Alina Valerie Weinert: himmel sehen

Alina Valerie Weinert: himmel sehen

RSP 2026 Longlist

Hast du noch Tesa, frage ich.
Ich bastele an einer Einladungskarte für meinen Geburtstag. Zur Probe. Mein Geburtstag ist erst im März und jetzt ist September, aber ich will auch, dass sie sehr gut aussehen.
Maren bastelt an einem Scobidoo-Band. Sie will es als Freundschaftsarmband verschenken. Ich hoffe, dass es für mich ist, aber ich glaube, es ist für Franzi.
Nee, kein Tesa, sagt Maren. Alles weg. Ich hab Mama die Zigaretten zusammengeklebt.
Warum, frage ich.
Mama sagt, dass Menschen davon sterben, deswegen darf ich das nie machen, aber sie macht es ja und ich will nicht, dass sie stirbt, deswegen hab ich die Zigaretten zusammengeklebt mit allem Tesa, den ich habe und dann mit der Küchenrolle und dann mit dem Klopapier, aber wir hatten nur zwei Rollen, aber dann hatten wir noch einen Karton, da waren Glasflaschen drin, da hab ich alles reingemacht und zugeklebt.
Ich schaue Maren begeistert an, weil sie so schlau ist.
Und jetzt raucht deine Mama nie mehr Zigaretten?
Doch, sie hat mich auf mein Zimmer geschickt und neue gekauft, sagt Maren.

Maren und ich sitzen auf dem Dachboden. Der Dachboden ist Marens Zimmer. Ich bin schon immer neidisch, dass Maren einen ganzen Dachboden für sich hat. Wir können zwar nur in der Mitte aufrecht stehen und im Sommer ist es ganz warm, aber es gehört alles Maren. Über eine Hühnerleiter klettern wir zu einer Luke, die schwer ist und bei der wir aufpassen müssen, dass wir nicht ausrutschen, weil wir stehen ja auf der Hühnerleiter. Und wenn wir oben sind, müssen wir aufpassen, dass wir die Luke wieder zumachen und nicht einfach durchs Zimmer rennen und vergessen, dass die Luke offen ist und runter fallen in das Loch von der Luke auf die Hühnerleiter.
Maren hat die neue Smash-CD. Ich lege sie in den Discman und wir hören unseren Lieblingssong. Maren singt: Maren hi, Maren ho Maren hoho. Nur dass die gar nicht Maren sagen, sondern was anderes, auf einer anderen Sprache.
Auri sagt, das ist rumänisch und vielleicht stimmt das auch, weil Auri kann nämlich rumänisch. Auri sagt, die singen nur über Liebe und über Tanzen und so. Das Musikvideo haben wir noch nie gesehen, aber Franzi hat gesagt, es ist auf einem Flugzeug, aber auf dem Flügel vom Flugzeug draußen in der Luft und alle haben Sonnenbrillen mit bunten Gläsern.

Der Boden in Marens Zimmer ist nicht gerade. Maren hat es mir gezeigt: Sie lässt eine Murmel auf den Boden gleiten und wir beobachten wie die Murmel von selber einmal durchs Zimmer rollt und unter Marens Bett liegen bleibt.
Unter uns ist der schiefe Boden und über uns der Himmel. Nur eine Schicht Dach ist dazwischen.
Maren hat mal gesagt, bevor sie auf der Welt war, war sie Sterne putzen. Ich glaube, dass sie recht hat.
Wir haben dann lang nach draußen geschaut. Auf dem Dachboden sind wir näher an den Sternen als sonst.
Wenn ich tot bin, hat Maren gesagt, putze ich wieder die Sterne.
Ich auch, habe ich sie gefragt.
Vielleicht, hat Maren gesagt.

Marens Vater ist nicht da. Er war noch nie da. Ob sie gar keinen hat, habe ich sie früher einmal gefragt, als wir noch klein waren. Maren hat mich ernst angeschaut.
Das hab ich auch erst gedacht, hat sie gesagt, aber dann hat Mama gesagt, dass so was gar nicht geht.
Ihr Vater, hat Marens Mutter gesagt, hat Maren gesagt, ist einfach kein guter Mensch. Marens Vater mag keine Kinder.
Ich habe oft versucht, mir vorzustellen, wie einer aussieht, der ein schlechter Mensch ist. Immer hat er kein Gesicht, nur eine verschwommene Fläche auf dem Hals wie schlecht radiert. Eigentlich redet Marens Mutter nicht von ihm, aber manchmal macht sie es trotzdem. Sie hat erzählt, dass er früher hier gewohnt hat und dann mit dem Zug weggefahren ist. Wenn Marens Mutter von Marens Vater spricht, dann sagt sie nur er.
Aber weiß er denn, dass es dich gibt, hab ich zu Maren geflüstert.
Wenn er erst mal weiß, dass es dich gibt, dann muss er dich ja mögen. Dann fährt er wieder zurück.
Maren hat an ihren Nägeln gekaut.
Er weiß, dass es mich gibt, hat sie gesagt. Er will mich nur einfach nicht kennenlernen.

