Die Ära des gemächlichen Spaziergängers (Teil 2/2)

Die Ära des gemächlichen Spaziergängers (Teil 2/2)

Hat der Benjamin´sche »Flaneur« zu Anfang des 21. Jahrhunderts ausgedient?
Artur Becker Foto | © Christoph Haacker

Artur Becker, der Autor des Essays »Die Ära des gemächlichen Spaziergängers«, schildert seine Erfahrungen als Flaneur in Frankfurt am Main, geprägt von persönlichen Krisen, gesellschaftlichen Umbrüchen und Begegnungen mit Randfiguren der Stadt, wobei die Themen Selbstzerstörung, soziale Ausgrenzung und die Suche nach Hoffnung reflektiert werden. Becker verbindet lokale Beobachtungen mit globalen Problemen wie Klimawandel, Migration, Gewalt und politischem Extremismus und stellt die Frage nach dem kollektiven Weg der Selbstzerstörung. Trotz aller düsteren Entwicklung findet sein Spaziergänger von Frankfurt Momente der Hoffnung und der kleinen Alltagsrituale, die ihm helfen, die Gegenwart zu bewältigen: Welche Rolle dabei das Gemälde »Untitled (Genua Riot)« von Armin Boehm spielt, das Becker bewundert, erfahren Sie im Essay.

Artur Beckers Bibliothek | © Foto: Artur Becker

Und während ich mich im Rahmen einer mir selbst verordneten Therapie täglich auf einen zweistündigen Spaziergang begebe und mir von Zeit zu Zeit wie auch zur Belohnung das Gemälde »Untitled (Genua Riot)« im Städelmuseum anschaue, um mit diesem Bild zu sprechen, meine Fantasie anzuregen und seine Energie anzuzapfen, als wäre ich ein Vampir, wird das Todes- und Selbstzerstörungslied in Alt-Sachsenhausen weitergesungen und -gespielt. Freitag für Freitag, Samstag für Samstag. Man kann sich am Wochenende um halb zwei in der Frühe in die Lobby der Libertine setzen ‒ bequem auf einen Sessel und mit einem Drink in der Hand und am besten vor das französische Balkonfenster ‒ und schon wird man Zeuge und Zuschauer einer denkwürdigen Schlacht draußen, als säße man vor einer Kinoleinwand und sähe sich einen B-Movie an. Junge Typen, nicht nur orientalischer Herkunft, zucken ihre Messer und stechen jemanden, der ihnen nicht gefällt, nieder. Und all das geschieht im orange-blauen Licht und vor den Augen der Polizisten und Rettungssanitäter, die am Wochenende Alt-Sachsenhausen zahlreich belagern. Es herrscht Ausnahmezustand.

Auf dem Kopfsteinpflaster von Alt-Sachsenhausen erkennt man noch am nächsten Morgen Blutstropfen, und die Frankensteiner Straße, die Kleine und die Große Rittergasse sind übersät mit geleerten Lachgasdosen, Plastikbechern, Zigarettenstummeln, Präservativen und Pappkartons voller Essensreste; in der Luft riecht es nach billigem Alkohol, Zigarettenrauch und Marihuana. Es riecht auch nach kaltem Schweiß, Erbrochenem, Exkrementen und Urin. Der Spaziergänger hat sofort Sehnsucht nach einer Art Katharsis, er hat mit dieser barbarischen Schlacht, die Nacht für Nacht in Alt-Sax neugestartet wird, nichts zu tun. Er findet das dumpfe Gegröle der jungen Typen und das piepsige Geschreie und Gewinsel der Mädchen unerträglich ‒ er verabscheut die Vulgarität, die ihn sofort angreift, sobald er an die aggressive Sprache und Gestikulation dieser nächtlichen Besucher in Alt-Sax denkt: an das »Eh!, Yh!, Uh!«, an die abgehackten Sätze, die wie Äxte durch die Luft fliegen und die Adressaten verletzen oder in hysterisches Gelächter und Gekicher versetzen. Rationales Denken ist in diesem Viertel fremd, der Humanismus völlig unbekannt. Der Spaziergänger flieht deshalb an den Fluss, und der Anblick der Skyline von Frankfurt und die Ausflugsschiffe auf dem Main stimmen ihn wieder milde und machen ihm Hoffnung auf eine Wiederauferstehung und Erneuerung seiner Kräfte und Ideen, aber auch der Stadt. Und da hilft oft nur, um sich wieder vollständig zu regenerieren, der Gang zum Städelmuseum und dann vor allem in den Keller, wo in einer Halle ohne Fenster die Moderne und die Gegenwart ihre Triumphe feiern. Dort fühlt sich der Spaziergänger, der aus Alt-Sax geflohen ist, am wohlsten, dort also, wo der Fortschritt und die Kunst der Gegenwart den Ton angeben und nicht die alten Gesetze der Barbaren, die sich zu Tode amüsieren wollen, in jeder Epoche, mag sie auch schon längst in Vergessenheit geraten sein.

