Mein masurisches Multi-Kulti-Städtchen Bartoszyce-Bartenstein
Artur Beckers Literatur ist insbesondere von Themen wie Identität, Erinnerung und kulturellem Austausch geprägt – wiederkehrende Motive, die auch in seinem neuen Essay präsent sind. Der polnisch-deutsche Autor verbindet hierbei seinen persönlichen Werdegang mit dem gespürten Misstrauen gegenüber Machtstrukturen, das ihn zu seinem „rebellischen“ Schreibstil geführt hat, und zeigt, wie intensiv sein Schreiben immer noch mit seiner Kindheit und Jugend in dem Städtchen Bartoszyce in Masuren verknüpft ist. Vom Katholizismus und Kommunismus, die sein Aufwachsen tiefgreifend beeinflussten und formten, über die ungeheuerliche Okkupation der Nazi-Deutschen in Polen bis hin zu seiner Ausreise in die BRD entfaltet sich eine Erzählung, die nicht nur historische und persönliche Episoden rekapituliert, sondern auch das Verständnis dafür schärft, wie Literatur aus Widerstand und Zugehörigkeit entstehen kann.
Ein sozialistisches Baby
Mein Geburtsstädtchen Bartoszyce in Masuren hieß bis 1945 Bartenstein – es liegt an dem Fluss Łyna, der ostpreußischen Alle, wobei der deutsche Name seinen Ursprung im Litauischen hat und »Reh« bedeutet. Also ein fliehender, sich graziös zwischen Hügeln, Feldern und Wäldern schlängelnder Fluss, der kurz vor der Grenze zu der russischen Exklave mit deren Hauptstadt Kaliningrad, dem einstigen Königsberg, immer breiter wird und mehr einem See ähnelt.
Ich wurde noch im tiefsten Sozialismus geboren, wenn auch im alten ostpreußischen Johanniter-Krankenhaus. 1968, als ich die Welt mit meinem unüberhörbaren Stimmchen begrüßte, wetterte in Warschau der Erste Parteisekretär Władysław Gomułka, ein furchtbarer Schreihals, gegen „Zionisten“, was, in bedenklicher Tradition, nichts anderes als Juden meinte. Derweil lag ich im einstigen Militärhospital der alten Garnisonsstadt, erbaut 1902, das 1945 in ein Krankenhaus für Zivilisten umgewandelt worden war. In die Kasernen des Kaisers und der Wehrmacht zog unterdessen die Polnische Volksarmee ein. Das Krankenhaus wurde nach meiner Ausreise 1985 in die BRD nur noch wenige Jahre weiterbetrieben, und heute spukt es dort in den langen Fluren und leeren Sälen gewaltig, Graffitis zieren die Wände, ungebetene, meist junge Besucher suchen nach Abenteuern, ohne zu ahnen, dass genau hier deutsche und selbst sowjetische Soldaten, die schwer verwundet waren und einfach zurückgelassen wurden, starben und dass hier kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs die ersten sozialistischen Babys die Morgenröte der Welt erblickten, so auch mein Vater.
Im dritten Stockwerk dieses bombastischen Gebäudes, zu dem auch eine riesige Parkanlage gehörte, brannte oft ein violettes Licht – dann wusste ich als Schüler der Wanda-Wasilewska-Grundschule, dass wieder jemand operiert wurde. Dieses stets bedrohlich wirkende Licht ‒ uns war bewusst, dass Patienten eine Operation nicht immer überlebten –, das mich an die violetten oder vielmehr zyklamen Schale, Sutanen und Tischdecken aus der Sakristei der St.-Johannes-Evangelist-Kirche erinnerte, konkurrierte mit dem hoffnungsvollen und eine bessere Zukunft versprechenden Rot der Kommunisten, mit ihren Bannern und Fahnen, die vor allem am 1. Mai mein Städtchen in ein rotes Meer verwandelten, um den Sieg des »Neuen Menchen« zu feiern.
