Blutzuckersäugling, er ist magisch! – Some verstreute Refläktschns auf linguistic stupidity mainstreaming
Warum sagen wir eigentlich „nice“, wenn wir „gut“ meinen? Richard Schuberth analysiert die Untiefen des Denglischen, untersucht die Mythen englischer Coolness und die seltsame Sehnsucht nach sprachlicher Weltläufigkeit. Zwischen kulturpolitischen Exkursen, Sprachkritik und der Frage nach Kosmopolitismus und Konformismus gelangt der Essay zu einem klaren Befund: Nicht das Englische an sich ist das Problem, sondern die englische Phrase als Symbol jener narzisstischen Anpassungsmechanismen und Machtverhältnisse, die lebendige Sprache verformen.
Intro
Einer meiner liebsten Späße ist das Eindeutschen englischer Poptexte. Weniger um Überlegenheit gegenüber seichten Songs zu behaupten als gegenüber deutschsprachigen Bildungsschnöseln, die dazu neigen, englische Schlager zu intellektualisieren und ihnen einen höheren Rang zu kredenzen als deutschen. Manchmal habe ich auch ganz eigennützige Gründe. Wie back in the nineties, als meine damalige Freundin in den Bann einer Clique deutscher Hipster geriet, die allesamt auf Red Hot Chili Peppers abfuhren. Christina knüpfte ein kultisches Band zu ihren neuen Freunden durch tagelanges Abspielen dieser Gammlerkapelle. Voll sinistrer Eifersucht versuchte ich das Band zu kappen, indem ich ihr die Songs in deutscher Spontanübersetzung vorsang. Dazu ging ich in die Krabbenstellung des Leadsängers Anthony Kiedis, imitierte mit einer Hand Hip-Hop-Moves und groovte in ein imaginäres Mikrofon: „Blutzuckersäugling, er ist magisch, so magisch, geschlechtsmagisch“ (Original: Blood sugar baby, she’s magik, sex magik …). Zumindest brachte ich Christina zum Lachen. Das vegetative Nachsingen von Hits durch Aufdecken ihrer textlichen Dürftigkeit zu verspotten, ist ein veritabler ride against windmills, hört doch niemand wirklich auf die Texte solcher Lieder. Nicht einmal Muttersprachler tun das. Anders viele Popintellektuelle, und manche Band von Under- bis Overground würde sich mindestens so zerkugeln wie Christina, bekäme sie Wind von den diskursiven Überfrachtungen ihrer Songs durch deutsche Popjournalisten.
Schon einer der ersten Poptheoretiker, Hegel, konzedierte in seiner Ästhetik, dass zu kunstvolle Liedtexte dem ästhetischen Hauptdarsteller, der Musik, zu sehr in die Parade führen und nicht verschnupft sein sollten, als nicht unwichtiges, aber auch nicht zu wichtiges Beiwerk der Komposition zu dienen. Honestly: Popsongs ergreifen ihre Hörer und Hörerinnen doch zunächst durch Qualitäten wie Melodik, Sound, Intensität, Rhythmus, Groove, Swing und die hübschen Lippen des Sängers; der Text ist meist nachrangig.
Und hier wären wir schon beim Kern des Problems. Ich habe soeben eine Salve prägnanter einsilbiger Signalwörter abgefeuert. Moderate Sprach- und Kulturkritiker haben sich darauf geeinigt, dass man sich Fremdwörtern nicht verschließen sollte, solange es in der eigenen Sprache keine passende Entsprechung dafür gäbe. Demzufolge verlören auch die Red Hot Chili Peppers nichts an hipness, wenn ihr Sound nur ein Klang wäre. (Anders verhält es sich mit der Literaturkritik, dort ist der Sound irreversibel, besonders wenn es sich um den von Thomas Bernhard handelt.) Schwieriger wird das mit Swing und Groove. Über ersteren ließe sich streiten, doch ich fürchte, vor 1945 hat es im deutschsprachigen Raum schlichtweg nichts gegeben, was groovte, und wenn GIs bei ihrem Befreiungszug durch Europa Durchhaltereden des Führers aus dem truppeneigenen Transistorradio mit „Groovy, baby“ quittierten, dann, lieber Kellernazi, war das gewiss nicht Respekt vor dem Feind, sondern nichts als Alliierten-Sarkasmus. Der verlorene Kulturkampf gegen die Anglizismenflut ist indes um einiges älter als ich. Und da ich das Lebenswerk meines Vaters, den Begriff cool auszumerzen, nie werde vollenden können, beschloss ich selber cool zu werden.
