Reinhard Ermens Lesefrüchte No. 2
Unser Autor Reinhard Ermen sieht sich als einen, der gefühlsmäßig mit Büchern verbunden ist, die ihn faszinieren aber nicht zwingen. Er ist keineswegs allwissend und gibt unumwunden zu, wenn er ein Buch nicht ausgelesen hat, zu Wissenslücken bekennt er sich mutig. Es geht ihm auch nicht um Kritik, sondern um Buchgeschichten, welcher Art auch immer. Vorsicht, – Bücher vermehren sich von selbst! Manche sind ihm einfach zugelaufen, er hat sie in den Untiefen seiner Bibliothek wieder entdeckt oder sie wurden ihm vererbt. Viele, viel zu viele kauft er einfach, weil er sie haben will. Die Grenzen zwischen schöner Literatur und Sachbüchern zählen nur so halb, Exoten und Fremdlinge werden bevorzugt, bekannte Größen erscheinen in einem anderen Licht; Kunstfehler nicht ausgeschlossen, aber sie kommen von Herzen ...
Tristram Shandy Unglücksrabe
Einfacher geht es nicht und komplizierter auch nicht. Anders gesagt: ein Autor erzählt sein Leben, referiert seine Ansichten und scheitert, weil er der Fülle dessen, was alles berücksichtigt werden muss, nicht gewachsen ist; immer fällt ihm etwas ein, das nicht verschwiegen werden darf. Er kommt nicht vom Fleck, aber gerade dieses Unvermögen macht den Erfolg des außerordentlichen Buches aus, das zwischen 1759 und 1767 in neun Bänden erschien: “The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman”. Laurence Sterne (1713 – 1768) kultiviert darin die Abschweifung, den Umweg als das eigentliche Anliegen eines verwinkelten Lebensberichts, der Rahmen und letztlich Vorwand für ein listig moderiertes Hybrid aus Philosophie, Parodie, Anekdote, Autobiografie und Reisebericht ist. Schon was die Zeit vor der Geburt angeht, verläuft sich der Autor im Gestrüpp unausweichlicher Gegebenheiten, das schrullige Personal vom Landgut Shandy Hall und seiner Umgebung irgendwo in der englischen Provinz, wird ausführlich exponiert, Dr. Slop etwa und die von ihm konstruierte Geburtszange, nebst anderen bedeutsamen Umständen, die kein gutes Licht auf das Kommende werfen, sind Gegenstand ausführlicher Erläuterungen. Hinter manch einer komischen Volte tut sich ein Abgrund auf. Immer wieder lässt der Autor den Faden fallen und bald stellt sich heraus, dass die eigentlichen Hauptfiguren des Ganzen, der Vater Walter und dessen Bruder Toby sind. Der Erstere ein belesener Vielwisser und Hobbyphilosoph, der Andere ein Captain im Ruhestand, der bei der Belagerung von Namur an der “Schamleiste” zu Schaden kam und nach der langwierigen Ausheilung der rätselhaften Verwundung in seinem Garten die Umstände der schicksalhaften Episode aus den englischen Koalitionskriegen gegen Ludwig XIV nachstellt, besser: nachspielt. Wollte man mehr dieser köstlichen Geschichten auch nur andeuten, geschweige denn nacherzählen, könnte einem das Gleiche passieren wie dem ehrenwerten Schriftsteller Mr. Shandy, – man käme vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom 100. ins 1000.
