Die Ära des gemächlichen Spaziergängers (Teil 1/2)
Artur Becker, der Autor des Essays »Die Ära des gemächlichen Spaziergängers«, schildert seine Erfahrungen als Flaneur in Frankfurt am Main, geprägt von persönlichen Krisen, gesellschaftlichen Umbrüchen und Begegnungen mit Randfiguren der Stadt, wobei die Themen Selbstzerstörung, soziale Ausgrenzung und die Suche nach Hoffnung reflektiert werden. Becker verbindet lokale Beobachtungen mit globalen Problemen wie Klimawandel, Migration, Gewalt und politischem Extremismus und stellt die Frage nach dem kollektiven Weg der Selbstzerstörung. Trotz aller düsteren Entwicklung findet sein Spaziergänger von Frankfurt Momente der Hoffnung und der kleinen Alltagsrituale, die ihm helfen, die Gegenwart zu bewältigen: Welche Rolle dabei das Gemälde »Untitled (Genua Riot)« von Armin Boehm spielt, das Becker bewundert, erfahren Sie im Essay.
I. Die Lichtsäulen
Der Ort, an dem ich wohne ‒ fürwahr: eine Gegend für Barbaren und spleenige Charaktere ‒, wurde mir zugeteilt, im Prinzip zugeschustert, denn ich hatte keine andere Wahl, als die Pandemie richtig in Fahrt kam und ich plötzlich obdachlos wurde. Ich brauchte dringend eine Bleibe. Und ich weiß, was es bedeutet, kein Dach überm Kopf zu haben und von A bis Z neu anzufangen, weil man mit nur einem Köfferchen in einem fremden Land landet, in dem man nicht unbedingt willkommen geheißen wird, zumindest bei den Behörden, die den preußischen Bürokratismus »einer verspäteten Nation« (Helmuth Plessner) immer noch nicht loswerden konnten.
Ich weiß noch andere Dinge, die man nicht unbedingt wissen sollte: Ich weiß zum Beispiel, wie man eine Wohnung tötet ‒ darin bin ich ein Meister sogar, da ich schon mehrere Wohnungen sauber und möglichst schnell hatte liquidieren müssen: besenrein und schlüsselfertig; erinnerungs- und menschenleer. So geschah es zum Beispiel im Kalten Krieg mit der Wohnung meiner Eltern, die schon in Westdeutschland weilten und ich fast ein Jahr nach ihrer Ausreise endlich auch die Biege machen durfte: Die sozialistische Behausung im Plattenbau musste ich dann bis zur Unkenntlichkeit auflösen, und diese Selbstzerstörung fiel mir damals relativ leicht, konnte ich doch den Sadismus der Kommunisten nicht mehr ertragen, wobei die Volksrepublik Polen gelegentlich auch ein amüsanter Zirkus gewesen war, zumindest für einen fünfzehnjährigen Post-Hippie mit der anarchistischen Seele eines Punkers und zugleich eines Schulschwänzers, der noch kein richtiger Spaziergänger in einer Großstadt war, aber schon, ohne es zu ahnen, auf dem Weg, einer zu werden.
Jedenfalls zog ich 2020 im Frankfurter Ostend in das Hotel Lindley und vier Jahre später in die Sachsenhäuser Libertine ein, die als Lindleys ältere Schwester das Wort »Freiheit« zwar großschreibt, aber letztendlich mein unausweichliches Schicksal wurde. Vor wenigen Wochen habe ich irgendwo gelesen ‒ was mir schon ein wenig Trost spendete ‒, dass der freie Wille eine furchtbare Einbildung sei, so etwas wie den freien Willen gebe es gar nicht. Leider erinnere ich mich nicht mehr an den Namen des Philosophen, aber es war bestimmt einer aus Ostasien, wo die Sonne, je weiter man in den Osten vordringt, immer weißer am Mittagshimmel strahlt, vor allem über Japan, wobei viele europäische Maler dieses milchige Licht angeblich als einen Segen für ihre Kunst empfinden. Sehen sie darin klarer?, frage ich mich immer wieder.