Bartel und Gustabalda
Zwei Ideologien, zwei Religionen, zwei Glaubenssysteme dominierten meine Kindheit und Jugend, der Katholizismus und der Kommunismus. Marschieren, beten, marschieren, beten – und stundenlang Appell oder in der Heiligen Messe stehen … Mir taten als Kind immer die Beinchen weh, zumal wir alle wichtigen Strecken meistens per pedes bewältigten: von zu Hause im Plattenbau in der Waryński-Straße an der Łyna zur Schule, die ein guter Nachbar des »deutschen« Krankenhauses war; von zu Hause in die Wirkwarenfabrik, die an den Stadtwald grenzte und in der mein Vater für die Freizeitgestaltung der Näherinnen und Arbeiter zuständig war.
Wir legten jeden Tag viele Kilometer zu Fuß zurück: Doch auf diese Weise konnte man unser Städtchen und seine Geschichte besser kennenlernen, denn es gab in jeder Straße wichtige Zeitzeugen aus Stein und Eisen – alte ostpreußische Fabriken und Behörden, in die nun die sozialistische Bürokratie und Planungswirtschaft Einzug gehalten hatten; Denkmäler der Kommunisten; das Liebespaar Bartel und Gustabalda – die beiden Steinskulpturen der alten Pruzzen, die dieses Land vor der vollständigen Christianisierung seit Jahrhunderten bewohnt und den Perkunis, den Donnergott, verehrt hatten; dann die zahlreichen Kirchen, deren konfessionelle Ausrichtung in all den Jahrhunderten oft wechselte: mal waren sie römisch-katholisch, mal protestantisch, mal griechisch-katholisch oder evangelisch-augsburgisch, und wir wussten auch, wo in der Altstadt die Synagoge von Bartoszyce-Bartenstein gestanden hatte: direkt am Flussufer und in der Nähe der ehemaligen Mehlwerke der jüdischen Familie Mayer. Wir Kinder gingen manchmal in die Altstadt und dann ans Ufer, um mit unserem Wissen zu protzen: »Hier, genau hier hatte die Synagoge gestanden, Leute!« Das Gleiche taten wir auch, wenn wir die Ruinen des mittelalterlichen Schlosses aufsuchten, das sowjetische Kanonen zerschossen hatten: Wir kletterten auf den Schlossberg und schrien: »Hier, genau hier hat der Deutsche Orden das Bartensteiner Schloss gebaut, Leute!« Uns war schon bewusst, dass in unserem Städtchen einst Ostpreußen gewohnt hatten …
Meine ostpreußische Großmutter Erna aber sagte über ihre Herkunft und Nationalität stets, sie sei keine Deutsche, sondern eine Natangerin – stolz zählte sie sich aufgrund der zahlreichen Familienlegenden zu diesem Stamm der Pruzzen, der westbaltischen Ureinwohner. Bei einem Glas Eierlikör konnte sie ihre scharfe Zunge nicht im Zaum halten: »Selbst noch kurz vor dem Krieg gab es auf dem Land Gastarbeiter aus Polen, und unsere Bartensteiner Juden sind alle nach Amerika abgehauen – sie wussten, was ihnen blühte, wenn sie geblieben wären.«
Sie war im Prinzip eine Heidin, deren Vorfahren die Christianisierung der Wald- und Seeuferbewohner nur deshalb überlebten, weil sie sich irgendwann zum vatikanischen Christentum bekannten. Und bedenkt man, dass der letzte Vertreter der Pruzzen, der noch Pruzzisch sprechen konnte, 1689 starb, ist umso bemerkenswerter, wie tief Erna in diesem baltischen Land der Tausend Seen verwurzelt war.
