Björn Bischoff: Falsch Zeugnis
Das blaue Licht der Tankstelle erhellte die Raststätte, auf deren Parkplatz wenige Autos standen. Ein Schild neben der Autobahn wies auf die säulenförmige Kapelle hin, man hätte das Gebäude hinter der Tankstelle sonst übersehen. Hinter den Scheiben der vorbeirasenden Autos und Lastwagen erkannte niemand auch nur eine Menschenseele.
Bornholm hoffte, dass das kleine leuchtende Kreuz, das er ins Fenster im Treppenaufgang der Kapelle gehängt hatte, zumindest ein paar Reisenden auffiel.
Alle fünf Stunden hielt Bornholm einen Gottesdienst in der Autobahnkapelle ab. Die erste Messe begann um sechs Uhr morgens. Die letzte Messe hielt er um neun Uhr abends.
Bornholm stellte sich auf die Kanzel und blickte für eine Weile zu den Bänken in dem beengten Kapellenraum, bevor er sprach. Ein Lastwagenfahrer saß dort, seine Hände knetend zwischen den Knien, und stimmte in die Gebete in einer Sprache ein, die Bornholm nicht verstand.
Wenn Bornholm sich an der Kanzel festhielt, spürte er die Vibration der Kapelle. Den Lärm der Autobahn selbst nahm er nicht mehr wahr, wenn er nicht darauf achtete.
In der Tankstelle kaufte er sich ein belegtes Brötchen, eine Flasche Wasser, Bananen und Zigaretten. Die Kassiererin grüßte ihn freundlich. Seit Bornholm vor sieben Monaten seine Pfarrstelle in der Autobahnkapelle angetreten hatte, begegnete er der Frau fast jeden Tag.
Anfangs ging er zwischen den Gottesdiensten spazieren. Wanderwege führten durch das Tal. Egal, in welche Richtung er ging, Bornholm sah zwischen den Bäumen stets den Schein des blauen Lichts der Tankstelle in der Ferne.
Während er eine Zigarette neben der Kapelle rauchte, beobachtete er die Tankstelle. Ein Wagen fuhr vor, eine Frau stieg aus und tankte. Als sie Bornholm bemerkte, nickte sie ihm zu. Er hob die Hand, um den Gruß zu erwidern. Er achtete darauf, dass es die Hand war, in der er nicht die Zigarette hielt.
Bornholm ging in die Kapelle, stieg die Treppe hinter dem Altar nach oben in die Dachkammer, wo er schlief. Wenn er sich ins Bett legte, hielt er sich an dessen vibrierenden Rahmen mit einer Hand fest. Das Gefühl von Holz unter seinen Fingern beruhigte ihn.
Eine Familie fand sich zur Morgenmesse ein. Als Bornholm auf die Kanzel ging, hörte er die Mutter flüstern. Draußen zogen drückende Wolken über den Himmel. Die Hitze stand im Innenraum.
Er hielt die Predigt kurz, sowohl die beiden Kinder als auch die Eltern rutschten auf der Bank. Ihre Bewegungen ließen die Bänke knacken.
In der Kapelle gab es keine Orgel. Bornholm spielte die Musik für die Gottesdienste über einen CD-Player ab. Auf einem Album befanden sich Varianten von Stücken Bachs, ein Album enthielt Coverversionen von bekannten Popsongs im Stile des gregorianischen Gesangs, eine Sammlung enthielt Lieder für Beerdigungen.
Er startete für die Segnung die Musik. Ein Chor sang Tom’s Diner aus den kleinen Lautsprechern. Auf dem Display des Apparats liefen die Sekunden. Bei der fünften Sekunde sprang die Aufnahme. Bornholm hörte, wie die Scheibe in dem Gerät rotierte. Nach vier Sekunden sang wieder der Chor. Das Display zählte die Sekunden ab fünf weiter. Bornholm legte die Hand auf den Tisch. Es kribbelte in seinen Fingern. Die Aufnahme setzte aus. Er hörte, wie eins der Kinder mit seiner Mutter sprach. Bornholm hielt die Hände in die Luft.
»Gehet hin in Frieden.«
»Dank sei dem Herrn«, antwortete der Vater.
Bornholm hörte, wie der Apparat nach dem Punkt suchte, um die CD fortzusetzen, und ihn nicht fand.
Die Familie erhob sich. Neben der Tür der Autobahnkapelle hing ein violetter Samtbeutel. Bornholm bemerkte, wie der Vater die Hand in den Beutel steckte und wieder herauszog. Die Kinder und die Mutter waren bereits aus der Kapelle gegangen und standen im hellen Sonnenlicht des Parkplatzes. Der Vater drehte sich um und hob die Hand. Bornholm sah ihn in der Tür als unscharfen Schatten, der die Kapelle verließ.
