Bar Hopper. Eine Short Story
Frisch verlassen und fest entschlossen, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen, kehrt Eva zu Hoppers Nighthawks zurück – dem Gemälde, unter dem ihre große Liebe begann. Doch als sie nach Museumsschluss im Dunkeln festsitzt und die Leinwand plötzlich zum Leben erwacht, beginnt eine rauschhafte Nacht, die ihr verlorenes Strahlen zurückbringen könnte.
„You used to be the original Mona Lisa, now you’re just a cheap copy!“ hatte er gesagt. Sie fragte sich, ob das vor oder nach seiner Bemerkung über ihr fehlendes Leuchten war. Egal, denn laut ihrem Ex wäre der Sparkle abhandengekommen. “You simply stopped shining“ hatte er gesagt, während sie ihn stumm ansah und sich fragte, was das „simply“ in diesem Satz sollte, denn nichts ging simply und schon gar nicht mit ihm. Im Hier und Jetzt war auch absolut nichts einfach. Nachdem sie ein weiteres Mal, so laut es ging geschrien hatte, musste sie sich vor Ort ebenfalls mit dem abhandengekommenen Licht beschäftigen, genauer gesagt mit einem nicht vorhandenen Lichtschalter des dunklen Raumes, in dem sie eingeschlossen war. Fahrig tasteten Hände Wände entlang, erst in wilder Choreografie, dann mit mehr System, von einer Wandseite zur anderen. Raues Mauerwerk gab nichts her außer eine Handmassage und dem grauenvollen Gedanken, wie viele Bakterien sich auf ihrer Hautoberfläche ansammeln würden im Müllraum des Art Institute of Chicago. Ein Plastikrahmen! Ihre Bakterienhände fanden den Schalter. Halleluja, sie die Frau ohne Licht hatte das Licht gefunden, nur um nach unzähligen Versuchen einzusehen, dass es nicht funktionierte. Begleitet vom knackenden Geräusch des Schalters blieb sie glücklos.
Damals war sie so glücklich gewesen, ihn gefunden zu haben – ihren Seelenverwandten, das Yin zum Yang, die andere Hälfte. Sie tanzte in den siebten Himmel mit dem kaum zu zügelnden, frisch erhörten Galan. Ein bebrillter, gut erzogener, formschöner Amerikaner, mitgebracht von ihrem Sabbatical, gefunden unter dem Kunstwerk im Chicagoer Museum, das fortan ihr beider Bild sein sollte. Sie hatten darüber gelacht, dass andere nur ein Lied oder einen Restaurantbesuch zum Jubiläum vorzuweisen hatten, während sie ein Gemälde namens Nighthawks von Edward Hopper in die Heldensagen ihrer Beziehung einfließen lassen konnten. „I’m the Adam to your Eve!“ sagte er nach dem ersten Kuss auf der Bank unter dem Bild. Sie war da schon zu verliebt, das Eve in Eva zu korrigieren. Später sagte er es nur noch, wenn Freunde zu Besuch kamen, die es mit seiner virtuos orchestrierten Eigenpräsentation zu beeindrucken galt. Sie hätte ihm mit auf den Weg geben sollen, dass er zwar als Adam erschienen war, sich aber dann schnell in einen lahmen Anton verwandelt hatte. Anton! Ein Name zum Davonlaufen.
„Eva!“ ermahnte sie sich, es gab Wichtigeres, als Erinnerungen an zu Verdrängendes. Wieder tastete sie sich in Richtung Ausgang. Was sollte das bringen? Als die dumme Türe zugefallen war, hatte sie bereits drei Fingernägel bei den Öffnungsversuchen gelassen. „Halloooooo, ist da jemand?“ hallte die inzwischen heiser geschriene Stimme durch Museumsunrat. Den Toilettenschildern folgend, hätte sie sich auskennen müssen, nach den vielen Malen hier im Museum, wo doch der Rest so reibungslos gelaufen war. Noch einmal auf ihr gemeinsames Bild schauen, um sich symbolisch zu verabschieden, die Rettung aus dem Elend. Endlich loslassen und ein eigenes Leben beginnen. Warum zur Hölle war sie nicht in der Lage gewesen auf die Damentoilette zu gelangen, statt sich im Müllraum des dritten Stockes einzuschließen? Sinnigerweise gab das Handy schon kurz nach Einschluss den Geist auf. Angst kroch durch verschwitzte Hemdsärmel. Atmen! Nach kurzer Berechnung raubte die