Der Spaziergänger muss heute den Aufstand von Genua proben, will er denn überhaupt überleben, da an jedem Ast, auf den er steigt, gesägt wird. Vielleicht, weil er seinen Untergang und sein Scheitern ahnt, liebt er deshalb den Keller des Städel Museums so sehr, in dem die letzten Artefakte der modernen Kunst ausgestellt werden, bevor alles geflutet oder in die Luft gesprengt wird, wie die düsteren Wehrmachtsbunker kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zum Beispiel die Wolfsschanze im ehemaligen Ostpreußen, wo der Spaziergänger geboren wurde.

Und er pilgert zu Armin Boehms Gemälde »Untitled (Genua Riot)« wie zu einem Sanktuarium à la Lourdes oder Heilige Linde, er bleibt vor ihm stehen und kann sich vor Verzückung und vor Schreck nicht mehr bewegen. Die Maße werden auf der Homepage des Städels angegeben: 200 × 276 × 4,2 cm, Öl auf Leinwand. Aber das Gemälde ist riesig, fast so groß wie Frankfurt, und es gleicht mehr einem Foto als einem gemalten Bild. Es ist dunkel, verregnet, schwarz, man erkennt fast nichts, wären da nicht die winzigen Lichter in den Hochhäusern, den Wohnblöcken, wären da nicht deren Widerspiegelungen auf den regenfeuchten Straßen, wären da nicht über den Häusern schwebende Sterne, die am schwarzen Himmel vielleicht drei Hubschrauber mit ihren Scheinwerfern andeuten. Und man hört im Kopf Musik, während man sich das Gemälde anschaut, aber nicht die romantischen Songs und Schlagzeugpirouetten von Phil Collins, sondern vielmehr die schwarze Messe von The Cure, »Disintegration« und »Open« oder eigentlich viel mehr den Soundtrack zum Film »Blade Runner«, dem Sci-Fi-Klassiker von Ridley Scott. Die Stimmung ist düster, suizidal, und die Lichter in den Wohntürmen und -blöcken, die im Regen verschwimmen, sind nicht wirklich Hoffnungsbringer (obwohl ich mir vorstelle, wie Magdalena mir dort in einer dieser Wohnungen einen Tee ins Arbeitszimmer bringt und wir uns küssen und unser häusliches Glück nicht fassen können).

Was sagt uns also das düstere Gemälde von Armin Boehm? Dass der Aufstand der Anti-Globalisten gegen den G8-Gipfel in Genua dennoch nicht misslungen ist, dass es einen Funken Hoffnung gibt, weil in dieser regennassen Finsternis hier und da immer noch ausreichend viele lebendige Seelen leuchten, wenn auch ganz schwach, doch sie leuchten?