Sie wohnte in der Hanka-Sawicka-Straße, in der Nähe des mittelalterlichen Stadttors im roten Backsteinbau namens Heilsberger Tor (pl. Brama Lidzbarska, was an eine deutsche Fußballlegende, den Weltmeister von 1990 Pierre Littbarski – „Litti“ – denken lässt). Auf einer Seitentür unter dem Torbogen hatten die Ostpreußen noch kunstvoll in gotischen Lettern das Wort »Heimatmuseum« eingeritzt, lange bevor sie zu Heimatvertriebenen wurden, und erst in der BRD erinnerte ich mich an dieses Wort, denn so hieß auch ein Roman meines ostpreußischen Landsmanns Siegfried Lenz, und erst die Begegnung mit ihm vor rund fünfundzwanzig Jahren machte mir klar, dass auch ich mich von meinen eigenen Wurzeln niemals würde loslösen können. Frau Lenz, eine zierliche und genauso sympathische und bescheidene Person wie ihr Mann, sagte zu ihrem Siegfried: »Oh! Schau mal, das ist dein Landsmann!« – »Ach Gottchen! ›Heimatmuseum‹! Lange her das Ganze … Masuren!«, sagte Herr Lenz nach meiner Liebeserklärung, die seinem berühmten Roman galt.
Aber ich kam nicht aus Ostpreußen, sondern aus der Volksrepublik Polen, und die deutschen Artefakte (wie eine Kaffeemühle oder ein Pfefferstreuer), die es auch in der Küche meiner Natengergroßmutter Erna gegeben hatte, wirkten auf mich und andere Polen eher etwas furchteinflößend und ja – sogar böse. All die Vorratsbehälter, die auf Deutsch mit »Zucker«, »Mehl« oder »Feigenkaffee« beschriftet waren, erinnerten uns an Stutthof, das Konzentrationslager bei Danzig. Und für mich waren die wilden Wälder, Seen und Landschaften Ostpreußens ja auch nicht verloren und Anlass, sie zu beweinen oder ihnen nachzutrauern, sondern pure Realität, sie gehörten zu mir wie mein Geburtsland, wie die steinernen Bäuche der beiden Skulpturen Bartel und Gustabalda – berührte man sie mit der Hand, hieß es in meiner Kindheit, würde es einem Glück bringen …
In der Hanka-Sawicka-Straße
Unsere Großmütter, Mütter, Tanten, Schwestern und Cousinen mussten für Frieden und Ordnung in diesem mit doppelter Identität ausgestatteten Städtchen sorgen, denn ihre Männer waren oft nicht zu Hause. Entweder streikten sie, oder sie schufteten hart auf den Baustellen und in den Fabriken Westeuropas und Amerikas, oder sie wurden als Dissidenten interniert, oder sie zankten sich mit ihren Freunden und Feinden bei einem Glas Wodka und spielten sich dann als heldenhafte Antikommunisten auf. Im Wohnzimmer meiner Großmutter Erna in der Hanka-Sawicka-Straße – Sawicka war eine bekannte polnisch-jüdische Kommunistin – trafen sich all die erwähnten Damen zum Eierlikör und Kaffee und spielten Bridge oder Poker: Ostpreußinnen, Ukrainerinnen, Jüdinnen, Polinnen, Russinnen, Weißrussinnen und andere. In den frühen Siebzigern dieses mörderischen Jahrhunderts, das KZ-Lager, Gulags, Atombomben und Napalm hervorbrachte, waren sie bereits alle miteinander versöhnt, und ich staunte über ihren östlich eingefärbten Akzent, über ihr merkwürdiges Polnisch, das kein richtiges Hochpolnisch war, sondern ein Mix aus dem Ukrainischen, Russischen, Polnischen und Deutschen. Die Damen waren verheiratet, hatten bereits erwachsene Kinder und Enkelkinder, doch die ersten Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren für die Frauen nach wie vor Zeiten des Schreckens, der Gewalt gewesen. Erna sprach in dieser vom Chaos und von Gefahren geprägten Übergangsphase noch kein richtiges Polnisch und wurde oft als »Nazi-Hure« beschimpft; die Frauen aus der nunmehr sowjetischen Westukraine, die bei der sogenannten »Aktion Weichsel« 1947 auch nach Bartoszyce zwangsumgesiedelt wurden, trafen sich im Kulturhaus im Stadtwald, dem ehemaligen Offiziersklub der Wehrmacht also, immer noch zu ihren wichtigsten Festen, um ihre ukrainischen Bräuche am Leben zu erhalten. Ethnische Ukrainer, Lemken und Bojken fanden sich plötzlich in den von den Deutschen verlassenen, sogenannten »Wiedergewonnen Gebieten«, die laut der kommunistischen Propaganda immer polnisch gewesen seien – spätestens seit dem Sieg des polnischen Königs Władysław II. Jagiełło über den Deutschen Orden bei Grunwald (Tannenberg) im Jahre 1410, einem polnischen nationalen Mythos, der bis heute so gefeiert wird wie einst die Sedan-Feiern in der deutschen Kaiserzeit.
