Sein-Lassen

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Ein Rhizom aus Zitatwucherung – „Anthropologie des Wassers“ der Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson
 | © Beowulf Sheehan

So wie Lesen nicht gleich Denken ist, ist auch die beschriebene Welt nicht gleich die gelebte Welt. Anhand von Anne Carsons Anthropologie des Wassers untersucht Andreas Steffens, wie überlieferte Weisheiten zu Deutungsangeboten des eigenen Erlebens werden. Carson, die 2026 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, bildet den Aus-gangspunkt für eine Reise durch Literatur und Leben: Wir begegnen dem Fremden und erkennen uns selbst, ohne die Distanz zwischen Wissen und Erfahrung, Rationalem und Emotionalem, je ganz aufheben zu können. Steffens liest Carsons Weisheiten vergangener Zeiten als Versuch, die Widersprüche des Lebens auszuhalten und den eigenen Wert jenseits gesellschaftlicher und etablierter Hierarchien und Wissensvorräte zu begreifen. Eine Reflexion über die Macht überlieferter Gedanken, die Möglichkeit von Selbstachtung und die Frage, inwiefern wir bereit sind, unser Dasein und unsere Bedeutungslosigkeit im rahmenlosen Univer-sum auszuhalten, findet Steffens.

Sagen wir, jemand lasse etwas sein, meinen wir sodann, er unterlasse etwas, das er tun könnte, er verzichte; und übersehen dabei den anderen Sinn: dafür zu sorgen, dass etwas sei und Bestand habe. Urheber zu werden; Ursprung für etwas zu sein, das sein und dauern kann.
Damit etwas werde, muss es etwas geben, woraus es entstehen kann. Wir können nicht anders, als alles als Wirkung von Vorhergehendem zu denken, weil wir wissen, selbst zu sein, weil es unsere Eltern gab. Zeugung und Geburt als Ursache unseres Daseins nötigen unser Denken in die Grundform der Kausalität. Etwas ist nur, weil anderes schon war, woraus es wurde. Seinsbewusstsein ist Genealogie.

So ist es unmöglich, das ›Nichts‹ vor der Schöpfung zu denken. Ohne den ersten Anfang von allem denken zu können, müssen wir denken, dass es ihn gegeben haben muss. Ohne denken zu können, dass davor nichts gewesen sei. Aus Nichts wird nichts.

Alles Menschengemachte entsteht aus bereits Gemachtem. Auch Kunst entsteht aus Kunst.
Die »Konzeptuelle Kunst« verzichtet auf die Ausführung des Werkes und beschränkt sich auf die Darstellung seiner Idee. Etwas muss nicht existieren, um in dem Gedanken, es wäre, »da« zu sein. Die Beschränkung eines möglichen Seins auf die Vorstellung seiner Existenz macht es nicht unwirklich. Wie das gewünschte Kind, das nicht geboren werden konnte, im Gedanken an es existiert.

Was für das Leben die Bedrohung wirklichkeitsverfehlender Phantastik ist, begründet in der Kunst die Artistik des Möglichen.
Die bildende Künstlerin Ike Vogt liest Anne Carsons Anthropologie des Wassers .

Lesen ist die geselligste Art von Einsamkeit. Seine Lektüre überträgt, wovon der Text handelt, ins Bewusstsein des Lesers, hier: der Leserin. Um dort doch nie anzukommen. Was sie aufnimmt, ist nicht, was ihr mitgeteilt wird. Ihrem Bewusstsein teilt sich mit, was das Gelesene in ihr auslöst. Wie der Text die unendliche Ferne zwischen der beschriebenen und der erlebten Welt überspringt, so übergeht die Lektüre dessen Mitteilungen. Im doppelten Übersprung entsteht die heimatliche Illusion einer geteilten, einer gemeinsamen Wirklichkeit.

Wo die Assoziationslust der eigenen Wahrnehmung im Text ansetzt und abschweift, hält sie inne. Und stellt sich vor, dass es Visualisierungen der Semantik der Textstellen geben könnte, an denen sie innehielt, betroffen von einer Bedeutungsfülle, die sie ergreift, ohne sich zu erschließen. Und delegiert den Aufschluss, der sich ihr verweigert: Zeigt – mir –, was mich nachdenklich macht. Bildet die Bedeutung, die mich betrifft, ich weiß nicht, wie. Schafft, was ich vermisse, was aber dort angelegt ist, wo der gelesene Text mir vorenthält, was er mir sagt.