Mit “Tristram Shandy. Unglücksrabe”, überschreibt Heinz von Cramer (1924 – 2009) eine Hörspielversion von 1986 für den BR und den SDR. Um den ausufernden Text fürs Radio zu disziplinieren, greift dieser trotzige Wundermann des Radios zu einem Trick, er setzt einen Rahmen. Die Versatzstücke dazu findet er zu Anfang des siebten Buchs. Der Tod klopft an die Tür des kränkelnden Erzählers, dessen “Lebensmut” weist den freilich so energisch zurück, dass selbst der Sensenmann irritiert ist: “Hier liegt wohl doch ein Irrtum vor”, und bevor der Tod sich noch eines anderen besinnt, nimmt Tristram Reißaus und begibt sich auf eine Atemlose-Tour durch Frankreich, welche zur schönsten aller Abschweifungen geraten ist und den sechsten Teil zu Gänze füllt. Im Hörspiel wird aus der Heimsuchung ein fatalistisches Motiv, da schreibt einer, um nicht zu sterben; der Tod, die Angst davor treibt diese narrative Verfolgungsjagd an: “Von der Bahre bis zur Wiege”, lautet der Untertitel. Eine existenzielle Note würzt schon den ironischen Sarkasmus des Originals; die Radiofassung gefällt sich in einer entsprechenden Unterstreichung, das akustische Intro ruft mit Peitschenknall, wiehernden Rössern und rollenden Rädern die dramatische Flucht als knackiges Hörspieltheater aus guter alter Zeit auf, um damit einen Prolog für die anderen Geschichten und Geschichtchen zu setzen, wobei der absurde, philosophisch-sophistische Dialog von Vater Shandy und Onkel Toby das Zentrum einer sozusagen melancholischen Kompression bildet. Zwei prächtige Schauspieler wie Traugott Buhre und Hans Wyprächtiger erfüllen diesen Gedankenaustausch mit nachdenklicher Würde, den Erzähler gibt der junge Simen Rühaak, die ellenlangen Schachtelsätze präsentiert er mit virtuoser Noblesse. Bei Heinz von Cramer holt der Tod den Unglücksraben ein, – der Erzähler ist tot, es lebe die Erzählung. Der Reigen der Geschichten selbst rollt in einem beiläufigen Nachsatz aus, der Vorangegangenes in gewisser Weise relativiert: “Du liebe Zeit, worüber macht ihr denn ein solches Lärmen? – Sie geißeln den toten Hahn, weil die Henne ein Wind-Ei gelegt. Und eines von den hübschesten Geschichtchen war’s, die ich je gehört.” Ende des Hörspiels, “Ende des neunten Theils.” Gut gekürzt ist halb gewonnen, wer den “Tristram” in zwei Stunden bringen will, muss ganz, ganz viel weglassen; heraus kommt in diesem Falle eine akustische Seitenansicht, ein verblüffendes Konzentrat mit neuen Durchblicken. Das Referat dieses Hörspielklassikers hat hier indessen geholfen, den Inhalt nochmals kurz zu streifen, die Kürzungen fürs Radio kamen gerade recht, um selbst kurz zu bleiben, doch letztlich gilt – und das ist gut so: “Tristram Shandy. Unglücksrabe”, das Hörspiel macht bei aller Eigenständigkeit Lust auf die Lektüre des Originals.
Das Erfolgsbuch des schrulligen Engländers, von dem schon im 18. Jahrhundert drei deutsche Übersetzungen erschienen (Heinz von Cramer schwor auf die von Johann Christian Bode), ist kein Reißer. Wer zu schnell liest, muss oft zurückblättern, der Autor überrollt seine Follower gelegentlich mit glänzend vorgetragenem Fachwissen, etwa in Sachen Fortifikationswesen, wenn von Onkel Tobys Spleen die Rede ist; das wäre ein Beitrag zum “Handbuch des nutzlosen Wissens” und Beispiel für eine der wortreichen Sackgassen, in die sich der Erzähler so gerne verirrt. Den “Tristram” muss man in gewisser Weise studieren, als sei das ein früher Verwandter von “Zettels Traum”, aber man sollte sich nicht einschüchtern lassen, manches rasselt ohnehin wie Wortmusik am inneren und äußeren Ohr vorbei. Das Druckbild erscheint abenteuerlich mit seinen zahllosen Gedankenstrichen, die einen gelegentlich zwingen, einen Satz geradezu aufzudröseln. Sternchen/Asteriske für Unaussprechliches oder Anstößiges füllen schon mal halbe Seiten. Wenn der Autor mit dem Wort nicht mehr weiterkommt, zeichnet er krumme Linien, um etwa den eigenen krausen Erzählstil zu charakterisieren, berühmt ist die schwarze Seite, die er einfügt, als er an einen lieben, verstorbenen Freund erinnert: “Armer Yorick”. Ähnlichkeiten mit anderen Figuren der Literaturgeschichte sind rein zufällig. So gesehen ist das Buch nicht nur ein literarisches Hybrid, sondern auch ein medialer Überläufer. Am schönsten übrigens nachzuvollziehen in der Übersetzung von Michael Walter, die zwischen 1983 und 91 bei Haffmanns in neun Bändchen erschien, inspiriert von der Darreichungsform der englischen Originalausgabe. Das ist in der zurzeit greifbaren Ausgabe der Walter-Übersetzung bei Galiani weitgehend unter den Tisch gefallen auch die spitzen Frontispitzes der Tatjana Hauptmann mussten weichen. Die Gedankenstriche waren zwischen 1983 und 91 länger, als wir es gewohnt sind, das Druckbild der kleinformatigen Bände entzückte und die phänomenale Übertragung erscheint, um bei dieser Gelegenheit einen vielgebrauchten Terminus in Sachen ‘Alter Musik’ zu nutzen und dabei ein wenig umzubiegen, wie ‘historisch informierte Übersetzungspraxis’, – also gewissenhaft, keinesfalls historistisch und letztlich aktuell. Die Anmerkungen waren hilfreich.