Die Jahre 1945 bis 1956, also bis zum Tauwetter nach Stalins Tod, waren also oft dramatisch, ja lebensbedrohlich: Sowjetische Soldaten kamen zu Fuß über die Grenze nach Ermland und Masuren, betranken sich und vergewaltigten Frauen, und deutsche Kinder, die ihre Eltern im Krieg verloren und in den polnischen Kinder- und Jugendheimen inzwischen Polnisch gelernt hatten, wurden hin und wieder in die Sowjetunion entführt, um russifiziert zu werden, was mich daran erinnert, was ab 2022 ukrainischen Kindern und ihren Familien angetan wurde.
1985 lernte ich in Verden an der Aller, meiner ersten Station im »Westen«, solche Menschen kennen, die diese Nachkriegswirren in der jungen Volksrepublik Polen oder der Sowjetunion mit viel Glück überlebt hatten und später sogar Lehrerinnen und Lehrer geworden waren – so auch mein ehemaliger Mathematiklehrer Herr Jeromin, wobei schon sein Nachname alles sagt: Man erinnert sich sofort an die Bücher von Ernst Wiechert, dem ostpreußischen Bestsellerautor, den heute nur noch Germanisten lesen, obwohl sein autofiktionaler Bericht und Essay »Der Totenwald« über seine zweimonatige KZ-Erfahrung in Buchenwald eine der eindringlichsten Einführungen in die kranke Seele des Nazi-Deutschlands ist und von seinen Kritikern zu Unrecht als naives Werk eines Gutmenschen, deutschen Nationalisten und Kindes seiner Zeit demontiert wird.
»Archipel der wiedergewonnen Menschen«
… Aber da sind noch so viele andere längst vergessene Menschen, Wälder, Seen und Bücher aus Ermland und Masuren, die eine literarische Wiederauferstehung verdient haben. In meiner ermländisch-masurischen Kindheit war der Roman »Archipel der wiedergewonnen Menschen« des polnischen Schriftstellers Igor Newerly eine Art Pflichtlektüre, nicht nur aus patriotisch-kommunistisch-propagandistischen Gründen: Das Buch, das auch ins Deutsche übersetzt und 1951 in der DDR publiziert wurde, erzählt von dem berühmten Korczak-Haus, einem Kinder- und Jugendheim in Bartoszyce-Bartenstein. Kinder des Krieges, Kinder aus dem zerstörten Warschau, ostpreußische Kinder, deutsche Kinder, jüdische, ukrainische, polnische Mädchen und Jungen bewohnten das Heim, weil sie niemanden mehr hatten, keine Familie, keine Freunde. Ich las Newerlys Roman, als ich dreizehn wurde, und ich staunte damals schon darüber, wie grausam der Mensch ist, denn er lernt einfach nichts dazu, sonst würde er doch nicht seinen eigenen Kindern, den kleinen Erdlingen, so viel Böses antun … Moralisch und psychisch angeschlagen, hungrig, ohne elterliche Liebe und ohne eine leuchtende Zukunft – so muss man sich diese Waisenkinder bei ihrer Ankunft im Korczak-Haus vorstellen; sie fanden in diesem Heim ihre erste sichere und warme Bleibe, in der junge stalinistische Damen oder einundzwanzigjährige Draufgänger sie gesundfütterten und in den grundlegenden Fächern unterrichteten, während die aus dem Krieg zurückgekehrten Männer die Front-, KZ- und Zwangsarbeitsschrecken erst einmal im selbstgebrannten Schnaps ertränken mussten, erst einmal, denn Warschau sollte doch wiederaufgebaut werden, und im ehemaligen Ostpreußen gab es jede Menge rote Backsteine, die man in den Trümmern und Ruinen der zerbombten Städtchen retten und in die dem Erdboden gleichgemachte Hauptstadt schicken konnte.