In Frankfurt am Main wurde ich dann zum Spaziergänger, zum Libertin und für genau fünf Jahre zum Nachtportier, wobei der Nachtportier in mir auch schon immer gehaust hatte, schreibe ich doch überwiegend nachts, wenn selbst die Frankfurter Wolkenkratzer endlich schlafen, zumindest in den Büroetagen. Es verschlug mich also nach Alt-Sachsenhausen, nach Alt-Sax, wo das Altsaxophon sein alkoholisches, melancholisches Lied eines in der Stadt schlecht beleumundeten Viertels Nacht für Nacht singt, aber nicht nur in den Bars, die pornografische Namen tragen: Hot Bar, Mega Discostadl, Fenstergucker, sondern auch unter den Brücken, wo auch im Winter obdachlose Frauen und Männer ihren Rausch ausschlafen und ihre (durch das Leben verursachten) Schmerzen mit Drogen zu betäuben suchen; in dreckigen Schlafsäcken, belagert von den penetranten Enten, die die Rasenflächen des Mainufers bewohnen, schlafen diese Aussätzigen, die man nicht einmal im roten Bahnhofsviertel haben will.
***
In Alt-Sax lebt auf der Straße eine abgemagerte Frau mit einem Bart und ohne Namen, und manchmal legt sie sich mitten auf dem Kopfsteinpflaster in den Kneipengassen halbnackt auf die kalten Steine ‒ sie schläft oder spricht mit sich selbst, jedoch in einer Sprache, die niemand versteht, und die Gäste der Nachtbars bemerken sie nicht einmal, sie saufen und koksen weiter und schauen Fußball oder Tennis, während die Frau mit dem Bart und einer schwarz durchlöcherten Zahnreihe vor ihren Augen die Selbstzerstörung vorantreibt. Sie ist ein Wrack und befindet sich in einer merkwürdigen Metamorphose ‒ der Mensch in ihr existiert noch, doch ihre Sprache und ihre Blicke sind bereits Geiseln dunkler unerforschter Dimensionen, die weder Menschen noch Tiere oder Pflanzen bewohnen.
Als ich dieses multidimensionale Wesen das erste Mal sah ‒ die Frau mit dem Bart kam zu den Tischen, die unsere Hotelbar an schönen Tagen draußen auf der hauseigenen Pflastersteinterrasse aufstellt ‒, konnte ich mich an seinem Gesicht nicht sattsehen. Drogen, Alkohol, Zigaretten, einfach alles, was man sich »einwerfen« kann, hatten nach Jahrzehnten eine neue Spezies geschaffen, einen neuen Zweig der menschlichen Familie. Ich hatte plötzlich einen Ultraschallbildschirm vor Augen, und als ich das Gesicht der kaputten Frau auf ihm betrachtete, offenbarte er Furchtbares: Die Arterien, die Lunge, das Herz ‒ alles zerstört und kurz vor dem letzten Atemzug stehend, aus allen Löchern pfeifend, ein Wunder, dass sie noch lebte. Und man sah in diesem Gesicht noch etwas, was man eigentlich nie sehen will: das Werk der Selbstzerstörung, perfekt ausgeführt, endgültig in seiner ganzen Vollkommenheit, größer als die Angst vor dem Tod. Die Frau mit dem Bart, deren Alter man kaum einschätzen konnte und die sich in einen alten Mann verwandelte, wollte ein Bier oder wenigstens zwei Euro haben, und ich gab ihr beides, Münzen und die Flasche Bier, die ich mir bestellt hatte.
Zwei Wochen später sah ich sie wieder vor unserem Hotel Libertine herumlungern, die Frau mit dem Bart, und allmählich ging mir ein Licht auf ‒ ein sehr helles, und ich erinnerte mich an einen Albtraum aus meiner Jugend: an die Lichtsäule, die mich eines Nachts zu Tode erschreckt hatte, als ich in Deutschland schon auf dem Gymnasium war und mein erstes deutsches Buch gelesen hatte: »Deutschstunde«. Die Lichtsäule traf mich mitten in die Stirn, und ich wachte schweißgebadet auf. In gewisser Hinsicht kann ich behaupten, dass mich auch die deutsche Sprache wie eine Lichtsäule traf, als ich sie auf dem Gymnasium in kürzester Zeit erlernen musste. Es war die Sprache der Täter, der Nazi-Deutschen, die in unseren polnischen Ohren, damals, 1985, immer noch hart und angsterzeugend klang, weil man sich als Pole sofort an die Okkupation zwischen 1939 und 1945 kollektiv erinnerte: »Hände hoch! Raus! Schnell! Halt!«
Nach dieser zweiten Begegnung mit der bärtigen Frau begriff ich, dass sich niemand um sie ‒ die spindeldürre und hoffnungslos zugedröhnte Kreatur oder vielmehr Sklavin der Drogen- und Alkoholsucht ‒ kümmerte. Ich fragte mich: Wer ist sie, was ist passiert, dass man sich so weit gehen lassen kann? Dass der Tod zum Nichts wird, zu einem Spleen, zu einer Farce, zu einer Nebensächlichkeit, dass die Liebe zum Nichts wird, zu einer Farce, zu einem Spleen, und warum geht niemand zu ihr hin, wenn sie sich schon wieder auf dem Steinpflaster halbnackt und barfuß niederlegt wie zum Sonnen und Schlummern am Badestrand, in Wahrheit aber, um zu urinieren, zu kotzen oder zu saufen oder sich einen Schuss zu setzen, damit die nächsten Stunden und Tage vergessen werden können?