Wer nicht als Alarmist oder Kulturpessimistin dastehen will, räumt verbindlich ein, Englisch sei nun mal Weltverkehrssprache, die lingua franca von Digitalisierung, Wirtschaft, Mode und Pop; Sprache sei nicht wie die Zehn Gebote in Stein gemeißelt, sondern habe sich verändert und werde sich immerzu verändern, und eine gesunde Dosis an Anglizismen erleichtere letztlich die internationale Kommunikation. Dem widersprechen Entsetzen oder aber Amüsement Anglophoner, die es nach Mitteleuropa verschlägt, nicht nur über so viel anglophilen Opportunismus, der sie schnell auf nationale Minderwertigkeitsgefühle schließen lässt, sondern über die vielen falschen und sinnlosen Anglizismen, von sogenannten false friends (Slip) bis zu fantasievollen Neologismen (Homestory).
Und dann wären noch ein paar weitere issues, mit denen ich euer kinky Denglisch zu shamen gedenke: Es schließt mehr bildungsferne Menschen aus, als es alle Bildungsjargons aller Zeiten je fertigbrachten, es ist nicht Ausweis von Kosmopolitismus, sondern der stylishe Triumph des emotionsfetten Wordsounds über den Sinngehalt, die anpassungsgeile rat race um Distinktionsgewinn mit größtmöglichem vegetativem Bewusstsein, eine nicht mehr zu stoppende, seit nunmehr 70 Jahren um sich selbst drehende Konformierungspirouette.
Ungesicherte Grenzen
Man könnte jetzt, zaghaft habe ich es bereits versucht, ein kabarettistisches Feuerwerk an Denglisch-Verspottung zünden, nichts frommen würde es, denn die es betrifft, verstünden die Satire an ihrem Sprachgebrauch nicht, und Beifall bekäme man von konservativen Puristen, Bildungssnobs und halbverwesten Heimattümlern; allesamt Leute, von denen man kein gutes Gras kriegt.
Aber war es nicht schon immer so?, mögen Etymologen mit dem Nachweis einwenden, wie viele unserer Wörter Immigranten sind. Granted: Bevor sich wieder wer aufregt, dass jemand gamblen statt spielen schreibt, sollte er in der deutschen Übersetzung von Elisabeth Kaerricks Übersetzung des Dostojewskij-Romans Onkelchens Traum nachlesen, worin geschrieben steht, dass ein Fürst im Casino gejeut hat.
Water on the mills all derer, die behaupten, dass Sprachveränderung ein so normaler Prozess sei wie der Klimawandel und nur alten Studienräte, Kulturpessimisten, Sprachnationalisten und andere highbrows am freeen Floaten der Signifikanten und dem fun, den es uns beschert, herumzuranten pflegen.