Ein Ikarusflug des Journalismus
Auf David van Reybrocks Buch, “Kongo. Eine Geschichte” (2012) bin ich zufällig beim Stöbern in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung gestoßen. Ich hätte nicht gedacht, dass Realhistorie Unsereinen so fesseln kann. Das liegt natürlich an der Materie, die weltbewegend in jeder Weise ist, sie kommt auf einen Europäer, der mal in Kenia und Ägypten Urlaub gemacht hat, aber sonst wenig weiß, fast wie ein Lehrstück über den Kolonialismus und die daraus folgenden Katastrophen zu. Zwar versucht der belgische Historiker in einem ausführlichen Vorwort die Geschichte weiter zu fassen, in “fünf virtuellen Dias”, deren erstes ein Bild über die Zeit vor 90.000 Jahren versucht. Afrika als Wiege der Menschheit hat da schon gut fünf Millionen Jahre hinter sich gebracht, aber Reybrocks erstes Kapitel steigt mit der Entdeckung des Landes durch “Ost und West”. Bald taucht in diesem Szenario der Engländer Henry Morton Stanley (1841 – 1904) auf, der als erster Zentralafrika in der Ost-West-Richtung durchquerte, orientiert am Lauf des Kongo, womit er das Land mit seinen zahllosen Ethnien beschrieb und irgendwie auch für zentraleuropäische Interessen definierte: “Durch den dunklen Weltteil”, so die Titelformulierung des 1878 erschienenen Berichts, – für Reybrock ist das “die Mutter aller Entdeckungsreisen”, sprich: “die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, eine schwindelerregende Expedition durch Fiebersümpfe, Territorien feindseliger Stämme und Gebiete mit unerbittlichen Stromschnellen.” An dieser schillernden Persönlichkeit bleibe ich erst einmal hängen. Weitere Erkundungen Stanleys in dieser Region, die 1885, begünstigt durch die politische Großwetterlage, auf der “Berliner Konferenz” Leopold II. als persönliches Protektorat zugeschlagen wurde, folgten. Stanley hat nach seiner ersten Kongo-Expedition als eine Art persönlicher Agent des Königs für den belgischen Sonderweg die Pflöcke eingeschlagen; der erste Akt des Kongo-Dramas, das bis zum Schluss düster bleibt, konnte beginnen. Kinshasa hieß lange Zeit “Leopoldville” und Kisangani “Stanleyville”.