Ich helfe ihr auch nicht, ich der Spaziergänger, der ich erst nachts wirklich lebe und wach werde, wenn sich im Hinterhof meines Hotels, zu dem mein französischer Balkon hinausgeht, zwanzigjährige Barbaren aus aller Herren Länder die Rüben einschlagen oder erbrechen, weil sie einen Liter Berliner Luft getrunken hatten, und manchmal verprügeln sie ihre Begleiterinnen oder erstechen aus Eifersucht einen Mitbewerber, oder sie legen sich später auf dem Nach-Hause-Weg mit dem E-Scooter auf die Schnauze und zerschlagen sich ihre Schädel und sterben auf der Stelle, in völliger Erdabgewandheit und Sinnlosigkeit. Und was sagen die Statistiken über diese Barbaren? Allein im Jahr 2024 habe es, so das BKA, dreihundertsechzig Femizide gegeben; übersetzt heißt das, dass in diesem Jahr in Deutschland praktisch jeden Tag eine Frau von einem Mann im Kontext »geschlechtsbezogener Gewalt« getötet wurde.
Aber sie, die namenlose, obdachlose, zu jeder Jahreszeit halbnackte und ständig zugedröhnte Dame mit dem Bart, deren trunkenes Straßenlied des Altsaxophons ihr wahres Zuhause ist, kann nicht sterben, obwohl sie in ihrer Todessucht die Selbstzerstörung meisterhaft beherrscht. Ich frage sie natürlich nicht nach ihrem Befinden, wenn sie bei uns vor dem Hotel wieder einmal bettelt, sie würde mich vermutlich nicht verstehen, würde mich womöglich beschimpfen und mir vielleicht die Augen auskratzen, mich bespucken. Sie braucht nur ein Bier und zwei Euro. Aber wer hat sie geboren? Wo sind ihre Eltern? Welcher »Unstern« hat sie auf die Erde geschickt und warum helfen wir ihr nicht, die wir hier im Hotel Libertine wohnen und im Portemonnaie Kleingeld sammeln und ständig über die europäische Freiheit, Einheit und Demokratie reden?
***
Ich kann noch von einer zweiten Lichtsäule berichten, die mich vor Kurzem, nach der zweiten Begegnung mit der obdachlosen Frau aus Alt-Sax am helllichten Tag erwischt hat ‒ ich begriff plötzlich, dass der Spaziergänger, der ich auch einer geworden bin, zwar immer noch mit seiner spleenigen Melancholie beschäftigt ist, aber nicht mehr versteht, was eine »Erhebung« ist. Charles Baudelaires Gedicht »Erhebung« erschließt sich ihm nicht mehr (in der Übersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff): »Hoch über Täler hin, hoch über Teiche, (…) / Bewegst du dich, mein Geist, und ohne Rast, (…)«, schreibt der Meister der Selbstzerstörung, der schwerkranke und depressive Pariser und Zwangsbelgier, gleich zu Anfang seiner »Blumen des Bösen«. Man möchte sofort mitsingen: »Hoch über die Wolkenkratzer hin, hoch über die Türme dieser ertrunkenen, überfluteten Stadt: Wo bist du, mein Geist?«
Außerdem, verehrter Flaneur: Die Passagen von Paris wurden weltweit zu Einkaufsgalerien, auf der »Zeil« in Frankfurt stehen diese Paläste zwar immer noch, doch der Benjaminʼsche Flaneur würde nicht verstehen, dass sie vielleicht schon bald umfunktioniert oder gar abgerissen werden, weil man sie im Internet virtuell ersetzt hat, jedoch zur Freude vieler Kunden, die nicht mehr flanieren, sondern surfen wollen. Und er würde auch nicht begreifen, was dieser kleine Spiegel in jeder Hand bedeutet, mit dem man sprechen und in Sekundenschnelle in andere Länder reisen kann, um Fotos aus der Ukraine oder aus Gaza zu sehen ‒ sogar ganze Live-Übertragungen.