Man kann sich alle Parodien ersparen, niemand hat so lustig den Versuch Wiener Kleinbürger um 1830 aufs Korn genommen, durch Nachäffen französischer Floskeln Esprit und Weltläufigkeit zu prätendieren, wie Johann Nepomuk Nestroy. Damals waren’s die Franzosen, danach eben die Amis. Aber warum heute? Denn eines ist die neuere Denglisch-Sucht gewiss nicht: ein Kniefall vor angelsächsischer Leitkultur. Die hat ihre Leitfunktion nämlich längst eingebüßt, man darf sogar annehmen, dass die hemmungslos herumanglisierende Berufsjugend im Alter zwischen sieben und siebzig das „Amerika“ von Trump & Biden sowie Brexit-Britain ziemlich unkühl findet. Nach 1945 hatte der Hang zum anglophonen Westen eine gewisse Folgerichtigkeit gehabt. Mit dem Nationalsozialismus war die Deutungshoheit des Weimarer Bildungsideals diskreditiert. Der american style, die easiness von Swing und Rock ’n‘ Roll, die lässige Unmittelbarkeit der Filmhelden und heldinnen Hollywoods wurden als Befreiung von Steif und Biederkeit deutscher Kultur empfunden. Das beruhte zum Teil auf einem erstaunlichen kulturellen Missverständnis. Während Deutsche und andere Europäer dank Hollywood und Popkultur den Sound des Englischen mit einer Lockerung der Sitten assoziierten, blieb dem protestantischen Amerika Ol‘ Europe weiterhin der faszinierende Sündenpfuhl von Dekadenz und sexueller Freizügigkeit. Was Bewohner des untergegangenen III. Reichs als amerikanische Frivolität und Lässigkeit bewunderten, war zu einem Gutteil das Werk von Europäern, die sie nach Hollywood vertrieben hatten. Der Rest wortkarge Hemdsärmeligkeit von unbeholfenen Jungs aus dem US-amerikanischen Mittelwesten, die gleich zur Sache kommen wollten. Let’s take a ride, baby groovte nun mal mehr als „Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen …“
Dabei ist die Aufwertung angelsächsischer Kulturen weitaus älter als die Befreiung Europas durch GIs und Tommys. „Ich bin eigentlich nach England gegangen, um deutsch schreiben zu lernen“, spottete der anglophile Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg deutschem Spießergeist. Das war auch die Zeit, als in der deutschen Literatur noch Cakes statt Keks und Shawl statt Schal geschrieben wurde. Die Wahlbriten Marx und Engels bedienten sich in ihren Korrespondenzen mit großer Vergnüglichkeit englischer Wendungen, um mittels des damit assoziierten Spirits von Pragmatismus und Modernität dem hohen Ton deutscher Gefühls- und Geistestiefe zu höhnen, den sie so unsäglich lächerlich fanden. Und – lo and behold! – der angebliche Sprachrichter Karl Kraus, der sein Leben bloß der bescheidenen Aufgabe widmete, die deutsche Sprache an ihren Sprechern zu rächen, überraschte 1923 in der Fackel plötzlich ohne Ironie mit der Aussage, dass die „Journalistik die Sprache ausgepowert“ habe. Vieles spräche dafür, Anleihen bei angelsächsischem Sprachwitz zu nehmen, die Nachäffer ziehen es aber vor, sprachliche Knallerbsen zu zerbeißen.
Englisch ist nicht allein cool, sondern zur lautlichen Nebenfunktion von Coolness selbst abgesunken. Lebensechte Amis und Briten stören diese kulturelle Aneignung bloß, die im zwanghaften Wiederholen einer einst nachvollziehbaren kulturellen Identifikation ihr untotes Wesen treibt. Die Überlegenheit des englischen gegenüber dem deutschen Begriff gehorcht einem unbewusst abgespeicherten Automatismus, der durch keine kulturelle Hegemonie wirklich gedeckt ist. Vielmehr Kunstfedern sind es, um auf dem Heimathof das Pfauenrad zu schlagen; sie garantieren eben nicht die gewünschte International Airport Credibility, sondern gleichen großflächigen, in den Popo tätowierten Calvin-Klein-Initialen, mit denen man in der Kleinstadt-Sauna Eindruck schinden will.
Juden, Libertins und ein Ocean-Liner namens Angesagtheit
Grausame Ironie liegt darin, dass sich antiintellektuelle Aggression gegen Fremdwörter, jene Juden der Sprache, wie Adorno sie nannte, in erster Linie an Fachbegriffen lateinischen und griechischen Ursprungs stößt. Ob in sozialen Medien oder Onlineforen von Zeitungen oder aber den scheindemokratischen Forderungen nach inklusiverem Sprachgebrauch, gedisst werden Autorinnen, die sich mehr aus Gewohnheit als aus Distinktionsbedürfnis ihrer Bildungssprache bedienen, ein anbetrachts der Flut von englischen Fachtermini und Modefloskeln lächerlich unbedeutender Pappkamerad.