Der Apparat startete das Stück fast am Ende. Der Chor sang.
Als Bornholm seine Notizen und seine Bibel von der Kanzel geräumt hatte und sich auf den Weg zur Tankstelle machte, schaute er in den Beutel. Er verzog das Gesicht. Die Vibration nahm zu. Er musste sich festhalten.
Bornholm hatte eine Stunde im Dachgeschoss wachgelegen. Die Fenster hatten keine Jalousien. Das blaue Licht der Tankstelle breitete sich Tag wie Nacht in dem Zimmer aus.
Er hielt sich am Bettgestell fest. Der Schlaf kam nicht. An einer Wand hing ein Landschaftsbild, das schon vor ihm in der Kapelle gewesen war. Ein schwarzer Wald, darin eine Lichtung und eine Hütte, neben der ein Engel schwebte.
In dem Zimmer sah es aus wie an Bornholms erstem Tag. Er hatte nichts verändert. Ein Tisch und zwei Stühle standen in der Ecke. Eine Kochnische, ein Bett, ein Spiegel, ein Schrank, ein durchgesessenes, weißes Sofa. Mit der freien Hand rieb er sich die tränenden Augen. Seit er in der Autobahnkapelle predigte, strengte ihn das Sehen an. Buchstaben verschwammen auf den Seiten, das Mobiliar zitterte. Seine Augen konnten nichts lange fixieren. Nach langen Tagen ruhte er sie aus, indem er in das kleine Badezimmer schaute, das an den Raum anschloss. Die schwarzweißen Fliesen beruhigten ihn, bis er einschlief.
Niemand erschien zu dem Gottesdienst. Bornholm stand an der Kanzel. Durch die offenen Türen sollte der Wind gehen, aber die Luft stand. Bornholm bereitete alles für das Abendmahl vor. Das Blut Christi hatte er in einen Kelch gefüllt, ihn zusammen mit dem Fleisch Christi auf ein rundes Tablett gestellt. Er hatte ein Geschirrtuch bereitgelegt, um den Rand des Kelchs abzuwischen. Das Geschirrtuch hatte er aus der Kochnische seines Zimmers mitgenommen, weil er im Altarraum keins gefunden hatte. Auf dem Geschirrtuch waren Mäuse abgebildet, die aus Tassen tranken. Es sah unbenutzt aus. Nach einer halben Stunde aß Bornholm eine Hostie und trank vom Traubensaft aus dem Kelch.
Er setzte sich auf die Stufen, die zum Altar führten. Der Boden zitterte. Bornholm beugte sich nach vorne und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Es gab noch zwei weitere Gottesdienste an diesem Tag. Die Sonne drückte durch die Kapellenfenster. Sie waren zu klein und standen zu eng beieinander. Bornholm fiel es erst jetzt auf. Ein Fenster zeigte eine Szene des heiligen Sebastian, von Pfeilen durchbohrt an einer Säule festgebunden. Er stand auf und ging zu dem Fenster. Mit dem Geschirrtuch wischte er einen Fleck aus einer der unteren Ecken.
Er trank den letzten Rest Traubensaft aus dem Kelch und verstaute die übrigen Hostien in einer Dose. Seinen Talar legte er zusammengefaltet auf den Altar. Er trug ein ausgeblichenes schwarzes T-Shirt und eine kurze Hose darunter, dazu Sandalen. Als Bornholm aus der Kapelle trat, ließ er die Türen offen.
Bornholm stellte sich in Unterhose vor den Spiegel. Sein Bauch ragte über den Rand des Feinrippslips. Schweiß sammelte sich in der Falte darüber. Bornholm wischte ihn mit den Händen weg. In dem Dachgeschoss hatte sich die Hitze gestaut. Bornholm blickte in den Raum, der sich im Spiegel abzeichnete. Ein Raum, in dem die Linien klar und deutlich erschienen. Wenn er die Finger auf den Spiegel legte, spürte er auf der Oberfläche keine Vibration, keine Bewegung. Der Raum erschien ihm unbewegt, abgesehen von dem Mann in dem Feinrippslip, der sich darin drehte und umschaute. Auf dem Parkplatz fuhr ein Lastwagen vor. Bornholm erkannte das Geräusch der Bremsen, das Zischen der Leitungen, zumindest vermutete er, dass es die Leitungen waren, er kannte sich mit den Lastwagen nicht aus. Das Vibrieren des Raums nahm zu, bis jemand den Motor ausschaltete. Er legte sich hin, die Finger um das Bettgestell gekrampft.