So ausschweifend die Fantasie, die sich im gedruckten Text materialisierte, so abwegig wird die produktive Wucherung der Lektüreenttäuschungen: vom Weg, den der Text beschreitet, wegführend, sind die Einladungen der Leserin, die sie an Nichtleser richtet, indem sie ihren Projekt-Partnern Textfragmente benennt, an denen deren Fantasie sich bildend entzünden soll. Kenntnis des Kontextes der Fragmente ist dazu nicht vorausgesetzt, und nicht durchweg vorhanden. So findet das Spiel der Assoziationen im Geflecht der Bedeutungsbeziehungen, die Anne Carsons Text andeutend stiftet, ohne sie offenzulegen, eine wuchernde Fortsetzung. So entspringt aus dem Text, was er enthält, ohne es zu benennen: Außenwendung seiner assoziativen Binnenstruktur. Seine Semantik wird in den Möglichkeiten ihrer produktiven Wirkung für alle sichtbar gemacht.

Indem sie andere erkennen lässt, was die eigene Fantasie an Assoziationsmöglichkeiten des Gelesenen aufruft, und indem sie die auslösenden Textfragmente aufgrund ihrer Kenntnis der Person derer, die sie einlädt, deren Arbeitsweise und Haltung, in der Annahme einer bei ihnen vorhandenen Affinität zu deren Aussage auswählt, wird die initiierende Künstlerin als Urheberin zur Mitautorin eines ›Rhizoms‹ von Assoziationsanschlüssen, das die von ihr angeregten Beiträge bilden. So entsteht eine Karte flottierender Bedeutungssprengsel, ein ›Werk ohne Autor‹. Ein offenes Ensemble, das kein Ganzes darstellt, sondern eine Versammlung unverbundener Bezüglichkeiten ist.

Mit Weisheiten unterwegs — eine Lebens-Philologie

»Wenn ich schreibe, entschlage ich mich aller Gesellschaft und Erinnerung der Bücher; sie möchten mir sonst meine natürliche Gestalt nehmen. Es machen mich gute Schriftsteller in der That zu nidergeschlagen und zaghaft.«
Michel de Montaigne, »Betrachtungen über einige Verse des Virgils«

I Montaigne in Amerika

Ihrer vom Verlag als »Hauptwerk der letzten Jahre« bezeichneten Komposition von Gedichten, Essays und einer Oper aus Worten, deren Titel Decreation sie Simone Weil entlehnte, stellt Anne Carson als Motto einen Satz Montaignes voran. Als Fundstelle gibt sie dessen Essay Betrachtungen über einige Verse Vergils an, der fast gar nicht von diesen, umso ausführlicher den Geschlechtsverhältnissen handelt. So wird der Leser auf ihr Verfahren einer grenzumspielenden diskontinuierlichen Poesie eingestimmt.

Montaigne reflektiert seine Erzählung, erzählt seine Reflexionen. In Anne Carsons Anthropologie des Wassers erfindet die Erzählung das Geschehen, das die Zitate und Verweise, um die herum sie sich entfaltet, deuten: die Deutung geht der Erfahrung voran. Erfahren wird nach Maßgabe bekannter Bedeutungen.

In der deutschen Ausgabe der Decreation steht Montaignes Satz als Rückübersetzung aus der englischen Übersetzung. Nach Durchsicht des französischen Originals und wiederholter Lektüre der ersten deutschen Übersetzung findet sich keine Formulierung, die dieser Aussage der Rückübersetzung auch nur annähernd entspräche.

Ist diese Blindstelle dem unvermeidlichen Elend allen Übersetzens geschuldet, der Verflüchtigung der Gehalte in ihrer Übertragung? Nur Symptom des verborgen-verbergenden Tiefengeflechts der Bezüge der Autorin? Oder ist das Motto einfach erfunden? Eigene Aussage, scheinbeglaubigt durch Verweis auf den Text, der ihren eigenen Gedanken geweckt haben mag? Verschiebung der Bedeutung in der Erinnerung, die nicht am Text Montaignes noch einmal überprüft wurde? Verwirrspiel tatsächlicher und erfundener Bezüglichkeiten? Verabsolutierung der Funktion eines Zitates, eines Mottos, von anderen aussprechen zu lassen, was man sagen will? Zuflucht bei einer ›Autorität‹ als Beglaubigung des Gedankens, dessen Tragfähigkeit man nicht sicher ist?