Am 20. Juli 2001 gab es in Genua zahlreiche Verletzte und ein Todesopfer: den Studenten Carlo Giuliani, der mit einem Feuerlöscher auf einen Polizeiwagen losgestürmt war. Die ganze Stadt befand sich im Ausnahmezustand, und man ließ die Dinge geschehen, man hat die Dinge so weit kommen lassen, dass die Schlacht zwischen den Anti-G8-Demonstranten und den erzürnten Polizeieinheiten immer brutaler wurde. Man konnte spüren, wie das Herz von Genua, die Lunge von Genua, die Leber von Genua, wie alle Organe dieser Hafenstadt plötzlich zum Vorschein kamen, aus dem Meer auftauchten und weltweit sichtbar wurden. Die Spaziergänger sind wütend geworden, sie sind krank vor Sorge, was aus ihrem Planeten werden soll ‒ liest man in den Gesichtern der Demonstranten, wenn man sich heute die alten TV-Berichte anschaut. Hatte es auch so auf den Straßen von Paris ausgesehen, als die Bastille gestürmt wurde?

Ich stehe oft, der Spaziergänger von Frankfurt, der nicht einmal seine eigene Selbstzerstörung stoppen kann, geschweige denn die kollektive, planetarische, vor dem Gemälde Armin Boehms und trauere, da ich mich in einer der Wohnungen in den verregneten Hochhäusern wiedererkenne; vielleicht am Schreibtisch, dreißig Jahre jünger, und Magdalena bringt mir einen schwarzen Tee und ein Lächeln aus den Neunzigern, als die Hoffnung großgeschrieben wurde, da das ganze neue Jahrhundert noch nicht richtig geboren wurde, aber schon spürbar Konturen annahm und zu uns sprach, mit spiritueller Zuversicht ‒ die Zeiten würden sich erfüllen, bald.

Müde Wolken schieben sich über »Mainhattan« vor die Sonne, schwerfällig, hier jedoch immer kosmopolitisch. In Genua regnet es allerdings weiter, da mich das Gemälde von Boehm nicht loslässt, und die Nacht ist dort in Wahrheit unerträglich lang, obwohl die Stadt in einer Sonnenbucht liegt, Italien in Europa eines der liebsten Kinder der Sonne ist, der alten Sonne, natürlich, die einst nur für die Sommer und das Getreide zuständig gewesen war, und für die Altare in den Tempeln, denn unsere heutige Sonne ist launisch, kompliziert und unberechenbar. Hustet sie zu viel, verlieren wir vielleicht sogar die Verbindung zu unseren Satelliten, zu unseren Himmelsaugen, oder der Strom wird uns plötzlich global ausgeschaltet, und ohne Himmelsaugen und Strom sind wir blind und dem Chaos geweiht ‒ oder findet sich jemand, der gerne wieder in einer Höhle am Lagerfeuer sitzen und Geschichten von Wunderwerken, von fliegenden Maschinen, die eine Großstadt über Nacht zerstören könnten, erzählen würde?

Stehe ich also wieder vor dem Gemälde »Untitled (Genua Riot)«, wird mir auch meine Angst vor der Natur bewusst ‒ mir wird augenblicklich klar, wie mächtig diese Angst ist. Die verräterische Schönheit der Natur verführt mich zwar, aber ich weiß, wie tödlich sie ist. Ich weiß es aus meiner Kindheit, hatte ich doch in Ermland und Masuren ausreichend viele Ertrunkene gesehen.

Das Ende wird sich nie ändern: Alles endet immer in einem Weltenbrand. Es regnet unaufhörlich, dann kommt die Sintflut, die Inseln verschwinden, doch irgendwann verschwindet alles, was jemals existiert hat, in einem Weltenbrand. Der Regen in Genua ist dagegen sogar harmlos, obwohl es um unser Überleben auf diesem Planeten geht. Man muss sich deshalb etwas suchen, was Ablenkung verschafft, man muss sich zum Beispiel dem Spaziergang widmen und nicht nur permanent der existenziellen Selbstzerstörung, wie Ingeborg Bachmann in Rom und Romy Schneider in Paris. Aber Goethes Wanderungen von Frankfurt nach Darmstadt, die solch eine kluge Ablenkung von der existenziellen Selbstzerstörung waren, würden mir heute keinen Spaß bereiten, sie wären heute auch nicht mehr entzückend für den jungen Dichter aus dem Großen Hirschgraben, der unterwegs nach Darmstadt Rast machte, um Gedichte zu notieren, obwohl ihn seine Bewunderer und Fans auf Schritt und Tritt umschwärmten (was ihn nicht störte). Denn zwischen Frankfurt und Darmstadt gibt es keine Poesie mehr, sondern nur die verlängerten Arme der Mainmetropole, die Autobahnen, die S-Bahn, in der die Langeweile und die Alltagssorgen beim Starren auf die Smartphones verdrängt werden.

