringe dir eine Tasse.“
Die Tür geht wieder zu. Es macht mich etwas nervös, dass Amisa hier ist. Ich habe sie zuletzt gesehen, da waren wir Kinder. Damals brachten wir heimlich Welpen von der Straße im Kuhstall unter und pflückten so viele Kirschpflaumen, dass ich Durchfall bekam. Amisa kommt erneut raus und stellt ein kleines Tässchen samt Untertasse auf dem Tablett ab. Wir umarmen uns, fest aber kurz. Als wären die Sommer in unserer Kindheit nie gewesen. Dem Baby streiche ich nicht über den Kopf, keiner soll denken, Kinder stünden mir gut.
„Mina, willst du nicht etwas essen? Ich kann Uštipke braten.“ Amisa dreht sich nochmal in der Tür um.
„Nein, nein, ich kann noch nicht essen. Ich brauche erstmal einen Kaffee.“
Nur Kinder essen Uštipke zum Frühstück.
„Sie sagt, ich soll nicht so viel weinen“, führt Ajka wohl das Gespräch weiter, das ich unterbrochen habe.
„Ist doch normal, wenn alle aus dem Haus sind“, sagt Mutter.
„Ach, hat das Mädchen geweint“, kommentiert Amisa neckend, eine dampfenden, roten Kaffeekanne in der Hand, die sie mit einem Tuch an dem langen Stiel festhält. Sie rührt ein paar Mal um, bevor sie mir einschenkt. „Haut?“
„Ja, bitte.“
Von einer kleinen Zinnschüssel schöpft sie glibberige Milchhaut ab, die sich beim Kochen von frischer Milch bildet, dann gibt sie noch zwei Löffel so hinterher. Ich nehme mir eine Zigarette aus der Packung vom Tisch und reiche sie anschließend an Adila weiter, die mir wortlos die Hand entgegenstreckt. Sie muss im Feld gearbeitet haben. Unter ihren Nägeln und in den Furchen ihrer Finger hängt Erde.
„Sie isst zu salzig.“
Amisa wirft einen mahnenden Blick auf Ajka, ihre Ur-Oma.
„Tue ich gar nicht! Siehst du, ich trinke Tee und dieses Zeug hier.“
„Aber was hat der Arzt gesagt? Du bist einfach so, nichts kann man dir sagen.“
Alles, was Amisa tut, tut sie mit Kind auf dem Arm. Kaffee einschenken, Zuckerwürfel auf Untertassen verteilen, kommentieren, wer da gerade vorbeigerast ist – auf dem Weg in die Notaufnahme? –, Zuckerwürfelecke in Kaffee tunken und abbeißen. Ich wäre gern das Baby.
„Joj, jetzt bin ich auf den Geschmack gekommen. 60 Mark das Kilo, kannst du dir das vorstellen?“
Adila richtet das Kissen unter Ajkas Rücken, die stöhnt, vor Schmerz oder Wohlbehagen oder beidem.
„Ja, aber pass auf, dass sie dir das nicht in dieses Papier einwickeln, dann wird’s kritisch, du weißt nicht, welches Stück sie dir mitgeben, dann fährst du los und he! Du setzt dich schön hin, wartest, dass sie es dir auf einem Teller bringen, und dann tust du so, als ob du keine Zeit hättest, bittest, dass sie es dir einpacken. Dann weißt du, was du hast. Und wenn es nicht gut ist, dann soll er dir ein anderes Stück bringen!“ Adila pustet den Rauch in mein Diasporagesicht. Es stimmt. Ich habe keine Ahnung von gar nichts. Fünf Jahre war ich nicht hier. Abi, Ausland, Studium.
„Mein Gott, habe ich es vermisst, ein geschlachtetes Tier zu sehen, Kuh, Kalb, Lamm, was auch immer. Hauptsache es hängt da hinter der Theke, wenn du zum Metzger gehst.“ Mutter hält einen Moment inne. „Wisst ihr, was ich in den Nachrichten gehört habe? Merkel hat sich mit Izetbegović getroffen, sie hat gesagt, sie wird uns helfen. Deutschland mag Bosnien.“
Ich schüttle unmerklich den Kopf.
„Ach, hör doch auf. Wäre dem so, wäre das doch alles nicht passiert. Vielleicht sollten sie mal aufhören, uns zu helfen!“ Ajka guckt böse in Richtung Berge.
„Hajde, šuti, sei still. Du redest wieder viel“, sagt Adila und richtet sich seufzend und kopfschüttelnd auf.
„Wieso sollte ich nicht? Ich rede so viel, wie ich will!“
„Wohin gehst du? Bleib hier!“ Mutter wedelt mit der Zigarettenschachtel.