Wahrscheinlich alle Menschen, die gedankenreiche und folglich nicht ganz eingängige Texte schreiben, werden irgendwann mit derselben Reaktion konfrontiert: Ihre Texte erzeugen narzisstische Kränkungen, die man ihnen dann als Narzissmus aufrechnet. Dass man den Text nicht sofort versteht, obwohl man sich doch für einen gebildeten und schlauen Menschen hält, kann nur einen Grund haben: die Fremdwörter, mit denen er uns blendet. Theodor A. Adorno hat uns das in Einfacher Sprache zu erklären versucht: „Fremd mochten eher die Sätze klingen als das Vokabular. Versuche der Formulierung, die, um die gemeinte Sache genau zu treffen, gegen das übliche Sprachgeplätscher schwimmen und gar sich bemühen, gedankliche Zusammenhänge getreu im Gefüge der Syntax aufzufangen, erregen durch die Anstrengung, die sie zumuten, Wut. Der sprachlich Naive schreibt das Befremdende daran den Fremdwörtern zu, die er überall dort verantwortlich macht, wo er etwas nicht versteht; auch wo er die Wörter ganz gut kennt. Schließlich geht es vielfach um die Abwehr von Gedanken, die den Wörtern zugeschoben werden: der Sack wird geschlagen, wo der Esel gemeint ist.“
Die alten Fachjargons behaupten sich ohnehin nur noch in akademischen Parallelwelten, sie mit Elitismus und Bildungsmacht zu assoziieren, fußte schon vor hundert Jahren auf blankem Ressentiment. Das Argument, dass solch eine Geheimsprache den einfachen Mann, die einfache Frau „von der Straße“ ausschließe, drückt die Verachtung der nachrückenden Eliten gegen einen angeblichen Bildungskanon aus, der sich, so er einmal existierte, längst ängstlich vor der Öffentlichkeit versteckt. Im Gegenteil richtet sich der Vorwurf gegen die Schwäche der überkommenen Bildungssprache, weil sie eben nicht mehr genug Distinktion gewährleisten kann. Weil sie taumelt, schlägt man auf sie ein. Bildungs-Denglisch schwingt sich zum Volkstribun der benachteiligten, weil ungebildeten Massen gegen das böse Bildungs-Latein auf, um sie mit zeitgemäßeren Floskeln auszuschließen.
Da kritisches Denken durch Phantomdenken, verstandene durch gefühlte Realität ersetzt wurden, entscheidet nicht Sachgebundenheit, sondern unbewusst verinnerlichtes Framing über wahr und falsch. Nicht weil lateinische oder griechische Fachtermini wirklich Ausdruck von Elitismus sind, sondern weil sie als dessen Image kollektiv abgespeichert sind, schüren sie Hass. Akademische prä-denglische Begriffe symbolisieren, im posthistorischen Leerlauf, überkommene professorale Spießigkeit, Französismen hingegen Frivolität und joie de vivre, während Englisch als Alltime-Visum für ewige trendiness und weltläufige Souveränität wachelt. Flottere Dozenten wie Thin Lizzy (K. P. Liessmann) versuchten dem Mief des Bildungslateins und dem Konformismus des Bildungs-Denglisch immer wieder durch – oh la la – verwegene Seitensprünge ins Französische zu entkommen. Wo akademische Klemmis mit erhobenem Zeigefinger ihr cum grano salis und a priori in ihren Texten affichierten, wagten sie mit kecken au contraires und milieu justes d’artagnanhafte Ausfallschritte. Französisch im akademischen Essay gleicht einer professoralen Einladung zum Wochenendprivatissimum in Biarritz und signalisiert gehobenen Hedonismus – Englisch aber in allen Schichten (bis auf die völlig ungebildeten) ist das Ticket für die stets aktuellste Aktualität, den imaginären Luxusdampfer, der uns aus unserer Provinzialität endlich in die Welt führen, uns von der grauen Maus in die mondäne Designerratte verwandeln wird, bei völliger Blindheit gegenüber der Tatsache, dass erst das hysterische Drängeln ums Bordticket uns unserer erbarmungswürdigen Provinzialität und Maushaftigkeit überführt.
Mittels Ironie zur lebenslangen Teenieparty. Ein Erfahrungsbericht.