***

Aber der Aufstand von Genua blieb und bleibt zum Glück nicht unbeantwortet. Der Spaziergänger sieht heute mehr, er schaut über den Tellerrand, er geht über sieben Brücken von Frankfurt am Main, er fährt als Besucher mit dem Fahrstuhl ins vierzigste Stockwerk der Commerzbank, um den Weitblick zu schärfen, und wenn er aus seinem Hotelfenster in die Ferne blickt, liest er die Wolkenkonstellationen und deutet sie ‒ über den Dächern der Hochhäuser. Und nachts leuchten die Symbole und Namen der Banken in seinem Hotelfenster und in so vielen anderen Fenstern dieser Stadt: Commerz und Deka, und sie machen ihm Hoffnung, dass der Aufstand von Genua auf keinen Fall umsonst gewesen sein konnte, dass das Geld endlich in die richtige Hand genommen und Dinge passieren werden, die nicht nur den Tauben von Frankfurt zugutekommen. Vielleicht wird im Opernturm ein Wunder geschehen, vielleicht wird aus einem schwarzen Felsen ein weißer ‒ wer kann das schon wissen?

Dass die Linke wieder einmal ihren Kopf verliert, wundert den Spaziergänger allerdings nicht, trotzdem ärgert er sich, wenn er vor dem Gemälde »Untitled (Genua Riot)« steht und langsam von diesem aufständischen Regen Abschied nimmt: Er denkt an die Naivität der westlichen Linken, die in Russland eine Art Erlöser sieht, der den Westen in seiner kapitalistischen Gier, in seinem unbändigen Materialismus in die Schranken weise ‒ sie sehen den Erretter ausgerechnet in Russland, das sich immer nur über sein Volk erlösen wollte, über den unsterblichen Geist des russischen Volkes, was immer im Messianismus endete, schlussendlich im Nationalismus und Imperialismus russischer Ausführung. Dem Spaziergänger fällt dann auch ein Essay von Benjamin ein ‒ über den Nationalisten Dostojewski, der einen der wichtigsten Romane der Moderne geschrieben hat: »Die Brüder Karamasow«.

Benjamin lässt sich auf Dostojewskis Nationalismus und Messianismus kaum ein, dennoch blickt er tief in die Abgründe der russischen Seele, in die Unreife dieser Seele. Über den Roman »Der Idiot« schreibt er in einem literarischen Essay: »Die gesamte Bewegung des Buches gleicht einem ungeheuren Kratereinsturz. Weil Natur und Kindheit fehlen, ist das Menschentum nur in einer katastrophalen Selbstvernichtung zu erreichen. Die Beziehung des menschlichen Lebens auf den Lebenden noch bis in seinen Untergang hinein, der unermessliche Abgrund des Kraters, auf dem gewaltige Kräfte sich einmal menschlich groß entladen könnten, ist die Hoffnung des russischen Volkes.«

Der westlichen Linken fehlt ja nicht nur das Verständnis dafür, was ein kommunistisches Regime überhaupt gewesen ist: im Prinzip ein faschistoides, autoritäres, messianistisch und nationalistisch ausgewuchtetes Rad der Weltgeschichte, in der der Mensch nur als Rohmaterial zur Erfüllung der marxistisch-leninistisch-engelsschen Prophezeiung betrachtet wurde. Der westlichen Linken fehlt auch die historische Erfahrung einer gescheiterten Utopie (letztendlich des Bolschewismus, der in manchen Köpfen unserer heutigen Politiker immer noch prächtig gedeiht, bezeichnenderweise sogar sehr erfolgreich bei den Rechten).