Der alte Flaneur, der den Fortschritt so vergöttert hatte, würde im gegenwärtigen Fortschritt der virtuellen Passagen untergehen und verschwinden, wobei er sich selbstverständlich durchaus ganz leicht retten könnte: in die Social Media, um dort wenigstens eine einigermaßen achtbare Existenz zu führen. Die Empathie für die Huren in den Straßen des Frankfurter Bahnhofsviertels ist verschwunden, man will ihnen keine Gedichte mehr widmen, und auch Marx, auf den Walter Benjamin noch große Stücke gehalten hatte, ist nicht mehr angesagt, genauso wenig wie der Glaube an die Erfüllung der Geschichte in einer fernen Zukunft, in der es endlich eine ideale Gesellschaft und Freiheit und Gleichheit für alle Menschen geben wird ‒ die Kraft der Utopie hat ausgedient, man muss nüchtern denken. Und trotzdem sind viele, obwohl sie in ihrer Gier nach bequemem Leben unschlagbar sind, so bedürftig und ängstlich geworden, dass man meinen könnte, die Apokalypse sei schon sehr nah, wenn nicht bald etwas unternommen werde. Deshalb freuen sich viele über die Rückkehr der Faschisten, damit man endlich alles sagen und machen und das Kranke heilen dürfe ‒ den Abschaum heilen oder gar auslöschen dürfe.
Die Faschisten schlagen wieder mit dem Löffel auf die Töpfe, weil sie eine Belohnung wittern und Hunger haben. Sie dürfen wieder Hunger haben und bestimmen, wer Mensch, wer kein Mensch sei. Wer was wann studieren oder schreiben dürfe. Wer krank, wer nicht krank sei.
Ich wundere mich also nicht, dass ich immer wieder ins Städel Museum fliehe, um mir Armin Boehms Gemälde »Untitled (Genua Riot)« von 2007 anzuschauen: Der Titel des Bildes ließ mich nach dem ersten Betrachten sofort an den G8-Gipfel in Genua 2001 und die Straßenschlachten zwischen den Anti-Globalisten und der Polizei denken.
Ich suche nämlich nach dem Anfang, ich will wissen, wann wir uns unseres Weges zur Selbstzerstörung, die ihren Lauf nach 1945 nahm ‒ im Wohlstand und Frieden also ‒, gewahr wurden?
II. Genua Riot
Der Spaziergänger, der in der Libertine wohnt, ist über die Nachbarschaft des Mains hoch erfreut. Er lebt vom Fluss nur wenige Gehminuten entfernt und kann ihm jeden Tag von Neuem Gesellschaft leisten. Auf dem Weg ins Städelmuseum ‒ auf der Sachsenhäuser Mainpromenade und vorausgesetzt, er geht allein los ‒ wird er endlich zur Ruhe kommen und das ganze Ausmaß der Selbstzerstörung, die jeden Tag überall auf der Welt, auch in dieser Stadt, beziehungsweise durch den Drogenkonsum und durch die kapitalistische Gier der Banken insbesondere in dieser, stattfindet, wieder einmal analysieren und seine Schlüsse wie immer überdenken. Er wird mit seiner Analyse natürlich nicht allzu weit kommen, aber er kann erneut sein schlechtes Gewissen ein wenig erleichtern.
Der Main riecht nach Marihuana, die Mauern der Promenade und Brücken begleiten ihn entlang des Flusses, es ist der einfachste und kontemplativste Weg zum Städelmuseum und zum Gemälde von Armin Boehm. Die Menschen auf den Brücken und auf der Promenade rauchen Gras, und ich brauche etwas anderes: Bilder, die in meinem Kopf gemalt und ausgestellt werden. Und ich brauche das Gemälde »Untitled (Genua Riot)«, um vielleicht zu verstehen, wem als erstem unser kollektiver Weg zur Selbstzerstörung bewusst wurde ‒ wann die Idee, dass endlich etwas getan werden müsse, dass gar Widerstand nötig sei, aufkeimte.
Und wenn alle Stricke reißen, ich nicht mehr weiterkomme und mein Denken versagt und verstummt, helfen mir oft meine Freunde. Hannes Stein, der in New York lebt und schreibt, sagte mir neulich am Telefon: »Niemand kann genau sagen, was die Gegenwart ist, was der Zeitgeist bedeutet ‒ wir werden immer falsch liegen, denn um die Gegenwart zu beschreiben, muss man wie Shakespeare zu historischen Figuren greifen und sie auf der Bühne lieben und hassen, kämpfen und verlieren lassen. Shakespeare wusste das, er wusste, dass man die Gegenwart nicht direkt anpacken soll, sondern am besten über diesen Umweg eines historischen Geschehens gehen muss …«
Benjamin schrieb über die Pariser Passagen und die damalige Hauptstadt der Welt, aber über ein Paris um 1850 ‒ also siebzig, achtzig, neunzig Jahre später. Was können wir heute über unsere Zeit sagen? Über die Demonstrationen der Anti-Globalisten, der Gewerkschaftler, der Menschrechtler, der Anarchisten und des Schwarzen Blocks gegen den G8-Gipfel in Genua 2001?