Die Mühlen der Konformität arbeiten fintenreich und effizient. Um nicht als Kulturpessimisten dazustehen, als solche, die ihre vermotteten Felle als Norm postulieren, weil sie ihnen davon zu schwimmen drohen, aber im Wissen, dass die hautengen Polyethylentrikots auch nicht besser sind, bedienen wir cooleren Kulturkritiker uns eines alten Tricks, der sich am Ende immer gegen uns wendet: der Ironie. Konkret: Wir parodieren die blödesten Trends, zum Beispiel englische Floskeln und Renommiervokabeln, und dieser Text ist ein beredtes Beispiel dafür. So behaupten wir gewitzte Souveränität, indem wir signalisieren, dass wir nicht aus Unfähigkeit zum Zeitgeist uns diesem verweigern, sondern, wenn wir wollten, jederzeit mitspielen könnten. Diese Scheinsouveränität hat den Wurm der Konformität aber bereits mitgekauft. Der Ironiker, die Ironikerin will auf zwei Partys gleichzeitig tanzen, dem trostlosen Ball des kritischen Bewusstseins und der Tupperware-Party der arglos-blöden Mitmachens. Da aber in der trendbewussten Jugend, die wir verarschen und zu der wir trotzdem gehören wollen, niemand die Kritik unserer Parodien versteht, geschweige denn, was überhaupt an der parodierten Phraseologie anstößig sein soll, und da uns die unerkannte Parodie trotzdem den einen oder anderen sozialen Erfolg beschert, verkümmert die parodistische Intention, die Floskeln gehen in Fleisch und Blut über, und wir mutieren selbst von Parodisten zu wandelnden Parodien des Konformismus. Wie zur Teenieparty uneingeladene weirde Opas und Omis mit umgedrehten Baseballkappen und hängenden Hosenböden wirken wir dort. Denn während Denglisch zum unhinterfragten Jargon nachdrängender Generationen gehört, ist auffällig, mit welch hysterischer Penetranz sich die Veteranen der Boomer und Generation X in sozialen Medien der neuesten Codes bedienen, um sich an imaginären Hegemonien festzukrallen und ihr unaufhaltsames Abserviertwerden, um ein paar Saisonen aufzuschieben. Das ist der crucial point beinahe jeder Ironie: die Illusion, sich einer Wirklichkeit, die man nicht verändern kann, durch gewitzte Scheinanpassung überlegen zu fühlen, in connection mit der Illusion, diese Anpassung passiere nur zum Schein.
Go with the fuckin‘ flow
Vielleicht aber, ausschließen lässt sich nichts, gibt es einen objektiven Universalismus, der Englisch tatsächlich im Coolness-Ranking ins oberste Segment reiht. Einiges spräche dafür. Seine Rhythmik und Musikalität, die ausgerechnet bei romanischen Lehnwörtern versagt, die hohe Zahl einsilbiger Wörter. Als Sprache der Moderne eignet ihr wie dieser selbst schillernde Ambiguität: Idiom der literarischen Erneuerung, des direkten, harten, ungezierten Tons, wie keine Sprache geeignet, die Umschweife zu zerstieben, und dieselbe Qualität eingespannt in marktgesteuerte Reklame und einen Instrumentalismus, welchem syntaktische Umschweifigkeit den direktesten Warenverkehr stört. Englisch gewährt die Onomatopoesie des Knalligen und verwandelt das Leben von uns Stubenhockern in die Soundkulisse des Comics. Twang-bang-slang – flash-bash-cash – fetch-catch-thatch. Uuuuund action! Nur wer schnell zur Sache kommt, bekommt den Job. Es fügt sich besser in den Rhythmus der optimierten Produktionsabläufe und Menschen, der kurzen Aufmerksamkeitsspannen und Sätze. Was nicht sofort ticklet, wird weggeswipet. Zu wenige Soundsnaps im Satz gelten als hässlich, zu viele Relativsätze als adipös – wie, alte deutsche Satzjungfer, willst du je ein Match receiven?
Und vielleicht ist es ja doch mehr als kulturelle Projektion. Schon als Kind fanden wir all die Hanks, Franks, Sheilas und Sharons, Johns und Jims flutschiger als Hartmuts, Juliusse, Edeltrauts und Gottharts. Und wie tough und erwachsen kamen wir uns im Volksschulalter vor, wenn wir Selbstgespräche in phonetischem Fantasieenglisch führten. Das Problem: Viele von uns ersetzten das Fantasieenglisch nie durch echtes.