Der »Neue Glaube« an den »Neuen Menschen« nahm in Kauf, dass Millionen leiden und sterben mussten ‒ im Namen einer Idee, die größer war als Gott, als jedwede Philosophie, jeder Humanismus. Putinismus ist dagegen nur ein Echo der alten Zeit, die sich immer noch nicht erfüllt hat; Putin ist eine schlechte Kopie von Stalin, ja, nicht einmal Leonid Breschnew kann er das Wasser reichen. Und trotzdem arbeitet er mit genau diesen alten Methoden, mit denen Stalin und andere schon gearbeitet haben, um eine erfolgreiche Diktatur aufzubauen: Er arbeitet mit den Methoden der Einschüchterung, des geistig-ideologischen Terrors und mit der Todesangst ‒ jeder Kritiker Putins und seines autoritären Systems muss mit dem Schlimmsten rechnen, wobei der Todeskult hier eindeutig zum Vorschein tritt.

In einem Joseph Brodsky gewidmeten Gedicht schreibt Adam Zagajewski, wie Russland wieder in Polen einmarschiert. Und da der Spaziergänger, über den hier die Rede ist, aus Polen kommt, sieht er schon die Panzer und die Soldaten, die wieder in seine Heimat einfallen und im Namen der Freiheit endlich für Ordnung unter den slawischen Völkern sorgen ‒ das große russische Volk soll nicht mehr leiden und ein Opfer sein: Russland marschiert wieder in Polen ein und nimmt Kurs auf Berlin und Rom und auf Afrika ‒ Grenzen sind Schlangen, lebendige Schlangen in der Hand des Diktators. Russland wisse nicht, wo seine Grenzen seien, habe es nie gewusst, sagt man in Osteuropa oft.

Der Spaziergänger wundert sich aber noch mehr, wenn er deutsche oder polnische oder US-amerikanische Studenten sieht, die Pro-Palästina-Demos organisieren. Wissen sie nicht, dass sie als Erste erschossen werden würden, wenn die Hamas an den Standorten ihrer Universitäten das Sagen hätte? Nein, sie wissen es tatsächlich nicht, sie verspüren lediglich den Drang nach Erfüllung ihrer historischen Mission, das haben sie schon verstanden, wenn sie Hegel und Marx auch kaum gelesen haben, aber sie sind dennoch seltsam ahistorisch und wollen aus der Geschichte nichts lernen. Das müssen sie allerdings auch nicht mehr ‒ in ihren Augen, denn die Geschichte ist für sie nur ein Müllberg, auf dem der Kapitalismus und die Imperialisten, die Kolonisten und die gierigen Milliardäre und Regierenden entsorgt werden müssen.

Im Juli 1976 haben palästinensische und deutsche Terroristen ein Passagierflugzeug der Air France entführt ‒ bei der Befreiung der Geiseln auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda wurde der Oberstleutnant Jonathan Netanjahu, der bei der israelischen Spezialeinheit Sajeret Matkal diente, getötet. Gegen seinen jüngeren Bruder Benjamin ist 2024 vom internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ein Haftbefehl erlassen worden ‒ wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza.

Am 7. Oktober 2023 haben die Terroristen der Hamas bei ihrem Angriff auf Israel sexualisierte Gewalt gegen Frauen angewandt: Gruppenvergewaltigung, Abschneiden der Brüste, Tötung.

Mimesis der Gewalt, René Girards Theorie über das Nachahmungsverhalten in Zeiten der Kriege und Wirren, wird dem Spaziergänger von Frankfurt kein Trost sein. Er ist traurig. Er ruft heute seinen Freund Hannes Stein in New York nicht mehr an, obwohl sie für ein längeres Gespräch verabredet waren ‒ er hat nach seinem Spaziergang genug gesehen und will den Kopf in den Sand stecken, um sich zu erholen. Die Haltung seines Freundes, die eines New Yorker Juden, der auf Deutsch schreibt, ist glasklar, was die Ablehnung der Gewalt gegen die Zivilisten in Gaza angeht, und er schätzt diese Haltung sehr: Sie hilft ihm, die Finsternis zu durchwandern.

