Über heilige Kühe und Exildichter

Über heilige Kühe und Exildichter

Der chilenische Exildichter Jesús Sepúlveda erlebt Trumps USA
Thomas Draschan, Another Day  | © Art Virus Ltd.

Ich telefoniere regelmäßig mit meinem chilenischen Freund Jesús Sepúlveda, der als Dichter in den USA lebt ‒ seit geraumer Zeit im Exil, das nun unerträglich geworden ist, weil man als ein „Hispanic“ Angst haben muss, ein Opfer der neuen Migrantenpolitik Donald Trumps und der aufgeheizten Atmosphäre im geteilten Amerika zu werden.

Prolog: Die Geschichte wiederholt sich doch, weil der Mensch unbelehrbar ist?

Ich erinnere mich mit Widerwillen und noch immer mit Wut im Bauch an die Unantastbarkeit der Kommunistischen Partei und ihrer Funktionäre in der Volksrepublik Polen. Man durfte im Sozialismus die Ersten Sekretäre und ihre Klone in der Provinz nicht kritisieren, sie waren heilige Kühe, und Edward Gierek und der General Wojciech Jaruzelski, ganz wie Leonid Breschnew, blieben mir im Gedächtnis als solche heiligen Kühe. Sie hatten immer recht und traten als fürsorgliche Väter des Volkes auf. Gierek schmiedete in der Ära vor Gründung der Solidarność den Slogan: »Werdet ihr helfen?« Die Frage war rhetorisch und richtete sich an die Arbeiter: Bei diesem Propagandaspruch ging es darum, dass die Partei und die Arbeiterklasse gemeinsam alle Probleme anpacken würden, auch die, die um die Freiheit kreisten. Natürlich, daraus wurde nichts, die Arbeiterklasse wurde reingelegt ‒ und gründete darauf die unabhängige Gewerkschaft Solidarność. Das ‒ gute ‒ Ende vom Lied ist bekannt. Umso erstaunlicher, dass heute in Polen hier und da Nostalgie herrscht, weil sich manche Menschen nach der Gierek-Epoche, die Erneuerung und Fortschritt bringen wollte, sehnen, was unserem selektiven Gedächtnis geschuldet ist: Die Repressionen der kommunistischen Diktatur sowie das „dem einfachen Menschen angetane Unrecht“, wie Czesław Miłosz in einem Gedicht von 1950 schreibt, werden bei diesen Nostalgikern ausgeblendet und verdrängt.

Neulich ging mir ein Licht auf, denn der US-Präsident Donald Trump, der vor Kurzem den europäischen NATO-Partnern vorwarf, sie hätten sich in Afghanistan während des Krieges gegen Terrorismus 2001 bis 2021 wie Drückeberger militärisch feige zurückgehalten, sodass die USA die ganze Arbeit erledigt hätten, erinnerte mich an die heiligen, notorisch lügenden Kühe aus dem Sozialismus. Gierek und Jaruzelski und die sowjetischen Funktionäre, die in Polen alles kontrollierten, waren aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Trump: Sie manipulierten die Wirklichkeit, waren unantastbar und bedienten sich einer speziellen, oft aggressiven Rhetorik, passend zu ihrem Zeitgeist und ihrem intellektuell und humanistisch korrumpierten Verstand. Und sie waren Sklaven ihrer geopolitischen Ziele, die sie aber auch ideologisch verfolgten, was insofern interessant ist, als dass Trump einer ganz anderen, nämlich der merkantilen und kapitalistisch orientierten Ideologie folgt ‒ nach dem Motto: „The Fittest survive“. Die obendrein faschistoiden Züge seiner Politik stehen auf einem anderen Blatt Papier und kommen hier noch zur Sprache.