Die Unschärfe der Bezüglichkeit verweist auf die Vieldeutigkeit der Bedeutungen, die die Erzählung umkreist.
Montaigne reist: in seinem Inneren, still in seinem Turm dem Nachdenken gewidmet, den spontanen Gedankengängen und Lektüreerinnerungen folgend, aufschreibend, was ihm durch den Kopf geht. Da ist die Zeit seines aktiven politischen Lebens vorbei, das ihn auf Reisen geschickt hatte.

Carson verfährt umgekehrt zu Montaigne: sie hat alle Bücher zur Hand und im Gedächtnis, woraus sie die Bezüge ihrer Bedeutungsstiftung bezieht. Aber die Beschreibung der tatsächlichen Reise – oder ist sie nicht doch Fiktion? – der Anthropologie des Wassers durchziehen die Spuren der anderen, der Autorin wichtigeren, weil vitaleren Reise zwischen ihren Lektüren und den intellektuellen Referenten ihres Erlebens. Indirekt ist ihre Rede noch da, wo sie zitiert.
Zur Kunst des Lesens gehört die Gabe des Stolperns. Freundlichkeit erweist die Autorin ihrer Leserschaft, indem sie in ihrem Text hervorhebt, worauf es ihr besonders ankommt, dass es bemerkt werde. Der kursiv gesetzte Satz signalisiert: hier ist eine Stolperstelle. Man nehme also Anstoß. Hier trete besonders hervor, weshalb der Text geschrieben ist. Die Entdeckung allein der Aufmerksamkeit seiner Lektüren anzuvertrauen, widerrät die Dichte, zu der er die Bezüge zu seinen externen Bedeutungsreferenzen versammelt. Erzählt wird um der Gedanken willen, die das Erzählte als Erfahrung erschließen.

 | © Foto: University of Toronto

II Anthropologisch Reisen

Auf Reisen lernt man sich kennen. Ob man will oder nicht. Ein Paar, das sich kennenlernen will, sollte reisen. »Liebe macht dich zum Anthropologen des eigenen Lebens. Was sind das für Zeremonien, und warum überhaupt haben wir an ihnen teil? Was ist das für eine Sprache, auf die wir uns in den ärgsten Feuernächten stützten wie auf eine schlechte Übersetzung?« (86).

So reist das erzählende ›Ich‹ der Anthropologie des Wassers mit ihrem Gefährten quer durch Amerika. »Anthropologie ist eine Wissenschaft des übereinander Staunens« (6). Denn das geschieht den beiden, die erfahren, wie fern sie einander in der nächsten Nähe, wie nah in der Ferne sind. Da braucht es ›Weisheiten‹, zu verstehen, was ihnen geschieht: bewährte Einsichten aus Erfahrungen des menschlich Elementaren. Wie das Leben ein Rätsel ist, so wird die Literatur seiner Erzählung hier zum Rebus des Erlebens der Autorin. In ihrem Bedürfnis zu verstehen, hält sie sich an das, was sie weiß: Sie lässt ihr Wissen sagen, was sie erlebt. Auf einer Schnitzeljagd der Assoziationen verwandelt das Bildungswissen der klassischen Philologin sich zum Medium der Selbsterfahrung. Einer Selbsterfahrung, die zur Erfahrung nur dadurch wird, dass sich in ihr das Lebenswissen spiegelt, zu dem Menschen überhaupt gelangen können.
»Unter Anthropologie verstand ich die Suche nach der einfachsten Frage, nach der offensichtlichsten Tatsache und nach Türen, die niemand verschließen kann. Ich war eine starke Seele. Schau, ich werde alles wenden, alle Bedeutungen, dachte ich« (11).

Mit Weisheiten unterwegs auf der Reise zu sich selbst, spricht das Autorinnen-›Ich‹ von sich, um mehr als nur sich zu verstehen, und bedenkt sich in den Weisheiten, die schon wissen, wohin die Reise geht: zu dem Menschen, der man nicht nur selbst ist; zum Verständnis seiner selbst als des Menschen, von dem die Weisheiten aller Zeiten wissen. Zu erfahren, zu sein, was das Wissen weiß. Philologie: die Worte liebend, zu leben wissen.