Wir hören den Schlüssel und wie jemand nach uns ruft. Marens Mutter. Wir sollen runter kommen für ein Eis, wenn wir wollen. Ich will schon gerne Eis, aber mit Marens Mutter ist es auch immer langweilig, weil sie über langweilige Sachen redet.
Marens Mutter hat ein Glasauge. Das mit dem Glasauge weiß ich erst, seit Maren es mir letzte Woche gesagt hat, aber seitdem kann ich Marens Mutter nicht mehr richtig ins Gesicht schauen, weil das Glasauge gruselig ist.
Wir gehen die Hühnerleiter runter, vorsichtig.
An euch sind zwei Jungen verloren gegangen, sagt Marens Mutter, als sie uns sieht mit dem Glasauge.
Ich verstehe nicht, was sie meint.
Was ist denn mit euren Hosen los, sagt Marens Mutter.
Wir schauen an uns runter.
Da ist Sand an den Knien.
Wir waren davor auf dem Spielplatz, sage ich.
Wart ihr so oben, fragt Marens Mutter.
Maren knibbelt an ihrem Scobidoo-Bändchen, das sie mit runter genommen hat, rosa und grün.
Tschuldigung, sagt Maren.
Tschuldigung, sage ich, was Maren gesagt hat.
Da gibt Marens Mutter Maren eine Ohrfeige. Maren schreit und wirft dabei eine Vase im Flur um. Marens Mutter schreit auch und sagt dann, dass Maren die Scherben aufsammeln muss. Marens Mutter geht ins Wohnzimmer und macht den Fernseher an.