Dass ich abgespacet bin oder mich etwas voll geflasht hat, gibt sich als Virus der Idiotie wenigstens zu erkennen. Dieser bleibt potenziell isolierbar. Gefährlicher schon sind die Retroviren, die in deutsche Sprache eindringen und sie von innen her umformen. Very cute und najß war ja, als eine jüngere Freundin einmal ohne Arg meinte, sie könne ihre Gedanken nicht um etwas herumwinden, eine ebenso wörtliche wie unbewusste Übertragung der Wendung I can’t wrap my brain around. Das trägt den Stempel der Eigenheit. Nicht so die Floskel, etwas mache Sinn. Auch wenn sie sich schon bei Lessing findet, ihr aktueller Gebrauch als wortwörtliche Übertragung von making sense rührt davon her, dass sie für ein paar Influencer einer nicht so fernen Vergangenheit kühler klang.
Hier offenbart sich der wahre Auftrag von Sprachkritik. Nicht das Eigene gegen das Fremde, nicht das Althergebrachte gegen das Neue, sondern das Vielfältige gegen das Einfältige, das Lebendig-Kreative gegen das Phrasenhaft-Tote zu verteidigen. Denn dieselben Chargen, die a_m Ende des Tages_ (at the end of the day) sagen, schreiben auch: Da ist noch Luft nach oben. Der undurchdachte englische Blödsinn korrespondiert immer mit undurchdachtem deutschen Blödsinn.
Man soll sich der Pluralität der sprachlichen Möglichkeiten nicht in den Weg stellen. Doch im Gegenteil wird diese von denglischer wie deutscher Phraseologie erstickt. Wir lassen das Falsche an unserem Tischchen speisen, bis es uns aus dem Haus schmeißt.
Outro
Die wundersame Anglizismen-Vermehrung geht einher mit wundersamem Kulturpessimisten-Sterben. Letzteres wäre ein verkraftbarer Verlust, wenn die Kulturkritik nicht gleich mitgestorben wäre. Nicht nur, dass sich äußerster Konformismus als Aufmüpfigkeit, Herdengeist als Originalität zu branden wissen, sondern, dass jegliche kritische Instanz, die Einspruch gegen alles, was blindlinks ist, erhebt, bis ans Ende aller Tage als Kulturpessimismus geframed zu sein scheint, macht die Realität zu diesem Filmhybrid aus „Täglich grüßt das Murmeltier“ und „Nacht der lebenden Toten“. Der Status des Kulturpessimisten hat dem Nazivorwurf den Rang abgelaufen. Alle 1000 notwendigen Modi der Kritik des Bestehenden haben die Waffen gestreckt, weil sie nicht mit jener verflixten 1001. Möglichkeit verwechselt werden wollen, die sie zu Recht als Schande empfinden, nämlich ein Kulturpessimist zu sein. Der Markt hat über seine letzten Kritiker gesiegt: indem er sie als mächtige Elite altmodischer Autoritärer markierte, welche die Minderheit der restlichen 99,99999 Prozent selbstbestimmter Zwangskonsumenten an ihrer freien Entfaltung hindere.
Die notwendige Kritik am Leerlauf der Anglisierungen darf nicht das Geschäft der Sprachpuristen sein. Und sie sollte nur als Nebeneffekt die verstörende Lächerlichkeit streifen, durch Denglisch Selbstbewusstsein und Distinktion zu lukrieren. Es ist nicht das Englisch bei diesem Totentanz um trendiness, das stört, sondern die englische Phrase als das aktuellste Symbol dessen, was narzisstische Zombies lebender Sprache und somit sich und den ihren antun.
Ich hoffe, ich habe eure awareness geraised.
Der Text erschien ursprünglich in „Literatur und Kritik“ (Ausgabe 589/590, Veröffentlichungsjahr 2024). Copyrights: Richard Schuberth
Letzte Änderung: 16.06.2026 | Erstellt am: 16.06.2026
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