Hannes ist entsetzt ‒ unser letztes Telefongespräch brachte uns wieder in solche Sphären, wo wir starke Nerven beweisen müssen, wo die Luft ganz dünn ist, und manchmal würde man gerne auf die Straße rausrennen und einfach nur noch schreien: In Berlin sollte ein Jude, so neulich eine Berliner Freundin von Hannes, mit einer Kippa auf dem Kopf besser nicht mehr auf die Straße gehen. Ich habe Hannes daraufhin gesagt: »In Frankfurt kriegst du nicht so leicht auf die Mütze, du kannst hier noch frei atmen und deine Kippa tragen … Allerhöchstens kann dir passieren, dass du in Alt-Sax um halb vier am Morgen von einem besoffenen Idioten abgestochen wirst, weil ihm deine Nase nicht gefallen hat … Aber antisemitische Wandschmierereien gibt es auch bei uns …«

»Alle hören auf mein Kommando! Wenn ich bis drei gezählt habe, fangen wir alle zusammen an zu schreien, und wir schreien so lange, bis wir nicht mehr können und tot umfallen«, möchte der Spaziergänger an der Mainpromenade zu der frivolen Menschenmenge rufen: durch ein Megafon, das er sich mal auf dem Flohmarkt gekauft hat. Aber er kehrt lediglich in der Bar Nizza am Flussufer ein, klappt sein Notizbuch auf, bestellt einen Kaffee und schreibt seine Gedanken auf, weil er von der Angst geplagt wird, er könnte etwas vergessen haben:

Frankfurt ist eine Waschmaschine für die tägliche Geldwäsche. Diese Stadt liebt Kokain und die Freiheit, und sie hasst Nationalisten und Rassisten, wie sonst keine andere Schwester in der Republik, die das Ende des Wirtschaftswunders erlebt ‒ es geschieht vor ihren eigenen Augen. Der ganze Main, von Frankfurt Höchst bis nach Offenbach, riecht nach Marihuana und kaltem Schweiß der Junkies, die auf den Bänken an der Mainpromenade ihren nächtlichen Rausch ausschlafen. Aber auf einer Bank im Licht- und Luftbad LiLu-Ponton in Niederrad sitzt ein junger Mann, er liest laut aus einem Buch von William Faulkner vor, als säße er im Aufnahmestudio und nähme ein Hörbuch auf. Er ist, wie man heute in den Zeitungen schreibt, »dunkelhäutig« und vielleicht erst zwanzig Jahre alt.

Ich laufe eine Stunde in der Stadt herum, vollkommen ziellos, als wäre ich in Frankfurt ein Fremder. Aber nach meiner Rückkehr an den Fluss und ins LiLu-Ponton stelle ich fest: Der Bursche sitzt immer noch da und liest laut aus dem Buch vor. Ich bewundere seine Geduld und Zielstrebigkeit, was auch immer sein Ziel sein soll. Wird er die Welt retten? Solange Faulkner in Frankfurt auf einer Bank am Fluss gelesen wird, muss man sich keine Sorgen um die Menschheit machen ‒ sie werde nicht nur Bestand haben, sondern auch siegen, wie Faulkner in seiner Nobelpreisrede sagt, die er laut seiner Tochter Jill, die ihren Vater zur Preisverleihung in Stockholm begleitet hatte, im dreitägigen Suff in seinem Arbeitszimmer geschrieben haben soll.

III. Die Mücken geben die Hoffnung nicht auf

Artur Beckers neueste Publikationen | © Foto: Artur Becker

Im Licht- und Luftbad LiLu-Ponton in Niederrad stehen seltsame Betonsäulen, und dort, wo es einmal eine Verdachung gegeben haben musste, sind nur noch die Betonträger übriggeblieben: Der Himmel scheint dort durch, die Sonne auch, das Gebäude mutet an wie eine antike Ruine. Dabei handelt es sich um eine Gedenkstätte ‒ ein Schild bringt nämlich Aufklärung: Aha! »Das Licht- und Luftbad Niederrad war das einzige öffentliche Bad, in dem vom 2. April 1936 bis zum Ende der Badesaison 1938 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Frankfurt am Main baden gehen durften.« ‒ »Wir brauchen Heilige in dieser Stadt, die uns Sakrales bringen müssen«, steht an einer Mauer in Sachsenhausen geschrieben. Und im Bethmannpark entdeckt der Spaziergänger ein Plakat, das auf eine Veranstaltung mit Dalai Lama hinweist. Der Spaziergänger fragt sich, was Dalai Lama, der immer wieder Frankfurt besuchte, dieser Stadt zu bieten hatte?