Dieser Stanley ist eine seltsame Figur, ein Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, Protagonist einer romanhaft anmutenden Biografie, einer der sich als Exklusiv Berichterstatter für den “New York Herald” einen Namen macht. Für seine Zeitung ist er auf den Krisen- und Kriegsschauplätzen unterwegs, er berichtet von den Sensationen in Übersee. Weltberühmt wird er durch einen spektakulären Auftrag des Herald-Herausgebers James Gordon Bennet Jr., den auf dem afrikanischen Kontinent verschollenen David Livingstone zu suchen. Die von Stanley schon mal als “Ikarusflug des Journalismus” doppeldeutig charakterisierte Mission macht ihn zum ‘Afrikaforscher’. Die Vorbereitung der Expedition beginnt auf Sansibar, nach einer spektakulären, weit ausholenden Anreise mit journalistischen Extraaufgaben in Suez, Konstantinopel, Jerusalem und Bombay. Ankunft in Ujiji am Tanganjikasee, wo man Livingstone vermutete und Stanley ihn auch fand, am 10. November 1871, genau 236 Tage nach dem Aufbruch in Bagamoyo (Tansania). Stanley hat ein gutes Gespür für den richtigen Augenblick, den er mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen weiß, – die erste Begegnung als Sekunden-Dialog. “Ich schritt auf ihn zu und fragte, den Hut abnehmend: ‘Doktor Livingstone wie ich vermute?’ ‘Jawohl!’ antwortete er mit freundlichem Lächeln, die Mütze leicht lüftend.” Welch’ eine Begrüßung nach solchen Strapazen!
Anscheinend war der Brite ein in der Wolle gefärbter Pragmatiker, durchsetzungsstark und ausgestattet mit dem Geschenk einer eisernen Gesundheit, was gelegentlich Anfälle von Fieber nicht ausschließt. Den komplizierten Apparat einer Afrika-Expedition, in diesem Fall ein Organismus von 190 Leuten, Träger, Treiber, Aufseher, Soldaten außerdem Esel, Tauschwaren, Lebensmittel etc. pp. kriegt er, fast möchte man sagen: “intuitiv” in den Griff. Manches kann er der zeitgenössischen Reiseliteratur entnehmen, etwas Erfahrung hat er durch seine Berichterstattung über den Abessinien-Krieg gesammelt. Beim Nachlesen, bzw. Hin- und Herblättern in meiner zerfledderten Reclam-Ausgabe von 1892 stoße ich auf einen selbstbewussten Autor, der gerne mit seiner Souveränität renommiert, – das ist packend und manchmal auch etwas anstrengend. Stanley liebt es, die Schwierigkeiten, die er immer wieder aufs Neue überwindet, lustvoll auszumalen: Er ist ein guter Beobachter, hat einen Blick für die Schönheiten der Landschaft, die er schon mal mit kolonialem Blick taxiert. Er ist ein ‘Weißer Mann’, wie er im Buche steht, ein großer Ichsager, das verrät sich schon in der Titelformulierung seines Buchs, “Wie ich Livingstone fand”. Zweifel an seiner eigenen herausragenden Existenz finden sich nirgends, dabei ist er in gewisser Weise ein Menschenfreund, er hängt an seinen Leuten, kennt die meisten mit Namen, respektiert sie nach ihren Fähigkeiten. Aber er kann und will nicht aus seiner Haut. Da schenkt ihm unterwegs ein Araber einen “kleinen Sklavenjungen”. Er nimmt das Geschenk gerne an und der einzige Gedanke, den er sich dabei gestattet, ist die Frage, welchen neuen Namen man dem Knaben geben soll, denn N’dugu M’hali (Meines Bruders Reichtum) gefällt ihm nicht, eine fast schon poetische Fürsorge verdrängt das garstige Faktum eines ethisch unmöglichen Besitzes. Man berät sich, einer der Hauptleute schlägt vor: Kalulu. So soll es sein, wegen der hellen Augen, der schlanken Gestalt und seiner raschen Bewegungen. “Kalulu ist der Kiswahili Ausdruck für das Junge einer blauen Antilope”. Ungefiltert, ungeschönt, anregend und befremdend kommt das heute noch auf einen zu und macht die Lektüre auf ihre Art noch einmal auf einer zweiten Ebene sprechend.