Apropos Zerstörung: Bis heute ist den meisten Deutschen wie auch den meisten Westeuropäern nicht bewusst, wie grausam die Okkupation durch die Nazi-Deutschen in Polen war: wie ungeheuerlich die Zerstörung der intellektuellen, kulturellen und industriellen Grundsubstanz Polens.
Das Dritte Reich hatte in Polen neben dem Holocaust einen Massenmord an der übrigen polnischen Bevölkerung durchgeführt, die statistischen Zahlen sind erschreckend, und als diese barbarische Horde in ihren SS- und Wehrmachtsuniformen in der Sowjetunion und der Ukraine einfiel, hatte sie schon in Polen das Töten von Zivilisten eingeübt.
Bei alledem sei nicht unterschlagen, dass auch Polen zwischen 1918 und 1945 nicht durchweg eine weiße Weste hatte und es auch Polen gab, die zu Tätern wurden. Umso erstaunlicher ist, wie man sich in Bartoszyce-Bartenstein miteinander versöhnte, nicht allein dank der Zauberwirkung des Wodkas und der Polonisierung der Minderheiten. Darum wuchs ich bereits in einer friedlichen Multi-Kulti-Gesellschaft meines Städtchens auf, und da ich zwischen 1977 und 1985, politisch und kulturell betrachtet, die wichtigste Phase des Zerfalls des polnischen Sozialismus miterlebte – begleitet von Protesten und Streiks, wobei die Literatur, das Kino und die Rockmusik in dieser Phase besonders blühten –, kam ich 1985 bestens vorbereitet nach Westdeutschland, sozusagen mit allen kulturgeschichtlichen Waffen ausgestattet, und musste mir von niemandem erklären lassen, wer Julio Cortázar ist oder dass Francis Ford Coppolas Film »Apocalypsy Now« auf Joseph Conrads Novelle »Das Herz der Finsternis« basiert, zumal der ja schließlich ein Pole war.
In Polen waren die Bedingungen in der Kultur viel liberaler als in der DDR, und die Zivilgesellschaft, die sich dank der Solidarność noch schneller entwickeln konnte, hatte ihre Wurzeln doch bereits im 18. Jahrhundert, als die Königliche Republik der Polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen am 3. Mai 1791 die zweite Verfassung der Welt erließ, wobei viele polnische Freiheitskämpfer wie der berühmte Tadeusz Kościuszko in diesen turbulenten Jahren Weltgeschichte schrieben, auch im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.
Und auch meine pubertäre Rebellion ging dann im Westen schnurstracks weiter, im Sommer 1985 verpflanzte man mich zwar aus Verden in ein Jugenddorf für Spätaussiedler bei Celle, damit ich Deutsch lernte, doch ich beeilte mich, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Er erinnerte mich zu sehr an meine sozialistischen Zeiten, in denen die Schule vom Staat instrumentalisiert wurde – für seine Propagandazwecke. Ich – der schließlich 1984 in der Tageszeitung von Olsztyn (dem früheren Allenstein) mit Gedichten debütiert hatte – stieß meine Deutschlehrerin vor den Kopf, indem ich ihr eröffnete, aufs Gymnasium wechseln zu wollen, und sie zeigte mir und meinen Eltern den Vogel, denn ich würde es niemals schaffen. Aber da ich als Sechzehnjähriger schon den Geschmack des Wodkas und der Zigaretten kannte, da ich auch wusste, wie Liebe und Sex schmecken und wie man einen für Reisepässe zuständigen Offizier auf dem Milizrevier schmieren musste, um das begehrte Reisedokument zu ergattern, war mir klar, dass mich nichts und niemand mehr aufhalten würde.
