Wer Liebe fühlt, riskiert den Schmerz – und das ist gut so (?)

Wer Liebe fühlt, riskiert den Schmerz – und das ist gut so (?)

Philip Krömers „nôt – der letzte Liebesroman“: ein Epos für die entzauberte Liebe
Philip Krömer: nôt. Der letzte Liebesroman. 20,00 Euro. Septime Verlag. Hardcover: 132 Seiten. ISBN: 978-3-99120-088-8 | © Septime Verlag, 2026 | © Septime Verlag / Quelle: philipkroemer.com

Man kann die Welt analysieren, ohne sich in ihr zu finden. Man kann über Liebe nachdenken, ohne sich auf sie einzulassen. In Philip Krömers „nôt – der letzte Liebesroman“ wird diese Spannung zum Ausgangspunkt einer Suche: Die Kunsttheoretikerin und Feldforscherin Marget beschäftigt sich mit dem Nibelungenlied – dem gewaltvollen Epos von Liebe, Treue und Verrat – und hofft, neue Inspiration und Antworten auf die Frage nach der Bedeutung der Liebe in einer vermeintlich kalten, rationalen Moderne zu finden. Selbst an der Schwelle zum Zynismus versucht sie, ihrer verinnerlichten emotionalen Entfremdung entgegenzuwirken und trotz aller modernen Rationalität eine Gewissheit wiederzuentdecken, die uns durch die großen Epen der Literatur überliefert wurde: dass Liebe notwendig mit Verwundbarkeit einhergeht und, dass es gerade diese Verwundbarkeit ist, die wir zulassen müssen, um uns wahrhaft auf einen anderen Menschen einzulassen, findet Jan Boxberger.

Philip Krömers Ich-Erzählerin, Marget, arbeitet an ihrer Dissertation und möchte beweisen, dass sich das Nibelungenlied als verkannte Liebesgeschichte offenbart. So wird sie zur Suchenden der Liebe und zur Finderin der Wahrheit in einer entzauberten Gesellschaft. Denn in „nôt – der letzte Liebesroman“ erscheint die Liebe vorläufig als ein „einstudierter Tanz“ auf einer „durchgelegenen Matratze“ (S. 31) – mechanisch, vertraut und seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Krömer fragt nach der Daseinsberechtigung von Gefühlen in einer Gegenwart, die den Menschen zunehmend aus einer übertrieben positivistischen, szientischen Perspektive betrachtet, in der die Wissenschaft vom kalten Verstand beherrscht wird. Wo die menschliche Natur auf ein Zusammenspiel aus Hormonen und Bakterien reduziert werden kann, droht auch die Liebe zu einer biologischen Funktion oder zu einer leitfadengestützten Fassade zu werden: zu einem sterilen Laborexperiment.

Dieser ernüchternden Tatsache begegnet Marget auf ironisch-gewiefte Weise: In rustikal-idyllischer Naturatmosphäre auf einem österreichischen Winzerhof führt sie ihrer Leserschaft, uns, die eigene Lust am Voyeurismus vor Augen und legt zugleich dessen ambivalente Stellung in der postmodernen Gesellschaft offen.

In dieser scheint Lust zunächst als Ersatz für Liebe zu fungieren: zumindest erweckt der Roman den Eindruck, als verstehe der moderne Mensch körperliche Befriedigung als hinreichenden Ausdruck von Nähe. Im weiteren Verlauf erweist sich diese Gleichsetzung als Missverständnis. Lust wird in gewisser Weise zur elementaren Vorstufe der Liebe – und wird dennoch erst dort wahrhaftig erfahren, wo sie von Liebe getragen wird.

Ihre Begegnungen eröffnen Marget die Perspektive auf ein Wechselspiel, das einen Gedanken Jacque Lacans aufgreift und sich gerade nicht rational und vollständig erklären lässt: das Begehren nach dem Begehren des Anderen.

Mit dem Fortschreiten der Erzählung tritt an die Seite der Lust noch ein weiteres Gefühl: Angst. Die Angst vor dem eigenen Begehren, weil dieses einen Kontrollverlust über die Gefühlswelt kosten könnte, und vor dem Begehren des Anderen, weil mit ihm Erwartungen entstehen, die man selbst für berechtigt hält und zugleich fürchtet, diese nicht erfüllen zu können.