Natürlich ist David van Reybrock von Henry Morton Stanley, den er kritisch und fair einzuordnen weiß, meilenweit entfernt, doch ein wenig von dessen Lust am Risiko, bzw. seine Sache wirkungsvoll zu präsentieren, prägt auch ihn; das Buch des Belgiers ist schließlich kein ‘Fachbuch’, sondern ein ‘Sachbuch’. Der Chronist wählt überraschende Blickwinkel, befragt Zeitzeugen, um da und dort noch den Zipfel einer erlebten Geschichte zu ergreifen und im Rahmen der Recherche selbst mitzuerleben. “Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort ‘gewöhnlich’ nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich außergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buches gelernt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.” Gelegentlich wird er zum rasenden Reporter, und manchmal überfällt ihn auch so etwas wie Abenteuerlust, wenn er beispielsweise im November 2008 Kopf und Kragen riskiert, um den Rebellen und Warlord Laurent Nkunda in seinem Hauptquartier zu interviewen. Geschichte will erzählt sein. Manchmal erwische ich mich bei dem schönen Allgemeinplatz, dass das Leben die besseren Geschichten schreibt, meinetwegen mit Blut, Schweiß und Tränen. Das ist wohl die falsche Perspektive, also die Katastrophen der Wirklichkeit als Lesevergnügen zu sehen, aber irgendwo zwischen der Welt und dem Text findet die Vermittlungsarbeit statt, die das Publikum, welches das auch immer sein mag, informiert und gegebenenfalls auch aufrüttelt.
20.000 Meilen unter dem Meer
Kein Buch habe ich so geliebt wie dieses. “20.000 Meilen unter dem Meer” von Jules Verne (1828 – 1905) habe ich als Kind und Jugendlicher immer wieder gelesen, meist kapitelweise unterwegs in den schönen Stellen; zu jeder Tages- und Nachtzeit. In Kapitän Nemo sah ich einen großen, geheimnisvollen Freund, der mit mir auf dem Meeresgrund spazieren ging, um die Überreste der untergegangenen Stadt Atlantis aufzusuchen oder Einblicke in andere, bis dato unvorstellbare Sensationen der Tiefsee zu gewähren. Das zukunftsmächtige Beiwerk, die technischen Voraussagen des Romans im Sinne von Science-Fiction spielten dabei eine eher randständige Rolle: Das Wunderschiff, die Nautilus, war vielmehr ein ideales Refugium für pubertierende Allmachtsfantasien; das Unterseeboot als sicheres Gehäuse, wenn man so will, ein perfektes Sowohl-als-Auch, im gehörigen Abstand zum Rest der Welt und mitten drin in den Geheimnissen “unter dem Meer”, darüber hinaus versehen mit allen zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften, etwa einer reichhaltigen Bibliothek – sogar eine Orgel gab es an Bord. Man war unterwegs zwischen den Kontinenten, eine gehörige Portion an Abenteuern gehörte zur Grundausstattung einer solchen “außerordentlichen Reise”. Die Art und Weise, wie mein Stellvertreter in diesem Szenario, Professor Aronnax, die Geschichte realisierte, als sei das Außerordentliche das Natürlichste der Welt, hat mich kolossal beeindruckt; seine erste Person schaffte Vertrauen, im Reisebericht, der sich als eine Art Tagebuch formulierte, steckte eine persönliche Ansprache. Seine beiden Begleiter, Conseil, der selbstlose Diener, und der sture Harpunier Ned Land, traten etwas zurück. Dass sich hier eine reine Männergesellschaft versammelte, erwies sich fürs Wohlbefinden des jugendlichen Lesers als vertrauensbildende Maßnahme.