Und wie war es mit der Musik von Pink Floyd, die 1977 in der Festhalle ihr nihilistisches Album »Animals« vorstellten? Was hatte die Band der Stadt geschenkt, Sacrum und Profanum als einen Eintopf?

Der Palmengarten wird uns wahrscheinlich auch keine Linderung bringen, denkt sich der Spaziergänger, wo du mit deinen Eltern einen Sonntagsspaziergang unternimmst, damit sie sich von ihrer polnisch-niedersächsischen Provinz erholen (leben sie zwar in Verden bei Bremen, aber in ihren Köpfen und Herzen immer noch in der alten Volksrepublik Polen), und sie lieben ja solche botanischen Wunder.

Im Kino Harmonie in Alt-Sax kannst du dir zum x-ten Mal Autorenfilme anschauen, mit Pasolini noch einmal in Rom verschwinden, langes Haar wachsen lassen, einen Joint rauchen, vielleicht für einen ganzen Abend auf eine der Inseln vor Sizilien ziehen, um zusammen mit Michelangelo Antonioni Monica Vitti zu suchen, um die Unmöglichkeit der Liebe zu verstehen: in Zeiten des permanenten Börsengangs, »Liebe 1962«, der kalte Engel Alain Delon lässt schön grüßen, der auf seine alten Tage ein rechtskonservativer nihilistischer depressiver Engel mit faschistoiden Ansichten wurde.

Warum erleben wir überall, dass der Faschismus wieder modern ist, wieder angesagt?

Du Spaziergänger, du müsstest es eigentlich wissen. Du bist doch ein umsichtiger Spaziergänger, der du dich bisher, obwohl du schon einige Male den Selbstmord ins Auge gefasst hast, nach jedem Sturz vom Fahrrad wieder aufgerappelt hast: auf dem Kopfsteinpflasterweg, der zur Mainpromenade hinunterführt … Im Rücken das gläserne Zwillingshochhaus der Europäischen Zentralbank, das Deutschland und Frankreich zur Knechtung Europas gebaut hätten, so die Postneofaschisten, EU-Hasser und Liebhaber der Verschwörungstheorien, und du übersiehst schon wieder die Bordsteinkante, fliegst vom Fahrrad in die Luft und knallst mit der Stirn gegen den unglückseligen Stein ‒ im Heiligen-Geist-Hospital näht man dann deine geplatzte Haut über der Augenbraue zusammen, damit du am frühen Morgen über die Ignatz-Bubis-Brücke nach Alt-Sachsenhausen gehen kannst, nach Hause also, und während du gehst, hält kein einziges Auto an, obwohl du immer noch blutest, der du zum Schluss ein unbelehrbarer Spaziergänger bist, der sich in einer ungeheuren Penetranz und Prätentiösität der Stadt aufzwingt. Aber Frankfurt verschont dich, bestraft nicht deinen Selbstzerstörungsdrang.

Ich glaube, Rom verschont niemanden, nicht einmal eine Ingeborg Bachmann.