Erkenntnis, dass das Museum nun geschlossen sein musste, ihr vorübergehend den Verstand, der sich nur durch 4 zu 6 Atmung wieder zurückschnaufen ließ. Fürs Protokoll: Eva ohne Adam, der eigentlich Anton hieß. Die billige Kopie der Mona Lisa, unfähig, frisch verlassen, hatte sich in ihrem erbärmlichen Zustand auf den Weg gemacht, den sadistischen Ex-Partner am Ort der amourösen Initialzündung vergessen zu wollen, um dann stattdessen in einem übelriechenden Abfallraum ohne Licht zu landen. Die Gewissheit, was er dazu sagen würde und der ernüchternde Gedanke, dass seine Stimme immer noch in ihrem Inneren das Geschehen protokollierte, um gebetsmühlenartig zu wiederholen was für eine unfähige Stümperin sie doch war, ließ sie aufschluchzen. Wo steckten ihre zwischenmenschlichen Abwehrkräfte? Zorn, der sich hätte bilden sollen bei wiederholten, demütigenden Grenzüberschreitungen? Ein Schluchzer hallte in Richtung Dunkelheit. Endlich, endlich kam der Schrei, die letzten zwei Jahre angesammelt, aus den Tiefen ihres Seins. Er bahnte sich brachial den Weg durch Abfallcontainer mit leeren Starbucks Bechern, alten Bananenschalen und allerlei Organischem aus den Waschräumen. Eva stand in den Scherben ihrer Existenz, die sich getrost auf den Müll hier werfen ließen und wusste nicht mehr weiter. Sie hatte sich den Moment minutiös ausgemalt, war mehrfach bei ihrer Therapeutin, um überhaupt den Flug auszuhalten und hatte die Ängste bei der Immigration von irgendeinem wildgewordenen Trumpisten geradewegs nach Guantanamo deportiert zu werden, ertragen. Wurde auf den letzten Drücker ins Museum gelassen, war schon fast beim Bild, musste nur noch schnell pinkeln und dann? Das hier und ein, inzwischen unaushaltbarer, Druck auf ihrer Blase, der Ursache des ganzen Schlamassels.
Das Rinnsal unter ihren Beinen plätscherte ins Irgendwo, als es am Zäpfchen kitzelte. Ungläubiges Räuspern beim ersten Kichern. Ein tiefer Atemzug … gefolgt von einem Lachen, wie seit Jahren nicht mehr, bis es klackte. Sie zwickte sich, um sicherzugehen nicht geträumt zu haben. Hose hoch, Reißverschluss zu, vergessen abzuwischen, egal. Ein paar unsichere Schritte durchs Schwarz. Sie schrie auf, als die sich öffnende Türe ihrem panischen Zug mit entsprechender Wucht begegnete. Die Tür! Sie war offen! Noch auf dem Hintern sitzend, erhob Eva sich mühsam in Richtung schwach beleuchteter Rettung. Bis auf Sohlen, die sich leicht schmatzend durch polierte Flure in Richtung Bild bewegten, keine Geräusche. Feierabend, niemand da, ein kurzer Angstschauer, dass vielleicht der Alarm losginge. Sie zog ihre Turnschuhe aus, strumpfsockig schlich es sich besser in Richtung Sammlung amerikanischer Kunst.
Endlich! Ein Topf voller Honig ergoss sich in ihrem Kopf, als flackernde Augenlider im weichen Licht des Gemäldes zur Ruhe kamen. Eva flehte den Gott der schönen Künste und bösen Trennungen an, ihr nur ein paar Minuten auf der Bank zu gewähren, bevor man sie als Einbrecherin mit Sirenen des Landes verwies. Völlig unbeeindruckt von jedwedem Dilemma drehte der Mann im Anzug ihr den Rücken zu, gelehnt auf die geschwungene Theke, getaucht ins grüne Licht einer verwaisten New Yorker Straßenecke. Das Pärchen im Gespräch, eine schöne rothaarige Frau im eleganten Kleid vertieft in die Unterhaltung mit ihrem Verehrer. War das Gespräch gut, war man sich neu oder bereits bekannt? Ganz bei der Arbeit bemühte sich der Barkeeper, in weißer Livree und passendem Hütchen, um ein beflissenes Gesicht. Sie saugte das Bild auf, konnte fast Farben schmecken, die Nachtluft der gemalten Straße riechen. Moment, etwas stimmte nicht! Die Leinwand schien sich im rechten, unteren Eck zu wellen, eine Hand, deren fordernder Zeigefinger sie näher heran dirigierte, lugte aus dem Rahmen.