III Löwisch

»Aufklärung bringt nichts, stimmt, aber ich eile voran, in jedem Bein ein Löwe, denn ich möchte hier etwas erklären. Wenn Löwen reden könnten, wir würden sie nicht verstehen, so die chinesische Weisheit, aber ich weiß, ich kann hier etwas erklären.«
Anne Carson, Anthropologie des Wassers , 80

»Auch ohne naturschützerische Gebärde muß gesagt werden, daß eine Welt ohne Löwen trostlos wäre« (Hans Blumenberg, Löwen , 78).
Daraus folgt Unentbehrlichkeit ihrer Existenz nur für den, der trostbedürftig ist, und an ihr seinen Trost findet. Nun sind Bedürftigkeit nach Trost, und die Fähigkeit, ihn zu spenden, jedoch eminent menschliche Eigenschaften. Das Leben ist zu schwer, um es ohne Zusätze mit ihm auszuhalten, die es trotz allem lebenswert wenigstens erscheinen lassen. So kann der Löwe als die Verkörperung dessen wirken, das uns dazu fehlt, an dem wir aber dank seiner Anwesenheit in der Welt dennoch teilhaben können. Sein Trost für unser Dasein ist allein schon seine Existenz. Mehr bedarf es nicht.
Genau das aber ist die Essenz des Trostes: durch eine Anwesenheit einen Schmerz zu lindern. Für einen da zu sein. Nicht abwesend zu sein, wenn man gebraucht wird. An einem Grab ist die stumme Kondolenz die zuträglichste.

Denn Sprache ist unzuverlässig. Nicht nur, dass einem gegenüber einem, dessen Unglück ihn trostbedürftig macht, die Worte fehlen. Sie verfehlen auch, was sie sagen sollen. Weil die, die man sagt, die falschen sind, oder nicht verstanden werden. Wer hat schon das Glück, seine Sprache zu verstehen? Wie erst eine andere?

So betrifft die Unverständlichkeit der Sprache der Löwen vor allem diese selbst. Erst deren uneingeschränkte Beherrschung durch sie selbst könnte es zu einem Mangel für andere machen, sie nicht zu verstehen.
Dass Menschen sie nicht verstehen, kann bedeutungsvoll nur nach Maßgabe der Stellung sein, die Löwen in deren Leben haben. Aber der Zoobesucher, der Safarifahrer, der Großwildjäger, warum sollten sie verstehen können, was die Löwen, denen sie begegnen, ihnen entgegen brüllen? Selbst die Potentaten vom Schlage Görings, die sie sich als Haustiere halten, haben ihre Freude an ihnen, ohne sie zu verstehen. Nur für ihre Pfleger im Tierpark kann es, allerdings eine lebenswichtige, Notwendigkeit sein, ihre Äußerungen zu verstehen. Sie gehen uns nichts an als die, die sie selbst sind. Alle geäußerte Sprache aber ist Ausdruck eines Selbst.

Die einzigen, für die es wirklich wichtig ist, die Sprache der Löwen zu verstehen, abgesehen von ihren Pflegern, sind ihre Beuten. So ist es wahrscheinlich, dass sich die von ihnen Gejagten auf jene Idiome ihrer Sprache sehr gut verstehen, die von der Jagd handeln. Das setzt sie in die Lage, dem Angriff zuvorzukommen, und rechtzeitig zu entfliehen. Das Überleben der Gazellen und Antilopen beruht nur für deren Gattung darauf, dass es von ihnen mehr gibt, als alle Löwen zusammen fressen könnten; im Einzelfall auf Fluchtgeschwindigkeit und Kenntnissen im Löwischen: sie müssen wissen, welche Laute die bevorstehende Attacke ankündigen. Noch wichtiger aber ist es für sie, die Lautlosigkeit, das Ausbleiben des Brüllens und Knurrens wahrzunehmen. Witterung geht vor Gehör. Da der Angriff möglichst unbemerkt zu geschehen hat, gibt der Löwe auf dem Sprung keinen Laut von sich, lauernd gegen die Windrichtung, die Witterung seines Opfers unterlaufend. Kein Tier, das er jagt, muss sich auf des Löwen Sprache verstehen; nur darauf, ihn rechtzeitig zu bemerken. Der Löwe, der sich hören lässt, ist ungefährlich.