Maren räumt die Scherben auf. Sie ist ganz still geworden und ein bisschen rot im Gesicht.
Ich setze mich zu Marens Mutter an den Fernseher, denn ich habe die Vase ja nicht umgeworfen. Es läuft das mit der Richterin in dem langen schwarzen Mantel.
Willst du Maren nicht helfen, sagt Marens Mutter zu mir.
Ich erkläre Marens Mutter, dass ich die Vase ja nicht umgeworfen habe.
Einer Freundin hilft man aber, sagt Marens Mutter und da schäme ich mich. Ich gehe zu Maren in den Flur, wo sie noch immer die Scherben aufsammelt und mache still mit. Maren sagt auch nichts. Maren sagt meistens nichts.
Maren hat sich verfahren, sagen die anderen, wenn Maren morgens zu spät zur Schule kommt. Maren kommt oft zu spät und die anderen sagen das oft, aber Maren sagt dann nichts. Maren ist das egal. Maren ist stark.
Irgendwann sind wir fertig und setzen uns zu Marens Mutter an den Fernseher. Wir löffeln das Eis aus durchsichtigen Schüsseln, Vanille und Schlumpf, und Maren und ich zeigen, wie unsere Zungen langsam blau werden.
Jetzt kommt eine Sendung, bei der immer Leute lachen, die man gar nicht sehen kann. Wir lachen mit den unsichtbaren Leuten.
Das Bild ändert sich plötzlich.
Mach das doch nicht immer, sagt Marens Mutter.
Ich hab gar nichts gemacht, sagt Maren.
Sie hat wirklich gar nichts gemacht, sage ich, was Maren gesagt hat.
Maren hat recht und ich auch. Die Fernbedienung liegt weit weg auf dem Tisch. Der Fernseher hat von selber umgeschaltet. Das hat er noch nie gemacht.
Es läuft jetzt was mit einem Flugzeug und großen Häusern. Ich will lieber wieder das schauen mit den unsichtbaren Leuten und mitlachen.
Schalt zurück, sage ich zu Maren.
Warte mal, sagt Marens Mutter.
Ein Flugzeug, das in ein großes Haus geflogen ist. Vorsichtig kratze ich das blaue Eis aus der Schale und greife mit dem Zeigefinger nach einem Eiskristall, der durchsichtig ist wie Glas. Auf meinem Finger wird er zu einem kleinen Tropfen, der über meinen Nagel fließt.
Einmal im letzten Winter ist viel Schnee gefallen und ich war mich sicher, das war das weißeste Weiß der Welt. Kein Himmel war mehr über mir und ich hab die dicken Flocken mit der Zunge aufgefangen, um einen Blick nach oben zu erhaschen. Mit meinen bloßen Händen habe ich einen Schneeball geformt und mit nach Hause genommen. Da hab ich die Kugel auf mein Bett gelegt. Meine Finger waren taub und ich habe gewartet, wie der Schnee zu einer zweiten Bettdecke wird aus lauter feinen Eiskristallen. Er wurde aber nur zu dreckigem Wasser, ein bisschen braun und sonst durchsichtig.
Ich frage mich, wie der Pilot das Haus nicht gesehen hat, das doch direkt vor ihm war. Ob da Flocken vom Himmel gefallen sind und die Nase vom Flugzeug taub geworden ist.
Warum ist er da reingeflogen, frage ich.
Niemand antwortet.
Marens Mutter geht weg. Einfach so. Wir bleiben sitzen und hören, wie die Tür ins Schloss fällt.
Ich schalte um, aber überall läuft das Gleiche. Wir schauen weiter auf den Bildschirm. Wir schauen noch mal und noch mal und noch mal auf das gleiche Video: Ein Flugzeug, das in ein hohes Haus fliegt. Das Haus fällt in sich zusammen und das andere daneben auch.
Dann kommt was mit einem Mann, er sieht streng aus und redet auf einer anderen Sprache. Viele Leute weinen und schreien Sachen auf der gleichen Sprache. Ich habe die Sprache schon oft gehört auf der Smash-CD.
Als ich klein war, dachte ich, dass Wolkenkratzer wirklich die Wolken kratzen. Ich dachte, dass man von den Wolkenkratzern auf die Wolken drauf kann, um da spazieren zu gehen oder rauf und runter zu springen. Der Dachboden von einem Wolkenkratzer ist dann der höchste Punkt der Welt und ich müsste nur meine Hand nach den Sternen ausstrecken, um einen zu pflücken. Er würde in meiner Hand liegen wie ein Schneeball und langsam zu Staub schmelzen, aber der wäre nicht braun und dreckig, sondern hell und glitzrig. Überall über meine Haare und meinen Körper würde ich ihn streuen.
Wenn ich damals recht gehabt hätte mit den Wolkenkratzern, dann hätten die Menschen im Fernsehen einfach auf die Wolken gehen können und dann mit einer Hühnerleiter wieder runter. Sie müsste nur eben sehr lang sein.
Ich schaue zu Maren und will ihr davon erzählen, dann sehe ich, dass Maren ganz still geworden ist. Sie ist meistens still, aber gerade ist sie anders still.
Ist das in Amerika, fragt Maren irgendwann.
Ich glaub schon, sage ich, weil der strenge Mann das gesagt hat.
Okay, sagt Maren und dann wieder nichts mehr.
Vor dem Fenster sind ein paar weiße Wolken, aber sie hängen nicht tief genug, damit wir sie vom Wohnzimmer aus erreichen können. Ich glaube, auch vom Dachboden aus sind wir nicht nah genug dran, obwohl der höher ist. Ich frage mich, wie lange ich laufen müsste über die Wolken bis nach Amerika. Ich frage mich, ob die Menschen da auch Sterne putzen, bevor sie geboren werden.
Er ist in Amerika, sagt Maren plötzlich und kaut an ihrem Scobidoo-Band,
er wohnt jetzt da.
Ich denke an den Mann mit dem ausradierten Gesicht. Bis nach Amerika ist er mit dem Zug gefahren. Ich schaue, ob ich ein ausradiertes Gesicht sehen kann auf den Straßen im Fernsehen, aber die Menschen sind zu klein und zu viele.
Amerika ist groß, sage ich. Bestimmt so groß wie der Schwarzwald. Der Himmel ist da ganz zerschrammt von den Wolkenkratzern, so viele gibt es. Er ist bestimmt woanders.
Maren isst das Schlumpf-Eis auf und schaut nach draußen, vorbei an den Wolken oder durch sie hindurch. Vielleicht ist der Mann ohne Gesicht irgendwo dahinter, aber vielleicht auch nicht.
Ja, sagt sie.
Bestimmt.

Letzte Änderung: 14.08.2026  |  Erstellt am: 14.08.2026

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