Doch Margets Angst reicht noch tiefer. Sie ergibt sich aus der scheinbaren Zwangsläufigkeit des Vergehens der Lust aufgrund aufkommender Alltäglichkeit und gesellschaftlich eingeübter Vorstellungen von Nähe und Beziehung. Sie fürchtet die eigene Enttäuschung aufgrund etablierter Liebesideale ebenso wie die Möglichkeit, selbst zum enttäuschenden Gegenüber zu werden. Sie fürchtet, dass die Lust, ehe sie gedeihen kann, hinter Scham und unerwiderter Begierde erlischt.

Lust ohne Liebe kann in mangelnder Erwiderung, auffliegenden Affairen, selbstverständlicher Zurückweisung, suizidaler Einsamkeit und unerfüllten – und deshalb zerschmetternden – Fantasien enden. Ihr fehlt der verbindliche Rahmen einer Beziehung, der Erwartungen und Grenzen setzt, wechselseitige Verpflichtungen begründet und so die Hoffnung auf Verlässlichkeit schafft. Gleichzeitig liegt in dieser Rahmenlosigkeit ihr Reiz: Lust wird zum Spiel mit der Gefahr, mit dem Verbotenen, mit dem, was sich der gesellschaftlichen Ordnung zumindest für einen Augenblick entzieht.

Doch was geschieht, wenn sich die Lust wiederholt, einübt und schließlich vertraut wird? Ist sie dann noch Lust – oder bleibt nur der Wunsch nach ihr; der Drang, sich in irgendeiner Form lebendig zu fühlen?

So richtet sich Margets Angst letztendlich auf eine noch grundlegendere Frage: Was geschieht, wenn sich aus Lust tatsächlich Liebe ergibt? Schließlich entsteht mit der fragilen Verbindung zweier Menschen zugleich die Möglichkeit deren Verlusts. Die Gefahr, dass der nährende Boden der Emotionen zu einem Schlachtfeld wird. Dass auf das entfachte Feuer ein kaltes Erlöschen des Funkelns in den Augen folgt. Denn wo sich Menschen wirklich einander öffnen, entsteht auch Raum für Enttäuschung und die Angst vor dem unvermeidlichen Ende des Glücks. Die eigentliche Bedrohung der Liebe liegt damit vielleicht gerade in ihrer Verwundbarkeit: Wer sich auf das Begehren des Anderen einlässt, setzt sich zugleich der Gefahr aus, einen Teil seiner selbst zu verlieren.

Anhand unterschiedlichster Beziehungskonstellationen – allesamt mit Ursprung im Nibelungen-Epos – offenbart Krömer somit ein wesentliches Merkmal der Liebe: dass sie notwendigerweise auch eine fürchterliche Seite haben muss; einen Gegenpol, ohne den sie unvollständig bleibt (S. 67). „nôt – der letzte Liebesroman“ wird zu einem Spiegel unserer eigenen emotionalen Bereitschaft und zum Anlass, uns selbst zu fragen, inwiefern wir widerstandslos dazu bereit sind, uns auf das trunkene Wechselspiel aus Lust, Liebe und deren innewohnendes Potenzial des Leidens einzulassen. Er wird zur Gewissheit, dass aus einem Gefühl tiefer Vertrautheit und dem Wiedererkennen im Anderen ein Abschweifen des Blickes folgen kann; ein Unsichtbar- bzw. Fremdwerden.

Philip Krömer erzählt von einer plagenden Suche nach Inspiration, bei der Schmerz und Vergnügen unauflöslich ineinandergreifen, sich gegenseitig befeuern und eine Sphäre für Lust, Fetisch und Begehren eröffnen. Und je länger Marget, seine sympatische Protagonistin auf Abwegen, sucht, desto deutlicher wird: Es ist gerade dieses widersprüchliche Wechselspiel aus Nähe und Verlust, aus Begehren und Angst, das als eigentliche Quelle ihrer Inspiration dient. „nôt – der letzte Liebesroman“ ist somit ein Buch über die Liebe, „über entflammte, missbrauchte, verdrehte und wiedergewonnene, immer jedoch wahrhaftige Liebe“ (S. 42) – und die Frage, wie viel von uns selbst wir bereit sind, aufs Spiel zu setzen, um wirklich etwas zu empfinden?

Philip Krömer: nôt. Der letzte Liebesroman . 20,00 Euro. Septime Verlag. Hardcover: 132 Seiten. ISBN: 978-3-99120-088-8 | © Septime Verlag, 2026

Letzte Änderung: 16.10.2026  |  Erstellt am: 16.10.2026

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