Wenn Gedichte zu politischen Waffen werden

Wenn Gedichte zu politischen Waffen werden

Eine Antwort auf Joseph Brodskys Gedicht „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“ von 1992
Starting from zero | © Thomas Draschan / Art Virus

Das Schmähgedicht „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“ von Joseph Brodsky provoziert nicht nur die Ukrainer ‒ es ist auch ein gefundenes Fressen für einen Kosmopolen. Meine Antwort heißt „Joseph Brodsky zerstört die Ukraine“, im polnischen Original „Iosif Brodski niszczy Ukrainę“.

Joseph Brodsky zählt fraglos zu den wichtigsten Dichtern des 20. Jahrhunderts ‒ historisch-politisch geriet er jedoch in seinem fragwürdigen, obgleich laut Adam Zagajewski exzellent geschriebenen Ukrainegedicht von 1992 auf Abwege. Es wurde nie im Druck publiziert, aber dafür bei einer Lesung in New York von Brodsky vorgelesen, wovon eine Videoaufnahme erhalten geblieben ist.

Wer sich aber für die um das Ukrainegedicht aus der Feder des russischen Dichters, Exilanten und Nobelpreisträgers für Literatur von 1987 kreisende Polemik interessiert, kann auch meinen Essay „Joseph Brodskys berüchtigtes Ukraine-Schmähgedicht – `Ihr Halunken und Ochsen´“ in der Frankfurter Rundschau vom 20.2.2026 lesen.

Joseph Brodsky zerstört die Ukraine

1

Kleinmenschen, nicht Ukrainer, Kleinrussland, nicht Ukraine,
Kleindichter und nicht die großen Terrassen der Poeme und
blühenden Apfelbäume ‒ so hast Du Eure Brüder und Schwestern
angebrüllt: nach der Verleihung des Nobelpreises im Westen, wo
man Dir sogar erlaubt hatte, auf den Empfängen in den Palazzi
Kippen zu rauchen, auf Dichter zu spucken, auf kranke Narzissten
aus Frankfurt am Main, Amsterdam und London, vielleicht
hattest Du auch recht ‒ sie kannten es nicht, wussten nicht,
was es bedeutet, sich vor den schlitzäugigen Panzern und dem
Katyn-Schuss in den Hinterkopf zu bangen ‒ in Eurem gerechten
Imperium: »Entweder wir oder niemand!«, sang man im Dritten Rom
zu Wodka und Atomhandgranaten ‒ es seien ja auch nur Kartoschki!
Und sowjetische Elegien von Wyssozki! Denn solange
sich die Erde dreht, wird es ihr schwindlig, und sie flucht sogar:
von uns wird dann nichts übrigbleiben, vielleicht nur ein Blitz für
zukünftige Teleskope und Computer. Oh, was für Großweisheiten!

Joseph Brodsky zerstört die Ukraine, und er hat Venedig nie
erobert, wo er im Nebel immer noch die Nase hochträgt ‒
das faschistische Italien wird es ihm verzeihen, aber nicht Gioia
vom Campo S. Maria Mater Domini, meine teure Freundin,
die aus Stahl und Glas Monolithe baut und Kleider näht und
deren Tanten die Nazis auf die Guillotine schickten ‒
übrigens, Joseph, dasselbe tun heute die Großmenschen, nur
dass dieses Blutbad in den sibirischen Wäldern länger dauert.
Du hast doch die Welt ohne Erbarmen von unserem Staatsmann
aus Neapel gekannt. Und er war der erste, der seinen Mitgefangenen
versprach, über ihren Hunger zu schreiben: und die Freude Stalins,
der es liebte, das Krepieren ohne Eigenschaften zu beobachten,
wenn deine Briefe und dein Blut nie wieder das Licht der Welt
und die Augen deiner Nächsten erblicken werden.

2

Nein, Joseph, Du hast Venedig nie erobert, denn als die
Venezianer auf dem Campo Margherita kifften und über
Pasolinis Tod diskutierten und sich dann an der Musik von
Joy Division erfreuten ‒ wolltest Du Dich immer nur mit dem
Römischen Imperium beschäftigen: Selbst Dein Landsmann
Tarkowski war nicht so dreist wie Du und konzentrierte sich
auf Nostalgie und ontologische Einsamkeit, obwohl ihn der
Moskowiter Großgeist auch dazu aufforderte, sich nach
dem Mütterchen zu sehnen, das, in Tücher gehüllt, nach
Birkenharz riecht.

Doch nicht alles, was von den Kindern als Graffiti in Pompeji
oder Rom aufgeschrieben wurde, muss großartig sein. Das gilt
auch für Poesie, die andere Völker eher tötet als rettet, weil sie
deren Rettung nicht schaffe, wie Dein Meister behauptet, der
in Šventybrastis getauft wurde, was wir in unseren lateinischen
Alphabeten Heiliger Dreck oder Manichäismus nennen ‒ aber
das werden wir Dir nicht weiter erklären ‒ zu oft habt Ihr
in Russland die Dialektik wie auch menschliche Knochen
gebrochen, statt ein wenig auf den Wellen eines noch nicht
verführten Denkens zu surfen.

3

Jetzt stöhnst Du auf dem Cimitero di San Michele, langweilst
Dich dort, Bruder, mit diesem Faschisten Ezra Pound, und
von Zeit zu Zeit springst Du in eine Gondel und lässt Deine
Unsterblichkeit zum Ufer der Verlorenen bringen, lost, lost, lost.
Du kannst es nicht glauben, denn auf der Piazza San Marco
spazieren ukrainische Nationalfahnen und ihre Kinder ohne
Arme oder Beine ‒ man will nur noch heulen, und Dichter
denken viel zu oft, Verehrtester, dass ihr Job das Abrechnen und
Stöhnen sei, nicht das Anbeten, wenn auch die Sterne und Galaxien
auseinanderfallen, wenn auch Dir ins Gesicht gespuckt wird, die
Eingeweide herausgerissen, Fesseln und Schlösser angelegt werden,
Ketten der Matrix und Ideologie. Es fällt einem dann leicht,
Hektors Schicksal zu beweinen, in den Bädern Klagen in den
römischen Himmel zu erheben.
Joseph Brodsky zerstört die Ukraine, denn der Großgeist kann
nur große Dinge unterschreiben. Der namenlose, rot lackierte
Damennagel im Straßendreck von Butscha inspiriert ihn nicht,
und er schert sich darum einen Dreck.

Hotel Lindley, Frankfurt am Main, 26.-29.05.2023
Aus: Hinter den Säulen des Herakles, Gedichte, Parasitenpresse, Köln 2024
Übersetzt aus dem Polnischen vom Autor

Buchcover

Artur Becker „Hinter den Säulen des Herakles. Lost, lost, lost!“ Gedichte aus dem Polnischen übertragen vom Autor Parasitenpresse, Köln 2023, 178 Seiten

Letzte Änderung: 26.02.2026  |  Erstellt am: 26.02.2026

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