Den Löwen, der sich äußert, nicht zu verstehen, ist bedeutungslos. Was er zu ›sagen‹ hat, das brüllt er. Wüsste man, was die Klangarten und Stimmmodulationen seines Brüllens bedeuten, verstünde man ihn, und könnte sich mit ihm verständigen, indem man seinerseits brüllte, was man ihm mitzuteilen hätte, wie wir die Laute unserer Haustiere instinktiv nachahmen, sie wissen zu lassen, was wir von ihnen erwarten. Wie sie es verstehen selbst, wenn wir in unserer Sprache zu ihnen sprechen. Denn die Stimme teilt mit, was die Worte meinen.

Man muss also kein Löwe sein, zu verstehen, was einer brüllt. Lautstärke und Klang in Verbindung mit Körpermotorik verraten, um welche elementaren Lebensinteressen es dabei geht, über die Lebewesen sich untereinander auch über Gattungsgrenzen hinweg verständigen. Alle Arten mitteilender Äußerungen betreffen Lust und Unlust, Angst und Macht. Der brüllende Löwe hat nur zweierlei mitzuteilen: Warnung seines Rudels vor Gefahr, und andere vor sich.
Die vitale Semantik der Kommunikation von Lebewesen kennt nur zwei elementare Äußerungen: Lockung und Drohung. Einladung zur Begattung, oder Herausforderung zum Kampf um das Vorrecht des Stärkeren auf sie. Wie sehr Menschen auch Tiere sind, zeigt sich im Gebrüll zweier Männer, die sich um dieselbe Frau prügeln, und im Verstummen der Wortsprache im Liebesspiel, bei dem die Partner einander zustöhnen und kindisch brabbelnd kauderwelschen, was sie sich mitzuteilen haben.

Ob ein Löwe, der einen Menschen brüllen hört, sich angesprochen fühlt? Es bei einem Zoobesuch zu erproben, empfiehlt sich nicht. Hinter den Gittern seiner zornig ertragenen Gefangenschaft könnte er es als Verhöhnung empfinden, und es bei nächster Gelegenheit seinen Pfleger büßen lassen.

IV Nichts als Leben

»Anthropologie ist eine Aktivität des Vorderhirns, wie Heirat. Nach und nach waschen wir den Impuls aus dem Denken heraus, bis der Schrei des Tages die verordnete Lust ersetzt. Besser ein lebender Hund als ein toter Löwe, sagt eine chinesische Weisheit. Wenn du hinuntergehst, triffst du auf eine Wand. Das ist meine Botschaft. Klettere sie hinauf.«
Anne Carson, Anthropologie des Wassers , 68

Wem Schaumwein Übelkeit bereitete, wird Champagner genießen können. Am Abscheu lernen wir, was wir lieben werden. Den Daseinsgenuss lehrt das schwere Leben. Älteste Weisheit.
Kern seiner Weisheit ist nicht die ›Nichtigkeit‹, die Salomo oft betont – und ein später Lyriker mit der süffisanten Ironie des Spätmodernen beglaubigt (Enzensberger, »Salomonisch«) –, sondern die Genussfähigkeit, die sie ermöglicht, zu der er aufruft.

»So gehe hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Werk gefällt Gott. / Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupt Salbe nicht mangeln. / Brauche das Leben mit deinem Weibe, das du liebhast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, solange dein eitel Leben währt; denn das ist dein Teil im Leben und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonne« (Prediger Salomo, 9, 7–9).
Es zu genießen, heißt, das Leben als einzigen Wert im Leben zu feiern.

Dass wir es nur im Bewusstsein seiner Unerträglichkeiten genießen können, nur, wenn wir wissen, dass es ›eitel‹ ist, was Salomon unentwegt betont, belegt die Mangelhaftigkeit seiner Verfassung. Wertvoll wird es allein durch seine Begrenztheit. Wer ewig lebte, könnte keinen Gefallen daran finden. Nichtsein macht Sein zum Wert.

Alles was dir von Handen kommt zu tun, das tue frisch; denn bei den Toten, dahin du fährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft noch Weisheit (a.a.O., 9, 10).
Angesichts seiner Vergänglichkeit verlieren alle Werte ihre Bedeutung, die die Ordnungen des Lebens ersinnen lassen, alle Hierarchien und Ehren.
»Denn bei allen Lebendigen ist, was man wünscht: Hoffnung; denn ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe « (a.a.O., 9, 4).
Es zu haben, ist der einzige Wert, den das Leben hat.