„Liebes, ich bin nur über das Wochenende hier und muss noch die Bohnen zu Ende stecken und den Mais aussäen. Kommt später zum Essen, Amisa macht gefüllte Zwiebeln.“ Adila verschwindet hinter den Carport, zum Feld. Sie hinkt leicht.
„Amisa, hilf mir doch, heb mein Bein auf deinen Schoß, mein Knie tut wieder weh. Ajarabi! Halt dir die Hand vor den Mund beim Gähnen, Kind! Willst du etwa, dass dir der Teufel reinfährt?“
Ich zucke zusammen bei Ajkas Worten, die Müdigkeit nach der Busfahrt stellt sich so langsam ein, ausgerechnet jetzt, jetzt, da die Sonne so warm scheint zu den Stimmen der Frauen.
„Guck dich an, du kannst ja kaum die Augen offenhalten. Amisa, hol den Liegestuhl aus dem Kuhstall, dann kann sie sich lang machen. Das ist die Busfahrt, dreißig Stunden, Leute! Aber was willst du machen, in ein Flugzeug steige ich nicht. Im Bus trifft man noch nette Leute. Hast du wen kennengelernt, Kind?“
„Ja, hinter mir und Mama saß eine Frau und hat mir Pita gegeben.“ Ich lasse aus, dass besagte Frau mir ohne Umschweife davon erzählte, wie sie sich am Vortrag eine Blasenentzündung zugezogen hatte und nun die Windeln ihrer Mutter trug. Ebenso verschweige ich die rotblauweißen Flaggen, die alle zehn Meter entlang der Straße gehisst waren, nachdem wir die letzte Grenze passiert hatten.
„Siehst du! Als ich letzte Woche in der Stadt war, um meine Rente bei der Bank zu holen, bin ich Semo über den Weg gelaufen. Wisst ihr, was er mir erzählt hat? Ein Mann hatte ihn zur Seite gewunken, weil sein Licht hinten nicht funktionierte. Er bedankte sich, aber was ihn eigentlich sorgte, war, wo sein Anhänger geblieben war! Könnt ihr euch das vorstellen? Sein Anhänger war einfach weg!“
„Mein Gott, du solltest nicht mehr alleine in die Stadt gehen. Das ist doch ein Witz! Das erzählen sich die Leute so.“ Mutter lacht sie aus.
„Was, du meinst, er hat gar keinen Anhänger?“
Amisa kommt mit der Liege zurück, klappt sie aus und richtet sie zur Sonne hin aus. Das Baby war kurzzeitig auf meinem Schoß gelandet. Ich gebe es dankend wieder ab und nehme das Kissen an, das mir gereicht wird, lege es unter meinen Kopf. Hände, ich erkenne schon nicht mehr wessen, stopfen die Decke unter meinen Körper, damit auch ja kein Windzug mich streift. Dafür gibt es ein Wort, ein Verb, ušuškati.
„Willst du den Liegestuhl haben, Nada? Steht schon seit Jahren im Kuhstall, ich weiß nicht, was Mirela sich dabei gedacht hat, als ob ich Zeit hätte, auf einem Liegestuhl zu liegen.“
„Sprich nicht so über meine Mutter.“ Amisa betont ihre Worte scherzhaft böse.
„Als ob wir in Monaco wären. Sie hat doch überhaupt keine Ahnung mehr, wie es ist, hier zu leben.“
„Seitdem es Jugoslawien nicht mehr gibt, war ich nicht am Meer“, sagt Oma Nada.
„Habt ihr gehört, einige wollen zurückkommen.“ Adila hat sich doch nochmal für eine Zigarette zu uns gesellt.
„Wer will wohin?“ Oma klingt sichtlich irritiert.
„Na, sie wollen zurück in ihre Häuser!“
„Dann hätten sie ihre Häuser mal nicht von heute auf morgen verlassen sollen! Sein Haus verlässt man nicht. Man muss bei seinem Haus bleiben!“ Jetzt ist Oma ganz laut geworden, sie keift fast. Oder bilde ich mir das ein. Ich bin so müde.
„Semo sagt, er hätte Cvitana gesehen. War das jetzt auch ein Scherz?“
„Cvitana? Der muss dich ordentlich verarscht haben. Die konnte es doch kaum erwarten, von hier zu verschwinden.“ Mama pult eine Mandarine. Das kann ich riechen.
„Ein Recht auf Rückkehr hat sie.“
Cvitana? Ich bin mir sicher, den Namen habe ich noch nie gehört.
„Du weißt nicht, wovon du redest!“ Die Carport-Tür öffnet und schließt sich krachend. Ich zucke hoch.
„Was ist denn mit Nada los?“
Niemand hat eine Antwort.
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
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