Erstmal zu den Fakten zurück: Ich wurde 1968 in Bartoszyce geboren, in Ermland und Masuren in Polen, und junge Soldaten aus Bartoszyce, bis heute Garnisonsstadt mit langer Tradition, kamen auch in Afghanistan um ‒ fünf junge Männer aus der 20. Panzergrenadierbrigade wurden 2011 von einer Mine getötet. Insgesamt verlor Polen in Afghanistan dreiundvierzig Soldaten.

Trump erinnert mich jedenfalls an diese kommunistischen heiligen Kühe. Betrieb man zurecht heftige Kritik an ihnen, konnte man schon im Gefängnis landen oder schlimmstenfalls auf dem Friedhof. Und Diktatoren wollen nur gelobt und geliebt werden, sie haben oft nicht nur narzisstische Züge, sie täuschen auch gerne vor, sie seien zahm und besonders um das Wohl ihres Volkes besorgt, dabei sind sie nur gerissen, wie im Falle Trumps, denn unter dem zarten Fell versteckt sich die Unberechenbarkeit. Sie sind zu allem fähig, wie Waldimir Putin. Und eben auch wie Trump.

Die Angst eines Dichters vor dem System Trumpismus

Als ich von meinem chilenischen Freund, dem Dichter Jesús Sepúlveda ‒ geboren 1967 in Santiago de Chile und Autor von zwanzig Büchern, der in Eugene in Oregon lebt, schreibt und Creative Writing unterrichtet ‒ das erste Mal hörte, er habe vor den politischen Änderungen in den USA, vor dem neuen System, das Trump überall einführe, Angst, dachte ich, mein Freund übertreibt mächtig. Schließlich ist Amerika groß, und es wird niemals dazu kommen, dass plötzlich eine Art „Gleichschaltung“ stattfindet und alle unisono dem Trumpismus folgen werden, mögen sie auch seine Kritiker sein. Das Land ist zwar politisch gespalten, aber die US-amerikanische Demokratie wird sich schon automatisch, von selbst also, wieder auf die richtige Spur bringen ‒ dank ihrer unabhängigen Institutionen und Gerichte sowie der Verfassung und ihrer Gesetze. Außerdem werden Trumps Gegner immer aktiver ‒ sie würden eine Zerschlagung der Demokratie nicht zulassen.

Ja, das stimmt, es gebe in den USA auch ausreichend viele Kritiker des Trumpismus, bestätigt mein Freund Jesús, aber er berichtet mir nun auch regelmäßig und immer öfter davon, wie sich die USA in einen faschistoiden Staat verwandeln würden.

Sepúlveda ist Ende der Achtziger des vorigen Jahrhunderts vor der Pinchet-Diktatur in die USA geflohen, er kennt also die Regeln, die in einer Diktatur herrschen, und nun sitzt er in der Falle: Sein Trauma aus Santiago de Chile sei in seinem amerikanischen Exil zurückgekommen, die Angst vor der Verfolgung, so mein Freund. Er hat Angst, in Eugene auf die Straße zu gehen, da er aufgrund seines Aussehens sofort in die Schublade „gefährliche Migranten aus Lateinamerika“, zu den „Hispanics“ also, gesteckt werden könne und jedem Polizeibeamten, geschweige denn den ICE-Einheiten, verdächtig vorkomme, obwohl er schon so viele Jahrzehnte in Amerika lebt.

Jedenfalls hat Sepúlveda am Telefon meistens keine guten Nachrichten zu überbringen. Unser letztes Gespräch fand vor zwei Wochen statt. Sein Schreibkurs an der Uni in Eugene wird vermutlich bald eingestellt, da die Fördergelder gestrichen werden sollen. Es ist gefährlich, wenn man öffentlich etwas Kritisches gegen die Regierung, gegen den Präsidenten und gegen seine repressive Politik gegenüber den Migranten jeglicher Couleur äußert. Er fühlt sich überall beobachtet, und er sagt, dass die Atmosphäre in den öffentlichen Gebäuden und auf den Straßen angespannt sei.