In der Bar Marmion kann dann der Spaziergänger sein übles Werk Woche für Woche fortsetzen, wo der Heilige Geist des Hospitals ihn nicht retten wird. Und auch das Wissen um den jungen Goethe wird ihm nicht helfen, der, bevor er den Pantheismus und die Metempsychose für sich entdeckte, unglücklich war und nicht nur dem eigenen Dasein nichts abgewinnen konnte. Was für ein Los der Dichter! Du Spaziergänger, der du deshalb, weil du schon in deiner Jugend die Selbstzerstörung ausprobiert hast, gelegentlich nach Venedig fliehst, um dich zu erholen, um alles zu vergessen … Dort badest du am Lido und fürchtest dich, den hübschen Tadzio zu treffen, die Todessehnsucht auszuleben, deine kosmopolitische Todessehnsucht und Selbstzerstörung, und angeblich werde es Venedig immer geben, die Stadt werde überleben, alles überleben, die Überflutungen, den Weltenbrand, die viel zu hohen Temperaturen, die nicht nur die Aufheizung unserer Seelen und Köpfe bewirken, wenn die Industrie ihre beste Leistung bringt und die Reichen noch reicher macht, all die schwarzen Felsen und Doppeltürme reicher.

Was hilft dir also, Spaziergänger? Schopenhauer serviert dir Empathie, die wichtigste ethische Instanz, und Friedrich Hölderlin liest Johann Gottfried Herders Aufsatz »Ueber die menschliche Unsterblichkeit« und bekommt so viel Wind in seine poetisch-philosophischen Segel, dass er in der Unsterblichkeit der Seele, in den ewigen Hesperiden, eine Rettung wittert.

Und du, Spaziergänger? All diese wunderbaren Evasionen gefallen dir nicht. Man zerstört doch nicht sein Zuhause, verlässt die Ruinen und macht sich auf den Weg, um eine neue Bleibe zu finden und parasitär zu benutzen, auszusaugen und wieder wegzuschmeißen. Wie viele Sterne und Planeten kann man so bis in alle Ewigkeit verbrennen? Billionen, doch selbst diese werden dir irgendwann ausgehen.

***

Derweil: In Venedig läuten die Glocken der Kirchen, und die Mücken landen auf dem Moskitonetz und geben die Hoffnung nicht auf, doch noch frisches Blut anzapfen zu können. Der Spaziergänger wünscht ihnen viel Glück, sollen sie wenigstens ihre Sippe retten. Die venezianischen Glocken werden nie aufhören zu läuten, das weiß der Spaziergänger, diese Stadt hat im Jenseits einen Doppelgänger, aber der Spaziergänger wundert sich über etwas anderes, ja, er wundert sich über die Künstler und Architekten und Ingenieure, die 2025 zur Architekturbiennale nach Venedig eingeladen wurden: Nicht nur in den europäischen Pavillons herrscht die Sorge um unsere Zukunft, um unsere Natur, die uns mehr und mehr einen Strich durch die Rechnung macht. Die meisten wollen nachhaltig bauen, wollen in den Häusern Bäume wachsen sehen, wollen Holz und natürliche Materialien der Inuit und Aborigines und der Kelten einsetzen. Und sie wollen Wasser trinken, das Wasser des Lebens, das in diesen neuen umweltschonenden Häusern fließt wie einst der Nil der Pharaonen. Im britischen Pavillon werden sogar Steine aus den Ruinen in Gaza in Käfige eingesperrt ‒ Schluss mit der Zerstörung und Tötung, schreien diese Steine, an denen noch Menschenasche klebt.

Der Spaziergänger, als er diese schreienden Steine aus Gaza sieht, denkt sofort an Miłosz´ Gedicht »Armer Christ schaut auf das Ghetto«, er sieht wieder das Feuer, das die Menschen und Gebäude im Warschauer Ghetto verzehrt; er sieht die Bienen, die in den Waben ihr Werk fortsetzen; er sieht den Maulwurf, der sein Werk fortsetzt, und er sieht die frische rote Leber, die ihr Werk nicht mehr fortsetzen kann. Der Christ sieht seine Ohnmacht ‒ er kann das Ghetto und seine in ihm eingesperrten Bewohner nicht retten, zumal er selbst auch bald ins Feuer geschickt wird.

Armer Spaziergänger schaut auf die Welt. Sein gemächlicher Gang ist ihm zum Verhängnis geworden, auch wenn er sich für den Fortschritt begeisterte, für die Passagen der Zeit und der neuen Epoche.

Hotel Libertine, Frankfurt am Main, August-September 2025

Letzte Änderung: 15.02.2026  |  Erstellt am: 15.02.2026

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