Mitte der 60er-Jahre gab es nur relativ wenige greifbare Titel dieses Autors, zumindest für ein Kind und einen überforderten Buchhändler in der niederrheinischen Provinz. Neben den “20.000 Meilen” immerhin, “In 80 Tagen um die Welt”, die beiden “Mond”-Reisen, “Der Kurier des Zaren”, “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” waren irgendwie da und haben sozusagen als Klassiker bleibende Eindrücke hinterlassen. Ab 1968 erschien dann die Edition bei Bärmeier & Nikel, insgesamt kamen 20 Bände heraus, in denen oft zwei Romane zusammengedrängt waren. Die fast gleichzeitig bei Diogenes erscheinende Edition mit ihren relativ wenigen Titeln habe ich irgendwie übersprungen, und dass bei Bärmeier & Co. mit Blick auf Action und Unterhaltung gekürzt wurde, hat man im Rahmen der frisch zu fütternden Lesewut nicht entsprechend registriert; zwei Jahre lang habe ich nach und nach alle Titel gekauft und gelesen. Mitte der 80er-Jahre war der Hunger nach Jules Verne längst gestillt, aber mit dem Erscheinen der riesigen “Collection” bei Pawlak, also 100 Bände, die bald einzeln in allen nur erdenklichen Bücherkisten verramscht wurden, gab es noch einen Rückfall. Inzwischen verliere ich etwas die Übersicht zum seinerzeit Gelesenen, wovon beispielsweise “Keraban der Starkopf” handelt, habe ich vergessen. “Die Eissphinx”, “Im Land der Pelze” ??? Haften geblieben ist die Erinnerung an einen Neuzugang wie “Robur der Sieger”, der war mit einem Superfluggerät unterwegs, das ein wenig an die Nautilus erinnerte. Es gab eine Indien-Reise mit einem dampfgetriebenen “Stahlelefanten”, auch dieser wohl weniger bedeutende Roman des Autors ist irgendwie hängen geblieben. Vom Ertasten der Welt in abgeschirmten, sicheren Kapseln zu Luft, zu Lande und zu Wasser ging eine starke Sogwirkung aus. Ach ja, und dann gab es noch “Die geheimnisvolle Insel”, in der zu erfahren war, wer Kapitän Nemo eigentlich ist.
Die Edition von B&N, die zahllosen blauen Bände von Pawlak sind mir inzwischen abhandengekommen. Vor einiger Zeit habe ich allerdings “20.000 Meilen” wieder gelesen; die Taschenbuchausgabe der Diogenes-Edition ist mir irgendwo über den Weg gelaufen. Die neue Übersetzung von Peter Laneaus erscheint allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Was den Titel angeht gibt es ja leichte Differenzen, ich habe immer “20.000 Meilen unter dem Meer” gelesen und erinnert, gelegentlich liest man auch “unter den Meeren” aber “Zwanzigtausend Meilen unter Meer” klingt wie ein Druckfehler. Mit einer gewissen Sturheit spricht der Übersetzer auch immer von dem Nautilus. Also der Nautilus, männlich? Du zuckst zusammen, als hättest du auf eine Schrotkugel gebissen. Die Devise lautet: Schiffe immer weiblich, egal wie sie heißen, – “Endeavour”, “Santa Maria” oder “Gorch Fock”! Schwamm drüber, meine Anstreichungen sind nun mal in dieser Ausgabe. Flankiert durch die monumentale Biografie von Volker Dehs kehrt das Staunen in einer aufgeklärten Form zurück, nämlich über die perfekt imaginierte Erzählung von etwas Unerhörtem.
Manches erscheint jetzt in neuem Licht. Immer wiederkehrendes Stilelement in dem Unterseeabenteuer sind beispielsweise Aufzählungen oder Listen technischer Details oder vorüberziehender Naturalien, mit denen Jules Verne die hier konstruierte Wirklichkeit sozusagen sichert. Ich war da, ich habʼs gesehen und notiert. Vielleicht schleicht sich damit aber sogar ein Stückchen konkrete Poesie in den Roman ein, besonders in den seitenlangen Aufzählungen von Fischen und anderen Bewohnern des Meeres. Wer kürzen will, setzt hier an, aber das wäre ein Fehler. Das Ornament der Heerscharen von Unterwasser-Populationen mutet schon mal so an wie eine epische Minimalmusik mit Sogwirkung in das artifizielle Ambiente der Erzählung. Das klingt modern und birgt gleichzeitig ein archaisches Moment, man könnte sich an den Schiffskatalog im zweiten Gesang der “Ilias” erinnert fühlen, wo sich die Macht der Griechen durch das sture Aufzählen der zahllosen Schiffe und ihrer Anführer manifestiert. Freilich sind diese Listen bei Jules Verne schon mal ironisch gebrochen, Aronnax erzählt, bzw. zählt auf, der Diener frönt seinem Hobby des Klassifizierens. Die Wissenschaft und ihre Hilfsdienste. Humor in sparsamen Dosen ist ein Teil des Erfolgsgeheimnisses, der Rest ist eine Einladung zum Mitdenken und Träumen, – an Erwachsene und Kinder.
Letzte Änderung: 24.07.2026 | Erstellt am: 24.07.2026
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