Er schickte mir neulich einen Link zu einem Video aus Eugene, auf dem zu sehen ist, wie „Federal Agents“ eine Demonstration gegen das Vorgehen der ICE-Beamten zerschlagen wollen, wobei ein Demonstrant auf dem Bauch auf dem Boden liegt und ihm Handschellen angelegt werden; er schreit und kann nur schwer atmen. Solche Videos sind schlechte Nachrichten von meinem Freund und lassen nichts Gutes erahnen.

Sepúlveda denkt nun darüber nach, die USA zu verlassen und nach Europa zu gehen, zusammen mit seiner Frau: Er denkt an Deutschland, aber auch Frankreich wäre ein mögliches „neues“ Exil-Ziel, ist doch seine Frau eine Französin. Chile kommt nicht in Frage ‒ eine Rückkehr ist ihm unmöglich. Zutiefst sitzt das Trauma der Pinochet-Diktatur, schlimme Erinnerungen kommen mit aller Gewalt zurück: an die schwarzen Helikopter ohne Namen und Nummern, an die Beamten in Zivil, die jemanden permanent überwachen und beobachten. Die Proteste von 2019/2020, als sich die Menschen in Santiago de Chile einer staatlichen massiven Gewalt gegenübersahen, haben die Sorge wieder wachgerufen, wie schnell die mühsam errungene Demokratie in ein autoritäres rechtsextremes Regime zurückverwandelt werden könnte.

Die Schlachten auf den Straßen zwischen Demonstranten und den Regierungsbeamten und -agenten, und zum Schluss der intellektuelle Terror, der Kritik an der Regierung nicht duldet: Das kenne ich auch so gut wie mein chilenischer Freund, und ich kenne es natürlich aus der Volksrepublik Polen der Siebziger – und Achtzigerjahre, wie er es aus Chile kennt.

Wir erzählen uns am Telefon von unseren Erfahrungen mit einer Diktatur, und ich wundere mich, dass in den USA noch kein bekannter Autor einen Text über die Verfolgung von Intellektuellen, Künstlern und Dichtern mit lateinamerikanischer Herkunft geschrieben hat. Sepúlveda sagt, auch er habe von solchen kritischen Einwürfen noch nichts gehört. Wir mögen uns beide täuschen, aber in der Regel würde die Stimme eines prominenten Essayisten oder einer prominenten Dichterin schnell landesweit bekannt werden und die Runde machen.

Die Fakten sind doch erschütternd: Universitäten werden praktisch gezwungen, nur eine Wahrheit zu vertreten, nämlich die, die die Regierung und der Präsident und ihre Ideologen repräsentieren. Kritiker, vor allem mit Migrationshintergrund, gelten sofort als äußerst verdächtig und werden auf der Straße wie Kriminelle behandelt und müssen mit beruflichen Konsequenzen rechnen. Kürzungen werden überall dort vorgenommen, wo Institutionen nicht willig sind, einer einzigen Wahrheit und Ideologie zu folgen. Woran erinnert mich das?, frage ich mich jedes Mal, wenn ich mit Jesús einmal wieder spreche.

Dass sich eines Tages solch ein faschistoider, spaltender und moralisch auf hohem Ross sitzender Leviathan ausgerechten in den USA einnisten würde, hätte wohl niemand gedacht.

Aber den Boden für Donald Trump und sein kapitalistisch-imperiales Verständnis vom Präsidentenamt haben schon seine Vorgänger George Herbert Walker Bush und sein Sohn George Walker bereitet. Denn der Zweite Golfkrieg und der Irakkrieg hatten für die USA in der Golfregion vor allem merkantil-geopolitische Ziele, weil es um das Ölgeschäft ging. Da konnte man sich auch schnell mit Saudi-Arabien zusammentun, obwohl ausgerechnet dieses Land den islamistischen Terror unterstützte.