Was dachte der polnische Dichter Czesław Miłosz 1967 oder 1968, als er auf dem Campus-Gelände der Berkeley-Universität die langhaarigen Studenten sah, die Gras rauchten und gegen den Krieg in Vietnam protestierten, während er, der stille Slawistikprofessor, versuchte, sich den Weg zwischen all den jungen Menschen zu seinem kleinen Büro zu bahnen. Kannte Miłosz zu dieser Zeit Benjamins Aufsatz »Zur Kritik der Gewalt«? Und hat er 1975 Pier Paolo Pasolinis Essay »Die Sprache der Haare« gelesen? Miłosz strotzte sein Leben lang vor Gesundheit und poetischer Energie, die ihm nur einmal untreu wurde: im Stalinismus, als er 1951 die Botschaft der Volksrepublik Polen in Paris, deren Angestellter er war, verließ und die Franzosen um Asyl bat; er war wegen des stalinistischen Terrors verzweifelt, die poetische Quelle ‒ bei William Blake Urthona ‒ versiegte, alle Musen waren vor ihm geflüchtet. Nur ein Jahr später trafen sich Nâzim Hikmet und Pablo Neruda, zwei Kommunisten, beim Weltfriedenskongress in Ost-Berlin. Für sie war so eine Gestalt wie Miłosz suspekt und ein Verräter.
Aber heute, fast fünfundsiebzig Jahre später, erscheinen uns die drei Dichter wie Freiheitskämpfer, die den Humanismus tief in ihren Werken verborgen halten und ihn in entscheidenden Momenten herausholen, wenn der Faschismus wieder Wind in seine schwarzen Segel bekommt. Hikmet hat sich im türkischen Gefängnis seine Gesundheit ruiniert, Miłosz erfuhr das bittere Los der Einsamkeit eines verstoßenen Nationaldichters, der er nie werden wollte, auch wenn er immer schon so gefühlt und geschrieben hatte, als wäre er einer, und Nerudas mondäner Lebensstil eines Latin Lovers und Besitzers von drei Dichtervillen in Chile sind ihm sofort verziehen, wenn man seine pazifisch-atlantische Muschel mit dem südamerikanischen »Canto General« ans Ohr hält.
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Im Juli 2001 war mir allerdings noch nicht klar, dass der Aufstand der Gegner des G8-Gipfels in Genua, der von der italienischen Polizei brutal niedergeschlagen wurde, bereits eine eindeutige Antwort auf die kollektive Selbstzerstörung war, von der heute alle überall reden und schreiben, obwohl den meisten nicht wirklich bewusst ist, dass wir ‒ wenn wir nichts ändern ‒ tatsächlich auf einen Abgrund zusteuern, auf ein schwarzes Loch, das uns auf unseren eigenen Wunsch verschlingen könnte.
Zur Erinnerung sollten die wichtigsten globalen Probleme genannt werden, die auch den Spaziergänger von Frankfurt gelegentlich um den Schlaf bringen, zumal er Vater ist: Klimawandel durch globale Erwärmung; Flüchtlingsströme, die in umzäunten und menschenunwürdigen Lagern enden; Flüchtlinge, deren Integration die Regierenden und Regierten überfordert; Inflation, die alte und junge Menschen in die Armut treibt; Rückkehr des faschistoiden Denkens und Regierens (Trumpismus); KI-Revolution auf dem Arbeitsmarkt und in der Kultur; nicht enden wollende kriegerische Konflikte (Nord- und Südkorea, Iran, Irak, Libanon, Afghanistan, Gaza, Ukraine und so weiter); Waldbrände, vor allem in Afrika, von denen bei uns niemand spricht; Neokolonialisierung Afrikas und der Dritte-Welt-Länder (durch China und Russland); Zusammenbruch der westlichen Wirtschaft und der westlichen Sozialsysteme; Energiekrise; Revolution in der industriellen Technologie; steigende Verarmung, steigender Reichtum der Reichen; Wasserknappheit; Überbevölkerung ‒ diese Liste ist noch länger, aber generell geht es um die immer schneller werdende Selbstzerstörung, die wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begonnen haben: Das Kind wird schon beim Namen genannt, der Aufstand gegen die Selbstzerstörung hat begonnen, und trotzdem ist die Ohnmacht groß.
Letzte Änderung: 14.02.2026 | Erstellt am: 14.02.2026
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