Das aber gilt nur für den Hund, nicht für den Löwen. Es ist keine allgemeine Lebensweisheit. Es ist die Formel einer Daseinsbescheidenheit, die sich mit dem eigenen minderen Rang abgefunden hat, am Fuß der Hierarchie zu stehen. Wenn man schon kein Löwe sein kann, wenn man als Hund geboren wurde, dann will man wenigstens leben. Eigentlich lautet die Aussage: wenn man seinen niederen Rang schon nicht verlassen kann, will man einfach nur leben. Dem Niederen ist das bloße Leben höchstes Gut.

Der tote Löwe aber hat mit seinem Leben nicht seinen höchsten Rang verloren. Für ihn endet die Hierarchie nicht, an deren Spitze er steht. Der Tod besiegelt, was man war. Wie der lebende Hund bleibt, was er ist: nichts weiter als ein Hund. Sein Fortleben triumphiert nicht über die Stellung des Löwen. Jeder hat sein Leben. Der lebende Hund erhebt sich nicht über den toten Löwen.

Absoluter Wert kann das Leben nur für den sein, der in ihm keinen hat: keinen, für den es zu sterben lohnte. Nur dem Wertlosen erscheint das Leben, und nichts als das Leben, als höchster Wert. Sein Vergleich mit dem des Löwen entwertet das Leben des Hundes. Indem er sich vergleicht, setzt er sein Leben als Hund herab. Begibt er sich noch unter seinen Rang unter den Lebenden. Gemessen an dem des Löwen erscheint es ihm so gering, dass er der Genugtuung bedarf, die dessen Tod ihm bereitet, weil er sich selbst für minderwertig hält. Ihm fehlt der elementare Stolz des Selbstseins.

Wer sich vergleicht, und des Todes eines anderen zur Selbstbestätigung bedarf, entbehrt der Selbstachtung. Besäße er sie, wäre dem Hund der Tod des Löwen ganz gleichgültig, bedeutungslos für sein Selbstempfinden. Koholets/Salomos Satz ist die Parabel der Unterwürfigkeit unter eine Hierarchie, die über Wert und Unwert entscheidet. Wer sich dem Überlegenen als dem Übergeordneten bei dessen Tod überlegen fühlt, statt in gemeinsamer Lebenszeit gleichen Ranges, bleibt der Unterlegene.

Dass der Hund nach des Löwen Tod weniger gefährdet lebt, erhebt sein Leben in keinen anderen Rang als zu der Zeit, da die Existenz des Löwen ihn bedrohte.
»Nur weil der Hund als Kreatur schon dem Löwen gleich sein muß, kann er als lebender dem toten Löwen vorgezogen werden, für den der bloße Augenschein spricht, weil Leben gerade die aus der Kunstfertigkeit des Schöpfers resultierende Höchstqualität selbst ist ist«(Blumenberg, Löwen, 36).

Das Leben des Hundes ist mehr wert als der Rang des Löwen im Leben, weil der Tod des Löwen ihm die Bedeutungslosigkeit des Unterschiedes zeigt. Der lebende Hund ist dem toten Löwen nicht endlich überlegen, weil er lebt, und dieser nicht: er ist bei dessen Tod, was er im Leben nie sein kann: ihm gleich. Dass der Löwe tot sein muss, damit der Hund sein Leben als Wert erfährt, belegt die Unaufhebbarkeit der Hierarchien im Leben.

Des Löwen Tod zeigt dem Hund den Wert des Lebens an. Lebenswert macht ein Leben nicht dessen Rang in der Ordnung des Lebens, sondern sein Besitz. Wer lebt, kann nicht wertlos sein. Es gibt kein wertloses Leben. Das verkennt der Hund, der sich erhoben fühlt, weil der Löwe tot ist.

 | © Foto: Christopher Sherman

V Chinesisch

Als an die grenzenlose Einheit der Welt noch nicht zu denken war, sagte man, nur Chinesisch zu verstehen, wenn man einem arglos zu verstehen geben wollte, nicht zu verstehen, was er einem sagte, oder boshaft, es sehr wohl verstanden zu haben, aber nicht annehmen zu wollen. So klingt jede Weisheit in den Ohren des Ignoranten chinesisch.