Deshalb: Trump, der stets einen für ihn guten „Deal“ machen will, wird sich natürlich schneller mit Putin einigen als mit der EU.

Die Flucht nach Utopia

Wir wollen aber nicht ständig über Geopolitik reden, zumal das, was uns verbindet, viel wichtiger für uns ist als die Politik: nämlich die Literatur. 2027 wird Chile Hauptgast der Buchmesse in Frankfurt sein. Wir reden deshalb über eine möglichst repräsentative Auswahl von Gedichten aus dem lyrischen Werk meines Freundes, die man aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzen müsste, um Jesús Sepúlveda dem deutschen Publikum endlich bekannt zu machen.

Achtzig Seiten sind schnell gefüllt, und wenn man aber das Werk eines fast sechzigjährigen Lyrikers und Essayisten vorstellen will, ist solch eine Auswahl mühselig. Alte Texte, an denen der Autor hängt, haben oft starke Konkurrenz: die neuesten Verse wollen sich auch durchsetzen. Doch höher scheint eine andere Hürde zu sein, solche Dichtung findet in Deutschland weit weniger Beachtung als in vielen anderen Ländern, und Übersetzungen aus Fremdsprachen sind so teuer, dass ein solches Projekt aus sich heraus kaum wirtschaftlich sein kann.

Mitte der Achtzigerjahre gehörte Sepúlveda in Santiago de Chile zu der jungen und aufstrebenden Generation von Dichtern, die „Generation Post 87“ hießen. Seine Mentorin Carmen Berenguer, in Chile für junge Lyriker und Lyrikerinnen prägend, nahm ihn in ihren Schreibkurs „Fines de siglio“ auf. 2017 ‒ sieben Jahre vor ihrem Tod ‒ konnte ich die Grande Dame der chilenischen Lyrik in Santiago de Chile besuchen und mit ihr über die Pinochet-Diktatur und auch Sepúlvedas Anfänge als Lyriker sprechen.

Ich mag Sepúlvedas Lyrik, sie erinnert mich an die Polen nach 1945, die traditionell ganz anders Gedichte schreiben (und auch publizieren) als das in Westeuropa, vor allem in Deutschland und Frankreich, der Fall ist: Ihre Lyrik ist philosophischer und dadurch universeller ‒ sie konzentriert sich nicht auf die Subjektivität, nicht auf die Privatheit, in der das Ich vor allem um sich selbst und seine Wahrnehmung und Reflexion kreist.

Sepúlveda ist kein Träumer, aber er ist zugleich auf der Suche nach seiner Monade, er schreibt verständlich („klar im Kopf“) und realitätsbetont, doch in all den Versen verbirgt sich die Sehnsucht nach Schamanismus und Spiritualität ‒ die Welt, über die Sepúlveda oft im historischen Kontext schreibt, ist nicht nur sterblich und schön oder grausam, sie trägt in sich auch einen verborgenen Sinn, eine Metaphysik. Natürlich, man will diesen Sinn auch aus dem Munde des Dichters erklärt und erzählt bekommen, aber zum Glück macht Sepúlveda dort nicht weiter, wo andere alles zerreden und anschließend zerstören.

In seinem Gedicht „Utopia“ wirkt er heute, angesichts der repressiven Politik Trumps gegenüber Migranten, fast prophetisch. Sepúlvedas lyrisches Ich träumt in diesen Versen von einem Exil, in dem endlich Frieden herrschen würde wie im Garten Eden (in meiner Übersetzung aus dem Englischen): „Und stell dir vor, du bist frei /ohne Nummern irgendwelche Rahmen oder Archive und Aktenordner / dass man dich von deiner Last befreit und dass deine Augen blühen / dass du dein Zuhause aufgibst, deine Arbeit – das Nichts / dass du deinen Namen verlernst /und du dich allmählich ausruhst in der Mitte von Eden.“

Letzte Änderung: 18.02.2026  |  Erstellt am: 18.02.2026

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