In der Kopernikusstraße
Nein, meine verehrte Deutschlehrerin, wir Polen mussten in der Tat nur die deutsche Sprache erlernen, mehr nicht, denn wenn man so wie ich in der Kopernikusstraße in Bartoszyce aufgewachsen ist – und zwar bei meiner polnischen Großmutter Nacia, einer ehemaligen Zwangsarbeiterin des Dritten Reiches –, brauchte man keinen Nachhilfeunterricht in Sachen Demokratie, Geschichte, Politik und Kultur, keine bevormundenden Welterklärungsmodelle und – systeme, in die der Westen Mittelosteuropa hineinzuzwängen versuchte, als er sich wie der gute ältere Bruder aufspielte, der ja schon immer recht gehabt hatte; der Weg von der Kopernikusstraße zur Saint-Johannis-Kirche führte doch über den Altmarktplatz, wo es Cafés, Boutiquen, Buch- und Schallplattenläden, Restaurants und Banken gab. Und 1980 durfte man endlich den subversiven Dichter und Essayisten Czesław Miłosz lesen, weil er in Stockholm mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, was sich selbst nicht in der Volksrepublik Polen ignorieren ließ.
Die Werfterbeiter, die im selben Jahr in Danzig die politische Wende auslösten, beteten zwar in der Heiligen Messe zu Jesus und Maria, hatten jedoch zugleich klare Forderungen an den Staat, die Pressefreiheit, Respekt vor dem Bürger und bessere soziale Lebensverhältnisse betrafen. Das korrupte politische System, das aus der Sowjetunion nach Polen eingeführt wurde, bröckelte schon seit 1956, also seit dem Posener Arbeiteraufstand in der damaligen Volksrepublik, und die Intellektuellen und Arbeiter gaben diesem System im August 1980, als überall die Streiks losgingen, den Todesstoß – ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben, und deshalb war das für uns alle ein faszinierendes historisches Erlebnis.
Und wenn ich heute, nach mehr als vierzig Jahren, zurückblicke und die Zeit zwischen 1980, dem Beginn des Danziger Streiks im August, und meiner Ausreise in die BRD im März 1985 betrachte, sehe ich noch etwas Fantastisches, was ich damals als eine Art kollektiven und zugleich individuellen Aufstand erlebte: das absolute Misstrauen gegenüber den Regierenden, den staatlichen Strukturen, den kleinbürgerlichen Verhältnissen des Opportunismus, der alltäglichen Freiheitsberaubung durch die Partei und manchmal durch die Kirche, die damals für Dissidenten und das Volk ein Zufluchtsort gewesen war – dieses Misstrauen gegenüber den Machthabern und -trägern war auch mein Motor, trieb mich an, rebellisch zu sein und Obrigkeiten kritisch zu betrachten. Und dieser Motor läuft bis heute ausgezeichnet …
In der Kopernikusstraße herrschte allerdings auch der strenge Geist des folkloristischen Katholizismus – dafür sorgte meine polnische Großmutter Nacia, die als Näherin in der Textilfabrik Morena gearbeitet hatte. Sonntags sang sie beim Kochen Kirchenlieder, und manchmal sang sie auch auf Deutsch, obwohl sie und mehr noch ihr Mann Zefiryn während der Zwangsarbeit bei Hannover zwischen 1940 und 1945 täglich Hunger, Prügel und Angst hatten ertragen müssen. Mein Großvater Zefiryn, ein gebildeter Mann, der mehrere Sprachen konnte, wurde fast zu Tode geprügelt. Als Übersetzer für Franzosen, Belgier, Italiener, Polen, Ukrainer und Russen rettete er schließlich sein Zwangsarbeiterleben, und niemand kann sich in unserer Familie erklären, warum er dann mit Nacia 1945 ausgerechnet nach Bartoszyce ging, in die »Wiedergewonnen Gebiete«. Abenteuerlust, Suche nach Arbeit, Neugierde – Schicksal: klar, Gründe mag es viele gegeben haben. Aber wir spekulieren bis heute über diese Entscheidung, wurde doch Zefiryn in Posen geboren, wo er in einer bürgerlichen Familie mit patriotischen Traditionen zum Bücherwurm, Polyglotten und