»Im allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, d.h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil getan: und so wird es denn auch ferner bleiben bleiben«. (Schopenhauer, »Aphorismen zur Lebensweisheit«, 376). Auf das von ihr oft betonte »›Chinesische«‹ der Weisheiten, die Anne Carson anführt, kommt es also gar nicht an. Ihr Gehalt ist unabhängig von der Sprache, in der sie geäußert werden. Nur darauf, dass sie ausgesprochen, vernommen, und – nach Schopenhauer: utopischerweise – beherzigt werden.

So ist es ganz belanglos, dass die Weisheit, die dem lebenden Hund den Vorzug vor dem toten Löwen gibt, so wie Carson sie zitiert, in keinem chinesischen Text steht, sondern wörtlich in dem des Juden Kohelet/Salomo. Für ihren universalen Geltungsgrad jedoch von größter Bedeutung, dass sie mit den überlieferten chinesischen Weisheitslehren korrespondiert, die in den Jahrhunderten entstanden, in denen China von Kriegen und allgemeinem Elend heimgesucht wurde, die das bloße Leben zum höchsten Wert erhoben. »Aus Aus dieser Not der Zeit heraus ist nun die chinesische Lebensweisheit geboren worden. – Sie hatten weltverachtende Grundsätze und sahen, daß man nichts machen könne, um die Welt zu verbessern. Warum also sollte man an solche fruchtlosen Gedanken seine besten Kräfte setzen? Noch hatte man ja die Genußfähigkeit. Noch hatte man den Wein, den Sorgenlöser, und noch konnte man singen und so seinem Herzen Luft machen. Wozu also den grauen Ernst? Iß und trink und sei guter Dinge. Ganz wie es im Prediger Salomonis heißt« (Richard Wilhelm, Chinesische Lebensweisheit , 8; 7).

Pessimistisch gestimmt, wurde Lebensweisheit zu einer Lehre des Lebensgenusses, so, wie Kohelet angesichts aller Daseinsschrecken zum Lebensgenuss aufruft. Sein Spruch handelt nicht von dem Leben, das er aussagt, sondern dem Tod, der es wertvoll macht. Jüdisch, chinesisch, sonstwie – menschlich.
Nur Menschen können weise sein, weil sie es müssen, um sein zu können. Sie sind es, wenn sie verstehen, trotz allem so zu leben, dass es sich lohne. Weise sein, heißt, zu wissen, warum es wahr sei, zu denken, besser, als nicht zu sein, sei, zu sein; Vergeblichkeiten auszuhalten, und dennoch gerne da zu sein; Auswege zu wissen, ohne sich davon machen zu müssen. Weise ist, wer nicht denken kann, seine Geburt verfluchen, und dem Tod vorweg dankbar sein zu sollen. Wer das Tier in sich zu zähmen weiß, und nicht vernünftig sein muss, um nicht böse zu sein.

Aber nur der gesunde Idiot besitzt, wonach das sich bedenkende Leben sich sehnt, unbeirrtes Daseinseinverständnis.

Literatur

Benyoëtz, Elazar, Die Eselin Bileams und Koholets Hund, München 2007
Blumenberg, Hans, »Der tote Löwe des Predigers Salomonis«, in: ders., Löwen, Frankfurt a.M. 2001, 33–37
Carson, Anne, Decreation. Gedichte, Oper, Essays, Frankfurt a.M. 2014
Carson, Anne, Anthropologie des Wassers, Berlin 2014
Deleuze, Gilles, Guattari, Félix, Rhizom, Berlin 1977
Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers, Wuppertal-Stuttgart 1952
Enzensberger, Hans Magnus, »Salomonisch«, in: ders., Rebus. Gedichte, Frankfurt a.M. 2009
Montaigne, Michel de, »Betrachtungen über einige Verse des Virgils«, in: ders., Essais [Versuche] nebst des Verfassers Leben nach der Ausgabe von Pierre Coste ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz (1753), Zweeter Theil, Zürich 1996, 841–958
Schopenhauer, Arthur, »Aphorismen zur Lebensweisheit«, in: ders., Sämtliche Werke, hg. von Wolfgang Frhr. von Löhneysen, Frankfurt a.M. 1986, Band IV: Parerga und Paralipomena I
Steffens, Andreas, »Philosophenhunde«, in: ders., Auf Umwegen. Nach Hans Blumenberg denken, Wien 2021, 271–277
Wilhelm, Richard, Chinesische Lebensweisheit, Darmstadt 1922

Letzte Änderung: 13.10.2026  |  Erstellt am: 13.10.2026

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