Unfähig, der Situation mit Widerstand zu begegnen, sprang sie zum Bild. Der Canvas klappte auf, zu einer Hand kam noch eine, dann reckten sich Arme nach draußen, packten an und zogen sie ins Innere. Schwach auf der Brust und zittrig in den Beinen stand sie da, um sich entweder zu übergeben oder wieder aufzuwachen, denn das konnte nur ein Traum sein. Die Hände kamen wieder aus dem Nichts in ihre Richtung. Sie waren an einem ganz normal aussehenden, lächelnden Mann im Anzug befestigt. „Na, immer mit der Ruhe, wir beißen nicht!“ sprach er mit sonorer Stimme. Ihr eigener Mund bewegte sich nicht, Lippenlähmung durch absolute Perplexität. „Wir sind doch alte Bekannte!“. Der Mann im grauen Anzug lachte so sehr, dass sein rötlicher Bart wackelte. Freundliche Falten um seine Augen hielten ihre Mount-Everest-große Angst in Schach. „Was … wie … wie kann das sein?“ beruhigend zu wissen, dass sie doch noch sprechen konnte. „Jetzt komm doch erstmal rein, Eve oder soll ich dich lieber Eva nennen?“ Tausend Fragen unter ihrer Kopfdecke würden gleich Haarspitzen anzünden und als Rauchschwade die Hemisphäre verdunkeln. Dazu kam es nicht, denn schon standen beide an der Bar im gelblich beleuchteten Gastraum ihres Bildes. „Warum bewegt ihr Euch, das ist doch ein Bild hier?“. „Immer mit der Ruhe, ich stell dir erstmal alle vor. Duke, nice to meet you!“ Die rote Frau und der Mann im Anzug winkten freundlich „Miles und Ruth kennst Du ja schon vom Sehen“ der Barkeeper im kecken Hütchen zwinkerte „sag hi zu Quinn“.
Ein Taumel aus Wahrnehmungen, ihre Eindrücke drehten Pirouetten. Sie saß an der Bar im Bild, neben Duke, dessen Rücken sie oftmals angestarrt hatte, um sich zu fragen, wie die Vorderseite wohl aussehen möge. Musik waberte, Gespräche zogen an Rauschschwaden entlang durch den Raum, Gläser klirrten. Eines fand den Weg in ihre Hand, „Bottoms up!“ und leer war es, um sich weich in Richtung Magen zu brennen. Sie saß mal hier, saß mal da, saß plötzlich auf einem Schoß. Engumschlungen tanzten Paare, jemand raunte ihr im Vorbeigehen ins Ohr „das konnte doch so nicht weitergehen mit diesem Fatzke!“. Die rote Frau, die jetzt Ruth hieß, zog sie in Richtung Powder Room. Das Bild voll mit Menschen, manche trugen Togen, es waren sogar ein paar Halbnackte da, denen Extremitäten zu fehlen schienen. „Darling, hab keine Angst, auch wir haben ein Recht auf Freiheit!“. Kaum ausgesprochen wurde Eva wieder in den Rummel gezogen. Ein volles Glas mehr, das geleert werden musste. Jemand hielt ihr ein kleines Fläschchen unter die Nase, worauf sich die Welt in Spiralen drehte. Wild wollte sie sein, knurren und in Waden beißen. Ihr gehörte die ganze, gottverdammte Welt! Leichtsinn flirrte durch den Raum, schlang sich um alle Anwesenden, die auf, neben und hinter der Bar ekstatisch zu immer schneller werdender Musik tanzten. Die Apokalypse war nah, ihre Reiter standen auf der Gästeliste. Warum also nicht den letzten Calypso tanzen? Ein Glitzerschauer aus göttlichem Konfetti regnete herab. Sie blickte nach oben in den Himmel, das Dach war verschwunden, ersetzt durch eine Dusche im Funkeln des Universums. Sie ließ sich im Glitzer herumwirbeln, bis die Trance ihre Nacht weiter in die Zügellosigkeit drehte. Eva strahlte so hell, dass selbst die einarmigen Toga Träger sich ehrfürchtig vor ihr verneigten. Duke, der plötzlich viel mehr als nur einen Rücken zu bieten hatte, zog Eva an sich, sie konnte Barthaare spüren. Seine Hände packten sie plötzlich viel zu fest an den Schultern. War er denn verrückt geworden, so an ihr zu schütteln, das war nicht wild, sondern unmanierlich.
„Ma’am! Wachen Sie auf! Madam!“ „Sie ist ganz kalt, sollen wir einen Krankenwagen rufen?“ „Kein Wunder lag ja die ganze Nacht hier.“ „Riecht man auch!“. Ein Funkgerät piepte „Security, bitte in den dritten Stock kommen, Person im Müllraum aufgefunden“. Augen, die sich öffneten, „Sie kommt zu sich! Ma’am können sie mich verstehen?“. Zwei Gläser Wasser später saß sie, gewickelt in eine Decke, im Büro des Museums mit Angstschweiß auf der Stirn. Nach ihrem erfolgreichen Versuch die grimmigen Anwesenden davon zu überzeugen, sich nicht absichtlich eingeschlossen zu haben, stand Eva traurig auf der Straße vor dem Museum in Chicago.
Alles nur ein Traum! „Nicht mal das kannst Du richtig machen!“, sagte der lahme Anton in ihrem Kopf. Sie hob tränende Augen in Richtung Himmel und steckte trotzig ihre Hände in die Jackentaschen.
Es knisterte, sie griff danach. Eine Handvoll Glitzerkonfetti funkelte Morgenlicht in ihr Gesicht.
Letzte Änderung: 15.09.2026 | Erstellt am: 15.09.2026
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