Sie habe jemanden verloren, erst vor kurzer Zeit, sagte sie, als sie den Pastor nach dem Gottesdienst ansprach.
»Mein aufrichtiges Beileid«, sagte Bornholm.
Die Wege des Herrn seien ja unergründlich, sagte sie.
»An so einem sonnigen Tag«, sagte Bornholm.
Er sei noch jung gewesen, sagte sie, ein Krebsleiden, obwohl er nie geraucht habe, das sei doch merkwürdig.
»Bleiben Sie doch noch einen Augenblick.«
Niemand habe sowas ja verdient, sagte sie, egal, in welchem Alter.
»Sie können noch hierbleiben, wenn Sie mögen. Ich lasse die Türen auf.«
Von heute auf morgen sei er von ihr gegangen, Blut habe er gespuckt, kam aus dem Bauchraum und von den Geschwüren in der Speiseröhre. »Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein«, sagte Bornholm.
Sie entschuldigte sich und bat um ein Taschentuch, es käme manchmal einfach über sie, seitdem er nicht mehr ist.
Bornholm hatte den CD-Player an diesem Abend mit ins Obergeschoss genommen, um ihn zu reparieren. Mit einem Kreuzschraubendreher hatte er die kleinen Schrauben auf der Rückseite des Apparats gelöst. Er saß an dem Tisch, eine kleine Lampe auf die Öffnung gerichtet, und starrte zu Kabeln und Lötstellen, die leise vibrierten. Er verstand das Innenleben des Apparats nicht. Der menschliche Körper hatte eine Stelle, da ging Nahrung hinein, rauschte durch, kam an einer anderen Stelle wieder raus, besaß eine Luftröhre und eine Lunge, ein Gehirn und Muskeln. All dies erschloss sich ihm. Bei dem Apparat verstand er nicht, wie der Strom floss und was sich zwischen den einzelnen Platten tat. An keiner Stelle sah er Musik in dem Apparat. Bornholm drückte mit dem Schraubendreher an ein paar Stellen, verschob die Linse, die er im Fach für die CD fand. Er schaltete die Tischlampe aus. Vor dem Fenster flog ein großer Vogel über das Dach der Tankstelle dahin, sein Schatten zeichnete sich vor dem blauen Licht ab. Bornholm vermisste die Straßen hinter seinem Elternhaus, sein Kinderbett mit der Bettwäsche eines Fußballvereins, das Senfglas mit verblassten Figuren aus dem Dschungelbuch, das er als Trinkglas benutzt hatte, bis er zwölf gewesen war. Als er aufstand, merkte er, dass er die Melodie eines Liedes summte, an das er seit Jahren nicht gedacht hatte.
Er saß nackt vor dem Spiegel. Alle zehn Finger hatte er auf die Oberfläche gelegt. Aus ihnen floss sein Spiegelbild auf die andere Seite. Bornholm blickte sich in die Augen. Das blaue Licht spiegelte sich in seinen Pupillen. Er näherte sich mit seinem Kopf langsam der Oberfläche, bis er sie kalt an seiner Stirn spürte. Es fühlte sich nach Ruhe an.
Er sei wahrscheinlich in den Wald gegangen und habe sich da verirrt, sei verdurstet oder sowas, sagte der Mann neben seinem Sharan an der Zapfsäule.
Er habe sich wahrscheinlich erhängt, sagte Magdalena, die an der Kasse der Tankstelle arbeitete.
Er wisse gar nicht, wie der Mann aussehe, sagte der Hausmeister, der sich um die Instandhaltung und Pflege der Autobahnkapelle kümmerte.
Er habe so nett gewirkt, sagte die Frau, die in schwerer Stunde zu ihm gekommen war.
Er sei wahrscheinlich auf die andere Seite gegangen, sagte ein Lastwagenfahrer, als er die Geschichte von einem Kollegen, der sie aus der Lokalzeitung vorlas, beim Rauchen hörte und danach in seinen 40-Tonner stieg, um weiterzufahren, bevor ihm die 153 Schweine in seinem Anhänger verreckten.
Er war neu auf dieser Stelle. Als erste Amtshandlung nahm er das scheußliche Bild von der Wand.
Ein Wagen fuhr auf die Raststätte, steuerte die Parkbuchten bei der Autobahnkapelle an, bremste kurz ab, setzte den Blinker, wendete und fuhr dem blauen Licht der Tankstelle entgegen.
Letzte Änderung: 14.08.2026 | Erstellt am: 14.08.2026
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