Geigenspieler geworden war. Er, der ehemalige polnische Soldat, der am 1. September 1939 den Nazi-Deutschen die Stirn bieten musste, war jedoch nicht der Einzige, der nach 1945 von einem „neuen“, nunmehr scheinbar freien Polen träumte. Polnische Bergarbeiter, die Kommunisten waren, verließen Frankfreich und Belgien und kamen auch bis nach Bartoszyce. Und auch Juden, die dem Holocaust entgangen waren, landeten dort und eröffneten Boutiquen mit Hüten, Mützen, Schals und Handschuhen, oder sie verkrochen sich und führten ein einsames, fast schon asketisches Leben, wenn sie tiefgläubig waren. Andere Juden wiederum verbargen aus Angst vor Antisemiten ihre wahre Identität und wurden mit dieser Angst spätestens 1968 konfrontiert, als die sogenannte antizionistische Politik Gomułkas und seines Mitstreiters Mieczysław Moczar zu der großen Ausreisewelle der polnischen Juden nach Israel, Schweden oder in die USA führte.
Unser Hutverkäufer blieb in Bartoszyce, aber ich habe ihn 1985 aus den Augen verloren. In diesem Jahr war der Zweite Weltkrieg in Bartoszyce immer noch jeden Tag sichtbar und spürbar, weil es nach wie vor viele Zeitzeugen gab, auch solche, die sowohl in den deutschen KZ-Lagern wie auch in einem GULAG-Lager gesessen hatten, so auch ein Vorgesetzter meines Vaters. In seinem Büro in der Textilfabrik sprach man Polnisch, Ukrainisch, Französisch, Deutsch – natürlich dann, wenn wieder einmal ein Wodka zu viel geflossen war. Und überhaupt: Es wurde damals sehr viel getrunken, aber es wundert mich nicht. Mein polnischer Großvater Jan väterlicherseits wurde mit siebzehn zur Wehrmacht eingezogen, und zwar nur deshalb, weil er in Galizien von einem Österreicher adoptiert worden war. Jan konnte Polnisch, Ukrainisch, Deutsch und Russisch, und als er aus westalliierter Kriegsgefangenschaft floh, um seine polnische Schwester im ehemaligen Ostpreußen zu suchen, fand er stattdessen Zefiryn, den Soldaten des 1. Septembers 1939. Die Albträume der beiden Männer, die im Prinzip nicht imstande waren, nach dem Endes des Krieges ein normales Leben zu führen und Verantwortung für ihre Familien zu übernehmen, führten auch in die Sackgasse des Eskapismus: Jan suchte Zuflucht im Wodka, und Zefiryn floh vor seiner Frau Nacia, mit der er drei Töchter gezeugt hatte, und verschwand für viele Jahre – als Eisenbahner führte er, wie später herauskam, ein karges Leben auf dem Lande, bei fremden Menschen.
Die Flucht in die Dichtung
Bevor ich aber selbst die Biege machte und die Volksrepublik Polen verließ, lebte ich in Bartoszyce fast ein Jahr allein, meine Eltern waren schon im Westen, und ich wusste, vor allem angesichts der politischen Lage, dass auch ich nicht imstande sein würde, jemals ein »normales«, ein bürgerliches Leben zu führen, da ich der Obrigkeit, dem Staat, der Kirche, den Schulen, den staatlichen Institutionen und den Priestern in ihren schwarzen Soutanen nicht über den Weg trauen konnte. Der einzige Ausweg war die Poesie und über sie die Verbindung zu Rock- und Punkmusik, zur Literatur und zur Philosophie, zur Kunst und zur Anarchie. Dieses Polen der frühen Achtzigerjahre war kreativ, hochexplosiv und zu allem entschlossen. Es befand sich in einer Aufbruchsstimmung, obwohl wir schon damals wussten, dass die hochgelobte Einigkeit der Solidarność ein Mythos war, denn in Wahrheit war unsere Gesellschaft geteilt, zersplittert; es gab wie im Westen alle vorstellbaren Köpfe, radikale, liberale, linke, rechtsnationale oder geniale Individuen, die die Massen an sich reißen und in einer Revolution führen konnten. Wir waren uns aber alle in einem Punkt einig: der Kommunismus nach sowjetischer Art musste aus Polen endlich ganz vertrieben werden.
Ein Wort muss ich in diesem Kontext noch meiner Mentorin widmen, einer lokalen Dichterin aus Bartoszyce, die in den Fünfzigern eine Stalinistin gewesen war und später an einer Wirkwarenschule unterrichtete. Sie kannte auch Igor Newerly und schrieb patriotisch-folkloristische Heimatgedichte, gründete eine Dichtergruppe und publizierte ihre Gedichte in der lokalen Tagespresse. In der Waryński-Straße wohnte sie in unserem seladongrünen Plattenbaublockhaus im Erdgeschoss, ich mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder im zweiten Stockwerk. Wir, die Stalinistin und ich der junge Lyriker, trafen uns regelmäßig in ihrer Wohnung, die mehr einem botanischen Garten ähnelte als einer Wohnung im Plattenbau, und lektorierten meine Gedichte. Ich war ein Rebell und schrieb nihilistische Lyrik ohne Punkt und Komma, ohne Sinn und Verstand, von deren anarchistischer Bilderkraft die gealterte Stalinistin fasziniert war. In ihrer Poetikwerkstatt begriff ich zum ersten Mal, was ein Lektorat ist. Und meine Mentorin war autoritär, kommunistisch-stalinistisch, und Witold Gombrowicz, der Unruhestifter und Erneuerer der polnischen Literatur, hätte sie sicherlich zu den sogenannten »Kulturtanten« gezählt, also solchen Damen, die am Sonntag am Wohnzimmertisch zu Kaffee und Kuchen über einen Roman debattieren und ihn wegen seiner Amoralität in der Luft zerreißen.
Doch meiner Mentorin verdanke ich sehr viel, mein Debüt als Lyriker und den Glauben daran, dass Dichtung heilen kann, dass es für den Dichter eine Mission gibt und dass das menschliche Dasein kein absurder Zufall und kein nihilistisches Experiment von irgendwelchen Halbgöttern ist, sondern eine poetische Ekstase des menschlichen Bewusstseins und Ausdrucks. Etwas ähnliches brachte und bringt mir immer wieder meine Mutter bei: diese Zuversicht in das Dasein per se, das doch niemals einen manichäischen Ursprung haben könne – als ein gefundenes Fressen für die Theodizee.
Meine Mutter, die in Bartoszyce eine beliebte Polnischlehrerin und Pädagogin gewesen war, hatte schon früh in ihrem Beruf zu arbeiten begonnen: 1965 unterrichtete sie neunzehnjährig in einem Dorf in der Nähe von Bartoszyce auch deutsche Kinder, die begabt waren und Polnisch liebten. Eine deutsche Schülerin spielte in einem Theaterstück mit und zeigte literarisch-schauspielerische Begabung in ihrer neuen Muttersprache. Aber ihrem Vater gefiel die Liebe seiner Tochter zur polnischen Sprache nicht, und er jagte meine Mutter mit einer Sense über ein Feld, um sich als Deutscher an der jungen Lehrerin und Verführerin in seinen Augen zu rächen und sie umzubringen, hasste er doch die Polen. Meine Mutter überlebte die Attacke, und drei Jahre später wurde ich geboren, kurz nach einer Vorstellung im Kino Zryw in Bartoszyce. Sie lacht bis heute über diesen Mann mit der Sense. Und ich auch.
Letzte Änderung: 30.04.2026 | Erstellt am: 30.04.2026
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